Hopp, hopp, hurra!

Von am 16. Februar 2009 – 12.47 Uhr 7 Kommentare

Als Ende September 2008 die 35.000-Einwohner-Stadt Sinsheim mit ihrer damals noch im Bau befindlichen Rhein-Neckar-Arena als einer der Spielorte der Frauenfußball-WM 2011 präsentiert wurde, schrieb „Spiegel Online“ süffisant: „Die Vorstellung der Spielstätten für die Weltmeisterschaft in der Kulisse des Bundeskanzleramtes schreibt ein neues Kapitel in den, zurückhaltend formuliert, freundschaftlichen Beziehungen zwischen dem Deutschen Fußball-Bund und Hoffenheims Mäzen und Stadionfinanzier Dietmar Hopp.“ Doch Sinsheim ist nicht nur WM-Spielort, nach den Vorstellungen des DFB soll dort bei der WM 2011 sogar das kleine Finale um Platz drei ausgetragen werden.

 „Wenn das Exekutiv-Komitee der FIFA unseren Vorstellungen folgt, dann wird das Spiel um Platz drei in Sinsheim ausgetragen“, verriet DFB-Generalsekretär Wolfgang Niersbach am vergangenen Donnerstag in Sinsheim, wo die erste von neun WM-Countdown-Veranstaltungen stattfand. Eine ungewöhnliche und bemerkenswerte Entscheidung, eines der wichtigsten WM-Spiele am kleinsten und nicht gerade traditionsreichsten WM-Spielort austragen zu wollen.

Frauenfußball soll in Hoffenheim eine große Nummer werden
Dabei hat der DFB sicherlich im Hinterkopf, dass bei der TSG 1899 Hoffenheim der Frauenfußball in den kommenden Jahren einen ähnlich steilen Aufstieg nehmen soll, wie das der Männerfußball bereits geschafft hat. „Noch drei Mal aufsteigen, dann sind wir oben dabei“, klingt es aus Hopps Mund fast wie eine Drohung. Binnen kurzer Zeit soll der Oberliga-Tabellenführer den Sprung in die Bundesliga schaffen, und kaum einer zweifelt daran, dass dies auch gelingen wird.

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Die zweite Frauen-Mannnschaft spielt in der Verbandsliga, die B-Juniorinnen zählen bereits jetzt zur Spitze in Baden-Württemberg. Insgesamt gibt es bereits acht Mädchenmannschaften, drei Spielerinnen stehen im erweiterten Kader der Nationalmannschaft. Hopp glaubt an das Produkt Frauenfußball: „Vergleichen wir doch mal den Frauenfußball vor fünf Jahren mit der Situation heute. Mehr Steigerung geht doch fast gar nicht.“

Ambitioniertes Projekt
Dass Ralf Zwanziger, der Sohn von DFB-Präsident Dr. Theo Zwanziger, in Hoffenheim das im Jahr 2006 gestartete Mädchen- und Frauenfußball-Programm leitet, ist nur einer Laune des Zufalls geschuldet, den Vorwurf der Klüngelei weist man in Hoffenheim entschieden zurück. „Es ist richtig, dass Ralf Zwanziger bei uns den Frauen- und Mädchenfußball koordiniert. Aber denken Sie in der Tat, dass die Herren Hopp und Zwanziger es tatsächlich nötig haben, sich auf dieses Niveau zu begeben?“, entrüstete sich Hoffenheims Pressesprecher Markus Sieger im vergangenen Jahr nach einem missliebigen Kommentar im Berliner Tagesspiegel. Ralf Zwanziger habe sich in Hoffenheim „ganz normal“ um den Posten beworben, stellte Sieger klar.

Das Vermögen von Hopp, 1972 Mitbegründer des Softwarekonzerns SAP, wird auf mehrere Milliarden Euro geschätzt. Der 68-Jährige Mäzen hat seinen Jugendklub von der Kreisklasse über 20 Jahre bis an die Tabellenspitze der Bundesliga geführt, angefangen 1989 mit einer 10.000-Mark-Spende für Bälle und Trainingsanzüge. Vergleiche mit Chelsea-Finanzier Roman Abramovich weist er entrüstet von sich.

Aufruhr der Traditionalisten
Dennoch sah er sich in der Vergangenheit immer wieder Anfeindungen von Traditionalisten ausgesetzt, die in Hoffenheim nur ein seelenloses Kunstprodukt sehen. In einem Brief schrieben ihm etwa Fans des 1. FC Kaiserslautern: „Ihr Verein hat alle Evolutionsstufen eines Traditionsvereins ausgelassen, kann keine Wurzeln im Fußballsport vorweisen und tritt alle Werte, die Millionen Fußballanhänger im tiefsten Herzen tragen, mit Füßen.“ Doch für derartige Sentimentalitäten ist in Zeiten von Globalisierung und der Macht von Geld und Fernsehen offenbar kein Platz mehr.

Damit das kleine Sinsheim unter den finanziellen Belastungen der Frauenfußball-WM 2011 nicht kollabiert, hat man frühzeitig beim Land Baden-Württemberg um finanzielle und organisatorische Hilfe gebeten. Mit Erfolg. „Ministerpräsident Oettinger hat uns ausrichten lassen, dass er uns unterstützen wird“, konnte sich Sinsheims Oberbürgermeister Rolf Geinert bereits im November über eine Zusage freuen. Denn die städtischen Infrastrukturmaßnahmen und die WM-Kosten dürften sich auf einen zweistelligen Millionenbetrag summieren.

Millionenkosten
Dies beinhaltet nach einem Bericht der „Stuttgarter Zeitung“ unter anderem Kosten für 4.000 neue Parkplätze am Stadion, die Umgestaltung einer Zughaltestelle von einem auf zwei Gleise und eine neue Autobahnausfahrt, die allein neun Millionen Euro kosten soll. Hinzu kommen Kosten für eine „Fanmeile“ und weitere Investitionen, um die Stadt herauszuputzen. Dafür verspricht man sich wichtige Impulse für Stadtentwicklung, Tourismus, Wirtschaft, Sport und Image der Metropolregion Rhein-Neckar und das Land Baden-Württemberg.

Die Auswahl der WM-Spielorte und die Spielplangestaltung sind sicherlich kein leichtes Unterfangen. Berlin als Hauptstadt und Frankfurt als Sitz des DFB waren gesetzt, genauso wie Leverkusen, das bei der Männer-WM 2006 leer ausging. Dresden wurde als Standort für den Osten ausgewählt, Wolfsburg repräsentiert den Norden, Augsburg den Süden. Im Westen behielten Mönchengladbach und Bochum gegen die Konkurrenz die Oberhand.

Sinsheim als deutsches Frauenfußball-Mekka?
Sinsheim war dank dieser regionalen Gesichtspunkte im Südwesten offenbar gesetzt. Dass der DFB das Spiel um Platz drei lieber ins Sinsheim und nicht etwa im bevölkerungsreichen Nordrhein-Westfalen mit seinen zahlreichen Frauenfußball-Vereinen austragen will, etwa am WM-Spielort Mönchengladbach, dürfte die Kritiker erneut auf den Plan rufen.

Zumal es gut möglich ist, dass das Spiel mit deutscher Beteiligung stattfindet und man somit Gefahr läuft, einiges an Zuschauerpotenzial zu verschenken beim eh schon ambitionierten Ziel, bei der WM eine Stadion-Auslastung von 75 Prozent erreichen zu wollen. Doch allein mit der WM will man sich in Sinsheim nicht zufrieden geben.

So gibt es sowohl Pläne, den DFB-Hallenpokal als auch das DFB-Pokalfinale in den Kraichgau zu holen. Und wer würde ernsthaft daran zweifeln, dass Sinsheim aufgrund der perfekten Rahmenbedingungen, unter anderem ein brandneues Stadion und eine spätestens 2011 optimierte Infrastruktur, ein aussichtsreicher Kandidat für beide Veranstaltungen ist?

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Markus Juchem (49) schreibt seit 2003 über Frauenfußball, für Medien wie Womensoccer.de, UEFA.com, FIFA.com, DFB.de, FAZ, NZZ und Kicker.

7 Kommentare »

  • Markus sagt:

    Tja, wen wundert die Nähe wenn der Sohn des DFB-Präsidenten Abteilungsleiter Frauenfußball in Hoffenheim ist…

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  • djane sagt:

    Typisch deutsch- da kommt jemand mit Visionen (die der dfb ja die ganze Zeit propagiert) um die Ecke und ist auch bereit, eigenes (!) Geld dafür auszugeben und was passiert ? Es wird wie immer lamentiert und man sucht solange, bis man den vermeindlichen Haken gefunden hat. M. E. gibt es mehr als eine verwandschaftliche Beziehung in all unseren Ligen, aber bei der oben angesprochenen wird darauf herumgehackt, als ob es im FF keine anderen Sorgen gäbe. Zumal sich mir nicht erschließt, wo das Problem dabei liegt- es ist mir völlig egal, wie der Leiter der Hoffenheimer FF-Abteilung heißt- hauptsache er erbringt seine Leistung. Gleiches gilt für die Spielerinnen der TSG, die werden auch nicht automatisch erstliga-tauglich, nur weil Theo und Ralf sich Sonntags zum Familienmittagessen treffen.
    Etwas mehr Optimismus wäre somit in meinen Augen angebracht.

    Was die FCK-Fans mit ihrem verfassten Brief dagegen bezwecken wollen ist mir unklar. Irgendwann muß eine Tradition ja beginnen, und die der TSG ist halt etwas jünger als die des FCK. Als Fan von letzterem Verein würde ich mir zudem eher wünschen, weniger Tradition und mehr Punkte auf dem Buckel zu haben, denn Geld schießt keine Tore- aber Traditon tut es erst recht nicht !

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  • Fuxi sagt:

    Hoyzer war doch damals nur die Spitze des Eisbergs, und der ist auch nur geköpft worden, weil er auf Rechnung Externer gearbeitet hat.
    Zwanziger vs. Weinreich (wobei das nicht bloß Zwanziger betrifft, sondern auch Koch, Rauball, Stenger und Niersbach), diese seltsamen „Sportgericht“surteile, der Premiere- und Kirch-Lobbyismus auf Kosten der Halb- und Vollamateure, die Ergebenheit zu Blatter und dessen Schergen, die Hopp-Anbiederung und alles weitere gibt schon ein ziemlich eindeutiges Bild über den Zustand des deutschen Fußballs auf Administrationsebene, das mit dem Schlachtruf „Fußball-Mafia DFB“ noch sehr, sehr wohlwollend umschrieben ist – denn selbst die Cosa Nostra kennt bis zu einem gewissen Grad noch die Bedeutung von Ehre.

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  • Steffen sagt:

    Mit viel Geld ist in dieser Welt theoretisch alles möglich.

    Daher bin ich überhaupt nicht überrascht, dass ein SAP-Milliardär aus Hoffenheim das Spiel um Platz 3 zur Weltmeisterschaft 2011 an Land gezogen hat. Jedes Wort zum DFB wäre vergeudet.

    Ferner würde mich auch nicht verwundern, wenn man in naher Zukunft etwas über einen Frauenfußballverein aus Hoffenheim hört, der um die Deutsche Meisterschaft mitspielt, immer unter der Voraussetzung, dass das Geld noch fließt. Der Wohltäter ist ja nicht mehr der Jüngste.

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  • Marcel sagt:

    Was manche Leute so für Verschwörungstheorien drauf haben ist ja echt schon der Hammer ,da weiss man auch nicht mehr was man sagen soll aber das wäre wohl auch vergeudete Zeit.

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  • TeamU17Fan sagt:

    Dass es im administrativen Bereich DFB/ FIFA sowas wie eine Mafia (Stichwort Sepp Blatter und die Vergabe der Fussball-WM an Deutschland) gibt, dürfte wohl kaum jemand ernsthaft bestreiten wollen.

    Dieses unterstelle ich im Fall Sinsheim aber nicht. Der DFB will professionellere Frauenfussball-Vereine und ist dafür bereit, traditionelle FF-Clubs, die keinen finanzstarken Hintergrund haben, in den A….(llerwertesten) zu treten.

    Als Anhänger eines FF-Traditionsclubs ohne Geld bin ich darüber natürlich alles andere als begeistert. Fans haben beim DFB absolut keinen Stellenwert. Daher werde ich die FF-WM auch boykottieren und kein Spiel besuchen oder im TV ansehen.

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  • Conny68 sagt:

    @djane – Danke für diesen Beitrag!

    @Team u17Fan – Nur mit Tradition wird sich der Frauenfußall sicherlich nicht weiterentwickeln. Viele Vereine, die Pinoniere des Frauenfußballs waren, gibt es inzwischen gar nicht mehr. Statt dessen gab und gibt es neue Vereine und jetzt halt auch Vereine mit finanzstarken Mitteln.
    Es ist leider so – ohne Geld und Sponsoren kannst Du kaum noch einen Spielbetrieb – selbst wenn man in der Kreisklasse spielt – aufrecht erhalten. Wenn der Frauenfußball sich weiter entwickeln soll, muß es auch finanzstarke Sponsoren geben. Das Herr Hopp auch Visionen für den Frauen- und Mädchenfußball hat, empfinde ich als eher sympathisch.

    Jeder mag seine Meinung über den DFB in Bezug auf Frauen- und Mädchenfußball haben…- aber ein Boykott der FF-WM – ich glaube, damit würde man der ganzen Sache Frauen/Mädchenfußball ganz gewiss keinen Gefallen tun.

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