Schweizer Frauenfußball setzt Ausrufezeichen

Von am 23. Juli 2009 – 11.02 Uhr 2 Kommentare

„Eifach Deutschland weg potzt“ – die Freude kannte bei der Schweizer Topstürmerin Ramona Bachmann nach dem überzeugenden 3:0 (1:0)-Sieg gegen Deutschland bei der U19-Europameisterschaft in Weißrussland in der vergangenen Woche keine Grenzen. Und auch wenn die Enttäuschung nach dem klaren Halbfinal-Aus gegen England umso größer war, der Schweizer Frauenfußball hat ein nachhaltiges Signal gesetzt, dass mit ihm in Zukunft zu rechnen sein wird.

„Ich habe den Mädchen gesagt, dass sie sich für die Niederlage nicht schämen müssen. Eine Schweizer Frauen-Mannschaft stand noch nie unter den letzten Vier eines großen Turniers. Der Traum ist zwar jetzt vorbei, aber jetzt startet der nächste“, so U19-Trainer Yannick Schwery. Keine leeren Worte. Denn seit  2004 treibt der Schweizer Fussballverband (SFV) die Entwicklung des Frauenfußballs verstärkt voran, die jetzigen Erfolge sind Beleg für die gute Arbeit, die in den vergangenen Jahren im Nachwuchsbereich geleistet wurde.

2004 als Schlüsseljahr
Unter dem Namen „Allez les filles“ („Die Mädchen nach vorne“) wurde vor rund fünf Jahren ein ambitioniertes Projekt ins Leben gerufen, mit jährlich zwei Millionen Franken die Schweiz mittelfristig unter die besten sechs Nationen in Europa zu bringen. Neben den verstärkten Bemühungen in den 13 Regionen, einer Steigerung der Trainingsintensität in den Vereinen sowie der Gründung einer U17-Nationalmannschaft war es vor allem die Eröffnung des über die Landesgrenzen hinaus bekannten Ausbildungszentrums in Huttwil im Kanton Bern, das die Entwicklung vorangetrieben hat und einen wichtigen Eckpfeiler in der Nachwuchsförderung des Verbands darstellt.

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Bachmann, mit ihren gerade einmal 18 Jahren bereits heute das Aushängeschild des Schweizer Frauenfußballs, gehörte zu den ersten, die dort eine ganzheitliche und breit abgestützte Ausbildung erhielten, bei der Schule, Fußball und die jeweilige Persönlichkeit der Spielerin in Einklang gebracht werden und auch berufliche Perspektiven aufgezeigt werden sollen.

Harte Schule
In Huttwil wird nichts dem Zufall überlassen. Aus den U14-Regionalteams wird eine Auswahl zu Sichtungslehrgängen zusammengezogen. Nur wer in puncto Grundlagentechnik, koordinative Fähigkeiten, Schnelligkeit und Spielverhalten überzeugen kann und zudem den medizinischen Check und ein Eignungsgespräch übersteht, findet Aufnahme.

Sechs Mal pro Woche wird intensiv trainiert, zudem essen die Spielerinnen mittags und abends zusammen und erhalten darüber hinaus Hilfe bei den Hausaufgaben. Unter der Woche leben sie bei Gastfamilien in Huttwil, am Freitagabend kehren sie fürs Abschlusstraining zu ihren Teams zurück, mit denen sie am Wochenende Meisterschaftsspiele bestreiten.

Hohe Ansprüche
„Für die Spielerinnen ist es kein Honiglecken“, erklärt Béatrice von Siebenthal, A-Nationaltrainerin und Frauenfußball-Verantwortliche im SFV. „Wir stellen hohe Ansprüche und verlangen viel Selbstständigkeit von ihnen.“ Die Erfolge geben dem Modell Recht, denn der Aufschwung im Schweizer Frauenfußball ist offensichtlich.

Bachmann spielt beim schwedischen Meister Umeå IK, einer der besten europäischen Mannschaften. Mit Umeå stand sie bereits zwei Mal im Finale des UEFA Women’s Cup, in der schwedischen Torschützinnenliste liegt sie derzeit mit 14 Treffern auf Platz zwei, von der in die US-Profiliga WPS abgewanderten Weltfußballerin Marta spricht in Nordschweden kaum noch einer.

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Erfolgreiche Spielerinnen
Doch nicht nur Bachmann macht von sich reden, die Liste starker Schweizer Spielerinnen ist lang. So ist Lara Dickenmann beim französischen Meister Olympique Lyon eine der tragenden Säulen, beim FC Bayern München hatten Sandra de Pol und die nach längerer Verletzung zurückgekehrte Vanessa Bürki in der vergangenen Saison großen Anteil an der Vizemeisterschaft und der Qualifikation für die erstmals ausgetragenen UEFA Women’s Champions League.

Und auch der SC Freiburg hat mit Spielerinnen aus dem grenznahen Nachbarland gute Erfahrungen gemacht. Neueste Errungenschaft ist U19-Nationalspielerin Danique Stein, die ihrem sehenswerten Freistoßtreffer zum 3:0 die Niederlage der DFB-Elf bei der EM in Weißrussland besiegelte, Marisa Brunner und Martina Moser gehören zu den Säulen im Team der Breisgauerinnen.

Wachsende Mitgliederzahlen
Auch zahlenmäßig lässt sich der Aufschwung dokumentieren. Die Anzahl lizensierter Spielerinnen hat sich im vergangenen Jahrzehnt mehr als vervierfacht, inzwischen sind mehr als 20 000 Frauen und Mädchen in einem Schweizer Fußballverein gemeldet.

Die Gründung eines Frauenfußball-Rats vor zwei Jahren mit prominenten Frauen aus Politik, Kultur und Unterhaltung soll darüber hinaus dazu beitragen, Beliebtheit, Ansehen und Respekt in der Öffentlichkeit zu erhöhen und das Bewusstsein zu schärfen. Denn dort hat der Frauenfußball trotz seiner ersten Erfolge noch mit Akzeptanzproblemen zu kämpfen.

Diese „Frauen für Frauenfußball“ verstehen sich als Botschafterinnen, mit deren Hilfe nach und nach ein Netzwerk mit Frauenpersönlichkeiten aus den Bereichen Politik, Wirtschaft, Medien, Gesellschaft und Kultur entstehen soll, welche den Frauenfußball gezielt fördern und Image- und Sponsorenpflege betreiben.

Kooperationen
Mit zahlreichen Kooperationen soll der Frauenfußball auch national auf eine breitere Basis gestellt werden. In der vergangenen Saison schlossen sich der FCZ Zürich und der FFC Zürich Seebach, die Grasshoppers und Schwerzenbach sowie der SC Kriens und der SK Root zusammen, der FFC Bern und Young Boys fusionierten während der laufenden Saison.

Aktuell sind neue Kooperationen in Basel und Thun entstanden. So arbeiten zukünftig der FC Basel 1893 und der FC Concordia Basel zusammen, die FC Thun AG hat zum 1. Juli zwei Mannschaften von Rot-Schwarz Thun übernommen. In der Nationalliga A wird das Team in der kommenden Saison unter dem Namen FC Thun Frauen antreten.

U20-WM als nächste Chance
Für U19-Trainer Schwery war die EM in Weißrussland ein Schritt in die richtige Richtung. „Es ist sehr wichtig, dass unsere Spielerinnen solche Spiele bestreiten. Fast alle spielen in Ländern, in denen das Niveau im Vereinsfußball normalerweise sehr niedrig ist. Noch können wir nicht ganz vorne mitspielen, wir müssen arbeiten.“

Schon im kommenden Jahr wird die U20-Nationalmannschaft erneut Gelegenheit haben zu zeigen, dass sie weitere Fortschritte gemacht hat. Bei der Weltmeisterschaft in Deutschland wird das Team als einer der fünf europäischen Teilnehmer sicherlich zu beachten sein. Und möglicherweise können sich Bachmann und ihre Teamkolleginnen dann noch einmal freuen: „Eifach Deutschland weg potzt.“

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Markus Juchem (49) schreibt seit 2003 über Frauenfußball, für Medien wie Womensoccer.de, UEFA.com, FIFA.com, DFB.de, FAZ, NZZ und Kicker.

2 Kommentare »

  • Max Diderot sagt:

    Vielleicht ist meine wahre Berufung doch die des Buchhalters. Mir ist der Artikel ein wenig zu pauschal. Selbstredend machen die Schweizer seit Jahren eine hervorragende Jugendarbeit. Dass sie erst relativ spät auch die Damen mit einbeziehen, bei den Männern begann die strukturelle Entwicklung des Nachwuchses vor 15 Jahren, ist aus meiner Sicht etwas Archetypisches für die Eidgenossen. Apropos: Steffen, hier liegt auch eine These vor, die diese Assoziation von Frauenwahlrecht und Frauenfußball in der Schweiz begründet.

    Trotzdem, die Schweizer machen eine klasse Nachwuchsarbeit. Und wenn ich schon dabei bin, unsere Nachbarn so zu loben, kann ich mir auch nicht verkneifen, quasi im Gegenzug, die Österreicher mit ihrer fußballerischen kuk-Entwicklung einen Kübel voller Spott übergießen zu wollen. Damit wäre auch eine rhetorische Blutgrätsche an diese austriakischen Fußballer-Buffos abgegolten. Bleibt nur zu hoffen, dass die charmanten Österreicherinnen, zumindest jene, die Fußball spielen, nicht zu Soubretten mutieren.

    Das eigentliche Problem in der Schweiz, zumindest in meiner subjektiven Sichtweise, sind zwei Dinge, die sich beinahe diametral begegnen. Die Schweiz verfügt über (noch) keine Vereinsmannschaften, die es vermögen, sich auf europäischer Ebene durchsetzen zu können. Und angesichts dieses Faktums bin ich auch kein Prophet, wenn ich behaupte, dass dies im Frauenfußball (vermutlich) nicht anders sein wird. Jetzt ließen sich dafür bestimmt viele Gründe anführen, und eigentlich dürfte doch die Schweiz kein Problem damit haben, Investoren über ihren Finanzplatz für den Fußball anzuwerben, doch hier liegt eben der Hund begraben. Die Eidgenossen sind auch Jahrhunderte später noch (Zeit-) Genossen, die sich auch in der Gegenwart dem fernen Mantra des vergangenen Rituals verpflichtet fühlen. Kurzum, die Schweizer sind eigen. Keine schlechte Sache, damit ich etwaigen Missverständnissen vorbeuge, im Gegenteil, viele Akzente der direkten Demokratie sind beispielhaft. Und eben weil das so ist, wird zwar einerseits die „Nati“ bei ihren auftritten unterstützt, doch scheint es offensichtlich an einer gemeinsamen Entwicklung der Vereinsmannschaften zu mangeln, um die Ligen in der Schweiz insgesamt zu stärken.

    Noch eine kleine Korrektur. „Allez les filles“ bedeutet soviel wie „Auf geht’s Mädchen“. Der aktuelle französische Pokalsieger im Männer-Fußball heißt EA Guingamp, wobei das EA für „En Avant“ steht, was im Deutschen mit vorwärts übersetzt wird. Pardon, so sind sie nun mal … die Buchhalter.

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  • Ralf sagt:

    Alter schützt vor … Heiterkeit nicht!
    Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg! 😉

    http://www.youtube.com/watch?v=TCv0cRSdh68

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