Umeå weiter das Maß aller Dinge

Von am 30. Oktober 2008 – 12.10 Uhr 2 Kommentare

Der alte und neue schwedische Frauenfußball-Meister heißt Umeå IK. Lange rannte das Team von Trainer Andrée Jeglertz einem Punkterückstand hinterher, den man vor allem der Heimniederlage gegen Linköping (2:3 in der Nachspielzeit) zu verdanken hatte. Im Rückspiel auf dem Folkungavallen von Linköping ging es dann für Umeå um alles oder nichts. Und der Montagabend Anfang September geriet dann zur Marta-Show.

Die ersten beiden Tore bereitete die Brasilianerin vor, das dritte machte sie selber und als dann noch Nationalstürmerin Madelaine Edlund auf 4:0 erhöhte, war aus dem vermeintlichen Goldkandidaten Linköping vollends die Luft raus. 9.413 Zuschauer (neuer Rekord für die Damallsvenskan) sahen dann noch den Ehrentreffer von Jessica Landström, der lediglich Ergebniskosmetik war. Sie haben Vinnarskallar“ (Siegerschädel), diesen Ausdruck hört man oft, wenn man Spieler und Trainer nach dem Geheimnis hinter den Erfolgen von Umeå IK fragt.

Cristianes Fehlen schwächt Linköping
Linköpings vielleicht entscheidender Fehler war, dass man es nicht vermochte, Brasiliens Weltstar Cristiane nach den Olympischen Spielen zurückzuholen. Als das Team Ende September seine letzte Chance hatte, auswärts bei Emporkömmling AIK in Solna, und nach einer Stunde mit 0:3 zurücklag (AIKs Verteidigerin Frida Höglund erzielte dabei mit einem Schuss in den Winkel aus 35 Metern wohl das Tor des Jahres in Schweden), hatte Coach Daniel Pettersson auf der Bank keine Alternative mehr, das Spiel noch zu drehen. Zwar kam man auf 2:3 heran, aber in der Meisterschaft war eine Vorentscheidung gefallen.

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Zur Meisterschaftsfeier am letzten Spieltag lud UIK die Fans mit freiem Eintritt zum Spiel gegen Absteiger Bälinge ein. An diesem Tag spielte das ganze Team für Marta, der es gelang, beim 11:1-Kantersieg den Rückstand in der Torschützenliste auf die verletzte Niederländerin Manon Melis (LdB Malmö) aufzuholen. Sechs Tore von Marta führten zum 23:23-Gleichstand am Ende. Für Bälinge nicht nur der bittere Abstieg, sondern auch das letzte Spiel überhaupt. Der Verein geht in Konkurs – Spitzenfußball in Uppsala gehört damit der Vergangenheit an.

Weltfußballerin Marta und Teamkollegin Mami YamaguchiMarta vor Absprung in die USA
Nun hat die „silly season“ begonnen, Spielerinnen wechseln die Vereine und allenthalben rechnet man damit, dass Marta im November gegen Arsenal ihre letzten beiden Begegnungen für Umeå spielen wird. Los Angeles lockt mit angeblich 400.000 US-Dollar Jahresgehalt in der neuen Liga mit nur sieben Vereinen. Die Brasilianerin hat die Bedingung gestellt, ihre Freundin Johanna Frisk (Innenverteidigerin bei UIK) mitnehmen zu dürfen und Anfang der Woche hat man in den USA dazu ja gesagt. Man werde alles tun, um es der Weltfußballerin so bequem wie möglich zu machen.

Umeå hat Marta bis Ende Oktober Zeit gegeben, danach werde man mit anderen Alternativen weiterarbeiten. Aber gibt es einen Ersatz für Marta? Australiens „pocket rocket“ Lisa DeVanna (AIK) flog Ende letzter Woche zu einem Blitzbesuch nach Umeå, sie soll vielleicht die Lücke füllen, die man eigentlich nicht füllen kann. Umeå bei einem Weggang Martas abzuschreiben, wäre indes ein fataler Fehler. Man hat nach wie vor eine fast perfekte Organisation und einen Kader voller Weltklassespielerinnen.

Neue Talente am Horizont
Bleiben werden die Dänin Johanna Rasmussen, die 2008 zu den stärksten Neuzugängen der Liga zu zählen ist und auch Martas Landsfrau Elaine, die zwar aufgrund eines schweren Kreuzbandrisses das ganze Jahr nicht spielen konnte, aber jetzt wieder fit ist. Lotta Schelin, ein weiterer Star, verließ unter der Saison die Liga Richtung Frankreich. Dennoch wachsen beeindruckende Talente nach, die den schwedischen Frauenfußball allmählich eine mehr technisch orientierte Spielweise bringen könnten.

Zu nennen sind hier vor allem drei Spielerinnen, die Nationaltrainer Thomas Dennerby in den beiden bedeutungslosen EM-Qualifikationsspielen gegen Rumänien und Irland debütieren ließ. Zwei davon haben ganz unschwedische Namen, auch das ein neuer Trend: Kosovare Asllani (Linköping) und Nazanin Vaseghpanah (Hammarby) sowie Louise „Lollo“ Fors (AIK). Fors ist wohl das größte Talent im schwedischen Mittelfeld, sie hat in dieser Saison enorme physische Fortschritte gemacht. Vaseghpanahs Vorbild heißt Maradona und Asllani zeigte ein beeindruckendes Debüt gegen Rumänien.

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24 Punkte Rückstand für Djurgården
Der „deutsche“ Verein Djurgården mit Nadine Angerer, Ariane Hingst und Jennifer Meier hatte vor der Saison viele Abgänge zu verzeichnen und beendete die Saison auf Rang fünf mit 24 Punkten (!) Rückstand auf Umeå. Und hat dennoch Potential. Die beiden Spiele in der Liga gegen den neuen Meister endeten 2:2 und 3:3 (wobei Djurgården bei dieser Partie mit 3:2 in Umeå führte, bis deren Keeperin Ulla-Karin Rönnlund mit dem Knie in der 94. Minute ausglich) und im Pokalhalbfinale führte Djurgården daheim gegen Umeå gar mit 3:1, um am Ende mit 3:4 nach Verlängerung zu verlieren. Die entscheidenden beiden Tore für den Meister erzielte – Marta. Am Samstag spielen Linköping und Umeå am Folkungavallen den letzten Titel der Saison aus – den des schwedischen Pokalsiegers.

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2 Kommentare »

  • Markus Juchem sagt:

    Rainer, war es denn für Linköping wirklich gar nicht zu stemmen, Cristiane nach den OS wieder zurück zu holen? Lag das an der Arbeitsgenehmigung?

    Asllani und Fors habe ich beide bei der U19-EM gesehen, Zweitere war sehr präsent im Mittelfeld, auch im Spiel gegen Deutschland. Leider war sie im Halbfinale gegen Italien gesperrt. Ich habe in Frankreich eine kleine Story über sie geschrieben. Damals hat sie schon gesagt, dass sie sehr stark an ihrer Athletik arbeitet. Sie macht einen extrem ehrgeizigen Eindruck und hat die gewisse Portion Arroganz, die manche offenbar brauchen, um es weit zu bringen.

    http://www.uefa.com/competitions/wunder19/news/kind=1/newsid=731938.html

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  • Rainer sagt:

    @Markus: Nein, es lag nur am Geld. Arbeitsgenehmigung wäre kein Problem gewesen. Aber sowohl Daniela wie Cristiane hatten einen sog Künstlervertrag von April – vor Olympia. Das bedeutet, dass der Verein für beide keine Sozialabgaben zahlen musste, das sind noch mal +30% zum Gehalt. Bei Rückkehr wurden die Bedingungen des Künstlervertrags hinfällig und somit auch ab April rückwirkend Sozialabgaben fällig. Das konnte man sich nur für eine Frau leisten und man entschied sich für Daniela, die wohl insgesamt auch besser war. Aber man hätte Cristiane als schlagkräftige Alternative gebraucht. Bei Umeå hat übrigens auch die Japanerin Mami Yamaguchi eine Klasse-Saison hingelegt.

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