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Der Elfmeter – Extremsituation für Keeper und Schütze

Von am 10. Juni 2009 – 10.53 Uhr 1 Kommentar

Der Elfmeter ist die wohl größte Drucksituation im Fußball – zumindest für den Schützen. Dabei sollte man meinen, dass es eigentlich ganz einfach ist, einen Elfer zu verwandeln. Sportpsychologe Jens Heuer gibt Schützen mit zitternden Knien Tipps, wie man vor dem Strafstoß die Knie beruhigen kann.

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na_alleswas_dunkel_200x62Gehen wir die Sache mal nüchtern an: Ein Fußballtor misst 7,32m x 2,44m, das entspricht etwa 18 Quadratmetern. Ein Torwart kann mit seinem Körper maximal ein Drittel dieser Fläche abdecken. Ein beispielsweise mit 70 km/h getretener Elfmeter bräuchte etwa 0,5 Sekunden, um die Strecke zum Tor zurückzulegen. Die menschliche Reaktionszeit beträgt aber allein schon rund 0,2 Sekunden. Würde ein Torwart also warten, bis er sieht wohin der Ball fliegt, wäre dieser in den meisten Fällen nicht mehr zu erreichen. Im Grunde hat der Schütze also alle Trümpfe in der Hand. Und doch drücken sich viele Spieler gern davor, Elfmeter zu schießen. Das muss einen Grund haben.

Psychologischer Vorteil beim Torhüter
Bei einer Elfmetersituation ist der Torwart von Haus aus zwar prinzipiell im Nachteil. Das zeigt auch die Historie. In der Geschichte von Fußball-Welt- und Europameisterschaften wurden knapp 90 Prozent aller Elfmeter verwandelt. Doch genau aus diesem Grund hat der Keeper einen riesigen psychologischen Vorteil: Elfmeter sind Einmaligkeitssituationen, eine nicht wiederholbare Situation entscheidet also möglicherweise über Sieg oder Niederlage. Die meisten Menschen erinnern sich im Nachhinein eher an einen „Versager“ vom Punkt als an einen Keeper, der keinen Ball gehalten hat. Dem geneigten Fußballfan reichen Schlagwörter wie „Belgrad ‘76“ oder „Los Angeles ‘94“, um sich an die Namen der Spieler zu erinnern, die im entscheidenden Moment gepatzt haben (Uli Hoeneß bzw. Roberto Baggio). Aus diesem Grund treten viele Spieler ungern an den ominösen Punkt.

Psychologische Spielchen
Mittlerweile neigen auch immer mehr Torhüter dazu, nicht mehr nur darauf zu warten, was auf sie zukommt. Noch bevor der Schütze anläuft, bieten viele Keeper eine Ecke an, tänzeln auf der Linie hin und her, fuchteln mit den Armen herum oder greifen zu Psychotricks (z.B. Jens Lehmanns unvergesslicher Zettel bei der WM 2006 im Elfmeterschießen gegen Argentinien). Ob diese Ablenkungsversuche wirklich etwas bewirken, hängt jedoch allein vom Nervenkostüm des Schützen ab, wie Sportpsychologe Jens Heuer erklärt: „Die Torhüter können zwar versuchen, den Schützen zu verunsichern. Letztlich liegt es jedoch an dessen mentaler Verfassung, ob er sich davon beeinflussen lässt.“ Leichter gesagt als getan. Denn „die Entscheidung, sich nicht beeinflussen lassen zu wollen, reicht in der Regel nicht, wenn der Spieler nicht entsprechend mental ‘eingestellt‘ ist“, führt Heuer weiter aus.

Nichtsdestotrotz gibt es viele Punkte, die beim Schützen ein mulmiges Gefühl hervorrufen können: Gerade im Profibereich sind Torhüter meist über die „Lieblingsecke“ des Schützen informiert. Auch Torhüter wie Bremens Tim Wiese, die im Ruf stehen, „Elfmeterkiller“ zu sein, können zur Verunsicherung beitragen. Andererseits kann der Schützen natürlich auch den Spieß umdrehen, und mit dem Wissen des Torwarts spielen: Schließlich kann der Keeper auch nicht wissen, ob der Schütze wirklich seine Lieblingsecke wählt. Quintessenz: Wer seinen Gegenüber zum (zuviel) Nachdenken bringt, hat zumindest das Psychoduell schon einmal gewonnen.

Gibt es den perfekten Elfmeter?
Ein Patentrezept für das Verwandeln von Elfmetern gibt es nicht. Sowohl der Niederländer Johan Neeskens (mit der Vollspann-Variante) als auch der Spanier Gaizka Mendieta (den Torwart „ausgucken“ und den Ball locker mit der Innenseite in die andere Ecke schieben) haben mit ganz unterschiedlichen Techniken eine enorme Erfolgsquote vom Punkt gehabt. Ihre Sicherheit hatte daher wohl eher mit ihrer Überzeugung zu tun, dass sie wirklich verwandeln werden.

Sportpsychologe Jens Heuer rät daher allen Schützen, sich voll auf ihre Aufgabe zu konzentrieren: „Der Glaube an sich selbst erhöht die Erfolgsaussichten enorm, sowohl beim Schützen als auch beim Keeper. Eine positive Körpersprache spielt hierbei eine wichtige Rolle. Allerdings: Sie dokumentiert nach außen zwar Selbstsicherheit, kann aber auch gespielt sein.“

Positiv denken, eventuelles Scheitern relativieren
Entscheidender ist da schon, wie es beim Schützen innen drin aussieht: „Ich kann jedem Elfmeterschützen nur raten, die Bedeutung dieses einen Schusses zu relativieren. Etwa indem er sich vor Augen führt, dass er kein schlechterer Fußballer ist, falls er den Elfmeter verschießt. Dieses Thema sollte ein potentieller Elfmeterschütze allerdings im Vorhinein und nicht unmittelbar vor dem Schuss für sich erarbeiten, da er andernfalls misserfolgsorientiert denken würde“, erläutert der Sportpsychologe.

Generell rät Heuer zu einer positiven Denkweise: „Der Schütze sollte sich auf die positive Möglichkeit konzentrieren und sich seine Fähigkeiten vor Augen führen. Diese Überzeugung sollte allerdings nicht in Arroganz ausarten.“

Kleine Randnotiz: Der norwegische Sportpsychologe Geir Nordet ist in einer kürzlich veröffentlichen Studie zu der Erkenntnis gelangt, dass Spieler, die den Blickkontakt mit dem Keeper scheuen und/oder den Elfmeter schnell ausführen, häufiger scheitern als Kollegen, die sich Zeit nehmen und eine positive Körpersprache haben.

Versagensängste: Wenn ein Scheitern nicht erlaubt ist
Manchmal ist es jedoch so, dass die ganze Welt auf den Elfmeterschützen schaut. Sich da nur auf den Schuss zu konzentrieren und sich nicht mit den möglichen Konsequenzen des Scheiterns auseinander zu setzen, ist schwer. David Beckhams Elfmeter in den Nachthimmel bei der Euro 2004 ist ein Paradebeispiel für das „Versagen“ eines großen Spielers in einem wichtigen Moment. Gerade in seinem Fall kamen mehrere negative Einflussfaktoren zusammen: Beckham war damals Kapitän und Führungsspieler der „Three Lions“. Er trug die Hoffnungen einer ganzen Nation ebenso mit sich herum wie die sichere Medienhäme im Falle des Versagens. Hinzu kam ein Extraballast, für den er gar nichts konnte: die Niederlagen-Serie seiner Vorgänger im englischen Nationaltrikot beim finalen Shoot-out (fünf von sechs Elfmeterschießen gingen verloren).

Sportpsychologe Jens Heuer rät dazu, sich in solchen Situationen nicht zum Schießen drängen zu lassen: „Wenn ein Spieler nicht an sich glaubt, sollte er insofern Verantwortung für die Mannschaft übernehmen, dass er nicht schießt. Wird er von seinem Trainer und seinen Kollegen trotzdem zum Schießen gedrängt, ist das eine sehr heikle Angelegenheit.“ Was bei einem einzelnen Elfmeter vielleicht noch möglich ist, wird allerdings umso schwieriger, wenn – wie bei einem Elfmeterschießen – mindestens fünf Spieler ran müssen. Stellt sich der Leitwolf nicht, stellt er quasi selbst seinen Status in Frage.

Auch Elfmeter kann man trainieren
Wie bereits im Artikel „Stressbewältigung im Wettkampf“ skizziert, lassen sich Einmaligkeitssituationen zwar nicht 1:1 trainieren, aber zumindest annähernd wettkampfnah simulieren. Kurzum: Üben unter Druck macht den Meister – oder auch nicht. So wie im Falle des Argentiniers Martin Palermo, der bei der Copa America 1999 gegen Kolumbien gleich drei Elfmeter treten durfte  – und alle verschoss.

Experte: Jens Heuer, Sportpsychologe, www.bestleistung.com

Und hier geht’s zum Originalartikel auf netzathleten.de

1 Kommentar »

  • Max Diderot sagt:

    Ob es jetzt eine Einmaligkeitssituation ist oder eher zu den fußballerischen Grundgaben professionell Fußball spielender Menschen gehören sollte, einen Ball aus 11 Metern erfolgreich ins Tor schießen zu vermögen, vermag ich nicht zu beurteilen. Es ist halt auch immer der menschliche Reflex, der demjenigen, der es in dem Momentun nicht vermag, seinem Gegenüber – dem Torwart – zu trotzen, das Attribut des Versagens zuschreiben zu wollen. Dieser Umstand alleine kann aber muss nicht zwangsläufig ein Handicap sein. Ansonsten wäre aus Uli Hoeneß kein so erfolgreicher Mensch geworden, der sich nach seinem Gruß in den Belgrader Nachthimmel als Eremit auf der Schwäbischen Alb hätte verdingen müssen.

    Es ist immer wieder nett zu beobachten, wie forschende Wissenschaftler die Komplexität einer Materie zu erklären meinen. Interessant und amüsant zugleich! Im Fußball gibt es doch, sozusagen seit Annodunnemal, das Paradigma, dass die Wahrheit auf dem Platz läge. Auch wenn diese wohlfeilen Worte manchesmal nicht mit klarstem Verstand ausgesprochen worden sind, scheinen sie mir doch nachhaltiger zu sein als die psychologische Feldarbeit der minutiösen Deutung. Und das Fußballerinnen und Fußballer keine sportlichen Überzeugungstäter sind, beweisen sie doch in jedem Match. Mir als Zuschauer wohnt die arrogante Überzeugung inne, dass ein Pass, eine Flanke, ein Schuss, so überzeugend vorgenommen werden, dass er ankommt, Gefahr erzeugt und erfolgreich ist. Doch auch ohne wissenschaftliche Begründung weiß ich, dass dem in den überwiegenden Fällen nicht so ist. Viele Pässe werden nicht gescheit gespielt, Flanken eher desorientiert geschlagen und Schüsse dokumentieren mehrfach ein Wollen aber kein Können. Und trotzdem erfreue ich mich an einem Fußballspiel. Vielleicht ja auch deshalb, weil ich vermute, dass die 22 Protagonisten ja auch stellvertretend für mich als Person agieren. Für meine Fähigkeit oder Unfähigkeit, alles im Leben erfolgreich gestalten zu können. Egal aus welcher Distanz, jeder Versuch beinhaltet aus das mögliche Scheitern. Aus Niederlagen zu lernen, das ist das Wichtige in einem Team, in einer Gesellschaft. Auf dem Platz und vor allem daneben.

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