Linda Bresonik: „Wir dürfen nicht nur gut sein, wenn es um etwas geht“

Von am 6. April 2009 – 12.17 Uhr 3 Kommentare

Mit einem souveränen 3:1-Sieg gegen Olympique Lyon im Rückspiel des UEFA-Pokal-Halbfinales hat sich der FCR 2001 Duisburg als Neuling für das Finale qualifiziert. Eine der Schlüsselfiguren war Linda Bresonik. Im Interview mit Womensoccer spricht sie über die Gründe des Erfolgs, den unbekannten Finalgegner Zvezda und das Thema Fitnessdefizite in der Nationalmannschaft.

Womensoccer: Herzlichen Glückwunsch! Haben wir gegen Lyon das wahre Gesicht des FCR 2001 Duisburg gesehen?

Linda Bresonik:  Ich habe mir im Nachhinein schon Gedanken gemacht, warum wir gegen Bayern München unser Leistungsvermögen nicht abrufen konnten. Vielleicht müssen wir einfach reifen, vielleicht brauchen wir das Publikum. Heute war es ein absolutes Highlight und wir haben sicherlich als Mannschaft eine super Leistung gezeigt.

Womensoccer: Braucht Duisburg diesen Adrenalin-Kick, um das Letzte aus sich herauszuholen?

Anzeige

Bresonik: Es wäre traurig, wenn das so wäre, dann müssten wir ja gegen Bad Neuenahr und Crailsheim zuhause verlieren. Das Publikum macht schon etwas aus, die Stimmung war heute riesig, man dachte, es wären 5 000 oder  6 000 Zuschauer im Stadion, dabei waren es nur etwas mehr als 3 000. Es macht Spaß, vor so einer Kulisse zu spielen, aber wir dürfen nicht nur gut sein, wenn es um etwas geht. Dieses Alibi dürfen wir uns nicht geben.

Womensoccer: Trainerin Martina Voss hatte zuletzt vor allem die Nationalspielerinnen kritisiert, also auch Sie.

Bresonik: Von uns wird immer mehr erwartet. Wenn es Kritik gibt, dann zuerst an uns, das ist normal. Ich habe keine Probleme damit, ich kann mit Kritik besser umgehen als mit Lob. Und natürlich überlegt man sich immer, was man besser machen kann. Und ich denke, das haben wir heute gezeigt.

bresonik_aktionWomensoccer: Aber Lyon war auch deutlich schwächer als erwartet, oder?

Bresonik: Ja, definitiv. Ich dachte, nach dem gefährlichen 2:1-Anschlusstreffer vor der Pause würden sie in der zweiten Halbzeit ein Feuerwerk abfackeln.  Das war überhaupt nicht der Fall, bis auf ein, zwei Torchancen waren sie völlig ungefährlich und wir haben es auch hinten gut gelöst. Da ist der Funke nicht übergesprungen, mir hat bei Lyon der letzte Siegeswille gefehlt. Wir dachten auch, dass sie besser spielen würden als in Lyon, aber das haben sie nicht getan.

Womensoccer: Weil sie Spiele auf diesem Niveau nicht gewohnt sind?

Bresonik: Das könnte das Problem sein, wäre aber traurig. Ich nenne einmal zwei  Beispiele: Ingvild Stensland und Lotta Schelin bereiten uns in der Nationalmannschaft echte Probleme. Ich finde es erschreckend, dass sie im Verein mit viel weniger Engagement zu Werke gehen. Für mich ist das unverständlich und ich habe keine Erklärung dafür. Ich denke, Lyon wird in Frankreich locker Meister, aber das alleine kann ihnen ja nicht genug sein. Ich will ja auch in allen Wettbewerben mitspielen und gewinnen.

Womensoccer: Im Finale geht es nun überraschend gegen Zvezda aus Perm. Was weiß man über den Gegner?

Bresonik: Ich weiß noch nicht einmal, wo das liegt, ich glaube 3 500 Kilometer entfernt. Ich kenne das Team nicht, und ich habe auch mit der Nationalmannschaft schon lange nicht mehr gegen Russland gespielt. Ich hoffe, es wird der erste von drei Titeln. Das wäre wichtig, weil wir uns nicht auf die Meisterschaft verlassen können. In der Bundesliga haben wir momentan die schlechtesten Karten von allen drei Wettbewerben, von daher ist es enorm wichtig, dass wir das gewinnen.

Womensoccer: Das Final-Rückspiel findet genau am letzten Spieltag der Männer-Bundesliga statt. Muss man Zuschauereinbußen befürchten?

Bresonik: Wichtig ist, dass wir uns im Hinspiel eine gute Ausgangsposition verschaffen, dann machst Du Dir keine Gedanken, wie viele Zuschauer kommen. Dann willst du das Ding gewinnen. Für die Spielerinnen und den Verein wäre dies das absolute Highlight.

Womensoccer: Die Belastung durch die drei Wettbewerbe ist enorm. Fängt man da an, zu taktieren und mit seinen Kräften hauszuhalten?

Bresonik: Ich denke einfach, dass unser Kader so gut besetzt ist, dass man auch nach 60 Minuten eine Spielerin auswechseln kann. Mich hat sehr gefreut, dass Simone Laudehr eingesetzt wurde. Sie hat viele Akzente gesetzt über außen und sie wirkte sehr spritzig. Man muss sich mal vorstellen, dass wir eine Nationalspielerin gegen eine Nationalspielerin ausgetauscht haben. Ich weiß nicht, was in den Köpfen der anderen vorgeht, aber ich gebe immer alles. Wenn ich nach 70 Minuten nicht mehr kann, kann ich halt nicht mehr.

duisburg_jubelWomensoccer: In der Nationalmannschaft lief es in letzter Zeit nicht immer rund, wenn man an die schwer erkämpfte Bronzemedaille bei den Olympischen Spielen und den Algarve Cup denkt.

Bresonik: Zum Thema Fitness möchte ich einmal sagen, dass wir beim Algarve Cup noch nie richtig fit waren. Nur weil wir jetzt gegen Schweden verloren haben, wird es von der Presse als schlimm hingestellt. Fit waren wir in den Jahren zuvor dort auch nicht.

Womensoccer: Macht es dann überhaupt Sinn, dort jedes Jahr hinzufahren?

Bresonik: Der Algarve Cup ist dazu da, um Dinge auszuprobieren. Er ist also dennoch gut zum Testen, wir sind zehn Tage zusammen. Wenn wir uns weniger sehen würden, wäre es nicht förderlich, wenn man daran denkt, dass die Amerikanerinnen und Chinesinnen ihr Team oft über mehrere Monate zusammen haben. Sich nur im Verein vorzubereiten, würde ich nicht gut finden.

Womensoccer: Was können wir von der Europameisterschaft in Finnland erwarten?

Bresonik: An der Fitness wird es nicht hapern, aber die Spitze ist zusammengerückt. Wir haben eine Hammergruppe, auch die Isländerinnen haben in Portugal überzeugt. Wir müssen uns trotz des Umbruchs im Team auf unsere Stärken berufen.

Tags: ,

Markus Juchem (49) schreibt seit 2003 über Frauenfußball, für Medien wie Womensoccer.de, UEFA.com, FIFA.com, DFB.de, FAZ, NZZ und Kicker.

3 Kommentare »

  • Antje aus London sagt:

    Vielen Dank fuer das Interview – wie gewohnt sehr offen und direkt. Gibt es eigentlich irgendwo Video-Highlights vom Spiel gegen Lyon?

    (0)
  • Markus Juchem sagt:

    Hallo Antje, ja, gibt es:

    (0)
  • Antje aus London sagt:

    Danke, Markus.

    (0)