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Günther Wörle: „Momentan gehören wir nur ins Mittelfeld“

Von am 2. Dezember 2009 – 14.00 Uhr 1 Kommentar

In der Vorsaison verpasste der FC Bayern München nur um ein einziges Tor die Deutsche Meisterschaft. Doch der Wind hat sich gedreht. In der Liga hat man neun Punkte Rückstand auf die Spitze, in Champions League und DFB-Pokal kam das frühe Aus. Im Interview mit Womensoccer spricht Bayern-Trainer Günther Wörle über die Gründe der derzeitigen Krise, das bevorstehende Spiel in Duisburg und über die verkürzte Bundesligasaison 2010/11.

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Womensoccer: Herr Wörle, derzeit ist beim FC Bayern München der Wurm drin.
Günther Wörle: Das kann man wohl so sagen. Mit diesem Knick hat bei uns niemand gerechnet. Ich habe es in meiner gesamten Laufbahn noch nicht erlebt, dass die Probleme so dramatisch werden. Es ist meine schwerste Phase beim FC Bayern.

Womensoccer: Haben Sie denn eine Erklärung für die negative Entwicklung der vergangenen Monate?
Wörle:
Man muss noch einmal auf die vergangene Saison blicken. Damals haben alle Rädchen ineinander gegriffen und es herrschte Euphorie. Wir waren zwölf Spiele ungeschlagen, hatten die beste Abwehrreihe und haben eine sensationelle Saison gespielt. Aber schon damals hatten wir Probleme, wenn Spielerinnen verletzt nicht dabei sein konnten, etwa als Ulrike Schmetz, Tanja (Wörle) und Nina Aigner fehlten. Es gab das 2:2 in Essen, die 0:1-Niederlage in Frankfurt oder das 3:3 gegen Wolfsburg. In dieser Bundesliga-Vorrunde ist die Situation ähnlich, nur viel massiver mit bis zu zehn verletzten Spielerinnen.

Womensoccer: Hätte man aufgrund der Mehrbelastung durch drei Wettbewerbe nicht mit einer größeren Anzahl an Verletzungen rechnen und sich besser wappnen müssen?
Wörle: Mit so vielen verletzten Spielerinnen konnte man nicht rechnen. Wenn wir verletzungsfrei sind, können wir mit den Spitzenmannschaften, die jeweils fünf Europameisterinnen im Kader haben, mithalten und ganz vorne mit dabei sein. Ist das aber nicht der Fall, bewegen wir uns im Mittelfeld. Und dort gehören wir leider momentan auch hin. Der FC Bayern geht noch den Weg der Vergangenheit, der von unserer Seite aus gut und richtig war und sich auch in der Vorsaison als richtig erwiesen hat. Sicherlich wäre es gut gewesen, wenn der Kader etwas breiter gewesen wäre. Ich bin mir aber sicher, dass der FC Bayern 2010 wieder sein wahres Gesicht zeigen wird, das der vergangenen Saison.

Enttäuschung bei Günther Wörle: Die Münchenerinnen können nicht an die Erfolge der vergangenen Saison anknüpfen

Enttäuschung bei Günther Wörle: Die Münchenerinnen können nicht an die Erfolge der vergangenen Saison anknüpfen

Womensoccer: Es entstand zuletzt der Eindruck, dass auch die Harmonie im Team gestört ist.
Wörle: Das würde ich nicht unterschreiben. Es gab bereits am Montag der vergangenen Woche eine Aussprache, auf der einen Seite mit den Torhüterinnen und Abwehrspielerinnen, aber auch mit dem Offensivverbund. Da konnte ich in dieser Richtung nichts bemerken, es war ein offenes Gespräch. Es gibt keine Lager, da spielt keine gegen die andere. Aber Gegentreffer wie der vom HSV eine Minute vor der Pause werfen uns derzeit mental gewaltig zurück, denn wir hatten mehr Spielanteile und sind in der ersten Halbzeit an unsere Spielweise wieder herangerückt.

Womensoccer: Ausgerechnet in dieser schwierigen Phase müssen Sie nun nach Duisburg.
Wörle: Dort sind wir totaler Außenseiter. Duisburg ist seit der Niederlage gegen uns im April ungeschlagen, wir hingegen haben seitdem einige Spiele verloren. Aber das Spiel ist auch eine Chance für uns, wir haben dort nichts zu verlieren. Vielleicht ist uns auch das Glück wieder einmal hold. Wir müssen jetzt von Spiel zu Spiel schauen, uns in der Winterpause noch einmal zusammensetzen und gestärkt in die Rückrunde gehen. Wir können aber nicht mehr mit dem Anspruch in dieses Spiel gehen, dass wir in dieser Saison vorne mitspielen wollen.

Womensoccer: Wie sieht die personelle Situation für Samstag aus?
Wörle: Ich hoffe, dass zumindest Katharina Baunach oder Julia Simic wieder spielen können. Bei Melanie Behringer war angedacht, dass sie wieder einmal zu einem Kurzeinsatz kommt, aber vermutlich wird sie in diesem Jahr nicht mehr spielen.

Womensoccer: Woran hapert es in Ihrem Team momentan am meisten?
Wörle: Wir haben derzeit zu wenige Speedspielerinnen wie Melanie Behringer oder Vanessa Bürki im Team, deswegen gibt es keinen Rhythmuswechsel in unserem Spiel. Nicole Banecki hat das gegen den HSV ansatzweise geschafft. Uns fehlt auch eine Spielerin wie Corinna Paukner, die oft vergessen wird. Sie ist unauffällig, aber vom Speed und Zweikampfverhalten ganz wichtig. Durch unsere Schnelligkeit haben sich Lücken ergeben, wie etwa im Spiel in Frankfurt, wo wir mit Kontern zum Erfolg kamen. Das war oft unser Erfolgsrezept, dass wir kompakt standen und viele Spiele mit schnellen Spielzügen für uns entschieden haben.

Womensoccer: Die Bundesligasaison 2010/11 wird wegen der Weltmeisterschaft bereits im März beendet. Wie beurteilen Sie das?
Wörle: Das ist schon ein Sonderstatus, dass eine Liga so früh beendet wird, auch wenn ich verstehe, dass die WM im Vordergrund steht. Den Vereinen wäre es insgesamt lieber gewesen, die Bundesligasaison wäre länger gewesen und das letzte Punktspiel würde nicht Mitte März stattfinden. Die Entscheidung hinterlässt Fragezeichen, etwa, wie man die Zeit dann überbrücken wird, das wird auch für die Vereine eine ganz neue Situation werden.

Womensoccer: Wird den Interessen der Vereine zu wenig Beachtung geschenkt?
Wörle: Von der Tendenz her ja. Man sollte immer wieder bedenken, dass die Vereine die Spielerinnen für die Nationalmannschaft abstellen.

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Markus Juchem (49) schreibt seit 2003 über Frauenfußball, für Medien wie Womensoccer.de, UEFA.com, FIFA.com, DFB.de, FAZ, NZZ und Kicker.

1 Kommentar »

  • Mosan sagt:

    Bei all den Verletzten wundert es einen schon, dass der Einbruch nicht früher kam. Ebenfalls interessant, dass Wöhrle ,wenngleich zahm, das frühe Saisonende 2011 kritisiert. Da hat der DFB wohl tabula rasa walten lassen.

    Kleiner Tipp am Rande: der flavour text zum Bild benötigt irgendeine Art von highlighting, um sich vom Lesetext abzugrenzen. Ein zartes grau genügt schon 😉

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