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Frauenfußball-Nationalmannschaft: Vom schnöden Zahlenwerk geblendet?

Von am 3. Oktober 2008 – 0.50 Uhr 9 Kommentare

Zugegeben: Die Bilanz der deutschen Frauenfußball-Nationalmannschaft in der EM-Qualifikation liest sich imposant. Acht Siege in acht Spielen stehen dort zu Buche, bei einem Torverhältnis von 34:1. „Das war ein guter Abschluss eines erfolgreichen Jahres“, zog Bundestrainerin Silvia Neid nach dem 3:0 in der Schweiz Bilanz. Doch die Statistik lässt sich auch anders lesen. Gleich viermal ging die DFB-Elf im Länderspieljahr 2008 als Verlierer vom Platz. So häufig, wie schon seit dem Jahr 2000 nicht mehr.

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Der Sieg bei den bemühten, aber harmlosen Schweizerinnen fiel selbst bei wohl wollender Betrachtungsweise im besten Fall in die Kategorie Durchschnittskick. So haperte es am Passspiel, am Tempo und an der Konzentration im Abschluss, gepaart mit Unsicherheiten in der Defensive und mangelnder Kreativität im Mittelfeld. Sportlich war die Partie allerdings für die DFB-Elf auch bedeutungslos, nachdem die Qualifikation für die EM bereits vor einigen Monaten unter Dach und Fach gebracht wurde.

„Teilweise gute Kombinationen“
Auch wenn nach einigen guten Ansätzen in der ersten Halbzeit nur noch Schonkost geboten wurde, war Neid „total zufrieden“ mit dem Auftritt. Eine Einschätzung, die von der Mehrheit der Öffentlichkeit nicht geteilt werden dürfte. Nur der „letzte Pass“ sei wieder einmal nicht angekommen, sonst habe man die Begegnung über die kompletten 90 Minuten kontrolliert. Doch unter anderem die Schärfe und Präzision im Passspiel will man ja international im Vergleich zur Bundesliga verbessern. Wurde das Spiel also ernsthaft den eigenen Ansprüchen gerecht?

„Teilweise gute Kombinationen“ gegen einen zweitklassigen Konkurrenten, den man im Hinspiel noch locker mit 7:0 nach Hause geschickt hatte – viel mehr hatte die DFB-Elf nicht zu bieten. Nur noch selten gelingt es dem deutschen Team in letzter Zeit, überzeugende Partien abzuliefern. Und so wirkte das Bemühen im Stadion Schützenmatte von Basel, wie so oft in den Länderspielen des Jahres 2008, etwas müde, uninspiriert und oft überhastet.

Auf Formsuche
Sicherlich mögen die verletzungsbedingten Ausfälle von Birgit Prinz, Fatmire Bajramaj und Linda Bresonik ihren Teil zur durchwachsenen Leistung beigetragen haben, doch insgesamt sind zu viele Spielerinnen derzeit nicht in der Lage, ihre optimale Leistung abzurufen. Einige wirken saft- und kraftlos, wie etwa Kerstin Garefrekes, der es nicht gelang, die im Verein zuletzt wieder gezeigten guten Leistungen abzurufen.

Doch vielleicht wollte sie auch Kräfte sparen für die schweren anstehenden Aufgaben beim 1. FFC Frankfurt. Simone Laudehr ist immer noch auf der Suche nach der Form des Vorjahres, vielleicht täte es ihr besser, ein paar Länderspiele auszusetzen. Und auch in anderen Mannschaftsteilen sieht es nicht besser aus.

Dankbare Verschnaufpause
Die punktuelle Verunsicherung in der Abwehrkette knüpfte nahtlos an die Probleme bei den Olympischen Spielen an, und lässt nicht unbedingt Gutes erwarten im Hinblick auf die nächste große Aufgabe, die Europameisterschaft 2009 in Finnland. Melanie Behringer gehörte zu den wenigen Lichtblicken im Team, ihr hat der Wechsel vom SC Freiburg zum FC Bayern München sichtlich noch einmal einen Schub verliehen.

Erstmals räumt Neid nun ein, dass man sich in Peking nicht in Topform präsentiert hat, weil „die mentale Frische fehlte“. Aufgrund mangelnder Erholungspausen habe es einen Substanzverlust gegeben. „Bei uns lief es nach vorne nicht so, wie wir uns das gewünscht haben.“ Und so dürfte unter anderem eine Birgit Prinz gar nicht undankbar gewesen sein, eine – wenn auch ungewollte – Verschnaufpause bekommen zu haben. Denn viele weitere werden bis zum nächsten Sommer nicht folgen.

Erstarkte Konkurrenz
Erstmals 12 Teams werden im kommenden Jahr bei der EM-Endrunde in Finnland vom 23. August bis 10. September 2009 an den Start gehen. Neben den bereits qualifizierten Teams aus Deutschland, Finnland, Frankreich, Schweden, Norwegen, Dänemark und England werden sich fünf weitere Mannschaften über die Play-offs dazu gesellen, darunter vermutlich einige viel versprechende Aufsteiger wie Italien, Spanien oder die Ukraine. Schon jetzt steht fest: Das Turnier wird für die DFB-Elf alles andere als ein Selbstläufer werden. 

Bereits am 18. November werden die deutschen Spielerinnen ihre Vorrundengegner kennen. Dann findet in der Finlandia Hall von Helsinki die Gruppenauslosung statt. „Es wird auch mal schlechtere Zeiten geben“, prophezeite Neid kürzlich in einem Interview. Mir schwant, sie haben bereits begonnen.

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Markus Juchem (49) schreibt seit 2003 über Frauenfußball, für Medien wie Womensoccer.de, UEFA.com, FIFA.com, DFB.de, FAZ, NZZ und Kicker.

9 Kommentare »

  • Peter Kopperschläger sagt:

    Ich stimme im Allgemeinen mit dem Beitrag überein. die Einschätzung der Bundestrainerin vor der Presse war nicht objektiv, vielleicht zum Schutz vor jungen Spielerinnen. Man sollte aber Intern Klartext reden. In den letzten Spielen ( insbesondere bei Olympia ) fehlte oft der bisherige gezeigte gute Fußball.
    Ich glaube auch, dass es einen Umbruch mit talentierten jungen Spielerinnen geben muß. Vielleicht sind einige „ältere“ Spielerinnen in ihrer Entwicklung auf Grund der bisherigen guten Ergebnisse stehen geblieben.
    Besonders kritisieren möchte ich, dass von einigen Vereinen (z.B. Turbine Potsdam) die notwendigen Maßnahmen zur Förderung von Nachwuchsspielerinnen für nationale Aufgaben fehlt (ähnliche Tendenzen wie bei den Männern, der Verein geht vor!).

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  • TeamU17Fan sagt:

    Ob Frau Neid die richtige Trainerin für einen Umbruch bzw den Einsatz junger Spielerinnen ist, darf bezweifelt werden. Dazu hat auch der FFC Frankfurt zu wenig Auswahl an solchen Spielerinnen.

    Zum Thema „Verein geht vor“ (s.o.): in keiner mir bekannten anderen Sportart werden die Interessen des Nationalteams so zu Lasten diverser Vereine (ablesbar u.a. am chaotischen Bundesliga-Spielplan) in den Vordergrund gestellt, wie im Frauenfussball. Man stelle sich dies mal im Männerfussball vor – die Kommentare von Hoeness & Co in Richtung DFB wären bestimmt sehr interessant.

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  • djane sagt:

    Ich frage mich auch, in wieweit da eigentlich eine Abstimmung zwischen dem DFB-Stab und den Vereinstrainern erfolgt. Es wird zwar immer wieder festgestellt, dass gerade die WM und Pekingfahrer kaum Regenerationszeit hatten, aber es werden kaum Konsequenzen daraus gezogen.
    Anstelle von Frau Voss (für die es momentan fast einfacher ist, eine Elf der Verletzten als eine der gesunden Spielerinnen zusammen zu bekommen) hätte ich vor dem Schweiz Spiel darauf hingewiesen, dass der FCR in nächster Zeit ne Menge Spiele zu bestreiten hat (unter anderem die halbe Weltreise in die Ukraine zum Miniturnier). Wieso müssen Spielerinnen wie Krahn oder Laudehr also weiterhin in der Startelf stehen ? Da hätte man doch mal experimentieren können, wer sonst noch für die jeweiligen Positionen in Frage kommt. Und damit meine ich, dass andere Personal auch mal konsequent durchspielen lassen und nicht nur für die letzte Viertelstunde einwechseln.

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  • Markus Juchem sagt:

    Genau das frage ich mich auch Djane. Ich erinnere mich zum Beispiel, dass in der vergangenen Saison in Frankfurt Spielerinnen wie Prinz, Pohlers oder Garefrekes fast immer 90 Minuten gespielt haben, selbst in Spielen, in denen es nach einer Stunde eine 5:0- oder 6:0-Führung gab.

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  • nadine sagt:

    @Peter Kopperschlger: „Besonders kritisieren mchte ich, dass von einigen Vereinen (z.B. Turbine Potsdam) die notwendigen Manahmen zur Frderung von Nachwuchsspielerinnen fr nationale Aufgaben fehlt (hnliche Tendenzen wie bei den Mnnern, der Verein geht vor!).“

    Knntest du das bitte genauer ausfhren? Diese Aussage in Bezug auf Turbine Potsdam klingt hanebchen, kennt man das diesbezgliche Handling bei dem Verein betreffs seiner U17, U19 und U20-Spielerinnen.
    Danke!

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  • Chris sagt:

    Ich persönlich finde auch das ein Umbruch langsam aber sicher von nöten wäre.
    Wenn nicht jetzt wann dann, gerade in Hinblick auf die WM 2011.
    Man sollte die „älteren“ Spielerinnen nicht aufgrund der Leistung früherer Jahre messen und nach Leistung nominieren, bzw. auch einfach mal bei Spielen in denen es um nichts mehr geht, ruhig ein paar junge mit nehmen und aufstellen.

    zu Peter:

    Ich würde genau wie Nadine gern wissen wie du die Aussage in Richtung Potsdam meinst. In allen U-Teams sind Spielerinnen aus Potsdam vertreten, zum Teil in sehr hoher Anzahl (u-20) und dort auch Leistungsträgerinnen. Zum anderen spielen viele von ihnen
    auch in der Bundesliga. Also wo ist das ein mieses System zu sehen.

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  • Carina sagt:

    Habe das Spiel live im Stadion gesehen, und es stimmt schon. Die einzigen Aktivposten waren meiner Meinung Melanie Behringer und Sandra Smisek.
    In der 2, Hälfte wurden dann Isabell Bachor und Lena Gößling eingewechselt, die auch noch mal ganz schön Dampf gemacht haben. Die sich eben präsentieren wollten für mehr.
    Zum Spiel selber, es war nicht gut, aber Schweiz hatte eigentlich auch nur eine gute Chance in Halbzeit 2, den aber Natze super hält.

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  • Brandy sagt:

    …die einzige,die vom schnöden Zahlenwerk geblendet ist,ist unsere Frau Neid….
    Ich denke,durch den kleinen Umbruch, der sich durch die Rücktritte und gerade im letzten Spiel durch Verletzungen ergeben hat,wird es schon noch 1-2 Jahre dauern,bis sich die jungen Spielerinnen etabliert haben und vielleicht und das ist das größere Problem, nominiert die Bundestrainerin auch mal nach Leistung….

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  • Max Diderot sagt:

    Mir ist nicht ganz wohl bei dem Umstand, die aktuell anhaltende Misere der DFB-Frauen mit personellen Schuldzuweisungen erklären zu wollen. Obwohl mich Frau Neids taktisches und spielerisches Konzept immer weniger zu betören vermag, kann ich mir augenblicklich keine Alternative für sie vorstellen.

    Im Grunde genommen mosern wir doch auf einem hohen Niveau. Das soll weniger die Beiträge des Blogs und mehr die Erfolge der deutschen Damen in den vergangenen Jahren erklären. Und trotzdem bin ich (auch) nicht zufrieden mit den momentanen Darbietungen. Wenn ich mich recht entsinne, gab es drei, vier gelungene Kombinationen der DFB-Damen gegen ihre Kontrahentinnen aus der Schweiz. Das erscheint mir zuwenig und sollte erst gar nicht einer Feigenblatt-Rhetorik, „… der letzte Pass kam nicht an.“ dienlich sein. Vielleicht liegt Frau Neid ja richtig mit ihrer Annahme, dass einigen Akteurinnen der mentale Anreiz fehle. Aber dann liegt es doch an ihr, entsprechende Impulse zur Verbesserung dieser Bestandsaufnahme zu konzipieren. Der modernen Sportdidaktik ist der psychologische Ratgeber als Teil des Trainerteams nicht fremd.

    Für mich erklärt sich die augenblickliche Malaise unserer Nationalmannschaft aus einem anderen Grund. Diese hat viel mit dem Entwicklungsstillstand des Frauenfußballs in Deutschland zu tun. Zwar lässt die DFB-Spitze keine weibliche Wange aus, umso ebenso bedächtig wie intensiv zu busserln, und zweifelsohne kann dem Verband auch nicht nachgesagt werden, dass er sich nicht um die großen Veranstaltungen für den Frauenfußball kümmert respektive sie inszeniert.

    Der eigentliche Kritikpunkt ist ein anderer und bezieht Verbände und Vereine gemeinsam mit ein. Momentan fehlt mir im hiesigen Frauenfußball so eine Art sachlicher Streitkultur. Eine Art Aufbruchstimmung, das Gute besser machen zu wollen. Natürlich hat Entwicklung auch mit einer soliden Finanzierung zu tun, hier wäre der DFB als Rat- und temporärer Geldgeber gefragt. Aber alle finanziellen Mittel wären zwecklos, fehlte ein konzeptioneller Ansatz. Die Vereine selbst sind auch gefordert eine Interessenvertretung zu manifestieren und Forderungen an den DFB und die Landesverbände zu postulieren. Es müsste eine Art Entwicklungsplan Frauenfußball kreiert werden. Natürlich sollen nicht alle Klubs über einen Kamm geschert werden. Die Rivalitäten zwischen Frankfurt, München, Potsdam und Duisburg sind und bleiben wichtig. Nur sollten auch anderen Vereinen die ökonomischen Möglichkeiten eingeräumt werden, ihre Entwicklungen forcieren zu können.

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