Von Fehlern, unsauberen Recherchen und ärgerlichen Ungenauigkeiten

Von am 10. August 2008 – 11.20 Uhr 2 Kommentare

Zugegeben: Die Olympischen Spiele 2008 sind ein gigantisches Sportereignis, die Berichterstattung stellt die Nachrichtenagenturen und Sportredaktionen der internationalen Medienhäuser weltweit vor große Herausforderungen.

Einerseits logistisch wegen der Zeitverschiebung, aber auch inhaltlich, weil Content der King ist und die veränderte Medienlandschaft nach neuen Inhalten schreit. Dennoch ärgere ich mich immer wieder aufs Neue, wenn Fakten falsch recherchiert werden. Und das olympische Frauenfußball-Turnier liefert dieser Tage dafür wieder schöne Beispiele.

So kann man etwa auf der offiziellen Website der Olympischen Spiele folgendes lesen: “After losing two consecutive games, Nigeria has lost any hope of qualifying for the next stage.”

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Nigeria ist also nach den Niederlagen in den ersten beiden Spielen bereits aus dem Turnier ausgeschieden, will uns die offizielle Website glauben machen. Stimmt aber nicht.

Nigeria noch nicht ausgeschieden
Ein kurzer Check des Regelwerks des olympischen Fußballturniers (der nicht mehr als zwei Minuten in Anspruch nimmt) offenbart Folgendes:

Der Rang jedes Teams jeder Gruppe wird nach folgenden Kriterien ermittelt: a) Anzahl Punkte aus allen Gruppenspielen, b) Tordifferenz aus allen Gruppenspielen, c) Anzahl der in allen Gruppenspielen erzielten Tore. Erst danach wird also der direkte Vergleich als Kriterium herangezogen.

Heißt im Klartext: Sollte Nordkorea gegen Deutschland verlieren und Nigeria gegen Brasilien gewinnen, hätten Nigeria und Nordkorea jeweils drei Punkte, das Torverhältnis lautet momentan 0:2 für Nigeria und 2:2 für Nordkorea. Eine 0:2-Niederlage Nordkoreas und ein 1:0-Sieg Nigerias (nicht einmal ein besonders abwägiges Szenario) würden die Afrikanerinnen auf Platz 3 spülen. Und somit eventuell noch die Viertelfinalteilnahme sichern (abhängig von den letzten Spielen in den beiden anderen Gruppen).

Nur wenige Zeilen weiter beglückt uns derselbe Text mit folgender haarsträubenden Behauptung: „If the United States wants to ensure qualification, it will have to beat New Zealand with a large enough margin to make sure it has a greater goal difference than Japan. The United States needs to protect itself against the possibility of Japan defeating Norway.”

USA reicht 1:0-Sieg
Die USA benötigen also angeblich einen hohen Sieg gegen Neuseeland, um sich für den Fall zu schützen, dass Japan gegen Norwegen gewinnt. Klingt interessant, stimmt aber leider wieder nicht. Denn die USA haben derzeit 3 Punkte auf der Habenseite, Japan nur einen aus dem Unentschieden gegen Neuseeland. Den USA reicht also auch ein 1:0-Sieg, um das eigene Punktekonto auf 6 Punkte zu schrauben, Japan würde dann selbst ein zweistelliger Sieg gegen Norwegen nicht mehr weiter helfen, da man maximal auf vier Punkte kommen kann.

Doch auch woanders nimmt man es nicht so genau. So hieß es etwa in einer Meldung der Nachrichtenagentur dpa, die DFB-Elf hätte nach dem 1:0-Sieg gegen Nigeria bereits das Viertelfinale erreicht. Ungeprüft wurde sie zunächst von mehreren Fernsehsendern, Zeitungen und Websites übernommen, inzwischen wurde der Fehler in den meisten Fällen korrigiert. Denn der Viertelfinaleinzug der DFB-Elf ist nach einem Sieg und einem Remis noch nicht sicher.

Diese Fehler dokumentieren, unter welchen Zwängen nicht nur der Sportjournalismus heutzutage leidet. Im täglichen Kampf um Exklusivität und Schnelligkeit bleibt die Genauigkeit leider immer häufiger auf der Strecke, unabhängig von Art und Qualität der Publikation.

Mangelnde Recherche
Bereits im Jahr 2005 schloss die Danish School of Journalism ihren „International Sports Press Survey“ ab – eine Untersuchung zur Sportberichterstattung in Tageszeitungen. Forscher aus zehn Ländern nahmen an dem Projekt teil, an 14 Stichtagen im Jahr 2005 prüften die Wissenschaftler Beiträge aus 37 Tageszeitungen. Mehr als 10.000 Zeitungsartikel wurden für das Projekt untersucht.

Das Ergebnis: Vier von zehn Geschichten stammen nur aus einer Quelle. Das bedeutet, dass der schreibende Journalist darauf vertraut, dass sein Informant ihm die Wahrheit sagt – ohne dass eine Gegenrecherche stattfindet. Dies ist ein krasser Verstoß gegen das journalistische Prinzip: Eine Nachricht muss auf mindestens zwei voneinander unabhängigen Quellen beruhen.

„Recherche ohne Gegenrecherche ist aber nicht nur unschön, sondern auch gefährlich“, schrieb Christoph Moss Anfang 2008 in einem Handelsblatt-Artikel. Gerüchtejournalismus kann persönlichen und materiellen Schaden verursachen. Bleibt die Hoffnung, dass nur Medien, die sauber recherchieren, im Wettbewerb der Zukunft bestehen können. Dies gilt für den Sport genauso wie für alle anderen Themenbereiche.

Markus Juchem (49) schreibt seit 2003 über Frauenfußball, für Medien wie Womensoccer.de, UEFA.com, FIFA.com, DFB.de, FAZ, NZZ und Kicker.

2 Kommentare »

  • netcruiser sagt:

    Ja Markus, da hast du wohl sehr recht. Leider geht man als kleiner Webmaster einer DFB-Fussballerin eigentlich davon aus, dass die großen Online-Zeitungen richtig recherchieren und man übernimmt leider ohne genaue Prüfung Passagen b.z.w. Kernaussagen von etablierten Zeitungen. Auch ich bin diesmal darauf reingefallen als eine große Zeitung schrieb: DFB-Elf hätte nach dem 1:0-Sieg gegen Nigeria bereits das Viertelfinale erreicht. Obwohl ich noch skeptisch diese Aussage verfolgte, übernahm ich freudig, ohne nachzudenken, diese Schlagzeile. Ich habe daraus gelernt…

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  • Blackraven sagt:

    Schön Markus,

    wenigstens einer der hier mal Klartext spricht.

    Noch schlimmer als diese Ungenauigkeiten finde ich jedoch manchen Kommentator des Frauenfussballs.
    Bei Eurosport gibt es manche „Experten“, die sportlich durchtrainierte Nationalspielerinnen von Schweden und den USA (z.B. Caroline Seeger und Abby Wambach(in Abwesenheit)) als „Wuchtbrummen“ etc. bezeichnet.

    Das finde ich absolut daneben!

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