Mangelnde Kaltschnäuzigkeit kostet DFB-Elf Finale

Von am 17. Juli 2008 – 9.32 Uhr 18 Kommentare

Sehr überrascht habe ich zur Kenntnis genommen, wie hart Eure Kritik am unglücklichen Ausscheiden der deutschen U19-Nationalmannschaft im Elfmeterschießen gegen Norwegen ausgefallen ist. Denn bis auf die 20 Minuten nach dem Ausgleich bot die Elf von Trainerin Maren Meinert in meinen Augen eine überzeugende Vorstellung.

Angefangen von der starken Viererkette in der Defensive, die die schnellen norwegischen Spitzen so gut wie nicht zur Entfaltung kommen ließen, über die technisch brilliante Julia Šimic bis zu den nimmermüden Stürmerinnen Kim Kulig und Marie Pollmann – auch Tribünengast und WM-OK-Chefin Steffi Jones war von dem Geschehen auf dem Rasen angetan.

Was dem Team im vierten kräftezehrenden Spiel innerhalb von zehn Tagen allerdings gegen Norwegen wie schon im Spiel gegen Schweden und auch in Ansätzen gegen England fehlte, war die letzte Kaltschnäuzigkeit. So brauchte die deutsche Mannschaft zu viele Chancen, um Treffer zu erzielen. Beste Tormöglichkeiten blieben ungenutzt, angefangen vom Pfostenschuss von Lisa Schwab in der ersten Halbzeit bis zur Riesenchance von Šimic zu Beginn der Verlängerung. 

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Hinzu kam das Pech, dass die sonst fehlerfrei agierende Torhüterin Desirée Schumann nach einem Rückpass von Josephine Henning die in ihrem Rücken lauernde Norwegerin Elisa Ida Enget übersah, die die Situation blitzschnell erkannte und aus dem Nichts mit der ersten norwegischen Torchance den Ausgleich erzielte. „Ich habe sie wirklich nicht gesehen“, so die enttäuschte Potsdamer Keeperin, die per Messenger und Mail nach dem Spiel von ihren Freunden getröstet wurde und nun erst mal mit der besten Freundin zum Schnorcheln in Ägypten abtauchen wird.

Unerfahrenheit bei großen Turnieren
Es gilt zu bedenken, dass 15 der 18 DFB-Spielerinnen in Frankreich ihr erstes großes Turnier gespielt haben, nur Jana Burmeister, Lisa Schwab und Šimic waren schon bei der U19-EM im Vorjahr auf Island dabei, saßen dort aber überwiegend auf der Bank. Sicherlich können die meisten der Spielerinnen auf Erfahrung in der Bundesliga verweisen, doch vier schnelle Spiele auf hohem Niveau in Folge innerhalb kurzer Zeit mussten sie dort noch nie bestreiten. Sowohl Assistenztrainerin Bettina Wiegmann und auch Cheftrainerin Maren Meinert bekräftigten im Verlauf des Turniers, dass die Trainingsintensität und das Trainingsangebot in der Bundesliga erhöht werden muss.

Über 120 Minuten investierten die deutschen Spielerinnen im Halbfinale mehr in die Partie als der Gegner, der sich mit geschickter Verteidigung und etwas Glück ins Elfmeterschießen rettete. Die gleißende Sonne tat ihr Übriges und so war es kein Wunder, dass sich die DFB-Spielerinnen durch die Verlängerung quälten, obwohl sie auch dort noch genug Chancen hatten, das Spiel zu entscheiden. „Wir waren ganz schön müde“, sagte Šimic, als sie in der Lobby des Mannschaftshotels zusammen mit ihren Teamkolleginnen am späten Abend noch einmal die Bilder der Verlängerung über den TV-Bildschirm flimmern sah.

Wer fährt zur U20-WM?
Alle 18 Spielerinnen haben im Turnier eine starke Leistung geboten und bereits jetzt steht fest, dass einige von ihnen auch dem Kader angehören werden, der im November zur U20-WM nach Chile reist. Wer das sein wird, ist allerdings noch unklar. Erst bei einem großen U20-Lehrgang im September wird die Entscheidung darüber fallen, wer die Südamerika-Reise antreten darf.

Das Aufstehen am heutigen Morgen dürfte noch schwer gefallen sein, bevor es per Bus auf die gut dreistündige Fahrt zum Flughafen Paris Charles de Gaulle ging. Doch schon bald wartet auf die Teilnehmerinnen das erste Bundesliga-Training. Luft nach oben ist sicherlich noch bei allen Spielerinnen vorhanden, doch die EM-Erfahrung hat die Spielerinnen schon jetzt auf ein höheres Niveau gehievt.

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Markus Juchem (50) schreibt seit 2003 über Frauenfußball, für Medien wie Womensoccer.de, UEFA.com, FIFA.com, DFB.de, FAZ, NZZ und Kicker.

18 Kommentare »

  • Max Diderot sagt:

    Der italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi, lässt sich gerne in den Medien als il cavaliere, der Ritter, titulieren. Nicht ganz frei von den ihm eigenen Gaga-Anfällen neigt er aber auch schon einmal dazu, anderen Regierungen Ratschläge erteilen zu wollen. Wenig ritterlich erschien sein jüngster Fauxpas, als er dem spanischen Kabinett vorwarf, es sei ein wenig rosa. Damit wollte er zum Ausdruck bringen, dass ihm der Frauenanteil in der Regierung seines Kollegen Zapatero missfiel.

    Was das mit dem Erfolg der italienischen U19-Damen bei der aktuellen EM zu tun hat? Nichts! Und trotzdem bleibt zu hoffen, jetzt da die europäische Frauenfußball-Karte wieder ein wenig bunter geworden ist, dass sich die Großkopferten im italienischen Fußball so ritterlich gegenüber ihren kickenden Damen benehmen werden, wie es der Beiname des Regierungschefs illustrieren will.

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  • Sant sagt:

    Interessant! Was er klar sagte, finde recht gut. Nicht nur er, auch die Klubs und NFF werden sie auf jeden Fall mehr fördern und eine bessere Ausbildung geben. Vor einige Monate las ich Berichte, Röa wollte den Nachwuchs besser fördern, denn er ist die Zukunft des Vereins wie Kolbotn. Ich möchte mich irgendwann mit einer Spielerin darüber unterhalten.

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  • Harald sagt:

    @Max Diderot:

    Schmunzelnd fällt mir dazu ein, daß das maillot jaune der italienischen Landesrundfahrt ja in rosa ausfällt. Und zum primo cavaliere des Milanese AC schweig ich mal lieber *fg*

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