China gesteht Betrug bei Schul-WM

Von am 6. Mai 2009 – 1.27 Uhr 1 Kommentar

Was vor kurzem noch ein böser Verdacht war, hat sich mittlerweile bestätigt. Beim Finale der Schul-Fußball-WM im türkischen Antalya zwischen den U17-Juniorinnen der Potsdamer „Eliteschule des Sports“ und der Mannschaft aus Chongqing (China) vor drei Wochen ging nicht alles mit rechten Dingen zu.

Das gestand vor einigen Tagen der Direktor der Daping High School Zhang Jianling ein und gab damit dem steigenden Druck der regionalen Presse und Öffentlichkeit nach: „Was wir getan haben, war unsportlich. Wir bedauern dies zutiefst“, so Jianling, der zugab, dass entgegen der Regularien der „International School Sport Federation“ (ISF) zur Teilnahme an dem Turnier nur drei Spielerinnen des WM-Kaders tatsächlich seine Einrichtung als Vollzeitschüler besuchen.

Nationalspielerinnen statt Schülerinnen

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Die restlichen 15 Teilnehmerinnen des insgesamt 18-köpfigen Kaders hatte Jianling aus verschiedenen National- und Auswahlteams aus ganz China rekrutiert: „Um das Turnier als beste Mannschaft abzuschließen, haben wir die Mannschaft mit fremden Spielerinnen verstärkt“, bekannte Jianling nun, um im gleichen Atemzug zu betonen, dieses Vorgehen ohne Abstimmung mit den übergeordneten Stellen der Regierung veranlasst zu haben.

Absprachen soll es laut Vermutungen chinesischer Medien, die ungewöhnlich kritisch über den Vorfall berichten und durch Nachforschungen überhaupt erst an die Öffentlichkeit brachten, hingegen mit dem chinesischen Fußballverband (CFA) gegeben haben.

Unklare Rolle des chinesischen Fußballverbands

An den hatte sich die High School gewandt und um Unterstützung für die Schul-WM gebeten, erklärte deren Trainer Li Weiping. Der CFA soll sich in der Hoffnung auf hochklassige Spielpraxis für seine Nachwuchs-Auswahlspielerinnen auf den Kuhhandel eingelassen haben und beorderte gleich eine ganze Handvoll seiner Spielerinnen temporär in die südchinesische Kleinstadt. Unterstützend vermag dabei auch das Angebot der Schule gewirkt haben, sämtliche Reisekosten der Spielerinnen zum Turnier in die Türkei zu übernehmen. Chinas Fußballverband bestreitet bislang jegliches Wissen von derlei Aktivitäten, offizielle Statements im Zuge der erhobenen Vorwürfe blieben ebenso aus wie Antworten auf Presseanfragen zum Thema.

Erhofft hatte sich die Schule aus der 4,3-Millionen-Einwohner-Stadt von einer erfolgreichen Turnierteilname die Steigerung von Renommee und Popularität. Als sechst platzierte Mannschaft des nationalen Ausscheids war das Team aus Zentralchina erst nach dem Verzicht der fünf zuvor platzierten Mannschaften überhaupt in die Finalisten-Endrunde gerückt. Unterschätzt hatten Jianling & Co. unterdessen offensichtlich die mediale Beobachtung dieser Schul-WM.

Große Resonanz in chinesischen Medien

Und die führte schließlich – Gott sei Dank möchte man sagen – dazu, dass die doch seltsam anmutenden Ereignisse schließlich kritisch hinterfragt wurden. „Was keine Nationalmannschaft je geschafft hat, hat nun eine kleine Schule aus dem Süden Chinas geschafft“ wunderten sich chinesische Medien nach dem WM-Finale, welches die Chinesinnen erst per Penaltyschießen mit 8:6 (3:3 nach regulärer Spielzeit) für sich entscheiden konnten. Im Halbfinale hatte China die Französinnen mit 3:0 besiegt, das deutsche Team hatte sich hier knapp gegen Finnland mit 1:0 durchgesetzt.

Die zugrunde liegenden Regularien der ISF besagen, dass ausschließlich Schülerinnen einer Schule bei dem Turnier teilnahmeberechtigt sind, die ihre Einrichtung regelmäßig, d.h. täglich in Vollzeit besuchen. „Wir mussten vor der WM ein hochoffizielles Formular mit Name, Geburtsdatum und Schulstempel sowie Unterschrift für jede Spielerin ausfüllen“, berichtet Lehrertrainer Jürgen Theuerkorn, der die Potsdamerinnen in Antalya betreute. Dass diese Unterlagen von den Organisatoren vor Ort von ihm jedoch schließlich gar nicht mehr eingefordert wurden, machte Theuerkorn durchaus stutzig: „Vor Ort hatten wir jedoch keine Handhabe, darauf hinzuweisen, zumal die Organisation teilweise einer WM nicht würdig war und teilweise chaotisch ablief.“

ISF verspricht lückenlose Aufklärung

Die lückenlose Aufklärung in dieser Angelegenheit steht bislang aus. Auf Nachfrage im Brandenburgischen Bildungsministerium als übergeordneter Institution der Sportschule Potsdam erklärte Ministeriumsmitarbeiter Eckhard Drewicke, der die Mannschaft im April in die Türkei begleitet hatte: „Wir haben die erhobenen Vorwürfe gegen das chinesische Team mit Bitte um Klärung an die Deutschland-Vertretung der ISF übergeben. Dort ist die Angelegenheit noch in Klärung“.

Norbert Kever, Geschäftsführer der ISF, zeigte sich ebenso unwissend: „Wir haben das chinesische Team bereits vor einigen Tagen um eine Stellungnahme zu den Vorwürfen gebeten, die Antwort steht noch aus. Die von der Schule vor der WM übermittelte Liste ihrer Spielerinnen werden wir nun noch einmal genau überprüfen. Zuvor hatten wir keinen Anlass, an deren Richtigkeit zu zweifeln“.

Potsdam hofft auf Gold

Dass der Schuldirektor den Betrug bereits inzwischen öffentlich eingestanden hat, war Kever knapp zwei Wochen nach dessen öffentlicher Aussage immer noch unbekannt: „Unsere technische Kommission wird sich darum kümmern. Bestätigen sich die Vorwürfe, werden diese Vorkommnisse natürlich von der ISF bestraft und die Goldmedaillen sowie der Pokal nachträglich an den rechtmäßigen Gewinner übergeben“, versprach er die komplette Aufklärung dieser Angelegenheit.

Erleichterung machte sich hingegen bei Theuerkorn breit: „Ich hoffe sehr, dass sich am Ende die Gerechtigkeit durchsetzt. Wenn China betrogen hat, muss dies aufgeklärt werden. Unsere Spielerinnen haben Deutschland bei der WM würdig vertreten. Die nachträgliche Goldmedaille bedeutet die verdiente Würdigung der fantastischen Leistungen, die unsere Spielerinnen in Antalya gezeigt haben“.

Theuerkorn hofft auf verdienten Lohn

Theuerkorn zollte dem gesamten Team großen Respekt, „alle haben großartige Arbeit geleistet. Bereits im Vorfeld der WM hat Trainer Dirk Heinrichs viel und intensiv mit der Mannschaft gearbeitet. In der Türkei haben wir uns hervorragend als Einheit präsentiert, an einem Strang gezogen und bei dem unglaublichen Pensum von acht Spielen in sieben Tagen immer das Beste gegeben. Das zählt mindestens soviel wie eine Medaille, und aus diesem Grund waren wir auch mit dem Silberrang zufrieden. Wenn es jetzt am Ende sogar doch noch Gold wird, ist das ein mehr als verdienter Lohn“.

Spannender als die Frage, ob Schuldirektor Jianling nur das Bauernopfer in einem Sportsystem ist, in dem immer wieder überehrgeizige Funktionäre von sich reden machen, ist der Punkt, ob dieser Vorfall auf zukünftige Geschehnisse bleibende Auswirkungen haben wird. Klar ist bereits jetzt schon, dass das letzte Kapitel der Mädchenfußball-Schul-WM 2009 noch lange nicht abgeschlossen ist.

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1 Kommentar »

  • Ruhrschnellweg sagt:

    In der Tat: nichts anderes als Betrug!

    Erstaunlicher noch als der Inhalt die Tatsache, dass chinesische Journalisten soetwas wie investigativen Journalismus betreiben – und das ist sicherlich auch das Positivste in einem ansonsten schwachen Bild von – auch internationalen – Funktionärstum. Man ahnt, dass einige Herrschaften aus welchen Steuerpfründen auch immer dort nur Urlaub gemacht haben, als sich um einen ordnungsgemäßen FAIREN Verlauf zu kümmern.

    Es kann nur eine Entscheidung geben: Gold muss nach Potsdam, aber wer weiß welche Fußnote in den Regularien eine Korrektur diese „Tatsachenentscheidung“ verhindern mag.

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