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Wird die US-Profiliga WPS das Gesicht des europäischen Frauenfußballs verändern?

Von am 19. November 2008 – 9.49 Uhr 15 Kommentare

Ab April 2009 soll ein neuer Anlauf unternommen werden, in den USA professionellen Frauenfußball auf einer wirtschaftlich tragfähigen Basis zu betreiben. Die Women’s Professional Soccer (WPS) hat seit langem etwas großspurig angekündigt, wie schon die 2003 Konkurs gegangene US-Profiliga WUSA, die besten Spielerinnen der Welt aufbieten zu wollen. Doch von diesem Vorhaben ist man derzeit noch weit entfernt, Europas Topspielerinnen zeigen nur mäßiges Interesse. 

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Kaum ein Tag vergeht momentan, an dem nicht eine neue Wasserstandsmeldung zum geplanten Wechsel der brasilianischen Weltfußballerin Marta zu Los Angeles Sol veröffentlicht wird. Doch während Marta zunächst bei Umeå IK eine Frist auf Vertragsverlängerung verstreichen ließ und ein Wechsel in die WPS bereits so gut wie in trockenen Tüchern schien, ziehen sich die Verhandlungen hin.

Vor allem offenbar deswegen, weil Marta immer neue Forderungen auf den Tisch legt. So soll sie über Manager Fabiano Farah nicht nur annähernd eine Million Dollar Jahresgehalt fordern, sondern auch eine Garantie, diese Summe über drei Jahre zu erhalten, selbst falls sie krank oder verletzt sein sollte oder die WPS gar frühzeitig wieder ihre Pforten schließen würde.

Zugpferd Marta
„Marta in der Liga zu haben, wäre großartig“, sagt US-Nationalspielerin Shannon Boxx, doch sie meint: „Alle internationalen Spielerinnen werden für die Liga wichtig sein, es wird eine tolle Mischung werden. Es gibt eine Menge großartiger Spielerinnen es wäre nicht fair zu sagen, dass alle sich nur wegen Marta ein Spiel anschauen werden.“ Anders sieht das allerdings LA Sols zukünftiger Trainer Abner Rogers: „Sie ist eine sehr, sehr außerordentliche Spielerin. Sie kann Dinge machen, wie kaum eine andere auf der Welt. Sie wäre es, die die Leute von den Sitzen reißen würde.“

Doch selbst wenn der Marta-Wechsel erwartungsgemäß noch über die Bühne gehen sollte – von einer echten Weltliga ist die WPS derzeit meilenweit entfernt. Beim so genannten „International Draft“ Ende September wurden gerade einmal eine Handvoll europäischer Spielerinnen bzw. in Europa aktiver Spielerinnen ausgewählt: Kelly Smith, Sonia Bompastor, Lotta Schelin, Lisa deVanna, Karen Carney, Louisa Nécib, Margret Lara Vidarsdottir und Caroline Jönsson. Und selbst bei diesen steht lange noch nicht fest, ob sie dem Ruf in die USA folgen werden.

WPS finanziell nicht attraktiv?
Die Abwanderungsgelüste europäischer Spielerinnen halten sich aus mehreren Gründen in Grenzen. Zum einen fällt 2009 die Endphase der WPS-Saison terminlich mit der Europameisterschaft in Finnland zusammen. Zum anderen glaubt etwa Frankfurts Manager Siegfried Dietrich, dass die WPS „finanziell nicht so sehr interessant“ ist und auch Spielplananpassungen daran nicht viel ändern werden. „Es gibt auch noch einen Marktwert außerhalb des Spielfelds“, so Dietrich. „Die deutschen Spielerinnen sollten letztendlich bis 2011 in Deutschland bleiben“, so seine Empfehlung.

Anders sieht dies WPS-Chefin Tonya Antonucci: „Die Gehaltsstruktur wird immer noch gut genug sein. Außerdem können sich die Spielerinnen hier sicherlich noch weitere Einnahmequellen im Umfeld erschließen.“ Alle potenziellen Frankfurter Abwanderungskandidatinnen, wie etwas Alexandra Krieger und India Trotter, hat Dietrich sicherheitshalber vertraglich über die Saison hinaus bis 2010 gebunden. 

Zahlreiche Abgänge bei Arsenal?
Mehr Sorgen macht man sich hingegen in anderen Ländern, so etwa in England. Bei Arsenal will man nicht zuletzt nach der bitteren 0:6-Klatsche bei Umeå IK, die das frühzeitige Viertelfinal-Aus im UEFA-Pokal bedeutete, schnelle Planungssicherheit. Bis zum vergangenen Montag sollten potenziell wechselwillige Spielerinnen Trainer Vic Akers ihre Entscheidung mitteilen. „Wenn sie sich für die USA entscheiden, sind sie ab Januar weg, das lässt mir nicht viel Zeit, Ersatz zu finden“, so die Begründung von Akers.

Gleich vier Spielerinnen könnte Akers an die WPS verlieren. Karen Carney und Alex Scott sind bei den Chicago Red Stars im Gespräch, Stürmerin Kelly Smith und die irische Torhüterin Emma Byrne stehen auf der Wunschliste der Boston Breakers. Carney meint: „Die Verhandlungen laufen noch nicht lange, ich kann jetzt noch gar keine Entscheidung bekannt geben. Den anderen dürfte es nicht anders gehen.“

Gelassenheit bei Chelsea
Auch zwei Spielerinnen von Chelsea FC stehen auf der Wunschliste der WPS. Verteidigerin Anita Asante wird von den Sky Blue in New York umworben, Stürmerin Eniola Aluko von St. Louis. „Wir schieben keine Panik“, sieht Blues-Manager Steve Jones den Verhandlungen seiner Schützlinge gelassen gegenüber.

Es bleibt abzuwarten, wie viele europäische Spielerinnen letztendlich wirklich in die WPS gewechselt sein werden, wenn die Liga in rund fünf Monaten mit sieben Teams ihren Spielbetrieb aufnehmen wird. Doch eines scheint schon jetzt festzustehen: Einen Exodus haben die europäischen Topligen nicht zu befürchten.

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Markus Juchem (49) schreibt seit 2003 über Frauenfußball, für Medien wie Womensoccer.de, UEFA.com, FIFA.com, DFB.de, FAZ, NZZ und Kicker.

15 Kommentare »

  • moya sagt:

    ich verstehe ja immer noch dieses draft-geschehen nicht recht. soweit ich das nachlesen konnte, haben sich da vereine quasi über ihre wunschlisten verständigt. also ist klar, zu welchem verein die kandidatinnen gehen würden, aber nicht, ob sie überhaupt die absicht haben.
    allerdings lief doch mindestens schon ne zweite runde des internationalen drafts. Ingvild Stensland zumindest steht bei St. Louis auf der liste, etc.

    ich bin ja mal gespannt, wie das weitergeht. wäre schon interessant nochmal eine profiliga zu sehen. aber für die europäische beteiligung muss ja immer noch der spielplan angepasst werden. oder war das mit der nationalmannschaftsvereinbarkeit nur ein deutsches problem?

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  • Markus Juchem sagt:

    Hallo moya, in der Theorie wollte man mit den Drafts ursprünglich verhindern, dass ein zu großes Gefälle in der Liga herrscht. Wenn man sich jetzt aber mal die Teams anschaut, wurde die Theorie wohl schon von der Realität überholt.

    Das sind wirklich nur Wunschlisten, in vielen Fällen dürfte es auch unwahrscheinlich sein, Spielerinnen in die USA zu locken. Z. B. Schelin, die grundsätzlich gerne wechseln würde, aber in Lyon sicherlich inzwischen gutes Geld verdient.

    Das Problem mit dem Spielplan betrifft alle EM-Teilnehmer gleichermaßen. Man muss da auch mal abwarten, wohin man die Termine überhaupt schieben will. Ich bin da eher ein wenig skeptisch.

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  • Ruhrschnellweg sagt:

    Die Skepsis ist angebracht, zumal manche sicherlich in letzter zeit noch vorsichtiger geworden ist: die Zeiten des raschen Geldes sind in den USA ausserhalb der Top-Sportarten mit entspr. Einschaltquoten mglw. eher vorbei. Bleibe im Land und nähre Dich redlich, mag die Devise sein für alle, die sich vielleicht auch noch in zwei Jahren entschließen könnten… und dann schauen, ob’s die US-Liga noch gibt.

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  • djane sagt:

    Mann mann mann, also Marta wird einem ja auch immer unsympathischer. Erstaunlich, daß es trotzdem Vereine gibt, die sie anscheinend unbedingt haben wollen. Solche Vertragsbedingungen dürften doch für große Verstimmungen innerhalb einer Mannschaft sorgen, und gerade bei solchen Retortenvereinen sollte ein gewisser Teamgeist vorhanden sein- auf Tradition kann man ja in diesem Fall nicht bauen.
    Blöde Frage, aber gibt es eigentlich ein Pan-Amerikanisches Equivalent zum UEFA-Cup der Frauen bzw. ist so etwas geplant ? Wenn nicht, gäbe es für die Vereinsspielerinnen ja keinerlei Möglichkeit, auch mal international zu spielen (von den Länderspielen der jeweiligen Spielerinnen sowie EM/WM mal abgesehen)

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  • Max Diderot sagt:

    Es ist ja nicht so, dass es in den USA nicht auch Alternativen geben könnte zu dem geplanten Projekt WPS. Die dortigen Colleges und Univeritäten verfügen teilweise über ansehnliche finanzielle Mittel und Erfahrung mit Teams in populäreren Sportarten. Angesichts dieses Umstandes sowie der sehr guten Nachwuchsarbeit im amerikanischen Frauenfußball ist es für mich eh ein Rätsel, weshalb nicht die dezentere Schiene bevorzugt wird. Aber hier kommen, ähnlich jener Situation in vielen europäischen Ländern, die Medien ins Spiel, bei denen viele einen irrational anmutenden Starkult und die damit einhergehende Trivialität pflegen sowie häufig den eigentlichen Sachverhalt vernachlässigen. Showbiz vs Substanz!

    Speziell Spielerinnen und Spieler aus der südamerikanischen Region, mittlerweile hat sich der Trend aber auch in anderen Teilen durchgesetzt, sind Investitionsobjekte. Man könnte auch von einer modernen Form der Sklavenhaltung sprechen. Die Akteure werden an vermögende Einzelpersonen oder kryptisch anmutende und neu installierte (zumeist für Fußball-Investments) Unternehmen verkauft, die in der Folge deren Vertragsverhandlungen führen und dadurch den finanziellen Rahm von der Milch abschöpfen. Eine Marta wird fußballerisch auf dem Platz begeistern, aber abseits dessen dürfte sie eher die Funktion einer Marionette als einer aktiv handelnden Protagonistin einnehmen.

    Nach meinem Kenntnisstand gibt es in Süd- und Latein-Amerika keinen vergleichbaren Wettbewerb im Frauenfußball auf Vereinsebene wie ihn in Europa der UEFA-Cup darstellt. Mir sind auch keine diesbezüglichen Projekte bekannt. Es gibt für die Nationalmannschaften den Copa Sudamericano respektive den Women’s Gold Cup für die restlichen Regionen Amerikas. Einige indianische Urvölker (vorwiegend im Norden Südamerikas) treffen sich zu alljährlichen Stammeswettkämpfen. Dabei gibt es auch Fußballspiele zwischen Frauen, die aber in ihren tradionellen Gewändern antreten und oftmals die Spielstätte nur mittels beschwerlichen Fußmärschen erreichen. Überwiegend handelt es sich dabei um Regionen in den Hochgebieten der Anden (Peru, Bolivien u.a.).

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  • netcruiser sagt:

    Laut Kicker vom 12.11.08 wollen auch Natze und Ariane in die USA wechseln. Derzeit prüfen die Manager wie ein Wechsel mit den Nationalmannschaftsplanungen zu vereinbaren ist.
    http://www.kicker.de/news/fussball/frauen/startseite/artikel/500162

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  • Markus Juchem sagt:

    @netcruiser: Irritierend sind die widersprüchlichen Aussagen von Siegfried Dietrich, der einerseits deutschen Spielerinnen vom Wechsel in die USA abrät, andererseits aber für Nadine Angerer einen Verein in der WPS finden will. Mal abwarten, wo sie letztendlich landen wird, vielleicht ja auch in Frankfurt… 😉

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  • Markus Juchem sagt:

    @Max: Man darf nicht vergessen, dass in Südamerika der Frauenfußball noch in den Kinderschuhen steckt. Deswegen wäre es auch zu früh, einen kontinentalen Wettbewerb ins Leben zu rufen. Dafür gibt es einfach noch zu wenige leistungsstarke Vereine. Aber ich denke, der Grundstein ist gelegt.

    Der erste Auftritt der U20-Mannschaft Chiles gegen England hat mich sehr zuversichtlich gestimmt. Trotz der Niederlage hat die chilenische Elf einen sehr engagierten, und durch ansehnlichen Auftritt abgeliefert.

    Nach und nach gilt es in den Ländern Südamerikas auch noch vorherrschende Vorurteile abzubauen. Ich hatte den Frauenfußball in Südamerika vor einigen Jahren mal in einer Beitragsserie für FIFA.com thematisiert. Hier einfach mal ein paar Links, auch wenn manche Entwicklung inzwischen natürlich vorangeschritten ist.

    http://de.fifa.com/aboutfifa/developing/women/news/newsid=102264.html#mit+gezielten+maßnahmen+entwicklung+vorantreiben

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  • djane sagt:

    auf dieser WPS-Liste steht interessanterweise auch Anja Mittag aus Potsdam, auf die scheint man dort auch erpicht zu sein…

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  • Markus Juchem sagt:

    Ja, da hat Schröder aber ja schon vor ein paar Wochen sein „No Go“ gegeben. Sie hat ja wohl Vertrag bis Sommer 2009.

    Ich weiß auch nicht, ob bei allen Spielerinnen, die sich haben draften lassen, ernsthaftes Interesse besteht. Einige haben – so habe ich zumindest gehört – das wohl auch nur gemacht, um ihren Marktwert etwas aufzupolieren.

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  • djane sagt:

    Die Aussagen von Dietrich machen dann etwas Sinn, wenn man konstatiert, daß es sich für „ältere Spielerinnen“ durchaus lohnen könnte, ein sanftes Karriereende im Ausland anzupeilen. Jemandem, der Anfang/Mitte 20 ist würde ich auch nicht unbedingt zu einem Wechsel in die USA raten, dazu steckt die Sache noch zu sehr in den Kinderschuhen.

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  • Max Diderot sagt:

    Die Zahl der in Frage kommenden europäischen Spielerinnen („WPS playing rights assigned to …“) hat sich zwischenzeitlich auf 15 erhöht. Übrigens erscheint auch Anja Mittag auf dieser Liste.

    Die personelle und logistische Entwicklung scheint einen Grad angenommen zu haben, der als seriös betrachtet werden kann. Interessant ist auch, dass sich ein Unternehmen der Murdoch-Gruppe, nämlich Fox-Sports, dieses Unterfangens televisionär annehmen will. Gleichzeitig hat sich aber ein Kolumnist dieser Gruppe, Jamie Trecker, noch am 18. September 2008 sehr kritisch mit dem WPS-Projekt auseinander gesetzt.

    Es scheint spannend zu sein, ob und wie sich dieses Unternehmen realisieren lässt. Der amerikanische Pragmatismus würde auch nicht halt machen vor einem etwaigen Stopp der Liga, wenn sich wenige Sekunden vor Anpfiff der ersten Partie keine adäquate Refinanzierung gestalten ließe. Und gerade dieser Aspekt dürfte in Anbetracht der aktuellen Finanzkrise in den USA und der Welt möglicherweise einen stärkeren Einfluss nehmen als zuvor gedacht.

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  • djane sagt:

    laut http://www.bild.de (zugegeben nicht so die seriöseste Quelle) hat der 1. FFC Frankfurt Ariane Hingst verpflichtet. Die wäre also schon mal keine Kandidatin für die WPS….

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  • Max Diderot sagt:

    Hallo Markus, wo ist denn mein Beitrag verblieben, zwischen dem dritt- und vorletzten von djane publiziert und eine zeitlang mit dem Hinweis „wartet auf Freischaltung“ versehen. Memento mori?

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