Österreich macht Ernst mit dem Frauenfußball

Von am 26. April 2008 – 10.54 Uhr

Österreichs Bayern-Spielerin Nina Aigner im Duell mit Frankfurts Petra WimberskyBis heute fristet der Frauenfußball in Österreich ein Schattendasein. Kein Wunder also, dass sich auch die Medien bisher kaum für den Sport erwärmen konnten. Doch nun soll alles anders werden. Dem Frauenfußball in der Alpenrepublik soll eine größere Plattform verschafft werden.

So fand gestern im Wiener Künstlerhaus eine Pressekonferenz zum Thema „Mädchen und Frauen am Ball“ statt. Mit dabei war als Ehrengast auch Steffi Jones, Organisationschefin der Frauenfußball-WM 2011.

Österreichs Frauenministerin Doris Bures, Sportstaatssekretär Reinhold Lopatka, ÖFB-Präsident Friedrich Sticker und EURO-Koordinator Heinz Palme informierten über den Stand der Dinge in Sachen Mädchen- und Frauenfußball.

Anzeige

Ihre Gedankenspiele sehen vor, den „weiblichen Fußball“ in den kommenden sieben Jahren aus dem Dornröschenschlaf zu wecken – befeuert durch einen ehrgeizigen Fünf-Punkte-Plan.

Der Nachholbedarf für den Frauenfußball in Österreich ist groß. Von den fast 600.000 im Fußballsport Aktiven, die in rund 2.200 Vereinen organisiert sind, sind nur rund zwei Prozent Mädchen und Frauen. Im Vergleich dazu liegt der Prozentsatz bei den im Fußball-Weltverband (FIFA) angeschlossenen Nationalverbänden im Schnitt bei zehn Prozent, in Deutschland bei 15,3 Prozent und in der Schweiz bei 7,2 Prozent.

Gute Entwicklung auf bescheidenem Niveau
Dennoch sieht man die Entwicklung in Österreich positiv. „2002/2003 gab es in Österreich rund 60 Frauenmannschaften. In der Saison 2006/2007 waren es bereits 152 und heuer sind es schon 180″, so Lopatka. Dies sei eine positive Zwischenbilanz, wenn auch noch „auf sehr bescheidenem Niveau“. Nun will man deswegen auf breiter Front ansetzen, um den Frauenfußball im ganzen Land nach vorne zu bringen. Hier hat man vor allem die Schulen im Auge.

Frauenfußball an die Basis bringen
Bereits im nächsten Schuljahr soll eine Fußball-Liga für Schülerinnen gestartet werden. Das Unterrichtsministerium (BMUKK) hat bereits ein erstes Konzept vorgelegt. Es gebe bereits großes Interesse an den Schulen für das Projekt einer Liga für Mädchen analog zu den Jungen. Mit dem Projekt „Womensport Goes School“ werden darüber hinaus Mädchen- und Frauensport-Projekte – vor allem in „männerdominierten Sportarten“ – gefördert.

Ziel: 10 Prozent Frauenanteil
Wenn all die aktuellen und geplanten Projekte gelingen, „dann erwarte ich mir auch mehr mediale Resonanz für Frauenfußball“, so Lopatkas Hoffnung. Die Zielsetzung ist ambitioniert. Durch die Bündelung der Kräfte will man bis 2015 „einen Frauenanteil von zehn Prozent im Fußballsport erreichen.“ Lopatka weiß, dass die schwache Position des Frauenfußballs im Land vielfältige Gründe hat. „Die Sportkultur ist nach wie vor männlich dominiert. Auf Funktionärs- und Führungsebene des Sports ist der Frauenanteil sehr gering, bei Trainerinnen bewegt er sich im einstelligen Prozentbereich.“

Schlagwörter:

Fünf-Punkte-Plan
Fünf ehrgeizige Ziele sollen nachhaltig für Besserung sorgen: 1. Im österreichischen Fußball soll ein Frauenanteil von zehn Prozent erreicht werden (entspricht dem FIFA-Schnitt), 2. Ab dem Schuljahr 2008/09 sollen an der Schülerinnen-Fußballliga (SFL) mindestens 100 Mannschaften teilnehmen, 3. Zwei Akademien für Frauenfußball in Österreich, 4. WM-Qualifikation der österreichischen Frauenfußball-Nationalmannschaft, 5. Wöchentliche Berichterstattung über die ÖFB-Frauenliga im österreichischen Fernsehen (ORF).

Idealer Zeitpunkt
Frauenministerin Bures zeigte sich erfreut, „dass es nun ein wirklich breites Bündnis für den Mädchen- und Frauenfußball gibt.“ Denn Fußballsport müsse auch zur Frauensache werden. Der Zeitpunkt sei jetzt im Zuge der EURO 2008 ideal, um Projekte zu starten und Begeisterung zu wecken. „Daher habe ich rund um die EURO mehrere Initiativen gesetzt. So wird es bereits zu Pfingsten ein Mädchenfußball-Turnier geben“, so Bures. Unter dem Motto „Ich steh im Tor und er dahinter“ werden sich 32 Mannschaften aus Österreich, der Schweiz, Ungarn und Italien daran beteiligen.

Weitere Initiativen
Auf Einladung der Frauenministerin werden auch Profi-Schiedsrichterinnen aus der Türkei, Deutschland und der Schweiz zu einem Workshop nach Österreich kommen und an einer gemeinsamen Pressekonferenz mit der heimischen Profi-Schiedsrichterin Tanja Schett teilnehmen. Bei einem Kurzgeschichtenwettbewerb unter dem Titel „Kick it like Victoria?“ können Mädchen und Frauen ihre ganz persönlichen Zugänge zum Fußball darlegen. Und auch mit einem Theaterstück soll die Öffentlichkeit sensibilisiert werden.

„Es ist höchste Zeit, unsere weiblichen Talente vor den Vorhang zu holen. Wir sind zwar auf einem guten Weg, aber noch lange nicht am Ziel!“, so Bures und Lopatka unisono.

Tags:

Markus Juchem (49) schreibt seit 2003 über Frauenfußball, für Medien wie Womensoccer.de, UEFA.com, FIFA.com, DFB.de, FAZ, NZZ und Kicker.