Trainer sind nur die ersten Opfer der Professionalisierung

Von am 14. Mai 2008 – 14.22 Uhr 19 Kommentare

Szene aus dem Spiel 1. FFC Frankfurt gegen 1. FFC Turbine PotsdamEs ist kein Zufall, dass der Trainerjob in der Frauenfußball-Bundesliga in dieser Saison zum Schleudersitz geworden ist. Die zunehmende Professionalisierung der Strukturen im deutschen Frauenfußball mit Blickrichtung WM 2011 im eigenen Land und darüber hinaus geht in den Vereinen nicht geräuschlos über die Bühne.

Zumindest 8 der 12 in die Saison 2007/2008 gestarteten Bundesligatrainer werden in der kommenden Spielzeit nicht mehr an der Seitenlinie stehen. Der frühere Dornröschenschlaf einiger Vereine ist nun einem oft übertriebenen Aktionismus gewichen.

Doch nicht nur Trainer, sondern auch Spielerinnen werden die Folgen der sich verändernden Frauenfußball-Landschaft in Zukunft zu spüren bekommen.

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Von den sechs führenden Bundesligateams in der Tabelle wird in der kommenden Saison nur noch beim 1. FFC Turbine Potsdam derselbe Trainer an der Seitenlinie stehen. Dr. Hans-Jürgen Tritschoks, Thomas Obliers, Sissy Raith, Dietmar Schacht und Bernd Huneke gaben aus ganz unterschiedlichen Gründen ihre Trainertätigkeit auf, einzig Bernd Schröder hat das große Stühlerücken schadlos überstanden.

Bayern-Trainerin Sissy Raith wechselt nach der Saison zum Bayerischen Fußball-Verband (BFV)Berufliche Sicherheit
Der beäugt das Geschehen mit Argwohn: „Wenn ich teilweise höre, die Vereine mussten die Reißleine ziehen, dann frage ich mich schon. Wenn wir glaubwürdig bleiben wollen, dürfen wir nicht das Gelaber des Männerfußballs mitmachen“, so Schröder.

Dass in Tritschoks, Raith und Obliers gleich drei Trainer die berufliche Sicherheit dem zunehmend unberechenbarer werdenden Trainer-Amt vorziehen, verwundert nicht, spricht aber auch nicht für großes Vertrauen in die rasche Fortentwicklung des Frauenfußballs.

„Man kann den Trainer-Job in der Frauen-Bundesliga nicht mehr in Feierabendarbeit machen“, sagte unlängst Ferdi Seidelt, Vorstand beim FCR 2001 Duisburg. Das sieht man auch beim 1. FFC Frankfurt so, wo man einen Vollzeit-Trainer beschäftigen will. Ein unabdingbarer Schritt, denn bei den Spielerinnen, die selbst immer größeren zeitlichen Aufwand erbringen müssen, um auf Topniveau mitzuhalten, schwindet die Akzeptanz für Trainer, die sich nur in Teilzeit in den Dienst der Mannschaft stellen.

Verändertes Anforderungsprofil
Im Frauenfußball verändert sich das Aufgabenprofil eines Trainers zunehmend. Nicht nur sportliche Führung, taktische Ausrichtung und Fähigkeiten als Psychologe sind gefragt,  Repräsentativität gegenüber und der Umgang mit den Medien werden zunehmend wichtiger. Und so ist denn wohl auch zu erwarten, dass man beim 1. FFC Frankfurt zukünftig auf einen Trainer setzen wird, der auch neben dem Platz eine gute Figur abgibt. Und zudem auf mittlere bis lange Sicht die Planungssicherheit bietet, die auch Sponsoren gerne sehen.

Doch nicht nur bei den Spitzenclubs hat ein Umdenken eingesetzt. So haben auch Vereine wie der SC Freiburg, Wattenscheid 09 oder TSV Crailsheim ihre Trainer vor die Tür gesetzt. Nicht immer gaben die Vereine bei ihrem Vorgehen dabei eine gute Figur ab, mehr hektische Betriebsamkeit als eine langfristige Konzeption schienen die Antriebsfeder für das Handeln zu sein. Neue sportliche Impulse hat einzig die Trainerwechsel in Freiburg freigesetzt.

Dr. Hans-Jürgen Tritschoks beendet seine TrainertätigkeitDen Zug nicht verpassen
Die internationale Entwicklung zeigt, wohin der Weg in den kommenden Jahren gehen wird. Die Topteams in Schweden, England, Frankreich, Norwegen, Dänemark, Russland oder Italien arbeiten unter hoch professionellen Bedingungen und sind zunehmend ein Sammelbecken für Nationalspielerinnen geworden. In Deutschland gilt es, im internationalen Maßstab noch einiges an Arbeit zu verrichten, will man auf Augenhöhe bleiben. „Man muss zusehen, dass man diesen Weg mitgeht und den Zug nicht verpasst“, sagt Tritschoks.

Auch der koordinierte internationale Frauenfußball-Kalender, der bisher seinen Namen nicht verdient, wird in den kommenden Jahren vereinheitlicht und optimiert werden, was weitreichende Folgen haben dürfte. Denn dann werden die Vereine verstärkt auch auf ausländische Spielerinnen setzen, wenn sich die Abstellungsproblematik für Länderspiele entschärft. Die jungen deutschen Nachwuchsspielerinnen, die heute in den Vereinen noch reichlich Spielpraxis sammeln können, werden perspektivisch weniger Einsatzzeiten erhalten.

Trainingspensum muss wachsen
Drei- bis viermal in der Woche zu trainieren wird zukünftig nicht ausreichen, um an der Spitze mitzuhalten. „Da wird man vielleicht noch U19-Europameister, mehr aber nicht“, so Tritschoks. „Wenn man sieht, dass Teams sieben oder acht U19- bzw. U20-Nationalspielerinnen in ihren Reihen haben und trotzdem weit hinter der nationalen Spitze sind, kann etwas am System nicht stimmen“, kritisiert der scheidende Frankfurter Trainer.

Die Bundesligateams werden ihre Kader in Zukunft also qualitativ in der Breite weiter aufrüsten müssen. Durch die Unterschiede in der Finanzkraft dürfte die sportliche Kluft zwischen oben und unten innerhalb der Liga dann wieder zunehmen.

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Markus Juchem (50) schreibt seit 2003 über Frauenfußball, für Medien wie Womensoccer.de, UEFA.com, FIFA.com, DFB.de, FAZ, NZZ und Kicker.

19 Kommentare »

  • oliist sagt:

    ^ Selten habe ich über patzige Antworten derart schmunzeln müssen.Da wäre ich gern Mäuschen gewesen.Noch etwas Popkorn dazu und man könnte von ganz großem Kino sprechen.
    Bei so vielen panischen Entscheidungen,wie sie in dieser Saison schon getroffen worden sind,könnte man glatt meinen,es ginge jetzt schon um Millionen potenzieller Euro.
    Punkt No.17,der FF-wird-sich-dem-Männerfussball-mehr & mehr-anpassen-Liste,wäre also erreicht:Chaotische Entscheidungen der Verantwortlichen,bei denen man sich erst nach einigem Grübeln entscheiden kann,ob man lachen oder weinen soll.Tst,tst,tst. 😉

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  • Max Diderot sagt:

    Das ist eigentlich alles sehr betrüblich. Oder, mit Blick auf den aktuellen Tabellenplatz der Wattenscheiderinnen, wer die rote Laterne hat braucht für den Spott nicht zu sorgen.

    Nein, Wattenscheid hat doch eine Tradition im Frauenfußball, seit Anfang der siebziger Jahre, und keine schlechte Perspektive (wenn auch im Moment diese Aussage aberwitzig erscheinen mag ob des Blickes auf die Ligatabelle). Es gab ja im (Gesamt-) Verein immer wieder ‚mal finanzielle oder zwischenmenschliche Turbulenzen. Trotzdem scheint der Klub gut organisiert zu sein und über entsprechende Gremien zu verfügen. Liegt es möglicherweise an den Genen der streitlustigen Westfalen?

    Mit Verlaub, am liebsten würde ich den Wattenscheidern den Titel eines BAP-Liedes entgegen halten „Arsch huh, Zäng ussenander!!“. Redet mit aber nicht übereinander.

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