Schöner Erfolg mit begrenzter Aussagekraft

Von am 25. Juli 2009 – 21.22 Uhr 3 Kommentare

Ein klarer Erfolg in einem Vorbereitungsspiel vier Wochen vor Beginn der Europameisterschaft noch dazu gegen einen EM-Teilnehmer klingt erst einmal toll. Doch Freude und Jubel hielten sich bei den Beteiligten direkt nach dem 6:0 (4:0)-Sieg gegen die Niederlande vor 22 531 Zuschauern in Sinsheim in Grenzen. Denn ein Gradmesser war der enttäuschende Gegner an diesem Abend nicht.

„Man darf nicht alles an diesem Spiel fest machen“, analysierte Spielführerin Birgit Prinz. „Es war der erste Test, aber die EM ist ein anderes Kaliber.“ Und auch Bundestrainerin Silvia Neid wusste den Erfolg richtig einzuordnen: „Ich bin sehr zufrieden mit dem Engagement und der Leidenschaft meiner Mannschaft. Wir sind auf einem guten Weg, aber jetzt kommen andere Gegner.“ Denn schon gegen Japan am 29. Juli in Mannheim dürfte die Abwehr deutlich mehr gefordert werden.

Starke Offensive
Dennoch waren viele positive Ansätze im deutschen Team zu sehen. Vor allem in der Offensive hinterließ die DFB-Elf einen spritzigen Eindruck. In der ersten halben Stunde spazierten die DFB-Stürmerinnen nach Belieben durch die niederländische Abwehrreihe und mit etwas mehr Konzentration und Konsequenz im Abschluss hätte wohl bereits in der ersten Halbzeit das halbe Dutzend voll sein können, so bemitleidenswert schlichen offensichtlich geschockte Niederländerinnen die meiste Zeit über den Rasen. Prinz sprühte vor Spielfreude und wirkte spritzig wie schon lange nicht mehr, Grings brachte die niederländischen Abwehrspielerinnen ein ums andere Mal ins Schwitzen.

Anzeige

Abwehr nicht immer sattelfest
Der Spielaufbau passte, das Pressing im Mittelfeld stimmte, doch die Abwehr wackelte in der ersten Halbzeit zwei Mal, etwa als sich Saskia Bartusiak im Laufduell mit Karin Stevens nach einer halben Stunde eine kleine Auszeit gönnte, der harmlose Schuss der niederländischen Stürmerin die wenig beschäftige Nadine Angerer aber vor keine Prüfung stellte. „In zwei Situationen hat mir die Defensive heute nicht gut gefallen“, spielte Neid nach der Partie auf eine weitere Szene kurz vor der Pause an, als Angerers zweifaches beherztes Eingreifen einen Gegentreffer verhinderte.

Zahlreiche Wechsel
Mit den zahlreichen Einwechslungen ging in der zweiten Halbzeit der Spielfluss merklich verloren. Als Prinz und Grings das Feld verließen, gab es in der Offensive kaum noch bemerkenswerte Momente, Martina Müller konnte nur wenige Impulse setzen – allerdings auch schwierig mit einer klaren Führung im Rücken, wenn die gesamte Mannschaft das Tempo drosselt. Célia Okoyino da Mbabi zeigte gute Ansätze und belohnte sich in der Schlussminute mit einem Treffer. Eine stets bemühte Kim Kulig zählte an diesem Tag nicht zu den Gewinnerinnen, da sie im Vergleich zu den vorherigen Einsätzen beim Algarve Cup und gegen Brasilien unauffällig agierte.

Stimmige Mischung
„Ich finde, unsere Mannschaft lässt sich so gut sehen. Wir haben junge, hungrige Spielerinnen und auch erfahrene. Ich bin zufrieden mit der Mischung“, so Neid, die sich allerdings noch nicht in die Karten schauen ließ, welchen vier Spielerinnen sie die traurige Botschaft überbringen wird, nicht mit nach Finnland zu reisen. Denn nach dem Spiel gegen Japan muss der Kader von derzeit 26 auf 22 Spielerinnen verkleinert werden.

Tags: , ,

Markus Juchem (49) schreibt seit 2003 über Frauenfußball, für Medien wie Womensoccer.de, UEFA.com, FIFA.com, DFB.de, FAZ, NZZ und Kicker.

3 Kommentare »

  • Detlef sagt:

    Absolute Zustimmung zu Deinem Artikel Markus!!! Birgit Prinz war wohl die letzten 12 Monate nicht mehr so stark und wirkungsvoll wie am heutigen Tag. Inka Grings wie gewohnt mit sehr viel Licht, aber auch etwas Schatten. Gleiches gilt auch für Simone Laudehr. Martina Müller ist vor allem eine Konterspielerin. Dafür braucht man aber die entsprechenden Räume, die es heute nicht gab!!!
    Aber für ein richtiges TESTSPIEL, fehlte einfach der Gegner.
    So ist Deine Wortwahl „begrenzte Aussage“, doch sehr diplomatisch gewählt. Aber was mich am allermeisten verwundert hat, ist die Tatsache, dass Frau Bundestrainerin doch die Kandidatinnen „herausfinden“ wollte, die durch das Sieb fallen werden!!!
    Ich bin mir ABSOLUT sicher, heute haben wir keine davon auf dem Platz gesehen!!! Also welche neue Erkenntnis, kann Frau Neid heute erlangt haben???

    (0)
  • djane sagt:

    na ich denke schon, das die Bundestrainerin vor allem 2 Dinge interessiert haben: 1. wie fit sind die Langzeitverletzten Hingst und Stegemann, und zweitens, wie gut harmonieren Prinz und Grings im Sturm miteinander. Zur ersten Frage: Hingst hat mir bis auf 1-2 Fehler gut gefallen, sie war spritzig und ideenreich- zu Stegemann kann ich wenig sagen, da in der 2. HZ der Fokus der Kameras nicht unbedingt auf der Abwehr lag. Was den Gegner angeht, so denke ich auch, daß das Spiel heute (bzw. gestern) nicht unbedingt ein Gradmesser war. Was ich vermisst habe sind ein paar lobende Worte für Bresonik, die ihre Stärken, was den Wechsel auf verschiedenen Positionen betrifft, im Spiel gestern deutlich besser zum Ausdruck bringen konnte als während des Algarve-Cups.

    (0)
  • Max Diderot sagt:

    Nun, der niederländischen Torhüterin Geurts gebührt bei mindestens einem Drittel der Tore ein unausgesprochener Dank. Und in der beinahe gesamten Spielzeit erwies sich die Elftal als so konzilianter Gast, wie ich es auf meine Tage noch nicht von einer holländischen Fußballmannschaft erleben durfte.

    Ein schöner Erfolg. Nicht mehr und nicht weniger. Aber vielleicht bin ich vermessen, wenn ich behaupte, dass das Match auch ein wenig beispielgebend für die taktische Hausmannskost im deutschen Frauenfußball war. Es ist immer das gleiche: Die Bälle werden ziemlich unkontrolliert aus dem defensiven Bereich heraus gespielt. Die Anzuspielenden müssen sich eher durch ein entsprechendes Tackling, aufgrund physischer Robustheit, den Ball erobern als durch ein Raum öffnendes Passspiel. Das ließ sich gestern auch sehr schön vor Ort verfolgen. Sobald die deutsche (Innen-) Verteidigung über Ballbesitz verfügt, scheinen sie nur noch die Möglichkeit des langen Passes zu haben. Die defensiven Mittelfeldspielerinnen der DFB-Auswahl lassen sich selten zurückfallen, um sich für ein Kurzpassspiel anzubieten, und die Aussenpositionen (im Halbfeld) sind nicht oder nur unzureichend besetzt. Kurz gesagt: Die DFB-Frauen hätten meines Erachtens wesentlich mehr Kreativpotenzial als sie gestern zu zeigen vermochten.

    Diese Dilemma ist aber keine Schuldzuweisung an die Bundestrainerinnen. Vereine und DFB müssen sich um eine bessere spielerische Ausrichtung bemühen. Tun sie es nicht, machen es zukünftig andere Nationen.

    Die schönste Szene des ganzen Spiels war für mich das Anspiel von Martina Müller auf Célia Okoyino da Mbabi, die in der letzten Minute noch den sechsten Treffer schoss. Wunderbar, wie leichtfüßig Müller den Ball weiter leitete und Okoyino da Mbabi platziert abschloss.

    (0)