Fünf Røa-Spielerinnen erklären Rücktritt aus Nationalelf

Von am 24. Oktober 2008 – 1.05 Uhr 6 Kommentare

Meuterei auf der Bounty: Während sich in Deutschland gerade Bundestrainer Joachim Löw, Kapitän Michael Ballack und Torsten Frings ein Duell um die Macht in der Nationalmannschaft liefern, haben in Norwegen gleich fünf Spielerinnen des frisch gebackenen Meisters Røa IL erklärt, bis auf weiteres nicht mehr in der Nationalelf spielen zu wollen.

Marie Knutsen, Siri Nordby, Guro Knutsen, Marit Fiane Christensen und Lene Mykjåland schrieben in einer gemeinsam verfassten Presseerklärung: “Das Vergnügen, in der Nationalmannschaft Fußball zu spielen, war in letzter Zeit nicht besonders hoch und wir wissen, dass wir mehr opfern, als wir zurück bekommen.”

Berntsen unter Druck
Trainer Bjarne Berntsen steht im Kreuzfeuer der Kritik. Er soll den Spielerinnen unter anderem vorgeworfen haben, nicht genügend Opfer für ihren Sport zu bringen. Darüber hinaus sollen sich zahlreiche Spielerinnen an seinem autoritären Führungsstil stoßen.

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„Wir brauchen Führungspersonen, die das Beste aus jedem Einzelnen und dem Team herausholen können. Leider deckt sich dies nicht mit unserer Wahrnehmung, seit wir zur Nationalelf gehören“, so das Quintett in der Erklärung weiter.

Wiik: Verständnis für beide Seiten
Asker-Spielerin Melissa Wiik gibt den fünf Spielerinnen Rückendeckung. „Ich denke, der Übergang vom Männer- zum Frauenfußball war groß für Bjarne. Nicht alle mögen einen autoritären Trainer. Aber wir sollten lernen, ein dickeres Fell zu bekommen und mit Kritik besser umzugehen.“

Der norwegische Fußballverband (NFF) drängt nun auf eine schnelle Aussprache der fünf Spielerinnen mit Berntsen. In einer Erklärung heißt es: „Bjarne Berntsen und sein Assistent Pål Arne Johansen bedauern, dass fünf Spielerinnen nicht mehr im Nationalteam spielen wollen und die beiden werden sie zu einem Treffen einladen, um eine Lösung des Problems zu finden.“

Verhärtete Fronten
Berntsen erklärt: „Es sind fünf gute Spielerinnen. Es wäre also bedauerlich, wenn sie nicht weiterspielen würden.“ NFF-Generalsekretärin Karen Espelund sagt, sie habe Vertrauen, dass das Team-Management die Situation zu einem guten Ende bringen werde. Doch nur wenig deutet derzeit auf eine einvernehmliche Lösung hin.

 „Ich werde meine Meinung nicht ändern“, so Marit Fiane Christensen. Und Siri Nordby meint süffisant: „Es war eine Überraschung, dass er nach dem Abschneiden bei den Olympischen Spielen nicht gehen musste.“ Berntsen kontert: “Wir haben in diesem Jahr die weltbesten Teams geschlagen. Sollen andere beurteilen, ob meine Arbeit gut genug ist.”

Gulbrandsen: Berntsen muss gehen
Ragnhild Gulbrandsen, die nach der WM im Vorjahr ihren Rücktritt erklärt hatte, sagt: „Ich bin nicht überrascht. Das stand schon länger zur Debatte.“ Der NFF müsse Berntsen nun als Nationaltrainer ersetzen, wenn man die Frauen ernst nehmen wolle. Berntsens Vertrag wurde aber erst vor kurzem verlängert, er läuft bis Ende 2009.

Doch es scheint dennoch fraglich, ob die Fünf den Matchkampf gegen Berntsen gewinnen können, so lange sich nicht weitere Spielerinnen öffentlich gegen den Trainer aussprechen.

Ein neuer Fall Pellerud?
Vor zwei Jahren gab es in Kanada Probleme zwischen dem norwegischen Trainer Even Pellerud und drei kanadischen Spielerinnen. Das Ergebnis: Die Drei spielten nie wieder in der Nationalmannschaft, Pellerud ist inzwischen nicht mehr Trainer der Ahornblätter, dem Team hat die damalige Entwicklung eher geschadet als genützt.

Der Vertrag des früheren US-Trainers Greg Ryan wurde hingegen nach einem internen Streit mit Torhüterin Hope Solo nicht mehr verlängert. Man darf gespannt sein, zu wessen Gunsten das Machtwort des NFF ausfallen wird. Zu beneiden ist der Verband um die Entscheidung nicht.

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Markus Juchem (49) schreibt seit 2003 über Frauenfußball, für Medien wie Womensoccer.de, UEFA.com, FIFA.com, DFB.de, FAZ, NZZ und Kicker.

6 Kommentare »

  • Steffen sagt:

    Das wäre ein herber Schlag gegen die norwegische Nationalmannschaft, wenn diese 5 Spielerinnen nicht mehr für Norwegen spielen würden, nicht nur spielerisch. 🙂 Außergewöhnlich ist, dass sie es nach vorheriger Absprache gemeinsam tun. Ob sie Recht haben oder nicht, ist wie bei Ballack und Löw, es wird nur Verlierer geben. Ich erinnere da an Lise Klaveness, die nach der WM auch aufgehört hat, weil sie mit dem Führungsstil von Berntsen nicht einverstanden war und nie wieder unter ihm spielen wird.

    Wenn sie wirklich nicht mehr für Norwegen spielen, könnten sie ja für uns spielen. 🙂

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  • djane sagt:

    Hm, interessant- zumal es ja nicht gerade schlechte Spielerinnen sind.
    Ich bin nicht unbedingt ein Freund von öffentlichen Meutereien, wobei ich es noch verständlicher finde, wenn gemeinsam ein Bief unterzeichnet wird als in jedes verfügbare Mikro zu heulen „Ich finde, der Trainer sollte mir mehr Respekt zeigen“.
    Der Ausgang dieser Art der Diskussion ist oft genauso vorhersehbar wie das Hornberger Schießen. Wenn ich da an die Konflikte in unserer Frauen-Natio in der Vergangenheit denke (Voss/TTM, Grings/Neid oder Bresonik/TTM), so hat nur letztere nach teilweise auch öffentlich ausgetragenen Querelen wieder den Sprung auf den Natio-Zug geschafft. Es hängt also auch davon ab, wie gefestigt der Trainer in seinem sportlichen Umfeld ist- wie auch immer diese Diskussion ausgehen wird, ich hoffe, die fünf gehen der norwegischen Mannschaft nicht für immer verloren, das wäre wirklich schade.

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  • ViolA sagt:

    ich denke das problem bei löw, ballack und frings ist ein anderes als bei den damen hier. ich unterstütze löws verhalten, weil das ziel der mannschaft nicht heißen kann, nur die alten zu ehren und den rest zu vergessen. sie erbringen mit ihrer erfahrung auf jeden fall einen unschätzbaren dienst und da ihre körperliche leistung für die natio noch ausreicht, sind sie auch weiterhin bei der natio dabei. und das ist auch wichtig. die erfolge in der nationalmannschaft und die erfahrung können aber nicht alles sein. schon gleich gar nicht, wenn die spieler dann darauf pochen und das zum argument für einen stammplatz machen. wir haben gesehen wohin wir gefahren sind mit all den betagten spielern. das sehen wir nun auch bei italien. das hat nicht einmal unbedingt etwas mit der körperlichen leistung zu tun sondern auch damit, dass sich der fußball einfach weiterentwickelt. und es muss eine gute mischung zwischen alt und jung da sein, wie wir ja alle wissen, wenn man international mithalten will.
    kurzum, frings und ballack sind wichtig für das team, aber sie sollten sich selbst nicht vor die mannschaft stellen.

    bei den damen aus norwegen liegt der fall ja deutlich anders und auch ich bin gespannt wie sich das ganze entwickeln wird. ich kann mir gut vorstellen, dass der verband über kurz oder lang den trainer absägen wird – vermutlich auch nachdem noch weitere spielerinnen befragt worden sind. wenn das gefüge nicht zusammenpasst und die leistungsunterschiede zu groß sind um einfach andere spielerinnen in die nationalmannschaft zu berufen, dann wird zwangsläufig der trainer gehen müssen. ansonsten haben sie kaum eine chance ihre gesteckten ziele erreichen zu können.
    natürlich könnte man auch sagen, wir verzichten auf die spielerinnen, aber da es ja nicht das erste mal ist, dass probleme mit dem trainer auftreten tippe ich darauf, dass er gehen muss.

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  • Rainer sagt:

    Bjarne Berntsen muss endlich weg. Sein Führungsstil gehört der Vergangenheit an. Wie er letztes Jahr mit der grossartigen Lise Klaveness umgesprungen ist, hat ihn schon völlig disqualifiziert.

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  • moya sagt:

    ist natürlich schwierig, sich mit so wenig informationen intelligent zu äußern. aber anhand der 2 sätze aus dem brief zu urteilen, liegt die situation ja wirklich ganz anders als bei den deutschen national-herren. da wird öffentlich die beleidigte leberwurst gespielt, weil ein angeblich verdienter rumpelfußballer mal zukucken musste und dann werden völlig sinnentleerte respektsphrasen hin-und hergedroschen. das ist nur noch lächerlich.
    die 5 frauen haben ja scheints nur ihren rücktritt erklärt. da ist verständlich, dass das über die medien geht, wenn ein viertel der nationalmannschaft aufhört. und dazu ne gemeinsame erklärung zu verfassen klingt vernünftig. zumal darin scheints kein erpressungsversuch enthalten war, nach dem motto: „verband, entlass den trainer und ihr habt uns wieder.“ das wär auch wieder unprofessionell. so sind fakten geschaffen und der ball ist beim verband, der für die chose verantwortlich zeichnet und nun kucken kann, wie er wieder rauskommt.

    mal ne frage: sind die 5 bei Roa eigentlich profis? eher nicht, oder? das heißt, die spielen in allen möglichen wettbewerben, machen ne ausbildung/job nebenher und müssen sich dann anhören, sie würden nicht genug opfer bringen? vielleicht sollt dem herr Berntsen mal jemand den unterschied zwischen konstruktiver kritik und strategisch doofem rumgenöle erklären.

    interessant is ja auch, dass Lene Mykjåland in dem porträt die entspannte atmosphäre im NT bei Berntsen hervorhebt. was isn da passiert?

    nunja, als norwegen-fan hoff ich, die kriegen das wieder auf die reihe.

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  • Markus Juchem sagt:

    Inzwischen hat ein Treffen zwischen den fünf Spielerinnen mit Trainer Berntsen stattgefunden. Allerdings ohne Ergebnis. „Wir haben miteinander gesprochen und die Situation ist dieselbe, wie vor dem Treffen“, so Siri Nordby. Berntsen schließt einen Rücktritt aus: „Es gibt 22 Spielerinnen im Team und ich habe das Vertrauen von 17.“

    Weiterführende Links und Video (allerdings auf Norwegisch):

    http://www.nrksport.no/fotball/1.6283363
    http://www.vg.no/pub/vgart.hbs?artid=521633
    http://www.tv2sporten.no/fotball/toppserien/article2339539.ece

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