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DFB-Elf: Was vom Algarve Cup übrig blieb

Von am 12. März 2009 – 10.27 Uhr 1 Kommentar

Fünfeinhalb Monate vor der Europameisterschaft in Finnland waren die Blicke der Frauenfußball-Welt in der vergangenen Woche auf den zum 16. Mal ausgetragenen Algarve Cup in Portugal gerichtet. Für die auch wegen zahlreicher Verletzungen zwangsweise verjüngte deutsche  Elf hielt das Turnier im Frühstadium der Saison wie schon in den Vorjahren die Erkenntnis bereit, dass noch eine Menge Arbeit wartet. Doch am Bedenklichsten ist der wachsende Trend, dass es gegen Top-10-Teams immer weniger zu ernten gibt.

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Zwei Siege, zwei Niederlagen und ein Torverhältnis von 7:4 – von der Papierform her liest sich die Bilanz für das DFB-Team beim diesjährigen Algarve Cup auf den ersten Blick zwar nicht brillant, aber ausgeglichen. Doch während man gegen Teams aus der zweiten Reihe gewann (2:0 gegen Finnland und 3:0 gegen China), die man derzeit nicht zu den großen Frauenfußball-Nationen rechnet, gab es gegen die beiden skandinavischen Top-10-Teams aus Schweden (2:3) und Dänemark (0:1) knappe Niederlagen. Doch die fühlten sich deutlich negativer an, als es die Ergebnisse zum Ausdruck bringen.

nk_schelin_bartusiak_200Baustelle Verteidigung
Gegen Schweden ließ sich in Abwesenheit der angestammten Viererkette um  Kerstin Stegemann, Ariane Hingst und Annike Krahn die überforderte, neu formierte deutsche Defensive ein ums andere Mal von Topstürmerin Lotta Schelin düpieren, am Ende war man mit drei Gegentreffern noch gut bedient, die knappe Niederlage trotz eines phasenweise ordentlichen Spiels dennoch eher schmeichelhaft.

Eklatant waren vor allem die Geschwindigkeitsdefizite und die individuellen Fehler im Stellungsspiel, die sowohl Innen- wie auch gelegentlich die Außenverteidigerinnen offenbarten. Auch Torhüterin Nadine Angerer strahlte weniger Ruhe und Souveränität als gewohnt aus, vielleicht eine Folge der neuen Defensiv-Konstellation und fehlender Automatismen.

Hochs und Tiefs im Mittelfeld
Im Spiel um Platz 3 gegen Dänemark schienen die Spielerinnen mit ihren Gedanken und Köpfen kollektiv schon bei den bevorstehenden wichtigen Spielen in der Bundesliga zu sein. Das Passspiel zu ungenau, in den Zweikämpfen nicht bissig genug, im Aufbau zu behäbig, war die Niederlage gegen die immer einen Schritt und eine Idee schnelleren Däninnen nur die logische Konsequenz.  Doch nicht nur die Abwehr erwies sich in Portugal im deutschen Team als Baustelle.

Auf der Doppel-Sechs mit Linda Bresonik und Kim Kulig wechselten sich offensive Überraschungsmomente mit defensiven Nachlässigkeiten in schöner Regelmäßigkeit ab. Von der Duisburgerin hätte man sich im Mittelfeld eine prägendere Rolle gewünscht und erhofft, Kulig deutete an, dass sie in Zukunft ein wertvoller Bestandteil der Mannschaft werden könnte.

Mangelnde Durchschlagskraft
Melanie Behringer und Kerstin Garefrekes hatten starke Momente, ließen aber in  den entscheidenden Spielen Spritzigkeit und Durchschlagskraft vermissen. Doch die Wichtigkeit der beiden Schlüsselspielerinnen für das Team ist unumstritten, die Ex-Freiburgerin hat seit ihrem Wechsel nach München sowohl spielerisch wie auch in punkto Selbstvertrauen noch einmal einen Schritt nach vorne gemacht. Garefrekes erzielte drei Treffer und mag gegen Turnierende auch schon ein bisschen mit dem Kopf beim Schlüsselspiel für die Meisterschaft am Sonntag gegen Bayern gewesen sein.

Über die Außenpositionen gelang es den beiden in den ersten beiden Partien phasenweise den notwendigen Druck zu erzeugen und auch die Stürmerinnen einzusetzen, die aber mit fortschreitendem  Turnierverlauf immer häufiger in der Luft hingen. Und so musste sich die trotz Grippe immer ackernde Inka Grings mit einem Turniertreffer begnügen, weder Martina Müller noch Anja Mittag drängten sich nachhaltig für einen Platz in der Stammformation auf – nur ein Treffer der gelernten Stürmerinnen in vier Spielen, zu wenig für die eigenen Ansprüche. Bundestrainerin Silvia Neid dürfte schon erwartungsfroh auf die Rückkehr von Birgit Prinz blicken, denn eine,  die Lücken in die gegnerischen Abwehrreihen reißen kann, vermisste man diesmal schmerzlich.

nk_kulig_westerlund_200Junge Spielerinnen deuten Potenzial an
Zu den Gewinnern an der Algarve zählten neben den abwesenden Spielerinnen die „jungen Wilden“. Sie zeigten ansatzweise, dass sie sich berechtige Hoffnungen machen dürfen, nach und nach häufiger in die A-Nationalmannschaft reinzuschnuppern oder sogar zu regelmäßigen Einsätzen zu kommen. Kulig ließ mehrfach ihr Potenzial aufblitzen, unterliegt aber ihrem Alter entsprechend noch Leistungsschwankungen, Bianca Schmidt zeigte im Spiel gegen Finnland, dass sie in den kommenden Jahren eine echte Alternative auf der rechten Abwehrseite sein wird und gegenüber Stegemann nur noch Defizite in puncto Taktik und Erfahrung hat.

Die anderen beiden aus der U20 nach oben gezogenen Spielerinnen, Bayern Münchens Katharina Baunach und Nicole Banecki, hatten zu wenig Einsatzzeit, um sie einer echten Beurteilung zu unterziehen. Ob es allerdings psychologisch geschickt war, die Bayern-Stürmerin erst öffentlich zu kritisieren, dann auf ungewohnter Position in die Startformation zu hieven, um sie dann nach 33 Minuten wieder vom Feld zu nehmen, ist fraglich. Schon manch Talent wurde in der Vergangenheit durch eine derartige Zuckerbrot-und-Peitsche-Mentalität verheizt.

Zu viele Niederlagen gegen Top-10-Teams
Man muss und sollte den Algarve Cup sicherlich nicht überbewerten, doch er hat den Trend verfestigt, dass der Weltranglistenzweite Deutschland gegen Teams aus den Top 10 immer seltener gewinnt. Die Bilanz der letzten zwei Jahre spricht Bände. So setzte es neben den aktuellen Niederlagen gegen Schweden (4.) und Dänemark (7.) beim Algarve Cup 2009 im Vorjahr zwei Niederlagen gegen Norwegen (6.), eine weitere gegen Dänemark beim Algarve Cup 2008, eine gegen Frankreich beim Algarve Cup 2007 (8.) und eine gegen Brasilien (3.) bei den Olympischen Spielen. 

Gegen die USA (1.) gab es im letzten Aufeinandertreffen Anfang 2007 beim Vier-Nationen-Turnier ein torloses Remis. Demgegenüber stehen meist nur dem Ergebnis nach überzeugende Siege gegen Nordkorea (5.)  bei WM (3:0) und Olympia (1:0) sowie ein 2:0 gegen Japan (9.) im olympischen Spiel um Platz 3, und ein torloses Remis (WM 2007) sowie ein 3:0-Sieg gegen England (10.) im Sommer 2008.

nk_neid_2001Brasilien als nächster Gegner
Am 22. April geht es in Frankfurt erneut gegen Brasilien, in einem im Zuge der WM-Promotion zum „Duell der Besten“ hoch stilisierten Duell, bei dem der Gast allerdings wohl nur mit einer B-Auswahl antreten wird, da die in der neuen US-Profiliga WPS tätigen Topspielerinnen, wie Marta oder Cristiane, von ihren Vereinen zwischen den beiden WPS-Spieltagen am 18. und 25. April keine Freigabe erhalten dürften. Charlie Naimo, Geschäftsführer von Los Angeles Sol, hat gegenüber Womensoccer bestätigt, dass eine Abstellung der Weltfußballerin für die Spiele der brasilianischen Nationalelf in Deutschland (22.) und Schweden (25.) nicht vorgesehen ist.

Möglicherweise steht der DFB-Elf auch dann noch nicht die gewohnte Abwehrreihe zur Verfügung. Erneut also keine Gelegenheit, sie auf die Erfordernisse des bevorstehenden Turniers einzustimmen und aus dem noch brüchigen Gefüge eine schlagkräftige Einheit zu formen. Denn „bei der EM wird es anders zur Sache zu gehen“, weiß Neid. Dort warten in der Vorrunde die beiden Top-10-Teams Norwegen und Frankreich sowie der derzeit Weltranglisten-19. Island, der dank seines Überraschungserfolgs gegen Norwegen im neuen Ranking am 27. März jedoch einige Plätze nach oben klettern dürfte.

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Markus Juchem (49) schreibt seit 2003 über Frauenfußball, für Medien wie Womensoccer.de, UEFA.com, FIFA.com, DFB.de, FAZ, NZZ und Kicker.

1 Kommentar »

  • laasee sagt:

    Hi Marcus

    Is Neid part of the problem? I ask this question because since WM2007 things seem to be going backwards. In comparison, Hope Powell with England has been making progress. England is well behind Germany in most aspects (players, resources etc). However, Powell seems to have the ability to get the maximum out of what she has to deal with. England win the Cyprus Cup and also manage to give young players a chance to impress. Powell is very concentrated on key areas : continuous improvement, team spirit, and that players must fit into her system of playing.

    Hope Powell does create the impression that she is in control and has a game-plan building towards Finland EM. Does Sylvia Neid?

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