Renate Lingors Kampf gegen die Zeit

Von am 22. April 2008 – 10.08 Uhr 17 Kommentare

Renate Lingor will bis zu den Olympischen Spielen wieder fit werdenEs hat schon tragische Züge, was sich am vorigen Samstag auf dem Rasen des Berliner Olympiastadions abgespielt hat. Da hatte sich Renate Lingor in den vergangenen Wochen nach internen Unstimmigkeiten gerade wieder mühsam an die Startelf herangearbeitet, da fiel sie in der 72. Minute nach einem Pressschlag mit Lisa Schwab derart unglücklich zu Boden, dass sie sich eine Schultereckgelenkssprengung zuzog.

Möglicherweise wird man in ein paar Monaten mit Wehmut auf diese Szene des DFB-Pokalfinales zwischen dem 1. FC Saarbrücken und dem 1. FFC Frankfurt zurückblicken, die den Schlusspunkt unter eine großartige Laufbahn gesetzt haben könnte.

Anders als beim „Berliner Kurier“ („Aufatmen! Lingor bei Olympia dabei“) überwiegt bei mir die Skepsis, was ihre Teilnahme am olympischen Frauenfußball-Turnier angeht, dass das letzte große Karriere-Highlight der zweifachen Weltmeisterin und 141-fachen Nationalspielerin werden soll.

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Denn die Verletzung, deren Schweregrad wie der Spitzname eines CB-funkenden Truckerfahrers klingt (Tossy III), hat es in sich: Komplette Zerreißung des Kapselbandapparates mit Verschiebung des Schlüsselbein-Endes zum Schulterdach um mehr als eine Schaftbreite des Schlüsselbeins. Auf gut Deutsch: Lingor muss unters Messer und sich am Donnerstag im Frankfurter Rot-Kreuz-Krankenhaus einer Operation unterziehen, die von Mannschaftsarzt Dr. Ingo Tusk durchgeführt wird.

Problem mangelnde Spielpraxis
Prognose: Die 32-Jährige wird frühestens nach einer sechs- bis achtwöchigen Heilungs- und Therapiephase wieder ins Training einsteigen können, sprich im besten Fall Anfang Juni. Die Luft für eine Olympia-Teilnahme wird somit mächtig dünn, denn im Optimalfall bleiben noch zwei Monate bis zum Turnierbeginn im chinesischen Shenyang am 6. August. Bedenkt man, dass sie seit dem WM-Sieg im Vorjahr nur eine Handvoll Spiele bestritten hat und nur selten in der Startformation stand, wird es ihr, selbst wenn sie körperlich wieder halbwegs in Schuss kommt, gewaltig an Spielpraxis mangeln.

Zwar hat sich die Verletzung nicht als der zunächst befürchtete Schlüsselbeinbruch herausgestellt, doch „sie ist mindestens genauso langwierig“, so Lingor. „Ich bin ein positiv denkender Mensch“, hat sie aber die Teilnahme am olympischen Frauenfußball-Turnier, das gleich mit der Neuauflage des WM-Finales gegen Brasilien beginnt, noch nicht abgehakt. Doch Zweifel dürften auch sie selbst plagen, ob das ersehnte Comeback gelingt. „Ich frage mich manchmal schon, ob mein Körper das alles noch leisten kann“, gab sie unlängst in einem lesenswerten FAZ-Interview zu.

Kurze Vorbereitungszeit
„Idgie“ wird definitiv die beiden nächsten EM-Qualifikationsspiele der Nationalmannschaft am 7. Mai in Eupen gegen Belgien und am 29. Mai in Kassel gegen Wales verpassen sowie die beiden UEFA-Pokal-Endspiele mit dem 1. FFC Frankfurt gegen Umeå IK am 17. und 24. Mai. Vier Spiele auf hohem Niveau also, die als Vorbereitung auf Olympia unersetzlich gewesen wären. Bis zum Start der Olympischen Spiele gibt es somit kaum noch Gelegenheit, sich wieder in Form zu spielen.

Bisher ist vor dem neuerlichen Duell mit Brasilien zum Olympia-Auftakt nur ein einziges Länderspiel terminiert, am 17. Juli gegen England in Unterhaching. Die Bundesliga beschließt bereits am 17. Mai die Saison. Erschwerend hinzu kommt, dass die Vorbereitungszeit auf Olympia deutlich kürzer ausfallen wird als bei der WM, mit nur vier statt wie noch im Vorjahr sieben Lehrgängen.

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Renate Lingor zwischen Hoffen und BangenOlympiastart gegen Topgegner
„Das heißt, die Spielerinnen müssen schon in guter Verfassung zu den Lehrgängen in der direkten Vorbereitung kommen“, sagt Bundestrainerin Silvia Neid. Doch ist das bei Lingor überhaupt möglich? Es scheint mehr als fraglich, ob die Frankfurter Spielmacherin bereits Anfang August wieder in der Lage sein kann, auf Topniveau zu spielen, wenn es von Beginn an in den Spielen gegen Brasilien und Nordkorea gegen den Vierten und Sechsten der aktuellen Weltrangliste geht und keine Zeit bleibt zum lockeren Reinspielen ins Turnier.

Neid sitzt in der Bredouille, denn es wäre bei dem dünnen 18er-Kader, der für Peking zugelassen ist, fahrlässig, eine Spielerin mitzunehmen, die nicht hundertprozentig in Form ist. Doch andererseits verzichtet man nur ungerne und wenn es gar nicht anders geht auf eine derart routinierte Spielerin, die mit den Olympischen Spielen ihrer Karriere ein letztes Highlight verpassen will.

Daumendrücken für „Idgie“
Doch man sollte, so schwer es einem auch fällt, gut überlegen, ob man Lingor und der Mannschaft einen Gefallen tut, wenn man sie angeschlagen mit nach China nimmt. Denn sollte das Experiment schief gehen, Lingor vielleicht gar nicht zum Einsatz kommen und sich möglicherweise vor Ort noch die eine oder andere Spielerin verletzen, würde sich Neid heftiger Kritik ausgesetzt sehen, wenn Lingor einen wertvollen Platz im Kader blockieren würde. Und Lingor dazu womöglich einen unwürdigen und unverdienten Karriereabschluss bekommen.

Was also tun? In der Haut der Bundestrainerin möchte ich nicht stecken. Bleibt nur noch, die Daumen zu drücken, dass „Idgie“ doch noch mit ihrer schnellen Wiedergenesung alle Zweifel zerstreut. Verdient hätte sie es.

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Markus Juchem (49) schreibt seit 2003 über Frauenfußball, für Medien wie Womensoccer.de, UEFA.com, FIFA.com, DFB.de, FAZ, NZZ und Kicker.

17 Kommentare »

  • Crackfly sagt:

    So leid es mit tut, aber eine nicht 100%ig fitte Renate Lingor mitzunehmen, und dann die Aussage, dass sie bei 50% fast immer noch besser ist als viele andere?! Hallo?! Ich hoffe, dass sie nicht die Spielerinnen der Nationalmannschaft meint, denn das wäre wie ein schlag ins Gesicht jeder einzelnen Nationalspielerin. Ich weiß nicht, ob Frau Neid durch eine rosarote Brille schaut, aber auf dem Platz stehen und ab und zu mal nen Geistesblitz zu haben ist nun wirklich nicht gut. Wir sind ja nicht beim Kickern!

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  • Tina sagt:

    Also ich bin auch der Meinung, dass Neid sie sicher mitnimmt zu Olympia..egal ob richtig fit oder nicht und egal, ob sie von Anfang an spielen kann oder nicht.
    Warten wir die Entscheidung ab…
    Ich fände es nicht richtig dafür eine Spielerin, die fit (und wahrscheinlich auch leistungsstärker) ist, zuhause zu lassen!!!

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  • Crackfly sagt:

    Zitat Lingor: „Silvia hat mir gesagt, dass es sehr schwer wird. Die Bundestrainerin hat nochmal betont, dass sie niemanden mitnehmen möchte, der nicht richtig fit ist.“

    Also irgendwer ist hier falsch informiert 😉

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  • Markus Juchem sagt:

    Hallo Crackfly

    Die eine Aussage schließt die andere ja nicht unbedingt aus. 😉

    Die Frage ist doch: Nach welchen Kriterien definiert man, wie fit jemand ist?

    Neid wird sich hüten, Lingor offiziell einen Freibrief zu erteilen, da würde sie wohl die restliche Nationalmannschaft gegen sich aufbringen.

    Aber ich könnte mir schon vorstellen, dass sie, kleine Kadergröße hin oder her, für eine derart routinierte Spielerin zum Karriereabschluss einen Platz freihält.

    Ähnlich ist es in der Vergangenheit schon bei anderen Teams gelaufen, siehe z. B. Hanna Ljungberg in Schweden, die damals ja auch zu Olympia in Athen 2004 mitgenommen wurde, obwohl sie nicht wirklich fit war.

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  • Crackfly sagt:

    Warm muss man denn unbedingt seine (ohne Zweifel große) Karriere mit so einem riesen Turnier beenden? Ich glaube, wenn sie auf der Bank sitzt und nur sporadisch spielt, vielleicht sogar gar nicht, tut sie sich auch nicht gerade einen Gefallen damit. Man stelle sich mal vor, sie wäre auch noch weniger unter ihrer Leistung als in letzter Zeit. Das hat sie doch auch nicht verdient.

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  • Markus Juchem sagt:

    Aktuell zum Thema: Renate Lingor beendet nach der Saison ihre Laufbahn

    Und auch ein FAZ-Interview

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  • oliist sagt:

    Die Aussage von Bundestrainerin Neid bezüglich der 50%, scheinen mir eher vor der aktuellen Verletzung getroffen worden zu sein.Denn selbst diesen Semifitnessgrad zu erreichen,ist doch nun eher unrealistisch.Und so leid es mir persöhnlich auch tut,wäre man(Neid)nicht gut beraten Renate Lingor doch noch mitzuhehmen.Gegen Topmannschaften ala Brasilien,USA etc. ist es doch geradezu tödlich jemanden ins Spiel zu schicken,der nicht mehr wirklich alles geben kann.Aber ich lasse mich gerne eines Besseren belehren und hoffe auf ein großes Lingorwunder oder aber eben auf die Einsicht von Frau Neid.In beiden Szenarien bliebe uns eine nur noch auf der Ersatzbank sitzende Lingor wohl erspart.

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  • Frau Krawall sagt:

    Meine Güte, wie kann man denn zum jetzigen Zeitpunkt bereits eine Spielerin abschreiben, die noch nicht einmal die Operation hinter sich hat ? Ich finde schon, dass es der Anstand und der Respekt vor der fussballerischen Leistung der Renate Lingor gebühren würden, ihr für Donnerstag viel Glück zu wünschen. Hat sie die Op. dann gut überstanden, wird sich früh genug weisen, inwieweit eine Pekingteilnahme erreichbar für sie sein wird.
    Eine Sache ist für mich aber bereits jetzt klar: ich sehe keine Spielerin in der Nationalmannschaft, die mit soviel technischem Geschick und mit soviel Grips Fussball spielen kann.

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  • Marcel sagt:

    Ich denk auch das die „Hammergruppe“ ihr da einen Strich durch die Rechnung machen könnte Silvia Neid wird da kein Risiko gehen vor allem weil sie bei der WM schon Anlaufzeit benötigte in der Gruppe wirds die aber nicht geben.
    Ich wünsch ihr natürlich das sie es schafft es wird aber ziemlich schwer.

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  • Harald sagt:

    Mich nervt diese Glorifizierung von Renate Lingor so langsam.
    Ich wünsch ihr ja alles gute, daß sie wieder gesund wird. Und ihre Verdienste für den Frauenfußball sind ja unbestritten. Aber muß sie unbedingt mit nach Peking? Kann sie nicht von selbst sagen: „Okay, jetzt mach ich Platz für jemand anderen und seh zu, daß ich erstmal gesund werde.“ ?

    Wir haben doch soo viel Potential an kreativen Frauen fürs Mittelfeld. Aber ich muß ja das Neid’sche Bedürfnismodell nicht verstehen…

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  • Conny68 sagt:

    Glorifizierung? Ich finde nicht, dass man RL glorifiziert. Ich denke, sie hat in letzter Zeit auch sehr viel Kritik einstecken müssen. Sie hat mir ihren fußballerischen Fähigkeiten und ihrer sehr sympathischen Art viel für den Deutschen Frauenfußball geleistet. Dafür gebührt ihr großen Respekt. Aber nichts zählt so wenig wie der Erfolg von gestern – das ist (leider) so. Deshalb darf Silvia Neid meines Erachtens Renate Lingor nur dann mit ins Olympiaboot nehmen, wenn sie a) absolut fit ist und b) sie tatsächlich keine stärkere Kreativspielerin findet. Und gerade bei Punkt b) werden die Meinungen sicherlich weit auseinander gehen. Aber ich denke, wenn die Bundestrainerin RL mitnimmt, dann muss sie auch spielen. Ansonsten sollte eine jüngere Spielerin die Chance erhalten, denn diese kann bei so einem Turnier vor allem wieder Erfahrung sammeln. Ich würde mir vor allem wünschen, dass Renate Lingor selbst spürt, ob es körperlich noch für so ein Turnier reicht. Es täte mir leid für sie, wenn sie beim „krönenden Abschluß“ ihrer Karriere, hauptsächlich auf der Bank Platz nehmen müßte.

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  • Detlef sagt:

    Also bei aller Wertschätzung für die Leistungen von Renate Lingor in der Vergangenheit, aber dafür können wir uns jetzt nix mehr kaufen!!! Auch ihre große Erfahrung ist wohl kaum etwas wert, wenn sie nicht fit genug ist, um auf dem Rasen zu stehen!!! Darüber hinaus, haben wir doch nun wirklich genug ERFAHRUNG auf dem Rasen, die wir in die Waagschale werfen können!!! Da würde ich lieber etwas mehr jugendliche Unbekümmertheit dafür eintauschen!!! Da wären eine KAROLIN THOMAS (noch eine U-19 WM-in), eine Celia, oder auch eine wiedererstarkte VIOLA ODEBRECHT sicher viel wirkungsvoller, als eine Renate Lingor, die von vielen verschiedenen Zipperlein geplagt wird, und außer Freistößen und Eckbällen, kaum noch was auf die Reihe bringt!!! SORRY, aber sie hätte ihre Karriere in der Natio als Weltmeisterin beenden sollen!!!

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  • Caro sagt:

    Danke Frau Krawall und Conny68! ich denke auch, dass doch für RL das gute Überstehen der OP erstmal im Vordergrund steht und dafür wünsche ich ihr alles Gute! Warum sich über weiteres jetzt den Kopf zerbrechen? Es ist doch noch alles offen!!! Außerdem ist in einer Natio eine Mischung aus routinierten und jungen Spielerinnen perfekt. Nur Idgie und die für die Auswahl und die therapeutischen Aspekte Zuständigen werdens dann wissen. Ich wünsche ihr, dass sie sich den Wunsch erfüllen kann und ich finde ihn legitim zum Karriereende, why not? Wenn es nicht klappt, dann ist es auch ok, aber ich finde es auch wichtig, seine eigenen Ziele zu verfolgen. Sie wird es sicher nicht um JEDEN Preis tun. Hau rein, Idgie!

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  • Frau Krawall sagt:

    Vielleicht noch was: Der 1. FFC hat Mittwoch seit Ewigkeiten mal wieder verloren. Am Ende hat da jemand gefehlt, der für Freistöße und Ecken zuständig ist ? (Karolin Thomas hat der Trainer übrigens im Laufe des Spieles ausgewechselt. Danach lief´s wohl flotter…wenn´s auch nicht zum Sieg für den FFC gereicht hat.)

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  • Idgie-Jonsi-Fan sagt:

    Keine Sorge, Idgie wird fit sein!!!
    Warum ich das weiß?
    1. Für Idgie zählt der Satz „Dabei sein ist alles“ nix!! Sie will nicht nur dabei sein, sondern ein gutes Turnier spielen!! 🙂
    2. Idgie ist eine Kämpferin und was sie sich vornimmt, dass schafft sie auch, wie man an ihren vielen Erfolgen sehen kann!!! 🙂
    3. Braucht sie net soviel Spielpraxis um ein gutes Turnier spielen zu können, da sie auf genügend Erfahrung National und International bauen kann!! Sie hat oft genug bewiesen, dass selbst wenn sie in einem Spiel mal net so gut drauf war immer noch 2-3 Geistesblitze in der Art eines genialen Freistoßes, Eckballes oder Passes in die Tiefe hatte die dann das Spiel letztendlich zu ihren Gunsten entschieden haben!! 🙂

    Also no Panic!! Vertraut ihr einfach! Sie weiß was sie macht… 🙂

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  • Caro sagt:

    das denke ich auch, idgie-jonsi-fan, dass renate in der regel wichtige spielakzente setzt und nach wie vor torvorbereiterin ist. das hat man in den letzten spielen gesehen. z.b. beim dfb-poklaendspiel beim tor von conny pohlers. glückwünsche zur überstandenen op. renate und ihre teamkolleginnen sind kämpferinnen also … auf nach peking!

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  • kolibri sagt:

    Nun ja, wenn der Körper net mehr mitmacht, dann hilft kein Kampf und auch kein Wille!
    Trotzdem wünsche ich ihr für die Zukunft das beste.

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