Olympique Lyon: Hinter den Kulissen brodelt es gewaltig

Von am 25. März 2009 – 10.33 Uhr 2 Kommentare

Nur drei Tage vor dem Hinspiel im UEFA-Pokal-Halbfinale zwischen Olympique Lyon und dem FCR 2001 Duisburg (Samstag, 28. März, 17.00 Uhr, live auf Eurosport), ist beim französischen Gegner der Deutschen von Ruhe und Konzentration wenig zu spüren.

Hintergrund: Zwei der stärksten OL-Spielerinnen, die Nationalspielerinnen Camille Abily und Sonia Bompastor, die im Saisonverlauf bei allen UEFA-Pokal-Spielen in der Formation standen, wollen während der laufenden Saison in die neue US-Profiliga WPS wechseln, die am kommenden Sonntag, 29. März, ihren Spielbetrieb aufnimmt.

500.000 Euro Schadensersatz
Doch Lyons mächtiger Präsident Jean-Michel Aulas ist wenig begeistert und soll die beiden auf Zahlung von 500.000 Euro Schadensersatz verklagt haben. Der Ärger des Mannes, der Olympique Lyon auch im Frauenfußball ganz nach oben bringen will, ist verständlich, die Unruhe gefährdet aber die Vorbereitung auf die wichtigen beiden UEFA-Pokal-Spiele.

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Wechsel während der laufenden Saison
Der Streit war entbrannt, nachdem Abily und Bompastor ihre Wechselabsichten zu Los Angeles Sol bzw. Washington Freedom verkündet hatten. Abily räumt ein: „Es war eine schwierige Entscheidung und ich habe lange gezögert. Aber wenn ich nicht im März in die USA gewechselt wäre, hätte ich von Los Angeles vielleicht nie wieder ein Angebot bekommen.“

Menschliche Enttäuschung
Die beiden Teams treffen am 29. März gleich im Auftaktspiel der neuen WPS-Liga aufeinander. Ohne die beiden Spielerinnen, wenn es nach dem Wunsch Aulas‘ geht. Er und auch Trainer Farid Benstiti sind sauer, dass Abily und Bompastor mitten in der Saison dem Verein den Rücken kehren wollen und somit das Team nachhaltig schwächen. „Es ist gar nicht mal die sportliche Enttäuschung, eher eine menschliche“, so Benstiti.

Keine Freigabe vom Verband?
Aulas hat den französischen Verband (FFF) aufgefordert, den internationalen Freigabeschein für die beiden nicht auszustellen, der notwendig ist, um in den USA spielen zu dürfen. Offiziell genießen die Spielerinnen in Frankreich Amateurstatus, weshalb ein Wechsel auch während der Saison auf den ersten Blick als legitim erscheint.

Spielerinnen im Recht?
Beide sind zudem Medienberichten zufolge nicht durch sportliche Verträge, sondern nur durch Arbeitsverträge an Olympique Lyon gebunden, Bompastor als Archivarin bei OL Images, Abily kümmerte sich eine Zeitlang um die Nachwuchsspielerinnen im Verein. Der entscheidende Passus findet sich im vom Fußball-Weltverband (FIFA) verfassten „Reglement bezüglich Status und Transfer von Spielerinnen“ gleich zu Beginn.

FIFA-Regularium
In Artikel 2, Sätze 1 und 2 heißt es: „1. Die Teilnehmer am organisierten Fußball sind entweder Amateur- oder Berufsspieler und 2: Ein Berufsspieler ist ein Spieler, der über einen schriftlichen Vertrag mit einem Verein verfügt und für seine fußballerische Tätigkeit mehr Geld erhält, als zur Deckung seiner Auslage tatsächlich notwendig ist. Alle übrigen Fußballer sind Amateure.“ Aufgrund dieser Definition würden die beiden Spielerinnen normalerweise als Amateurfußballerinnen eingestuft werden, einem Wechsel in die USA stünde nichts im Wege.

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EM-Teilnahme in Gefahr?
Trotz des schwebenden Verfahrens sind die beiden Spielerinnen schon in die USA geflogen, zuletzt wurden Sie von Nationaltrainer Bruno Bini nicht für den französischen Kader für das Turnier auf Zypern berücksichtigt. Aus heutiger Sicht scheint es gar unklar, ob die beiden an der im Sommer stattfindenden Europameisterschaft in Finnland teilnehmen werden.

Neue Statuten in Arbeit
Der FFF war inzwischen nicht untätig, eine Arbeitsgruppe zum Status von Spielerinnen hat Anfang März eine Vorlage erarbeitet, die Spielerinnen zukünftig als Fußballerinnen an den Verband binden soll. Doch dieses Vorgehen müsste erst von der FIFA noch abgesegnet werden. Auch Nationalspielerin Louisa Nécib wollte ursprünglich in die USA wechseln, machte aus Angst vor negativen Auswirkungen jedoch einen Rückzieher.

Verbrannte Erde
Sicherlich wird man am Ende einen Kompromiss finden, der die Sichtweisen beider Seiten berücksichtigt, sprich die beiden Spielerinnen werden in die USA wechseln, Lyon wohl eine Ausgleichszahlung erhalten. Allerdings bleibt ein fader Beigeschmack, die neue US-Liga schreibt noch vor dem Start negative Schlagzeilen und macht sich in Europa nicht gerade Freunde. Mit etwas mehr Fingerspitzengefühl und besserer Kommunikation im Vorfeld hätten sich die geplanten Wechsel wohl geräuschärmer über die Bühne bringen lassen.

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Markus Juchem (49) schreibt seit 2003 über Frauenfußball, für Medien wie Womensoccer.de, UEFA.com, FIFA.com, DFB.de, FAZ, NZZ und Kicker.

2 Kommentare »

  • moya sagt:

    super artikel! das ist ja auf allen ebenen spannend, was da abläuft. guter/schlechter start für die profiliga, grundsätzlich zu vertragsbedingungen und beschäftigungsformen im frauenfußball, zwischenmenschliches drama in Lyon 😀 und sportlich die auswirkungen auf die UEFA-cup-semis.

    die WPS-vorbereitungen geben für mich ein total uneinheitliches bild ab, eine wahre wundertüte. einerseits ziehen die das professionell auf mit allen möglichen veranstaltungen, andererseits die anhaltenden kommunikationsschwierigkeiten über den teich und fehlende graswurzel-fan-anbindung. bin einfach nur gespannt, was dabei rauskommt.
    genauso interessant wird Lyon – Duisburg: schüttelt der FCR die niederlage schneller ab als sich Lyon von den personalquerelen befreit (und kann irgendwer Linda B. den titel der besten frisur auf dem platz streitig machen)? fragen über fragen, zum glück wird das spektakel übertragen!

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  • Pinguin sagt:

    Ja, das wird am Samstag echt spannend – Moya hat das super beschrieben!
    Obwohl, manchmal haben selbst heftige Hintergrundquerelen überhaupt keine Auswirkungen auf die sportlichen Leistungen, wie man heute im Biathlon-Weltcup sehen konnte …

    Es gibt doch bestimmt wieder ein Liveblogging? Ich kann leider nicht mal das Spiel sehen, geschweige ans Internet … (! schlimm, nicht wahr …), bin aber schon gespannt auf Euer aller comments … – und (verzeiht …) noch mehr auf das Resultat und das Spiel selbst (das ich mir aufzeichne).

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