Duisburgs verlorene Leichtigkeit des Seins

Von am 3. April 2009 – 9.14 Uhr 4 Kommentare

„Wir träumen unseren Traum nicht, wir leben ihn“, sagte Martina Voss, Trainerin des FCR 2001 Duisburg, Mitte November nach den beiden grandiosen UEFA-Pokal-Siegen gegen den 1. FFC Frankfurt, als die Welle der Euphorie einen vorläufigen Höhepunkt erreichte, der durch den folgenden  5:0-Sieg gegen die Hessinnen in der Frauenfußball-Bundesliga noch übertroffen wurde.

Doch knapp fünf Monate später ist den Duisburgerinnen ausgerechnet in den „Wochen der Wahrheit“ die Konstanz abhanden gekommen. Die Angst wächst, auf der Jagd nach drei Titeln am Ende mit leeren Händen da zu stehen.

Die Achterbahnfahrt der Gefühle begann mit einer 0:3-Heimniederlage gegen den 1. FFC Turbine Potsdam vor knapp zwei Wochen. Ein einmaliger Betriebsunfall, dachte man (Voss: „Wir waren nicht so schlecht“). Und nach dem 1:1 im Halbfinalhinspiel des UEFA-Pokals bei Olympique Lyon sah man sich zunächst bestätigt. Bis Mittwoch.

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Doch nach der bitteren 1:2-Niederlage gegen die personell geschwächte Elf von Bayern München sah sich Voss genötigt, vor allem ihre Nationalspielerinnen noch mehr in die Pflicht zu nehmen. „Sie müssen sich eine stärkere Kritik gefallen lassen, ihr eigener Anspruch ist ja auch höher“, rechtfertigt Voss im Gespräch mit Womensoccer ihre deutlichen Worte. Schon nach dem holprigen 3:0-Sieg gegen Aufsteiger Jena vor einigen Wochen hatte sie die Kritik an ihren Leistungsträgerinnen verschärft.

Anzeichen von Müdigkeit
Der neuerliche Rüffel für ihre Stars kommt nicht von ungefähr. Denn bei den jungen Spielerinnen zeigt sich in diesen Tagen der ungewohnten Belastung bereits ein enormer Kräfteverschleiß. Umso mehr müssen die routinierten Kräfte ihr volles Leistungspotenzial ausschöpfen. Gelingt dies zwei oder drei der Arrivierten nicht, bekommt das Kollektiv schnell Risse, denn viele junge Talente spielen nur unter der Führung der erfahrenen Spielerinnen gut.

„Wir sind eine Mannschaft, in der alle extrem gut spielen, oder auch eben alle einmal unter ihren Möglichkeiten bleiben“, analysiert Voss. Und so ist das Team derzeit nicht in der Lage, sein Leistungsvermögen konstant abzurufen. „Wir verlieren manchmal auch die Fähigkeit, zu wissen, dass wir immer alles geben müssen, um Spiele zu gewinnen.“

Schwere Aufgaben
Vier Punkte Rückstand hat das Team in der Bundesliga nun auf das Führungs-Duo, das schwere Halbfinal-Rückspiel im UEFA-Pokal am Sonntag (ab 14.00 Uhr live in der ARD) gegen Olympique Lyon vor Augen, und auch das DFB-Pokalhalbfinale am Ostersamstag gegen den erstarkten VfL Wolfsburg könnte bei den aktuellen Formschwankungen zum Zitterspiel werden.

Auf europäischer Ebene hat sich Duisburg in dieser Saison noch keine Blöße gegeben und sich in Windeseile einen Namen gemacht. „Selbst wenn wir am Sonntag gegen Lyon ausscheiden, was im Bereich des Möglichen liegt, können wir auf unsere internationale Leistung zu Recht stolz sein. Es zählt nicht immer nur der Titelgewinn, sondern auch die Entwicklung einer Mannschaft, das sieht man auch an Bayern oder Potsdam.“

Duisburg ohne Titel?
Am Ende könnte man im schlimmsten Fall ganz ohne Trophäe da stehen. Ein Szenario, das in den Gedanken von Voss keine Utopie ist. „Selbst wenn am Ende kein Titel herausspringen sollte, wird das dieser Mannschaft in ihrer Entwicklung helfen.“ Denn auch wenn der Ausgang der „Wochen der Wahrheit“ noch ungewiss ist, werden die Spielerinnen mit und an den Aufgaben wachsen, der Lerneffekt für das gesamte Team ist bereits jetzt unbezahlbar. Gelernt hat man am Mittwoch aber auch neben dem Platz.

Aufgrund eines Übertragungsfehlers stand die einwechselbereite Charline Hartmann nicht auf dem Spielberichtsbogen. Und nur weil der Ball nicht ins Aus ging, verzögerte sich die Einwechslung, der Fehler wurde deswegen gerade noch rechtzeitig bemerkt. Sonst  hätte das Team bei einem Remis oder Sieg die Punkte nachträglich am grünen Tisch verloren. „Ich bin froh, dass uns das noch aufgefallen ist. Wir haben daraus gelernt, und werden ein doppeltes Kontrollsystem einführen, damit das hoffentlich nicht mehr passiert.“

Vertragsverhandlungen vertagt
Dass es auch sonst derzeit nicht gerade ruhig zugeht in Duisburg, will Voss nicht überbewerten. „Die Themen wurden in der Öffentlichkeit höher gespielt, als intern.“ Dennoch räumt sie ein, dass es in den Vertragsverhandlungen mit Inka Grings  „Kommunikationsfehler“ gegeben hat, und es nach außen „unglücklich gelaufen“ ist.  Störfaktoren, die nicht gerade zur besseren Konzentration auf das Wesentliche beitragen. „Ich kann nicht ausschließen, dass die eine oder andere mit Dingen beschäftigt war, die nicht so gut für uns sind.“

Auch in den nächsten Wochen dürfte es den Verantwortlichen in Duisburg nicht langweilig werden. Denn außer der Personalie Grings konnten noch keine weiteren Vertragsverlängerungen unter Dach und Fach gebracht werden. „Wir haben das Thema wegen des sportlich positiven Stresses ein bisschen nach hinten gestellt, aber wir sind mit den Spielerinnen in Kommunikation.“ Schon in den nächsten Tagen will man für „positive, überraschende Meldungen“ sorgen.

Voss hofft, dass nach dem Abgang von Fatmire Bajramaj die anderen Schlüsselspielerinnen bleiben werden. „Es gibt keine Signale, dass sie gehen. Aber solange die Tinte nicht unter dem Vertrag ist, weiß man das nie. Ich gehe aber davon aus, dass wir mit allen anderen auf einem guten Weg sind. Aber ich bin so lange im Frauenfußball tätig, meine Hand lege ich dafür nicht ins Feuer.“

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Markus Juchem (49) schreibt seit 2003 über Frauenfußball, für Medien wie Womensoccer.de, UEFA.com, FIFA.com, DFB.de, FAZ, NZZ und Kicker.

4 Kommentare »

  • Pinguin sagt:

    Nachdem ich mir die beiden letzen Spiele so weit möglich angesehen habe, hat der FCR da gut bis hervorragend gespielt, aber ein altbekannts Problem ist wieder aufgetaucht: eine geradezu grausame Chancenverwertung, beide Spiele hätten ja durchaus gewonnen werden müssen ….

    Wenn sie da nicht zulegen und wieder auf eigenem Platz die ersten Minuten verschläft, könnte der Uefa-Cup-Traum als erster platzen …

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  • laasee sagt:

    Markus – (sorry but I can’t say it in German)

    It is all in the mind. FCR have difficulty in coping with Buli and UEFA Cup. In Potsdam a sleepy 2-2 before going to Ukraine. Potsdam 0-3 before going to Lyon. Bayern 1-2 before the return with Lyon. It is a learning curve which is even very difficult for big teams in the mens game. In the UEFA Cup beating Frankfurt was not so much of a problem because it was not a ‚real European fixture‘.

    It seems that sub-consciously the FCR are being distracted. It is all about learning how to deal with one game at a time. Also, vertragspoker during the season is not clever. I just hope that Duisburg get the right result on Sunday and then all will be well.

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  • Pinguin sagt:

    … by the way, thank you, Laasee, for your non-german perspectives – womansoccer.de get’s more and more internationalized, that’s fine.

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  • laasee sagt:

    @Pinguin – danke.

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