Hertha BSC Berlin steigt in den Frauenfußball ein

Von am 4. Februar 2009 – 1.45 Uhr 2 Kommentare

Im offiziellen Fan-Forum von Männer-Bundesligist Hertha BSC Berlin finden sich bisher gerade einmal drei Einträge zum Thema Frauenfußball. Doch das dürfte sich bald ändern. Denn in der Bundeshauptstadt folgt man dem Trend der Zeit, bis zum Eröffnungsspiel der Frauenfußball-WM 2011 will man eine eigene weibliche Hertha-Mannschaft präsentieren. Den Weg dazu soll ein Kooperationsvertrag mit dem Regionalligisten 1. FC Lübars ebnen.

Noch fehlt der Mädchen- und Frauenfußball auf der Visitenkarte der Hertha gänzlich, doch seit Wochen treibt der Hauptstadtclub die Planungen intensiv voran. Vor zwei Tagen sollen die beiden Klubs Einigkeit über eine Zusammenarbeit erzielt haben, berichtet der Berliner Tagesspiegel.

Unterschrift nur noch Formsache
Die Zustimmung des Vereinsvorstands von Lübars soll am Donnerstag erfolgen und nur noch Formsache sein. „Ich rechne fest mit einer positiven Entscheidung“, sagt Klubchef Michael Reinke. „Unser Verein profitiert schließlich auch davon.“ Mittelfristig soll der in Berlin-Reinickendorf beheimatete 1. FC Lübars bei Hertha BSC Berlin eine neue Heimat finden. Eine von der Hertha gewünschte rasche Eingliederung lehnte man jedoch ab.

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„Einer sofortigen Übernahme hätten wir nicht zugestimmt“, sagt Reinke. Der Verein mit einer 40-jährigen Tradition im Frauenfußball liegt derzeit in der Regionalliga Nordost mit fünf Punkten Rückstand auf Tabellenführer Magdeburger FFC auf Platz sechs, sollte der Aufstieg gelingen, würde gemäß Vertrag Hertha die Kosten für den Spielbetrieb übernehmen.

Perspektive Bundesliga
Deswegen wird der 1. FC Lübars eine Lizenz für die zweite Frauenfußball-Bundesliga beantragen. Ein Unterfangen, das dem Verein bisher aufgrund der zu hohen Kosten zu teuer war. Durch die Maßnahme hofft man, von anderen Vereinen umworbene Spielerinnen im Verein halten zu können.  „Wenn wir nicht die Perspektive Bundesliga bieten können, werden wir diese Spielerinnen wohl verlieren“, so Reinke.

Bereits in der Vergangenheit hatte man bei der Hertha zaghafte Versuche unternommen, im Frauenfußball einzusteigen. Unter anderem scheiterte eine geplante Fusion mit dem 1. FFC Turbine Potsdam. Doch diesmal meint man es offenbar ernst. Wenn 2011 im Berliner Olympiastadion die Frauenfußball-Weltmeisterschaft eröffnet wird, soll dies nicht in einem Stadion erfolgen, in dem kein Frauenfußball gespielt wird.

Trend setzt sich fort
Hertha BSC Berlin ist der nächste einer ganzen Reihe von Bundesligavereinen, die den lange verschmähten Frauenfußball für sich entdeckt haben. Ein Trend, der mit dem SV Werder Bremen begann, sich mit den Kooperationen zwischen dem FC Schalke 04 und dem 1. FFC Recklinghausen sowie dem VfL Bochum und dem TuS Harpen fortsetzte. 2008 schluckte Bayer 04 Leverkusen den Zweitligisten TuS Köln rrh., um mit der übernommenen Lizenz direkt in der zweiten Liga starten zu können.

Nur noch bei zwei Bundesligisten – dem VfB Stuttgart und Borussia Dortmund – ist der Frauenfußball kein Thema. Derzeit herrscht vor allem in den WM-Spielorten rege Betriebsamkeit, denn mit den eigenen Vereinen soll die Bindung an den Frauenfußball verstärkt und die Aufmerksamkeit auf die WM 2011 erhöht werden. Doch auch der VfB Stuttgart und Borussia Dortmund dürften den Frauenfußball zukünftig nicht kampflos der Konkurrenz überlassen, wenn in ein paar Jahren wohl auch in der Champions League der Frauen gutes Geld zu verdienen sein wird.

Vielfältige Ziele
Bei Hertha hofft man kurzfristig vor allem, neue Mitglieder zu gewinnen, das Image aufzupolieren und positive Effekte für das Marketing zu erzielen. Die vor zwei Jahren gestartete Frauen-Website „Herthafreundin.de“ hatte nur für mäßige Impulse sorgen können. Hertha muss dank der bestehenden Lizenz des 1. FC Lübars nicht den langen Weg gehen, den etwa der SV Werder Bremen angetreten hat. Der Aufbau einer eigenen Mädchen- und Frauenfußball-Abteilung hätte nicht nur länger gedauert, sondern wäre zudem teurer gekommen.

Beim 1. FC Lübars freut man sich auf die Kooperation, obwohl sie langfristig das Verschwinden des Traditionsvereins zur Folge haben wird. „Jetzt können unsere Mädchen und Frauen locker und befreit aufspielen“, glaubt Reinke. Ab der Rückrunde bereits in Hertha-Trikots, (noch) mit dem Schriftzug 1. FC Lübars.

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Markus Juchem (49) schreibt seit 2003 über Frauenfußball, für Medien wie Womensoccer.de, UEFA.com, FIFA.com, DFB.de, FAZ, NZZ und Kicker.

2 Kommentare »

  • Markus Juchem sagt:

    Noch ist nichts in trockenen Tüchern, wie man folgendem Artikel entnehmen kann: http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2009/0205/sport/0065/index.html

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  • lucas sagt:

    „Hertha muss dank der bestehenden Lizenz des 1. FC Lübars nicht den langen Weg gehen, den etwa der SV Werder Bremen angetreten hat. Der Aufbau einer eigenen Mädchen- und Frauenfußball-Abteilung hätte nicht nur länger gedauert, sondern wäre zudem teurer gekommen.“

    Und genau das ist das Armselige daran! Pünktlich zur WM will man mal schnell ein paar Imagepunkte sammeln und setzt sich in ein gemachtes Nest. Das vielgeschmähte Hoffenheim hat sich trotz aller Investitionen im Männerbereich immerhin über Jahre hinweg durch die Ligen nach oben gearbeitet. Dieser Weg ist den Dortmunds und Herthas im Frauenbereich zu beschwerlich – schöne neue Fußballwelt. Bin ja mal gespannt, ob die ganzen Dortmund- oder Hertha-Fans dieser Art von Retorte ebenso kritisch gegenüber stehen wie dem Modell Hoffenheim!

    Für mich verliert der Frauenfußball durch diese neue Entwicklung und durch diese kalkulierte Instrumentalisierung ganz entschieden an Reiz.

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