Titelrennen: Kampfansage von Turbine Potsdam

Von am 24. März 2009 – 10.28 Uhr 1 Kommentar

Frauenfußball-Bundesliga verrückt: Mehr Spannung und Dramatik hätte man sich am 16. Spieltag wohl kaum wünschen können. Der 1. FFC Turbine Potsdam ist nach dem furiosen 3:0-Sieg bei Tabellenführer FCR 2001 Duisburg endgültig im Titelkampf angekommen, der 1. FFC Frankfurt erhielt durch die 1:2-Niederlage beim SC Freiburg einen jähen Dämpfer und der FC Bayern München zeigte beim 3:3 gegen den VfL Wolfsburg zwar Moral und Kampfgeist, hinterließ aber den Eindruck, nicht zu den Topkandidaten auf den Titel zu gehören.

Tabellenführer FCR 2001 Duisburg kassierte vor 1.490 Zuschauern seine erst zweite Saisonniederlage zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt, eine Woche vor dem ersten UEFA-Pokal-Halbfinale bei Olympique Lyon. “Nun müssen wir zeigen, dass wir ein Team sind und dürfen uns nicht gegenseitig zerfleischen“, so Trainerin Martina Voss.

Verschlafene Anfangsphase
Ihr Team überzeugte zwar nach der Gelb-Roten Karte gegen Annike Krahn in der 21. Minute kämpferisch, stand aber dennoch klar auf verlorenem Posten. Öffentlich lobte Voss den Kampfgeist ihres Teams in Unterzahl, intern dürfte aber dennoch Tacheles geredet werden, zu leicht fingen sich die Duisburgerinnen drei Gegentreffer ein, auch wenn der Spielverlauf nicht so klar war, wie es das Ergebnis ausdrückt.

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Ein Lattentreffer der von Neu-Nationalspielerin Bianca Schmidt vortrefflich bewachten Inka Grings und ein Freistoß von Sonja Fuss in der Schlussphase waren zwei der nur wenigen offensiven Highlights. Der frühe Rückstand und die schnelle Schwächung durch den Platzverweis gegen Krahn, die im Mittelfeld Turbine-Stürmerin Anja Mittag von den Beinen holte, ließen die Gastgeberinnen nie so recht ihren Rhythmus finden. Beim Gastspiel in Lyon gilt es am kommenden Samstag von Beginn an hellwach zu sein, will man den Traum vom Finale aufrechterhalten.

Turbine schürt Titelträume
Turbine-Trainer Bernd Schröder versuchte ob des klaren Siegs etwas Druck von seinem Team zu nehmen. “Für mich ist Duisburg weiterhin die beste Mannschaft der Liga – und ihr werdet auch deutscher Meister“, erwies er sich in der Pressekonferenz als höflicher Gast. Doch Understatement hin oder her – Turbine hat sich eindrucksvoll in den Topkreis der Titelanwärter gespielt, auch wenn Schröder erst für die kommende Saison die Zielsetzung Titelgewinn ausgegeben hat, wenn die Duisburgerin Fatmire Bajramaj für mehr Kreativität bei den Turbinen sorgen soll.

Erstaunlich: Duisburg war für Potsdam in den vergangenen Jahren immer eine Reise wert – zum dritten Mal in Folge kehrten die Turbinen als Sieger nach Hause zurück, seit der Saison 2004/05 hat man im Westen nicht einmal mehr einen Gegentreffer hinnehmen müssen.

Frankfurt ohne Elan
Nach dem 1:0-Sieg gegen den FC Bayern München träumte man beim 1. FFC Frankfurt vom “Ansturm auf die Tabellenspitze“, doch ausgerechnet beim SC Freiburg wurde der neue Höhenflug jäh gestoppt. Dabei hatten sich die Breisgauerinnen in der vergangenen Woche zwei heftige Auswärtsniederlagen (0:3 in Bad Neuenahr, 1:7 beim 1. FFC Turbine Potsdam) eingefangen.

Power, Dynamik, Kampfgeist – all diese Attribute vermisste Frankfurts Trainer Günter Wegmann bei seinen Spielerinnen. Bereits zum zweiten Mal in diesem Jahr nach dem Spiel in Jena sorgte eine schnelle Führung auf fremdem Platz, diesmal durch Birgit Prinz in der zweiten Spielminute, nicht für die notwendige Sicherheit. “Die Konkurrenten haben für uns gespielt, nur wir haben gegen uns gespielt“, musste sich Manager Siegfried Dietrich zum wiederholten Male in dieser Saison über sein Team ärgern.

Wörle tippt auf Meister Potsdam
Im Sportpark Aschheim sahen die 410 Zuschauer ein spannendes, aber nicht immer hochklassiges Duell, das am Ende eine gerechte Punkteteilung bescherte, denn beide Teams hätten das Spiel gewinnen können. Die Niedersachsen bestachen lange dank des gefährlichen Sturmduos Martina Müller und Shelley Thompson durch Effizienz, konnten aber trotz einer 2:1- und 3:2-Führung sowie personeller Überzahl die Partie nicht nach Hause schaukeln. Und hätte Bianca Rech zwei Minuten vor dem Ende nicht nur die Latte getroffen und Stefanie Mirlach beim anschließenden Schuss das Tor um wenige Zentimeter verfehlt, hätten die Punkte auch in München bleiben können.

“Heute haben wir gezeigt, dass wir noch keine Spitzenmannschaft sind, aber wir sind auf einem guten Weg“, so Wolfsburgs Trainer Ralf Kellermann, der mangelnde Konzentration und zu leichte Ballverluste dafür verantwortlich machte, nicht als Sieger vom Platz gegangen zu sein. Bayern-Trainer Günther Wörle meinte: “Der gewonnene Punkt ist sicherlich aufgrund der Art und Weise, wie er erkämpft wurde, einiges wert, Kompliment an meine Mannschaft. Aber es ist offensichtlich, dass wir noch nicht das Niveau haben. Mein Geheimtipp für den Titel ist Turbine Potsdam.“

Gelb statt Rot
Wörle konnte am Ende froh sein, dass ihm in den kommenden Wochen Birgit Leitner, Torhüterin Nummer 2 im Team, zur Verfügung stehen wird. Nach einer Notbremse gegen die durchgebrochene Shelley Thompson kurz vor der Strafraumgrenze kam die österreichische Nationaltorhüterin nach einer knappen halben Stunde mit einer Gelben Karte davon – eine Fehlentscheidung von Schiedsrichterin Daniela Schneider, deren Assistentinnen an der Seitenlinie an diesem Sonntag ebenfalls nicht immer eine gute Figur abgaben und mit der Abseitsregel gelegentlich auf Kriegsfuß standen.

Nicole Banecki sah nach einem Foul anfangs der zweiten Halbzeit, das sich kaum einem der anwesenden Zuschauer so recht erschloss, die Gelb-Rote Karte, ihr Griff an die Stirn und die Verbalentgleisung beim Abgang dürften ihr zudem eine mehrwöchige Sperre einbringen und das Team weiter schwächen. Personell durchleben die Münchenerinnen eh schwere Zeiten.

Weiter Warten auf Wörle und Schmetz
“Bei Tanja schaut es nicht gut aus“, so Wörle, der auf seine Tochter wohl auch in den beiden wichtigen Auswärtsspielen in Jena und Duisburg wird verzichten müssen. Wie wichtig sie für die Elf ist, wurde auch gegen Wolfsburg wieder klar. Und auch die schmerzliche vermisste Torhüterin Ulrike Schmetz, die von Leitner nicht adäquat ersetzt werden kann, ist weit von einem Comeback entfernt, der verletzte Daumen ist nach wie vor geschient. Frühestens Mitte April in Freiburg ist mit ihrem Einsatz wieder zu rechnen. Zu allem Überfluss hat sich auch Bianca Rech neuerlich verletzt. Sie knickte im Spiel um, und hat derzeit Trainingsverbot. Sie hofft allerdings, am kommenden Sonntag in Jena wieder antreten zu können.

Dass Schneider dann auch noch die zweite Halbzeit trotz Platzverweis, zahlreicher Auswechslungen und Unterbrechungen auf die Sekunde pünktlich nach 90 Minuten abpfiff, passte an diesem Tag ins Gesamtbild einer unterdurchschnittlichen Schiedsrichterleistung.

Die Bilanz nach dem 16. Spieltag: Die vier Titelkandidaten liegen innerhalb von vier Punkten, noch nie war der Spannungsfaktor der Liga dermaßen hoch. Und schon nächsten Sonntag geht es weiter: Frankfurt und Turbine haben gegen Herford und Crailsheim lösbare Aufgaben, Bayern München dürfte vor dem Gastauftritt beim verbesserten Aufsteiger Jena gewarnt sein. Duisburg hat wegen seines Einsatzes im UEFA-Pokal in der Bundesliga spielfrei.

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Markus Juchem (49) schreibt seit 2003 über Frauenfußball, für Medien wie Womensoccer.de, UEFA.com, FIFA.com, DFB.de, FAZ, NZZ und Kicker.

1 Kommentar »

  • GrisSouris sagt:

    War der Reporter wirklich beim Spiel München gegen Wolfsburg oder hat er sich die Begegnung in Potsdam am vergangenen Mittwoch angesehen? Die Schiedsrichterinnen-Leistungen unterscheiden sich kaum. Es ist schon peinlich, davon zu reden!

    Jede Spielerin, jede Trainerin und jeder Trainer müssen sich nach Spielende einer harten Kritik unterziehen. Das gilt aber nicht für die Akteurinnen mit Fahne und Pfeife! Es ist kein Wunder, wenn sie Beschimpfungen ausgesetzt sind. Und es sind nicht immer nur die Fans!
    Auch mir platzt der Kragen bei solcher Unfähigkeit und Parteilichkeit. Da drängt sich schon der Verdacht von verschobenen Ergebnissen auf!
    Verteilt endlich Fragebögen!
    GrisSouris

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