Rekorde und Überraschungen am ersten Spieltag

Von am 7. August 2008 – 10.38 Uhr

Der erste Spieltag beim Olympischen Frauenfußball-Turnier hatte es gleich in sich. Während sich Deutschland und Brasilien in der Neuauflage des WM-Finales schiedlich friedlich 0:0 trennten, ging es in den anderen Gruppen mächtig zur Sache. Die USA kassierten erst die zweite Niederlage der Olympia-Geschichte, Schwedens Turnierstart-Trauma setzte sich fort und Außenseiter Neuseeland brachte Japan an den Rand einer Niederlage.

Für den Paukenschlag des Tages sorgten die Norwegerinnen: Es waren gerade einmal 69 Sekunden gespielt, da sorgte Turbine Potsdams Leni Larsen Kaurin gegen Gold-Favorit USA nach Vorlage von Gunnhild Følstad und einem Missverständnis zwischen Torhüterin Hope Solo und Lori Chalupny mit dem schnellsten Treffer der olympischen Frauenfußball-Geschichte für einen Auftakt nach Maß. Sie löste somit Pia Wunderlich als Rekordhalterin ab, die in Atlanta 1996 nach vier Minuten gegen Brasilien getroffen hatte.

Schnellste Tore der Olympischen Spiele
Der Titelverteidiger war geschockt und wusste kaum, wie ihm geschah. Denn schon kurz darauf erhöhte Melissa Wiik bereits auf 2:0, nachdem sich Kate Markgraf einen kapitalen Rückpass aus dem Mittelfeld geleistet hatte, den die Norwegerin abfing und eiskalt verwertete. Noch nicht einmal 240 Sekunden waren da gespielt, Norwegens Trainer Bjarne Berntsen war am Seitenrand schier aus dem Häuschen. Wiik verdrängte mit ihrem Treffer Wunderlich auf Rang drei der Rekordliste.

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Die schnelle Führung spielten den Norwegerinnen in die Hände, sie verlegten sich ab sofort darauf, den Ball zu halten und auf Konter zu lauern. Die Rechnung ging auf. „Das war ein Traumstart gegen einen so großen Favoriten“, freute sich Berntsen nach dem Spiel, der auf schnelle Regeneration seiner Spielerinnen in den zwei freien Tagen bis zum Spiel gegen Neuseeland hofft.

Erzrivale Norwegen als neuerlicher Stolperstein
Erst zum zweiten Mal verloren die USA ein Spiel bei Olympischen Spielen, wie schon im Finale 2000 in Sydney bei der 2:3-Niederlage nach Verlängerung erwies sich dabei Norwegen als Spielverderber. Für US-Trainerin Pia Sundhage war es die erste Niederlage, seit sie nach der WM im Vorjahr das Team von Greg Ryan übernahm. „Ich bin froh, dass es das erste und nicht das letzte Spiel ist“, so Sundhage.

Die positive Schussbilanz von 11:6 sorgt jedoch genauso für Hoffnung, wie die Statistik. „2000 haben wir gegen Norwegen mit 2:0 in den Gruppenspielen gewonnen und dann haben sie noch Gold geholt. Das sollten wir einfach im Hinterkopf behalten“, so Pechvogel Markgraf. Abschreiben sollte man die USA wegen dieser Niederlage gegen einen starken Gegner noch lange nicht.

Neuseeland schrammt an Sensation vorbei
Außenseiter Neuseeland träumte nach Treffern von Kirsty Yallop und einem Elfmeter von Amber Hearn bereits von einer Sensation, doch nach einer 2:0-Führung musste sich das Team von Trainer John Herdman am Ende mit einem 2:2 begnügen und verpasste die Chance auf den ersten Sieg bei einem internationalen Turnier.

„Wenn man 2:0 führt, erwartet man auch, drei Punkte zu holen, zumal bekannt ist, dass Japan viele Chancen braucht, um Tore zu erzielen“, so ein unzufriedener Herdman, der seinem Team ein schlechtes Zeugnis ausstellte. „Wir haben heute nicht besonders gut gespielt.“ Dennoch wird man aus dem Punktgewinn Selbstvertrauen für die weiteren Partien ziehen können.

Japan hatte 18 Minuten vor Schluss durch einen verwandelten Elfmeter von Aya Miyama verkürzt, Spielführerin Homare Sawa gelang vier Minuten vor Spielende der hoch verdiente Ausgleich der drückend überlegenen Japanerinnen. „In der ersten Halbzeit haben wir schlecht gespielt“, räumte Japans Trainer Norio Sasaki ein. „Der Elfmeter hat dem Team aber neuen Mut gegeben.“ Wieder einmal war es die mangelnde Kaltschnäuzigkeit vor dem gegnerischen Tor, die den Japanerinnen fast zum Verhängnis geworden wäre.

Schweden verpatzt erneut Turnierstart
Bei der WM im Vorjahr kam Schweden zum Auftakt nicht über ein 1:1 gegen Nigeria hinaus, diesmal kam es noch schlimmer. Gegen Gastgeber China setzte es eine unerwartete 1:2-Niederlage. Xu Yuan sorgte mit einem Abstauber nach einem 30-Meter-Schuss von Zhang Na gegen den Pfosten bereits nach sechs Minuten vor der lautstarken Kulisse von 38.000 Zuschauern für einen perfekten Auftakt der zu Beginn starken Chinesinnen. Die Schwedinnen steigerten sich und kamen nach feiner Einzelleistung von Lotta Schelin noch vor der Pause zum verdienten Ausgleich.

Doch Chinas Topstürmerin Han Duan erzielte aus dem Nichts in der 72. Minute mit einem Schuss von der Strafraumgrenze den Siegtreffer gegen optisch überlegene, aber ideenlose Schwedinnen. Torschützin Xu lieferte die perfekte Vorarbeit. „Wir kennen uns sehr gut, so konnten wir mit einigen Doppelpässen die Verteidigerinnen ausspielen“, freute sich Han über ihren 101. Tor im Nationaltrikot. Chinas Trainer Shang Rihua bedankte sich bei seinen Verteidigerinnen für die „harte Arbeit“.

Zwei Distanzschüsse und ein ordentliches Kurzpassspiel reichten den Chinesinnen an diesem Tag aus, um gegen enttäuschende Skandinavierinnen drei Punkte einzufahren, doch Schwedens Trainer Thomas Dennerby sah eine „gute Leistung in den ersten 75 Minuten“. „Ich möchte dieses Spiel einfach schnell vergessen“, hofft er auf Besserung in den Spielen gegen Argentinien und Kanada. Doch gegen verbesserte Südamerikanerinnen und unangenehm zu spielenden Kanadierinnen dürfte es für Dennerbys Schützlinge keine Spur einfacher werden.

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Markus Juchem (49) schreibt seit 2003 über Frauenfußball, für Medien wie Womensoccer.de, UEFA.com, FIFA.com, DFB.de, FAZ, NZZ und Kicker.