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Ruanda träumt von der WM in Deutschland

Von am 5. Mai 2008 – 14.09 Uhr 6 Kommentare

Zwillingsschwestern Aline Umotoni und Alice Umutesi„Hast Du eine Lieblingsspielerin oder einen Lieblingsspieler?“ Unsere Frage hat Aline Umotoni sichtlich verunsichert. Interviews musste sie noch nicht oft geben in ihrem Leben. Zunächst wandert ihr etwas hilfloser Blick zu ihrer 17-jährigen Zwillingsschwester Alice Umutesi, die nach ruandischem Namensrecht nicht den gleichen Nachnamen tragen muss, dann weiter zu Ruandas Assistenztrainer Vincent Mashami.

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Auf einmal hat das Mädchen, das ein schickes gelbes T-Shirt des Projekts „ballance 2006 Rheinland Pfalz“ trägt, aber eine Entscheidung getroffen. Ihre Gesichtszüge entspannen sich und sie erklärt mit leiser, aber fester Stimme: „Ronaldinho“. Aus Alice sprudelt es hingegen ohne lange zu zögern: „Marta“.

Doch bei einer Sache sind sie sich einig: 2011 wollen die beiden mit der neu gegründeten Frauenfußball-Nationalmannschaft Ruandas an der Frauenfußball-WM in Deutschland teilnehmen.

Ein extrem ehrgeiziges Ziel, doch nur wer Groß denkt, kann Großes erreichen. Der Frauenfußball soll für die Kinder des durch Bürgerkrieg und Völkermord Mitte der 90er-Jahre gebeutelten Landes zum Vehikel für Versöhnung und eine bessere Zukunft werden.

Woche für Woche können die beiden sympathischen Mädchen in einem Vorort der ruandischen Hauptstadt Kigali im Fernsehen ihre Stars aus Brasilien, England, Spanien und Deutschland bewundern, die ihrem großen Traum regelmäßig Nährstoff verleihen.

Im Alter von sieben Jahren begannen die beiden mit Nachbarsjungen und Schulkameraden auf der Straße Fußball zu spielen, anders als ihr Bruder, der sich nichts aus Fußball macht und lieber Basketball spielt. „Fußball ist sehr populär in Ruanda, populärer als jeder andere Sport“, sagt Aline.

Ball aus BananenblätternBall aus Bananenblättern
Dabei gab es in ihrer Kindheit nicht einmal einen Ball, mit dem man hätte spielen können. Doch es gibt Bananenblätter, „überall“, wie Mashami sagt, und es gibt Kinder, deren Kreativität auf und abseits des Fußballplatzes keine Grenzen kennt. Kaum 30 Minuten dauert es, bis sie aus Bananenblättern einen Ball gebastelt haben, erklärt Mashami voller Stolz, der ein glühender Verehrer von Michael Ballack ist und bei unserem Gespräch dessen Nationaltrikot mit der Nummer 13 trägt. Schicht für Schicht entsteht so ein nahezu perfekt geformtes Spielgerät. Bis er nass wird – dann ist es vorbei mit der Herrlichkeit, denn der Ball ist dann zu schwer und muss durch einen neuen ersetzt werden.

Mit elf Jahren, beim Übergang von der Primär- in die Sekundärschule, begannen Aline und Alice Fußball mit größerer Ernsthaftigkeit zu betreiben. Von ihrer ersten Station Imirasire ging es wegen finanzieller Probleme des Vereins zu Namagabe FC, ehe sie zu APR (Armée patriotique ruandaise) wechselten, dem Armeesportverein mit dem Löwen im Vereinswappen, der erst in diesem Jahr eine Frauenfußball-Abteilung gegründet hat. Er unterstützt die Spielerinnen finanziell, so dass sie sorglos ihr Business-Management-Studium absolvieren und das tägliche Leben bestreiten können.

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Markus Juchem (49) schreibt seit 2003 über Frauenfußball, für Medien wie Womensoccer.de, UEFA.com, FIFA.com, DFB.de, FAZ, NZZ und Kicker.

6 Kommentare »

  • Max Diderot sagt:

    Complimenti! – Eine schöne, informative Reportage, eine kleine Novelle!

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  • Christian sagt:

    Auch von mir ein Dank für diesen informativen Artikel!
    Was mich noch interessieren würde: Sind sowohl Tutsi als auch Hutu in der Auswahl vertreten?

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  • Markus Juchem sagt:

    Vielen Dank für die Blumen. Christian, im Team spielen Tutsi und Hutu gemeinsam und das klappt nach anfänglichen Schwierigkeiten wohl inzwischen ganz gut.

    Wenn ich es richtig verstanden habe, war das am Anfang nicht ganz so einfach. Aber inzwischen ist das Team unabhängig der Zugehörigkeit eine verschworene Gemeinschaft.

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  • Christian sagt:

    Danke. Das ist schön zu hören, zeigt es doch mal wieder, wie Fußball die Menschen zusammenführt und verbindet!

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  • Max Diderot sagt:

    Ein schöner, interessanter, informativer Artikel über ein Mädchenfußball-Projekt in Ghana findet sich aktuell auf Spiegel online. Autorin ist Nathalie Klüver.

    Hier der Link: http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,564057,00.html

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  • Markus Juchem sagt:

    Hallo Max, danke für den Link!

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