Anja Mittag: “Bayern München ist nicht unschlagbar”

Von am 12. Dezember 2008 – 15.08 Uhr 4 Kommentare

Neun Tore hat Anja Mittag, Stürmerin des 1. FFC Turbine Potsdam, in dieser Saison bereits vor der Winterpause in der Frauenfußball-Bundesliga erzielt. Genauso viele, wie in der vergangenen Saison insgesamt. Dementsprechend groß ist das Selbstbewusstsein der 23-Jährigen vor dem Gastspiel des Tabellenzweiten bei Spitzenreiter Bayern München am Sonntag.

Im Interview mit Womensoccer.de spricht sie über die Stärke ihres Teams, den Reiz eines Wechsels ins Ausland und über die Kritik an den Leistungen der Nationalmannschaft.

Womensoccer.de: Frau Mittag, derzeit präsentieren Sie sich in einer glänzenden Form. Dafür muss es Gründe geben.

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Anja Mittag: Vielleicht ist der Knoten geplatzt. Manchmal trifft man fünf Spiele lang nicht, ohne zu wissen, warum. Dann schießt man in einem Spiel ein Tor und trifft plötzlich wieder regelmäßig. Es ist sicherlich auch eine Wechselwirkung. Viele Spielerinnen sind derzeit auf einem guten Niveau, wie etwa Babett Peter, Jennifer Zietz oder Isabel Kerschowski, die wichtige Tore geschossen oder vorbereitet haben. Alle Spielerinnen profitieren voneinander, alle sind in einer guten Form.

Womensoccer.de: Hat die Last-Minute-Teilnahme an den Olympischen Spielen bei Ihnen für einen zusätzlichen Kick gesorgt?

Mittag: Olympia war für mich eine positive Erfahrung, da ich im letzten Moment auf den Zug aufgesprungen und zum Einsatz gekommen bin. Gegen Nordkorea ist mir auch ein Tor gelungen.

Womensoccer.de: Jetzt geht es am Sonntag in der Bundesliga zum Topspiel nach München. Mit den Bayern haben Sie ja noch zwei Rechnungen offen. Beim letzten Spiel in München gab es eine 2:7-Abfuhr, zum Saisonauftakt haben Sie zuhause 0:3 verloren. Der Rückstand auf Bayern beträgt fünf Punkte – heißt es da „verlieren verboten“?

Mittag: Es wird auf jeden Fall eine spezielle Motivation sein. Bayern München ist auf keinen Fall unschlagbar. Es wird sich am Sonntag zeigen, wer besser ins Spiel kommt und wie wir drauf sind. Aber wir können sie schlagen. Mit einer Niederlage würden wir den Anschluss an die Spitze verlieren. Wir wissen, worum es geht und wir wollen unbedingt gewinnen. Acht Punkte Rückstand wären weniger gut.

Womensoccer.de: Sie und Ihr Team hatten zuletzt sechs Wochen Spielpause. Ist das nicht ein Nachteil?

Mittag: Ich glaube nicht, dass es ein Vorteil für Bayern ist, dass sie in der vergangenen Woche gegen Crailsheim gespielt haben. Beide Teams hatten Abstellungen zur U20-Weltmeisterschaft in Chile, man muss einfach mal abwarten.

Womensoccer.de: Alle reden in dieser Saison nur von München und Duisburg, Ein Vorteil für Turbine, das heimlich, still und leise konstant punktet?

Mittag: Vielleicht wurde dadurch auf uns weniger Druck entwickelt, möglicherweise kommt uns das zugute. Wir haben in dieser Saison auch ein gewisses Glück, dass uns in der Vorsaison manchmal gefehlt hat, wo wir oft späte Tore kassiert haben.

Womensoccer.de: Trotz Ihrer erst 23 Jahre gehören Sie zu den alten Hasen. Schmeckt Ihnen diese Rolle?

Mittag: Man muss in so eine Position hineinwachsen, manche werden vielleicht so geboren, und anderen fällt es schwerer. Ich versuche Verantwortung zu übernehmen, soweit das möglich ist und die jungen Spielerinnen ein wenig zu führen.

Womensoccer.de: Seit 2002 spielen Sie nun schon in Potsdam. Ihr Name fiel zuletzt im Zusammenhang mit der neuen US-Profiliga WPS. Ist das Ausland reizvoll für Sie?

Mittag: Ich habe in Potsdam Vertrag bis zum Sommer 2009, deswegen sind die USA jetzt noch kein Thema. Unabhängig von der offiziellen Liste wurden viele deutsche Spielerinnen angefragt, auch ich. Ein Wechsel ins Ausland wäre sicherlich für viele ein Traum, sei es in den USA oder einer anderen europäischen Liga zu spielen. Vor der WM 2011 ist es vielleicht aber ungünstig und besser, im eigenen Land spielen.

Womensoccer.de: Ab der kommenden Saison gibt es eine Champions League der Frauen, an der auch der deutsche Vizemeister teilnehmen wird. Gibt das eine Portion Extra-Movitation?

Mittag: Die Namensänderung finde ich gut. Es hört sich besser an, Champions League zu spielen. Das ist auch für uns und jede andere Mannschaft noch ein besonderer Anreiz, dass auch ein zweiter Platz reichen kann. Das ist verdient, denn auch der Zweite in Deutschland hat das Niveau, international mitzuhalten. Ich finde es gut, dass das Finale zukünftig in einem Spiel stattfinden wird. Aber für die Fans wird es schwieriger, die können ja nicht mal eben nach Mailand fliegen. Ob der Zuschauerzuspruch dann so groß ist, wird man abwarten müssen.

Womensoccer.de: Deutschland spielt 2009 bei der EM in Finnland in einer Gruppe mit Island, Frankreich, Norwegen. Mussten Sie nach der Auslosung ein wenig schlucken?

Mittag: Das ist auf jeden Fall die schwerste Gruppe. Norwegen spielt immer eine gute Rolle, Frankreich ist im Kommen und auch Island ist nicht zu unterschätzen. Das ist sogar ein Überraschungskandidat für die EM. Ich denke schon ein wenig an dieses Turnier, nach der Winterpause muss man ja bereits nach vorne schauen.

Womensoccer.de: Trotz der Bronzemedaille in Peking gab es zuletzt viel Kritik an den Auftritten der Nationalmannschaft. Können Sie diese Unzufriedenheit nachvollziehen?

Mittag: Man erwartet viel von einem Welt- und Europameister. Wir haben kein gutes Turnier gespielt und hätten die Goldmedaille rein spielerisch nicht verdient. Manche Rädchen haben diesmal einfach nicht so ineinander griffen, das Passspiel war nicht so gut. Wir können aber mit der Bronzemedaille zufrieden sein, denn man kann nicht immer gewinnen, die Konkurrenz ist stark geworden.

Womensoccer.de: Zurück zur Bundesliga – Ihr Tipp für Sonntag?

Mittag: 2:1 oder 3:1 für uns!

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Markus Juchem (49) schreibt seit 2003 über Frauenfußball, für Medien wie Womensoccer.de, UEFA.com, FIFA.com, DFB.de, FAZ, NZZ und Kicker.

4 Kommentare »

  • Jarmusch sagt:

    In „Sport im Osten“ gibt es im MDR am Sonntag, 14.12.08, ab 16:30 Uhr, einen Bericht/ein Porträt über/von Anja Mittag:

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  • Detlef sagt:

    Ein schönes Interview mit ANJA! Sie ist fast wieder auf dem Level, wie zu ihren besten Zeiten! Es wird vor allem auf ihren Torinstinkt ankommen, und ihre tollen Vorlagen! An ANJA können sich die Youngster wie ISY, JESSY, TABI, und LOUIS orientieren! An ihrer Seite können sie weiter reifen!

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  • Pinguin sagt:

    Es ist Anja Mittag wirklich zu gönnen, dass bei ihr „der Knoten geplatzt“ ist! Wäre auch für die Natio gut, wenn sie demnächst da noch mehr als Torjägerin in Erscheinung tritt, dass sie das Potential hat, weiß man ja seit langem.

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  • Detlef sagt:

    Naja, war ja ganz nett der Beitrag! Hatte mit Fußball zwar nicht so viel zu tun, aber zumindest wissen die Leute in Sachsen jetzt, daß es auch eine Landsfrau von ihnen bis in die Natio geschafft hat!

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