Günther Wörle: „Meine Mannschaft wird an ihre Grenzen gehen“

Von am 1. April 2009 – 12.57 Uhr 3 Kommentare

Lange Zeit schien der FC Bayern München in dieser Saison unantastbar. Doch im Jahr 2009 ist das Team ein wenig außer Tritt geraten. Vor dem heutigen Topspiel beim FCR 2001 Duisburg (19.00 Uhr) sprach Bayern-Trainer Günther Wörle mit Womensoccer über Verletzungspech, Terminstreitigkeiten und die Entwicklung im Frauenfußball. 

Womensoccer: Der FC Bayern München liegt auf dem zweiten Tabellenplatz und hat bisher eine ausgezeichnete Saison gespielt, zuletzt war aber etwas Sand im Getriebe. Warum?

Günther Wörle: Das ist ganz einfach zu erklären. In der Hinserie hatten wir so gut wie keine Verletzungsprobleme und die Mannschaft war eingespielt. Hinzu kam, dass wir in der Vorrunde sieben Heimspiele und nur vier Auswärtsspiele hatten. Die Witterung hat lange das Training erschwert, wir konnte oft nur auf Kunstrasen Lauftraining absolvieren. Es kam auch ein bisschen Pech dazu, wenn ich an das Pokal-Aus gegen Duisburg im Elfmeterschießen denke, an die knappe 3:4-Niederlage gegen Potsdam beim DFB-Hallenpokal oder unsere erste Saisonniederlage in der Bundesliga durch den Last-Minute-Treffer in Frankfurt.

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Womensoccer: In  Jena hat sich Ihr Team zum Erfolg gezittert.

Wörle: Wir waren am Anfang ein wenig überrascht über die offensive Ausrichtung der Jenaerinnen und wir hätten auch in Rückstand geraten können. Aber wir haben uns in das Spiel hinein gekämpft und am Ende auch verdient gewonnen. Das könnte die Wende zum Besseren gewesen sein.

Womensoccer: Aber nun geht es nach Duisburg und das Bayern-Lazarett wird immer größer.

Wörle: Es ist schon ein gewaltiges Handicap, dass wir in Duisburg ohne Fünf spielen müssen. Jetzt fällt auch noch Stefanie Mirlach aus. Sie ist beim Volleyballspielen mit dem Fuß umgeknickt und hat sich das Außenband gerissen. Sandra de Pol hat zudem Probleme im Lendenwirbelbereich. Sie ist eine eminent wichtige Spielerin, die unsere Qualität in dieser Saison angehoben hat und Probleme in der Abwehr spielerisch lösen kann. Trotzdem wird meine Mannschaft in Duisburg an ihre Grenzen gehen.

Womensoccer: Wird das in Duisburg denn für etwas Zählbares reichen?

Wörle: Ich traue uns in Duisburg trotz der personellen Probleme einen Punkt dazu. Wir haben bisher erst ein Saisonspiel verloren bei einer zu Hause ungeschlagenen Mannschaft, auch wenn ich einräumen muss, dass mir die Art und Weise der Niederlage einen kleinen Knacks gegeben hat. Aber selbst wenn wir in Duisburg verlieren, ist noch alles möglich, denn am vorletzten Spieltag kommt Duisburg auch noch zum Rückspiel nach München.

Womensoccer: In Frankfurt haben es Spielerinnen aus der 2. Mannschaft geschafft, erfolgreich in die Bresche zu springen. Hat Bayern hier Defizite?

Wörle: Da ist was Wahres dran. Frankfurt spielt mit seiner zweiten Mannschaft in der 2. Bundesliga. Unsere zweite Mannschaft ist eine Spitzenmannschaft in der Regionalliga. Vielleicht gelingt in diesem Jahr noch der Sprung nach oben, das würde uns schon weiterhelfen. In Duisburg werden Carina Wenninger und Kathleen Krüger aus der zweiten Mannschaft dabei sein. Sarah Schatton oder Kristina Brenner konnten ihrem Team damals richtig helfen. Heute hört man aber nicht mehr so viel von ihnen.

Womensoccer: Muss man sich als Verein stärker gegen solche Ausfälle wappnen?

Wörle: Die Spitzenmannschaften haben in der Winterpause eine offensive Transferpolitik durchgeführt, bei uns war das bis dahin gar nicht nötig, da wir top dagestanden sind. Bayern wird seine Personalpolitik nicht groß verändern in den nächsten Jahren. Und bei den B-Juniorinnen leistet Roswitha Bindl gute Arbeit.

Womensoccer: Wie schon im Pokalspiel im Dezember wird heute Christina Bellinghoven das Duisburger Tor hüten. Im UEFA-Pokal-Halbfinale in Lyon kam ja am vorigen Samstag noch Kathrin Lehmann zum Einsatz.

Wörle: Das war eine echte Überraschung. Daran erkennt man, dass sich die Gegebenheiten des Männerfußballs immer mehr auf den Frauenfußball übertragen, dessen Bedeutung zunimmt. Stand-by, mit solchen Dingen wird man sich in Zukunft wohl befassen müssen.

Womensoccer: Es gab Dissonanzen um den Austragungstermin 1. April. Duisburgs Trainerin Martina Voss hat den Bayern „unkollegiales Verhalten“ vorgeworfen. Wird der Umgangston in der Liga rauer?

Wörle: Ich denke nicht. Ich habe bisher zu Martina Voss einen guten, menschlichen Draht gehabt und ich glaube, das ist auch nach wie vor so. Der FC Bayern hat drei Termine vorgeschlagen, unter anderem den  25. März, den 1. April und den Ostermontag. Wir werden das nach dem Spiel sicherlich in einem persönlichen Gespräch bereinigen, ich sehe das nicht so dramatisch.

Womensoccer: Wie unglücklich sind Spielansetzungen an einem Werktag unter der Woche?

Wörle: Im Profifußball ist das normal, bei uns müssen einige Spielerinnen zwei Tage Urlaub nehmen. Wir hätten gerne früher am Tag gespielt, aber das ging aus organisatorischen Gründen nicht. Deswegen können wir am Abend nicht mehr heimfliegen. Das sind schon Strapazen, aber ich würde sagen, keine Mannschaft hat durch das Mittwoch-Spiel einen Nachteil, es sind beide Teams gleichermaßen betroffen.

Womensoccer: Ist die mögliche Champions-League-Teilnahme für alle Teams ein besonderer Anreiz?

Wörle: Jeder ist heiß auf die Champions League, die zwei Topplätze sind hart umkämpft. Es wird in der Liga bis zum Schluss hoch interessant bleiben, das ist doch toll für alle. Mir wären heute zwei 1:1-Unentschieden in den Topspielen am liebsten. Sollte Potsdam aber gegen Frankfurt gewinnen, werden sie meiner Meinung nach Deutscher Meister. Sie gehen hohes Tempo und betreiben den größten Trainingsaufwand aller Mannschaften.

Womensoccer: Die Spannung der Liga spiegelt sich aber nicht in den Zuschauerzahlen wider.

Wörle: Man sollte ein bisschen mehr Geduld aufbringen. Die U20-Weltmeisterschaft 2010 und die Frauenfußball-Weltmeisterschaft 2011 werden uns sicherlich weiterbringen. Vielen Leuten muss man immer noch erklären, dass der Frauenfußball seinen eigenen Wert und seine eigene Faszination hat. Natürlich kann alles noch mehr und besser werden. Aber warum sollte man etwa ein Spiel mit 500 Zuschauern live im Fernsehen übertragen? Das Ambiente muss schon auch ein wenig stimmen.

Womensoccer: Tut sich denn schon etwas in Sachen Personalplanung für die kommende Saison?

Wörle: Der FC Bayern macht sich natürlich seine Gedanken, aber es ist noch nichts spruchreif. Die Mannschaft, die wir jetzt haben, soll gehalten werden, was  größtenteils auch gelingen wird. Bayern wird seiner Philosophie, auf die Jugendarbeit zu setzen, treu bleiben. Zwischendrin wird man aber immer mal wieder einen Farbtupfer setzen, wie im Vorjahr mit Melanie Behringer. Aber wir werden, anders als in Wolfsburg, nicht in die Masse gehen und zwei, drei Spielerinnen verpflichten.

Womensoccer: Sie haben in München einen Ein-Jahres-Vertrag unterschrieben und bisher erfolgreich gearbeitet. Ist eine Verlängerung nur noch Formsache?

Wörle: Es hat ein Gespräch stattgefunden zwischen Karin Danner und mir, da sind wir uns schon von der Tendenz einig geworden, aber es ist noch nichts unterschrieben. Die letzten Wochen waren ein wenig holprig, die Arbeit hier macht mir aber sehr viel Spaß, auch wenn man als Bundesligatrainer beim FC Bayern auch im Frauenfußball mehr gefordert ist als anderswo, und auch in puncto WM 2011 von DFB-Seite einiges auf einen zukommt.

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Markus Juchem (49) schreibt seit 2003 über Frauenfußball, für Medien wie Womensoccer.de, UEFA.com, FIFA.com, DFB.de, FAZ, NZZ und Kicker.

3 Kommentare »

  • Karin Dorsch sagt:

    Hey Markus,
    vielen Dank für das tolle Interview!
    Bin schon sehr gespannt, wie die Ergebnisse heute Abend werden.

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  • Conny68 sagt:

    Ich schließe mich an. Vielen Dank Markus.

    Ein sehr gelungenes Interview. Günther Wörle – ein sympathischer Typ.

    Es verspricht heute wirklich ein spannender Fußballabend zu werden.

    Wäre gerne live bei einem der Spiele dabei – aber Berlin und Duisburg sind einfach zu weit weg von München, Schade. Eine Live-Konferenz der beiden Spiele auf Premiere ist nicht vorgesehen, oder? Okay, man darf ja mal Träumen…

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  • pepper sagt:

    Na für den Anfang würde ja ein Live-ticker der spielenden mannschaften auch reichen, oder? Leider gab/gibt es nur bei den Turbinen einen Live-Ticker, schade eigentlich 🙁 Dann muss eben der etwas informationsarme des DFBs dafür herhalten… Weiß jemand, woran das liegt?

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