DFB-Elf: Ein Punkt, mit dem man gut leben kann

Von am 6. August 2008 – 19.00 Uhr 12 Kommentare

Die deutsche Frauenfußball-Nationalmannschaft ist in der Neuauflage des WM-Finales von 2007 gegen Brasilien mit einem leistungsgerechten, am Ende aber glücklichen 0:0 in die Olympischen Spiele gestartet.

Der Pfosten und eine bis auf kleine Unsicherheiten starke Torhüterin Nadine Angerer bescherten dem Team gegen den vermeintlich schärfsten Widersacher in der Gruppe einen wichtigen Punkt zum Auftakt.

Zwar war im Aufbau- und Offensivspiel noch Sand im Getriebe und auch die Abwehr hatte vor allem mit der schnellen Marta alle Hände voll zu tun, doch es gab auch Lichtblicke im deutschen Team.

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Bundestrainerin Silvia Neid setzte wie erwartet auf die identische Anfangsformation, die vor gut zehn Monaten in Shanghai das WM-Finale gegen Brasilien mit 2:0 gewann. Die Brasilianerinnen zeigten sich von dem für Olympische Spiele unwürdigen Rasen unbeeindruckt und hatten zunächst die besseren Chancen, in einem Spiel, das erwartungsgemäß nicht das Niveau des Endspiels aus dem Vorjahr erreichte.

Brasilien mit starker Anfangsphase
Nach einem Freistoß von Daniela musste Angerer bereits nach vier Minuten Kopf und Kragen riskieren, um den Ball im Nachfassen vor der anstürmenden Cristiane zu fixieren. Nach einer knappen Viertelstunde wurde die früher in Potsdam und Wolfsburg spielende Brasilianerin von einer scharfen Marta-Flanke überrascht, so dass sie einen Kopfball aus kurzer Distanz zum Glück für die DFB-Elf nicht platziert ausführen konnte.

Doch damit war es um die brasilianische Offensiv-Herrlichkeit erst einmal geschehen, Deutschland kam nun besser ins Spiel. Die agile Sandra Smisek setzte nach schöner Flanke von Melanie Behringer einen Kopfball vom Fünfmeterraum an die Latte, ein erstes Ausrufezeichen der DFB-Elf.

Smisek scheitert knapp
Brasilien schien nun beeindruckt und brachte nur noch wenig zustande, Birgit Prinz scheiterte kurz vor der Pause mit einem Drehschuss nur knapp. Und auch zu Beginn der zweiten Halbzeit hatte die DFB-Elf die besseren Momente. Smisek hatte nach einer Stunde die Führung auf dem Fuß, als sie nach schöner Vorarbeit von Prinz den Ball an Brasiliens Torhüterin Andreia, aber auch am Tor vorbei hob.

Doch bei Temperaturen über 30 Grad und 75 Prozent Luftfeuchtigkeit schwanden zunehmend Kraft und Konzentration, die DFB-Spielerinnen waren nun bei Zweikämpfen oft einen Tick zu spät. Nach einer Ecke stieg Linda Bresonik nicht entschlossen genug in die Höhe, die bei Odense in Dänemark spielende Renata Costa setzte den Ball per Kopf an den Pfosten.

Angerer treibt Marta zur Verzweiflung
Dies war der Auftakt zu einer neuerlichen Sturm- und Drangphase der „Canarinhas“, die der Weltmeister nur mit Mühe überstand. Angerer rückte zunehmend in den Mittelpunkt des Geschehens, doch sie behielt einen kühlen Kopf und trieb Marta wie schon im WM-Finale zur Verzweiflung.

So parierte sie nach einem Missverständnis mit Bresonik Martas Schuss nach 68 Minuten, und war zweimal auf der Hut, als Marta von der Strafraumgrenze abzog (83.) und drei Minuten später im Alleingang drei deutschen Abwehrspielerinnen davon lief, bevor Angerer mit Ruhe und einer späten Reaktion auch diese brenzlige Situation überstand.

Luft nach oben
„Vor allen Dingen mit dem Abwehrverhalten“, zeigte sich Neid am Ende zufrieden, doch heute gehörte schon eine große Portion Glück dazu, dass am Ende die Null stand. Noch am ehesten wusste in der Viererkette Bresonik zu gefallen, die sich allerdings in der zweiten Halbzeit einige Patzer leistete, auch Angerer im Tor erwischte trotz zweier wackliger Situationen einen starken Tag.

Stegemann hatte Probleme mit der schnellen Marta, Annike Krahn bei einem Querschläger Glück und nach wie vor sichtlich spielerische Defizite, Ariane Hingst strahlte ebenfalls nur selten Ruhe und Souveränität aus.

Behringer und Smisek überzeugen
Im Mittelfeld verdiente sich Behringer die beste Note, Renate Lingor, Simone Laudehr und auch Kerstin Garefrekes blieben unter ihren Möglichkeiten, Birgit Prinz hatte zwei gute Aktionen, konnte sich aber auch nur selten effektiv in Szene setzen.

Teamkollegin Smisek bot im Sturm eine gute Leistung, braucht aber zu viele Chancen, um Treffer zu erzielen, die eingewechselten Célia Okoyino da Mbabi und Fatmire Bajramaj konnten kaum Akzente setzen. Fazit: Ein torloses Remis, auf dem man aufbauen kann.

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Markus Juchem (49) schreibt seit 2003 über Frauenfußball, für Medien wie Womensoccer.de, UEFA.com, FIFA.com, DFB.de, FAZ, NZZ und Kicker.

12 Kommentare »

  • Max Diderot sagt:

    Es wird interessant werden, wie die kommende Partie gegen die Damen aus Nigeria verlaufen wird. Eine Art Schlüsselspiel. Vermutlich wird die Initiative von den DFB-Damen ausgehen müssen. Ob sie aber dazu in der Lage sein werden … mich beschleichen mittelschwere Bedenken.

    Frau Neids Aussage, sie sei vor allem mit dem Abwehrverhalten zufrieden, vermag ich nicht ganz nachzuvollziehen. Manche der Aktionen erinnerten mich an die Fernsehbilder von Schlussverkäufen, wo für den Betrachter auch immer ein wildes Durcheinander herrscht. Ein konstruktives Spiel, wo schnell aus dem defensiven Terrain mittels kurzen Flachpässen in die Offensive umgeschaltet wird, vermisse ich schon eine ganze Weile bei den deutschen Damen. Zudem scheint es im Mittelfeld an einer abgestimmten Laufbereitschaft zu fehlen. Und Frau Prinz scheint den alten Lothar-Emmerich-Spruch verinnerlicht zu haben „Gib mich die Kirsche“ … und wir werden sehen.

    Es ist momentan nichts Spielerisches, kein fußballerisches Amüsement in den Bemühungen der DFB-Damen zu erkennen. Mental scheinen sie sich auf ihren Lorbeeren auszuruhen und sind -für meinen Geschmack- zu wenig initiativ.

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  • Detlef sagt:

    @Markus,
    Du solltest Dich für den diplomatischen Dienst bewerben!!! Bei soviel weichgespülter Kritik, könntest Du sicherlich so manche perverse Diktatur schön schreiben!!!
    Wir sind uns doch hoffentlich alle einig, dass die deutsche Mannschaft viel mehr kann, als sie heute gezeigt hat!!! Und das sogar mit den Spielerinnen, die Frau Neid für Peking nominiert hat!!!
    Die Frage ist nur, ob sie dieses Können auch in den nächsten Spielen unter Beweis stellen können???
    Die schlechte Leistung an den widrigen klimatischen Umständen festzumachen, ist sicher nicht ganz zulässig!!! Alle wußten (von der WM) was auf sie zukommt, und man hat sich sicherlich in den Lehrgängen auch darauf vorbereitet. Außerdem haben die Norwegerinnen gezeigt, dass sogar kälteerprobte Nordeuropäerinnen, in großer Hitze, eine Spitzenmannschaft besiegen können!!!
    Also WORAN lag es??? Wo war die vielbeschworene Kreativität des deutschen Mittelfeldes??? Wo war die Gefährlichkeit des gefürchteten deutschen Angriffes??? Und WARUM hat Frau Neid nur zweimal gewechselt??? Ich denke, dass sich auf dem Gezeigten nicht „aufbauen“ lässt, sondern man sollte eher das System überdenken!!!

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  • Detlef sagt:

    Achso, die Erklärung Deines Begriffes „LICHTBLICKE“, würde mich doch sehr interessieren!!!
    Falls Du die Leistungen von NADZE, Linda Bresonik, Melanie Behringer und Sandra Smisek gemeint hast, kann ich Dir da zustimmen!!!

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  • Markus Juchem sagt:

    @Detlef

    Ich habe die deutsche Mannschaft nicht so schlecht gesehen, wie Du das offenbar getan hast. Natürlich kann die deutsche Elf viel mehr, als sie heute gezeigt hat – genauso wie Brasilien, USA, Japan, Schweden, Kanada und selbst Norwegen, die ein gutes Spiel gezeigt haben, durch den Doppelschlag zu Beginn (durch zwei individuelle US-Fehler) auch optimale Voraussetzungen hatten, um ein derartiges Spiel zu zeigen.

    Wir reden vom ersten Spiel eines im Optimalfall auf sechs Spiele angelegten Turniers. Da geht es gar nicht darum, im ersten Spiel zu glänzen, sondern darum, sich in den ersten Spielen für die K.-o.-Runde warm zu spielen – das Ganze aber natürlich auf einem Niveau, das zum Aufstieg in die nächste Runde berechtigt.

    Ein Remis gegen den Vizeweltmeister im ersten Spiel ist ein gutes Ergebnis. Aber alle Spielerinnen wissen natürlich, dass sie sich noch deutlich steigern müssen. Die konditionellen Defizite würde ich schon zu einem Großteil auf die Hitze zurückführen, die Brasilianerinnen dürften im Schnitt ein wenig mehr daran gewöhnt sein. Selbst die Nordkoreanerinnen haben heute in der Schlussviertelstunde ein wenig gewackelt.

    Du sprichst Norwegen an – die hatten aber Ortszeit Anpfiff um 19.45 Uhr statt 17.00 Uhr, die fast drei Stunden machen hitzetechnisch sicherlich eine ganze Menge aus.

    Ich bin mir sicher, dass Deutschland gegen Nigeria bereits eine Steigerung zeigen wird, dann auch mit mehr Impulsen aus dem Mittelfeld und mit mehr Torgefahr.

    Und Lichtblicke, ja, Du sagst es: Nadze, die in den entscheidenden Momenten wieder voll da war, Linda Bresonik, die sich erneut als gute Wahl für die linke Abwehrseite erwiesen hat (ohne das Thema Bianca Rech wieder aufwärmen zu wollen) und Sandra Smisek hat gezeigt, dass sie zu Recht einen Platz im WM-Kader hat.

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  • Steffen sagt:

    Sylvia Neid hat nur 2x gewechselt? Muss man denn immer 3x wechseln? Dann hätte ja Jorge Barcellos noch mehr falsch gemacht. Der hat nämlich nur einmal gewechselt.

    Ich persönlich hätte auch nicht nochmal gewechselt. Ich wüßte nämlich nicht einmal jetzt im Nachhinein, wer das Spiel der Frauennationalmannschaft verbessert hätte. Vielleicht Anja Mittag für Celia Okoyino da Mbabi. Mir kam es nämlich so vor, als ob Sandra Smisek selbst am Ende vor ihrer Auswechselung mehr gelaufen ist und schneller! Aber vielleicht wäre das dann zu offensiv gewesen und wir hätten noch zu guter Letzt ein Tor gefangen.

    Man sollte nicht auf die Norwegerinnen oder USAmerikanerinnen schauen, sondern auf den Gegner. Brasilien hätte auch besser gespielt, wenn sie hätten können. Da spielt jede Kleinigkeit mit rein. Die hohe Temperatur im diesem Stadion, der schlechte Rasen und natürlich der Gegner.

    Jetzt mitten im Turnier ohne Not einen Systemwechsel zu machen, wäre die schlechteste Lösung.

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  • Rainer sagt:

    Natze war (wieder) Weltklasse und der Gegner ist nun mal allererste Sahne. Marta hatte ein paar schöne Aktionen, Brasilien hätte nicht unverdient gewonnen, aber ich denke beide Teams sind klare Medaillenkandidaten. Nigeria und Nordkorea sind zwar gut, aber werden den Kürzeren ziehen.

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  • Detlef sagt:

    @ Steffen,
    sicherlich ist es jetzt zu spät, für einen Systemwechsel!!! Aber überdenken sollte man es auf jeden Fall!!!
    Ich kann mich mit diesem Minimalismus einfach nicht anfreunden!!!

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  • Steffen sagt:

    @Detlef: Man sollte immer das Optimum aus dem vorhandenen Spielermaterial herausholen. Und daraus entsteht im Endeffekt das Spielsystem. Und mit den momentanen Spielerinnen funktioniert eben das 4-2-3-1 „am besten“. Die Aussage ist relativ zu sehen, weil man unter dem Strich Erfolg haben muss, schön spielen reicht nicht. Ich finde die defensivere Variante auch nicht so attraktiv wie ein 4-4-2 oder gar ein 4-3-3, aber ich finde in der Summe, dass mit diesem Spielsystem momentan der größte Erfolg möglich ist. Mag sein, dass wir gegen Nigeria bei einem 4-3-3 mehr Tore schießen würden, aber heute hätte es uns das Genick gebrochen. Wenn Renate Lingor aufhört, und Celia Okoyino da Mbabi wahrscheinlich für sie spielt, erst dann wäre der richtige Zeitpunkt. Eine Renate Lingor könnte jetzt gar nicht mehr als offensive Mittelfeldspielerin spielen.

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  • Spocky sagt:

    Ni hau, liebe Fußballfans,
    mein persönliches Fazit lautet = hauptsache nicht verloren …! Ich meine auch, dass dies für ein Eröffnungsspiel gar nicht so schlecht war!!! Am Ende hat uns wohl Nadine „Natze“ den Punkt gerettet!
    Das einzige, was mir extrem aufgefallen ist = unser MITTELFELD (was eigentlich offensiv gar nicht vorhanden war …) Und da muss ich zwei Spielerinnen nennen = Simone Laudehr = ist zwar wie immer viel gelaufen, aber ich habe das Gefühl, dass sie nicht 100 % fit ist und dann auch gar keine Kraft mehr hat, ihre spielerischen Fähigkeiten zu zeigen! Und natürlich „unsere“ Renate Lingor = defensiv war sie gar nicht so schlecht = aber bis auf ein paar Freistöße hat sie in meinen Augen sehr sehr wenig nach vorne gezeigt (aber vielleicht waren das ja taktische Anweisungen von Frau Neid …?).
    Trotz aller Kritikpunkte hoffe ich sehr, dass die Mädels sich bis Samstag erholen und dann einen knappen Sieg gegen Nigeria holen … I hope so!

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  • Jonos sagt:

    Ich habe große Bedenken, dass unsere Mannschaft die Vorrunde überstehen wird. Die Damen aus Nord-Korea werden um ihr Leben rennen. Immerhin wurde die U20-Mannschaft aus Nord-Korea Weltermeister! Hier steckt bestimmt eine ganze Menge Potential. Gegen Nigeria muss unbedingt ein Sieg her und hierbei wären einige Tore sicherlich sehr hilfreich.
    Gruß
    Jonos

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  • Max Diderot sagt:

    Heute wurde auf der DFB-Seite, http://www.dfb.de , ein Interview mit Nadine Angerer publiziert. Ein interessantes Gespräch, das tiefsinniger ist als die manchesmal arg an der Realität vorbei zielenden Schalmeien-Klänge der Presseabteilung des Verbandes.

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  • helena sagt:

    @Jonos: solche Bedenken wurden in der Vorrunde der vergangenen WM auch geäußert…

    Es war mit Sicherheit keines der Glanzspiele unserer Elf, dafür, daß es das erste Spiel gewesen ist und sie bekanntermaßen eher „langsam“ in ein Turnier starten, war es sogar richtig gut.
    Ich glaube schon an zwei Siege sowohl der deutschen als auch der brasilianischen Mannschaft, denn die Offensivabteilungen werden sich steigern und man wird sich insgesamt an Hitze & Co. gewöhnen – und dann trifft man sich im Finale wieder:-). Wenn dann das Spiel über 90 Minuten so aussieht wie gestern, dann wäre ich auch mehr als unzufrieden; aber für ein Gruppenspiel…

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1 Pingbacks »

  • myLaola: Blog von StefanoMillinotti: Bronze, Silber und Gold… sagt:

    […] Was den DFB-Männern in den vergangenen 12 Jahren nicht gelang, war bei den DFB-Frauen so normal wie der morgendliche Kaffee. Das Sammeln von großen internationalen Titeln. Seit 1996 gab es drei EM-Siege und zwei Weltmeisterschaften zu feiern. Keine andere Frauenfußballnation konnte da auch nur ansatzweise mithalten. Frauenfußballmacht Deutschland.Ein ganz bestimmter Erfolg fehlt in der glorreichen Titelsammlung der deutschen Kickerinnen aber noch – Olympia-Gold. Zweimal gab es Bronze (2000, 2004). Die Erwartungen in Peking sind demnach hoch. Doch der Zeitpunkt ungünstig. Nach über einem Jahrzehnt der Dominanz haben die anderen Nationen wieder aufgeholt.Es hatte sich schon im WM-Finale 2007 angekündigt. Der 2:0-Sieg der Deutschen gegen Brasilien schmeichelhaft. Beim Olympia-Eröffnungsspiel die erneute Bestätigung. Das 0:0 noch schmeichelhafter. Brasilien scheint reif für einen Sieg gegen die Deutschen. In einem Olympia-Finale wäre die Mannschaft von Bundestrainerin Sylvia Neid wohl nur noch Außenseiter. […]