Bernd Schröder: „Moralisch bin ich Sigi Dietrich Lichtjahre voraus“

Von am 12. Februar 2009 – 18.29 Uhr 8 Kommentare

Ein wenig hatte ich mich schon gewundert, dass der Super-Sonntag in der Frauenfußball-Bundesliga am kommenden Wochenende mit den Topspielen zwischen dem FCR 2001 Duisburg und dem FC Bayern München sowie dem Duell der Erzrivalen zwischen dem 1. FFC Turbine Potsdam und dem 1. FFC Frankfurt bisher nur für geringe seismologische Ausschläge in den Medien gesorgt hat.

Doch nun hat Turbine-Trainer Bernd Schröder die verbale Keule herausgeholt und seine Dauerfehde mit Frankfurts Manager Siegfried Dietrich nachhaltig erneuert. „Er ist ein Beispiel für Leute, die die Gunst der Stunde nutzen und Geld mit dem Frauenfußball verdienen“, so Schröder, der erklärt: „Moralisch bin ich ihm Lichtjahre voraus.“ Vorwürfe, die Dietrich nicht auf sich sitzen lässt.

Im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zog Schröder kräftig vom Leder: „Wenn Frankfurt eine Spielerin braucht, wird diese gekauft. Die Mannschaft kann im Prinzip alleine spielen. Die brauchen keinen Trainer. Sie haben jetzt jedoch das Problem, dass einige Stars in die Jahre gekommen und verletzungsanfällig sind. Derartige Sorgen wurden früher von den guten Spielern kaschiert“, analysiert Schröder die Frankfurter Problematik.

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Spezielle Turbine-Philosophie
In Potsdam verfolge man eine andere Philosophie. „Wir führen jede Woche Beratungen mit der Eliteschule, an der wir allein 70 Turbine-Mädels haben, und mit Verantwortlichen des Landesverbandes durch. Wir kümmern uns, dass die Spielerinnen ihr Abitur machen können, besorgen Lehrstellen und Universitätsplätze.“

Animositäten
Über Dietrich sagt er: „Er tut so, als gäbe er sein letztes Hemd dafür. Ich bin dagegen seit fast 40 Jahren ehrenamtlich tätig. Ich spreche nicht von der Qualität, die ich Herrn Dietrich nicht abspreche.“ Die Animositäten zwischen Schröder und Dietrich haben eine lange Tradition. „Wenn ich mir wie Frankfurt ohne Not eine 34-jährige Torfrau hole, dann ist das ein Zeichen dafür, dass man mit brachialer Gewalt nach oben will”, lästerte Schröder, nachdem Frankfurt 2006 Silke Rottenberg verpflichtete.

Zoff beim DFB-Pokalfinale 2005
Frankfurt fehle es an Größe, schimpfte er ein Jahr zuvor beim DFB-Pokalfinale in Berlin, so dass Frankfurts damaliger Trainer Dr. Hans-Jürgen Tritschoks von seinem Manager gar zurückgehalten werden musste, als er Schröder zur Sprache stellen wollte. Hintergrund: Die Frankfurter hatten Turbine nach Schröder-Aussage nicht zum eine Woche zuvor errungenen UEFA-Pokal-Sieg gratuliert.

Kritik an Angerer
In den vergangenen Jahren seien Turbine-Spielerinnen aus unterschiedlichen Gründen nach Frankfurt gewechselt, sagt Schröder. „Früher hat man ‚Entweder oder‘ gesagt, der moderne Mensch sagt ‚Sowohl als auch‘. Nach dem Motto: Was stört mich mein Geschwätz von gestern. Nadine Angerer etwa hat ständig betont, nicht nach Frankfurt gehen zu wollen, ohne dass ihr das jemand abverlangt hat. Warum hat sie es doch getan?“

Neue Angriffslust
Die gebrochene Vormachtstellung des Triple-Siegers und der Wechsel der früheren Turbine-Spielerinnen Angerer und Ariane Hingst an den Main scheinen die Angriffslust des 66-Jährigen aufs Neue geweckt zu haben. Doch unabhängig von der inhaltlichen Bewertung seiner Aussagen ist es fraglich, ob Schröder seinen Spielerinnen einen Gefallen getan hat. Denn ohne Not verschafft er dem Kontrahenten eine Extraportion Motivation. Die Frankfurterinnen wollen mit einem Sieg im „Karli“ zur Aufholjagd im Kampf um die deutsche Meisterschaft zu blasen.

Unverständnis in Frankfurt
Beim 1. FFC Frankfurt reagierte man auf die Aussagen aus Potsdam mit Unverständnis und kann die Vorwürfe nicht verstehen. Manager Siegfried Dietrich erklärt gegenüber Womensoccer.de: „Die Formulierungen sind schon hart und heftig. Wir haben die Gunst der Stunde nicht genutzt, sondern sie selber produziert und daran gearbeitet. Ich habe viel in den Frauenfußball investiert, er ist eine Herzenssache. Wenn ich 16 Stunden am Tag für den Frauenfußball arbeite, ist es normal, dass ich davon meinen Lebensunterhalt bestreite.“

Dietrich: „Lieber über Professionalisierung diskutieren“
Und Dietrich erklärt weiter: „Ich würde mit Herrn Schröder lieber über die weitere Professionalisierung des Frauenfußballs diskutieren, das erwarte ich von einem modernen Trainer. Ich dachte, die Zeit der Verbalattacken ist vorbei. Ich weiß nicht, ob er beurteilen kann und muss, was moralisch ist.“ Der 1. FFC Turbine Potsdam würde genauso wie der 1. FFC Frankfurt „gute Arbeit leisten“, Bernd Schröder sei ein „Mitbewerber mit starker Persönlichkeit“, der „viel für den Frauenfußball getan hat.“

Schluss nach der Frauenfußball-WM 2011
Seit 1971 ist Schröder im Frauenfußball tätig, nach der Weltmeisterschaft 2011 im eigenen Land soll aber Schluss sein. „Schließlich müssen bis zur WM im eigenen Land Fachleute dabei sein. Aber nicht länger.“ Bis dahin dürfte dem Frauenfußball die ganz spezielle Männer-Freundschaft erhalten bleiben.

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Markus Juchem (49) schreibt seit 2003 über Frauenfußball, für Medien wie Womensoccer.de, UEFA.com, FIFA.com, DFB.de, FAZ, NZZ und Kicker.

8 Kommentare »

  • Marcel sagt:

    Man kann ja von Schrödi halten was man will aber der weiss wenigstens wie man den Klassiker bewirbt 😀

    Leider aber wahrscheinlich umsonst denn das Wetter scheint wohl nicht mitzuspielen

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  • Brandy74 sagt:

    Wenigstens einer,der im Zuge der political correctness nicht nur rumsülzt,sondern seine meinung sagt…In vielen Dingen stimme ich ihm zu.
    Angerer und Hingst hat er ja nicht nur geholt,weil sie so tolle Spielerinnen sind,sondern damit er seinen Sponsoren ein paar gute Namen bieten will.Damit stößt er 2 guten Nachwuchstorhüterinnen vor den Kopf,die sie hoffentlich einen neuen Verein organisieren können.
    Und eine noch Verletzte 30jährige ,wo man nicht weiß,wann sie gesundheitlich wieder fit ist.Hauptsache die Namen passen.
    Erinnert mich an die Bayern (Männer); die sehr guten deutschen Spieler kaufen und sie dann auf der bank versauern lassen,damit sie anderen Vereinen fehlen.

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  • djane sagt:

    Na das sind ja durchaus provokante Aussagen, die da aus Potsdam herüberschwappen. Schröder erinnert mich oft an M. Reich-Ranicki, ein knurriger, lebenserfahrener älterer Mann, dessen Aussagen im Kern durchaus Wahrheit beinhalten; wenngleich die Art und Weise, wie sie getätigt werden, nicht immer für Freude sorgt. Zumal in diesem speziellen Fall auch der Frust zu hören ist, daß die sorgsam aufgebauten Eigengewächse aus Potsdam immer häufiger nach Beendigung ihrer „Ausbildung“ den Absprung in die Bankenmetropole machen- daran sollte sich Herr Schröder aber gewöhnen. Die Rechtfertigungsversuche von SiDi wirken dennoch ein wenig hilflos- aber wenigstens wissen jetzt eine Menge mehr Leute, wer da am Sonntag aufeinander trifft. Ich bin gespannt, ob es die Antwort auf dem Platz gibt.

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  • Steffen sagt:

    Nadine Angerer und Ariane Hingst haben ihre Ausbildung schon lange beendet, jedenfalls wenn es um das Fußballerische geht. Sie sind zweimalige Weltmeisterinnen, die schon alles erreicht haben, sowohl in der Nationalmannschaft als auch bei Potsdam. Die wollen einfach zum Ende ihrer Karriere noch soviel wie möglich mitnehmen, und wenn der Hr. Dietrich die unbedingt haben will, verletzt oder nicht, wer sagt da nein. Ob es den Verein mittelfristig oder langfristig gut tut, wird sich zeigen, aber kurzfristig wahrscheinlich schon. So schlimm wie beim AC Mailand ist es ja noch nicht. 🙂 Ronaldo, Schewtschenko, Beckham, alles ehemalige Stars, die ihren Zenit schon lange überschritten haben.

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  • SOB sagt:

    Meine Meinung zu diesem hier diskutierten Thema ist, dass die Zukunft im FF sowieso ganz anders aussehen wird.
    Die Vereinsentwicklung zeigt, dass in naher Zukunft immer mehr Mannschaften in der Bundesliga spielen werden, die an einem Männerbundesligisten angeschlossen sind. Der Vorteil daran ist, dass dort schon die professinellen Strukturen vorhanden sind.

    Für mich sind sowohl der FFC Frankfurt mit dem Manager Dietrich als auch Turbine Potsdam mit Alleinunterhalter Schröder Auslaufmodelle.
    Hochachtung für die von beiden bisher geleistete Arbeit, aber insbesondere B. Schröder hat den Gang der Zeit glaube nicht erkannt. Und nun disqualifiziert er sich auch noch mit diversen Interviews.

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  • Pinguin sagt:

    Holla die Waldfee! Da lässt Bernd Schröder ja mächtig Dampf ab! Nicht gerade zimperlich, aber von der Sache her kann ich zB gut verstehen und finde o.k., dass er drauf aufmerksam macht, wie viele FFC-Stars bei ihm überhaupt erst groß geworden sind und wie es zum Titel-Abo beim FFC kam.

    Und in puncto Werbung für das Spiel macht ers auch richtig – bedenkt man, wieviel Presse beim Männerfußball jede Woche durch markige Sprüche vor und nach den Spieltagen gemacht und Aufmerksamkeit erzeugt wird …

    Andererseits denke ich hat Markus Juchem recht: Schröder setzt sein eigenes Team dadurch nur mehr unter Druck und motiviert den FFC, es ihm und auch allen Krisenrednern zu zeigen …

    Aber so wirds eben wirklich noch spannender – wenn schon das andere Gipfeltreffen leider abgesagt werden musste.

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  • Markus Juchem sagt:

    Tja, leider ist Turbine gegen Frankfurt ja auch bereits abgesagt worden. Schade!

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  • Pinguin sagt:

    Oh – wirklich schade!
    Und der Werbe- und auch Provokationseffekt fällt gleich mit ins Wasser …

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