Umeå auch ohne Marta spitze

Von am 21. Juni 2009 – 8.50 Uhr 6 Kommentare

„Es ist an der Zeit, dass die Medien aufhören, immer nur nach Marta, Marta, Marta zu fragen“, sagte die 18-jährige Schweizerin Ramona Bachmann nach dem 2:0-Sieg von Umeå IK bei AIK in Solna. Die Experten hatten den Meister der vorigen vier Jahre nur noch auf Platz 3 getippt, nachdem die weltbeste Spielerin nach langen Verhandlungen doch den Verein verlassen hatte und zu Los Angeles Sol gegangen war. In der Tat begann die Saison auch alles andere als vielversprechend, doch das Team hat sich schnell wieder gefangen und ziert nun nach der ersten Saisonhälfte die Tabellenspitze.

Da gab es zu Beginn das sensationelle Ausscheiden nach schwacher Leistung gegen den russischen Meister Zvezda im Halbfinale des UEFA Women’s Cup und obendrein noch die genauso überraschende Heimniederlage (1:2) im Lokalderby gegen das 150 Kilometer entfernte Sunnanå. Vor allem in der Chancenverwertung zeigte Umeå erhebliche Probleme.

Mit taktischen Umstellungen zum Erfolg
Vor dem Spiel bei Djurgården in Stockholm stellte Trainer Mika Sankala dann um, ließ Madelaine Edlund und Bachmann die Plätze in der Spitze tauschen – mit Ramona in der Mitte platzte dann der Knoten. Strahlende Gesichter und Freudentänze nach dem souveränen 5:2-Sieg bei Djurgården. „Ich wusste, dass es früher oder später so ausschauen würde,“ sagte Sankala. „Wir haben so hart trainiert und die Spielerinnen sind dermaßen motiviert, das konnte nicht so weitergehen.“

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Umeå siegte auch in den Spitzenspielen gegen die beiden anderen Goldfavoriten Linköpings FC und vor allem LdB Malmö FC jeweils mit 2:1. In Malmö zeigte sich, dass es nicht ausreicht, nominell den mit Abstand stärksten Kader zu besitzen. Im Vorrundenschlager gegen Umeå versagten die Nerven, man war nah dran, aber es war Umeå, dass im entscheidenden Augenblick stärker war, wie schon in den Jahren zuvor.

Martas Weggang beflügelt Teamkolleginnen
Der Weggang von Marta scheint sehr viele Spielerinnen motiviert zu haben, die das Gerede leid waren, dass die Erfolge von UIK ausschließlich an Marta hängen würden. Der heutige Sturm mit der flinken und dribbelstarken Dänin Johanna Rasmussen, Edlund und vor allem Bachmann ist zweifelsohne der stärkste der Liga. Die Schweizerin hat sich dabei enorm verbessert und ist endgültig zur Weltklassespielerin geworden, ein Quantensprung. Sie will die Beste der Welt werden, hat sie immer wieder allen gesagt, die es hören und nicht hören wollten. Trainer Sankala dazu: „Sie ist ein großes Talent und hat alles, was man braucht. Aber sie muss es auch ruhig nehmen. Wenn man die Beste der Welt werden will, braucht es auch eine Portion Demut“.

Topfavorit Malmö scheiterte gegen Umeå nicht nur an den eigenen Erwartungen, es gab noch drei weitere Niederlagen – zum Auftakt in Göteborg (1:2) und dann gegen Örebro (0:2) und zuletzt das bittere 0:4 daheim gegen Sunnanå. Sanft wurde die Trainerfrage gestellt, aber soweit sind wir im Frauenfußball wohl noch nicht, denn nach den dunklen Wolken der vergangenen Wochen begann die Rückrunde nun mit einem glänzenden 4:0 zu Hause gegen den Überraschungszweiten Göteborg.

Treffsichere Liljegärd
Der Weggang Lotta Schelins scheint Göteborg ähnlich beflügelt zu haben wie das mit Umeå und Marta der Fall war. Die 20-jährige Linnéa Liljegärd schoss Göteborg mit ihren 14 Treffern aus zwölf Spielen auf den zweiten Rang, aber auch die solide Abwehr mit Nationaltorfrau Hedvig Lindahl und der Innenverteidigung Jane Törnqvist/Stina Segerström hat da einen entscheidenden Anteil. Trotzdem holte Malmö Göteborg nun wohl auf den Boden der Realität zurück.

Ganz unten die Aufsteiger: Piteå und Stattena. Besonders das letztere Team aus Helsingborg hat sich schon eine Reihe von haushohen Niederlagen eingefangen, begann die Saison mit zwei Heimspielen, die jeweils 0:7 (!) verloren wurden. Die Damallsvenskan besteht bestenfalls aus neun, eventuell zehn Teams, die das Prädikat „erstligatauglich“ auch verdienen. Zu groß der Unterschied zwischen der ersten und den beiden zweiten Ligen, als dass die Aufsteiger das mit normalen finanziellen Ressourcen gleich schaffen würden, im Oberhaus zu bestehen.

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Zweitligist Tyresö auf dem Weg nach oben
In der Nordgruppe der zweiten Liga allerdings wächst mit Tyresö FF (dem wohl vierten künftigen Erstligateam aus Groß-Stockholm ein Team, das mit ganz anderen Voraussetzungen arbeiten kann und einen Durchmarsch zu machen scheint. Da sind mit Kathrin Schmit und Helen Nottebrock auch zwei deutsche Spielerinnen und vorne stürmt die D 21/23-Nationalspielerin Emma Stålhammar, die aus Malmö kam.

Auch wenn Umeå jetzt mit einem Polster von zwei Punkten auf Göteborg, vier Punkten auf Linköping (bei einem Spiel weniger) und sechs Punkten auf Malmö am Montag gegen Örebro in die Rückrunde startet, bleibt zumindest der Kampf um nahezu alle weiteren Plätze spannend.

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6 Kommentare »

  • Max Diderot sagt:

    Interessanter und informativer Bericht. Besten Dank! Hat sich denn in der schwedischen Spielkultur auch etwas geändert? Mein Eindruck, den ich von den wenigen Partien, die ich von Umeå oder der Nationalmannschaft im Fernsehen sah, als Abziehbild auf den dortigen Frauenfußball projiziere, ist die Wiedergeburt des Calvinismus auf dem Fußballplatz, und dessen Personalie war (im Falle Umeås, die Katholikin) Marta. Ansonsten schien mir die taktische Einfalllosigkeit eher ein Sinnbild für die schwedische Holzindustrie zu sein. Sicherlich viele gute Einzelkönnerinnen, denen es aber im Schatten der Brasilianerin schwer fiel, sich aus der fußballerischen Lethargie der Winterwende konstruktiv und phantasievoll zu befreien.
    Vermutlich dauert es auch nicht mehr lange, der aktuell amtierende Präsident von Real Madrid weiß nicht mehr wohin mit seinem Geld, ganz abgesehen von seinem Größenwahn, und gründet eine Frauenfußballabteilung, wovon vor knapp eineinhalb Jahren schon an dieser Stelle berichtet worden ist, deren Aushängeschild ja dann das galaktische Fräulein Bachmann sein dürfte. Möglicherweise kommt auf Umeås Trainer also mehr als nur die aktuelle personelle Rochade zu.

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  • Ralf sagt:

    Ja, tack så mycket; Rainer und Max.
    ‚Schwarze Schäfchen‘ gab’s und gibt’s unter Katholiken schon immer mehr als genug. Das wird sich auch nicht ändern!
    Wie schätzt Ihr insgesamt die Spielstärke der Damallsvenskan, im z.B. Vergleich zur dt. FF-BuLi ein?

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  • Rainer sagt:

    Die schwedische Nationalmannschaft scheint ja dieses Jahr nach den Siegen gegen die Top 3 der Weltrangliste so etwas wie den Durchbruch unter Coach Thomas Dennerby geschafft zu haben. Gegen Brasilien (3:1) in Göteborg haben sie das Spiel nach dem 0:1 gedreht und vor allem in der zweiten Halbzeit völlig dominiert. Mit Therese Sjögran, Lotta Schelin, Kosovare Asllani, Victoria Svensson gibt es sehr spielstarke Frauen, die EM wird aus schwedischer Sicht sehr interessant. Zielsetzung ganz klar Medaille.

    In der Liga spielen Umeå, Malmö und Hammarby 4-3-3 und eigentlich sehr attraktiven Fußball. Linköping und Örebro dagegen bauen alles auf einer starken Defensive auf. Mit jungen Spielerinnen wie Nazanin Vaseghpanah und Daniella Chamoun (mit Migrationshintergrund) rücken technische Talente nach, die man bisher so noch nicht gesehen hat. Auch Louise Fors (AIK) ist so eine, sie hängt in dieser Saison aber voll durch, nachdem sie 08 sehr stark gespielt hat.
    Zu AIK habe ich in dem Text gar nichts geschrieben. Man hatte Ambitionen, ganz oben mitzuspielen und liegt nach der Vorrunde auf Rang 9, was viele dem erst 23-Jährigen Trainer zuschreiben. Ich hab da auch meine Zweifel, ob ein 23-Jähriger ein 20-Frauenkollektiv optimal führen kann.

    Spielstärke im Vergeich? Das ist sehr schwierig zu sagen. Die Bundesliga mit den Erfolgen im Women’s Cup (Frankfurt, jetzt Duisburg) scheint ja besser zu sein. Andererseits haben wir in Schweden sicher bessere internationale Spielerinnen. Allerdings dieses Jahr sehr nordisch dominiert: 14 Finninnen (Essi Sainio schon eingerechnet), 9 Isländerinnen. Aber immerhin auch Brasilianerinnen wie Elaine, Renata da Costa und Barbara.

    Ich habe vor ein paar Wochen Anne Mäkinen interviewt, die zu den größten Persönlichkeiten international zu zählen ist und als ich das Stichwort „Schweden – beste Liga der Welt?“ einwarf, fragte sie klug, woher man das wisse. Es gäbe viel zu wenig internationale Spiele, die einen Vergleich ermöglichen würden. Wie würde Bad Neuenahr gegenb Kristianstad ausgehen? Freiburg gegen Djurgården? Keine Ahnung. Aber in der Form von heute würde Umeå mit Zvezda kurzen Prozess machen. Ein Finale Umeå – Duisburg wäre interessant gewesen. Aber die letzten Runden im Women’s Cup (bald Champions League) kommen für die schwedische Saison, die im April anfängt, immer etwas zu früh.

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  • Rainer sagt:

    P.S.: Ich glaube, dass Ramona schon jetzt oder eben sehr bald von sehr vielen internationalen Spitzenclubs (auch die WPS schiebt nächstes Jahr zwei zusätzliche Vereine in die Liga) angefragt und gejagt werden wird. Ob Umeå, dass bekanntermaßen in wirtschaftlichen Schwierigkeiten steckt (u.a. Büropersonal entlassen, wenn man in der Geschäftsstelle anruft, antwortet immer irgendeine Spielerin), dann noch mithalten kann, ist fraglich.

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  • Max Diderot sagt:

    Rainer, es verwundert mich ein wenig, dass Du nun darüber berichtest, dass Umeå sich finanziell konsolidieren müsse. Vor einem knappen Jahr stand doch scheinbar noch die ganze Region wie ein Mann hinter der Frauenmannschaft, und nun diese Einschränkungen. Haben die mehr von der Hoffnung als den realen Einnahmen gelebt, was ja in bestimmten Kreisen in diesen Tagen nicht unüblich erscheint, oder sind die Sponsoren nach Martas Weggang reihenweise abgesprungen? Das wäre nun wirklich schade, sollte Umeå in finanzieller Hinsicht kapitulieren müssen.

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  • Rainer sagt:

    Im Sommer letzten Jahres kündigte Manager Roland Arnqvist, der „Vater“ des Umeå-Wunders. Er müsse nach so vielen Jahren einfach etwas anderes machen. Arnqvist hatte UIK nach dem verletzungsbedingten Ende seiner aktiven Karriere übernommen. Man hatte ihm gesagt: „Trainier doch eine Frauenmannschaft.“ Er machte das und machte Umeå zunächst als Trainer, dann als Sportidirektor zur besten Mannschaft Europas. Nachfolgerin Britta Åkerlund hatte keine „Geschichte“ im Frauenfußball.

    Dann erklärte Mannschaftskapitänin Frida Östberg ihren Rücktritt vom Leistungssport. Sie wolle mehr Zeit mit ihrem Lebensgefährten verbringen, der in Holland arbeitet. Weil das Karriereende abzusehen war, wählte man Östberg daraufhin zur Fußballerin des Jahres 2008, nur um dann wenige Wochen später feststellen zu können, dass Östberg einem Angebot der Chicago Red Stars nicht widerstehen konnte, sich doch wieder die Stollenschuhe anschnallte und die Zeit mit ihrem Lebensgefährten noch knapper bemessen sein würde als zu Umeåzeiten.

    Im Januar wurde Erfolgstrainer Andrée Jeglertz von Djurgården Stockholm in den Männerfußball abgeworben. Sein Nachfolger Mika Sankala kam von den Männern aus Sundsvall und hat sich mittlerweile erfolgreich etabliert.

    Dann verschwand Assistenztrainer Steve Galloway, der auch Restaurantbesitzer ist. „Ich muss mich zuvorderst um meine anderen Geschäfte kümmern und habe einfach nicht mehr die Zeit,“ sagte Galloway, nur um Wochen später genug Zeit zu haben, um wieder Assistenztrainer, jetzt aber bei den Männern Djurgårdens und bei Jeglertz zu werden.

    Einzige neuverpflichtete Spielerin: Außenverteidigerin Maija Saari aus Finnland, die es immerhin sogleich in die Startelf geschafft hat.

    Anfang Mai wurde bekannt, dass Umeå zwei festangestellte Mitarbeiter entlassen muss. Nach den notwendigen verhandlungen mit der Gewerkschaft traf es u.a. Susanne Granberg, die Vollzeit Marketing machte. Und zwar sehr gut. Granberg ist neben Arnqvist die Zentralfigur hinter den Kulissen gewesen. Hat über den rasanten Aufstieg vor zwei Jahren auch ein lesenswertes Buch veröffentlicht „Der Weg zu nden Sternen“. Die wegfallende Arbeitskraft sollte von Spielerinnen übernommen werden.

    2008 machte Umeå ein Minus in Höhe von ca. 135.000 €. Peanuts gegenüber den 90.000.000 € Ablöse für Cristiano Ronaldo, aber doch ziemlich viel Geld. Würde 2009 mit änhlichen Verlusten abschließen, wäre man am Rande des Konkurses. Und das wäre in der Tat eine Katastrophe für den Frauenfußball, nicht nur in Umeå, nicht nur in Schweden, sondern zumindest in ganz Europa. Wenn man feststellen müsste, es läuft nicht. Der Musterclub ist gescheitert. Pleite. Aus. Ende.

    Sponsoren waren vor der Saison deutlich vorsichtiger mit Investitionen. Einmal war Megastar Marta weg, zum anderen weltweite Finanzkrise. Und dann eben jetzt ein Club ohne Weltstar, der eigentlich vor allem Geld kostet, aber nichts einbringt.

    Nachdem Umeå nun aber wieder sehr erfolgreich spielt und statt Marta Ramona Bachmann der neue Star ist (und sicherlich auch aus wirtschaftlichen Gründen dazu gemacht wird), gibt es zumindest wieder die Hoffnung, dass mit den wiederkehrenden sportlichen Erfolgen auch die Sponsoren mit größerem Engagement zurückkehren.

    Dazu müssen aber auch möglichst alle Spielerinnen für 2010 gehalten werden. Der fünfte Titel in Folge (und damit der Aufstieg zum alleinigen Rekordmeister) ist nach dem gestrigen Auswärtssieg bei Örebro (1:0 durch ein Tor von, na??, Ramona Bachmann) fast schon in greifbare Nähe gerückt. Zehn Spiele noch und fünf Punkte Vorsprung, das war zumindest in den vergangenen Jahren kaum noch aufzuholen…

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