Ohrfeige für Schweizer Frauenfußball

Von am 3. April 2008 – 13.35 Uhr 7 Kommentare

Gerne rühmt man sich in der Schweiz, welch rasante Entwicklung der Frauenfußball in den vergangenen Jahren im Land genommen hat. Im vorigen November wurde die neunjährige Sunniva Flück vom FC Rot-Schwarz Thun zur 20.000 Fußballerin in der Schweiz mit einer Lizenz, 20 Jahre zuvor waren es derer nur 2.400.

Und auch international sorgen Schweizer Fußballerinnen inzwischen für Furore, wie etwa die 17-jährige Ramona Bachmann beim schwedischen UEFA-Pokal-Halbfinalisten Umeå IK. Auch die Frauenfußball-Nationalmannschaft macht nach und nach an Boden gut.

Doch wie weit der Frauenfußball in der Schweiz noch von breiter Akzeptanz entfernt ist, zeigt die Entscheidung, das Pokalfinale im Frauenfußball zu verschieben und somit vom Männerfinale zu trennen, „um eine reguläre Durchführung des Männer-Endspiels zu garantieren“, wie es auf der offiziellen Website des Schweizer Fussballverbands (SFV) heißt.

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Der miserable Zustand des Rasens im Baseler St. Jakob-Park sowie die schlechten Wetteraussichten hätten die Verantwortlichen zu diesem Schritt gezwungen. Eine blanke Ohrfeige für alle in der Schweiz am Frauenfußball beteiligten Akteure.

Finalisten sprachlos
Vertreter der beiden Vereine FFC Schwerzenbach und FFC Bern hielten die Nachricht zunächst für einen Aprilscherz. „Sie waren sprachlos“, so Béatrice von Siebenthal, verantwortlich für Mädchen und Frauenfußball im SFV. Somit wird den Schweizer Fußballdamen die Chance geraubt, einen der seltenen Momente zu nutzen und sich vor einem breiten Publikum zu präsentieren.

Unverständliche Entscheidung
Warum verzichtet man freiwillig auf diese Art der Promotion, wenn doch der Frauenfußball gefördert werden soll? Ist der Rasen wirklich in einem derart schlechten Zustand, hätte konsequenterweise auch das Männerfinale verlegt werden müssen. „Für mich ist der Entscheid unverständlich. Aber meine Meinung hatte scheinbar kein Gewicht “, nimmt Siebenthal kein Blatt vor den Mund.

Der SFV „bedauert“ die Entscheidung und will nun einen „würdigen Rahmen“ für die Neuaustragung finden. Viele Gelegenheiten dazu gibt es nicht. In Frage kommen möglicherweise zwei Test-Länderspiele, die die Schweizer Männer-Nationalmannschaft vor der EURO 2008 noch bestreiten wird, am 24. Mai in Lugano gegen die Slowakei und am 30. Mai in St. Gallen gegen Liechtenstein. Ein fader Beigeschmack bleibt.

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Markus Juchem (49) schreibt seit 2003 über Frauenfußball, für Medien wie Womensoccer.de, UEFA.com, FIFA.com, DFB.de, FAZ, NZZ und Kicker.

7 Kommentare »

  • oliist sagt:

    Vielleicht hätte man die Frauen NACH den Männern spielen lassen sollen.Unter Umständen wären diese ja mit dem dann sicher nicht mehr ganz so guten Untergrund besser zurechtgekommen,als es die etwas verwöhnteren Vollprofis wohl getan hätten. 🙂
    Hoffentlich bleibt Berlin am 19. April von schlechtem Wetter verschont. 😉

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  • ViolA sagt:

    bleibt wirklich zu hoffen, dass sich die zuständigen bald eines besseren besinnen und in zukunft wieder beides aneinander koppeln oder anderweitige und gleichwertige verbindungen zustande bekommen. kann ja auch für sie eigentlich nur von vorteil sein… gerade wenn die herren schon nicht so eine große rolle im internationalen geschehen einnehmen. da ist es mir völlig schleierhaft wieso man die frauen nicht stärker fördert wo der frauenfußball international gerade aus den kinderschuhen wächst aber noch halb drinsteckt… wer weiß wovor die angst haben…

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  • helena sagt:

    Nun, abgesehen davon, daß es natürlich nicht geht, ein Spiel mit einer so fadenscheinigen Begründung (sollten die etwa in der Schweiz nicht in der Lage sein, einen guten Rasen für zwei Spiele aufzubieten? Dann Gute Nacht Euro 2008!) abzusagen und dazu noch so kurzfristig, ohne Entscheidungsträger des FF einzubeziehen und ohne echte Alternative, finde ich persönlich grundsätzlich eine Abkopplung nicht falsch und wünschte es mir auch im DFB-Pokal. Denn das Argument, die Atmosphäre des Finales sei aufgrund der höheren Fanzahl (dank des anschließenden Herrenfinales) so toll, empfinde ich immer als einen Affront gegenüber dem Frauenfußball. Vielleicht wäre die Fanzahl in der Tat nicht ganz so groß, wenn man das FF-Finale abkoppelte (z.B. könnte man es durchaus zur jetzt avisierten Zeit in einem anderen Stadion, das auch jährlich wechseln könnte, etwa in Regionen mit geringerer Fußballpräsenz, austragen lassen oder etwa am Sonntag in Berlin oder…), dafür wären aber wirklich nur Fans des FF im Stadion. Und eine Live-Berichterstattung sollte doch wohl hinzubekommen sein. Für irgendwas zahlen wir doch schließlich GEZ…;-)

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  • Markus Juchem sagt:

    @helena: Wir haben dieses Thema vergangenes Jahr schon einmal in einem Beitrag behandelt: http://www.womensoccer.de/2007/02/11/ein-reines-frauen-pokalfinale-mehr-als-nur-reizvoll/

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  • oliist sagt:

    @helena
    Solltest du aus deinen Vorschlägen eine Petition machen,bin ich der erste der unterschreibt.
    Das Finale der Frauen wirkt eher ab- als aufgewertet.Zuerst einmal atmosphärisch:wenige tausend Fans im Olympiastadion erscheinen optisch wie akustisch eher bedrückend als beeindruckend.Dann trudeln nach und nach die Fans der beiden männlichen Vereine ein,um mit ihrem akustischen Zutun dem ganzen das Gefühl von Fußgängerzone zuvermitteln.Stichwort:Dauerquattschen
    Und zweitens wirkt es wie ein schlecht verkaufter Appetizer vor der eigentlichen Hauptattraktion.Nur weil Frauenfussball eher semiprofessionell ist darf die Fernsehübertragung noch lange nicht amateurhaft sein.Wobei dieser Punkt nichts speziell mit dem DFB Pokalfinale zu tun hat.Ich sage nur wie schön es doch war noch mal Claudia Müller reaktiviert zu sehen.Natürlich war Martina Müller gemeint.Aber immerhin muss diesmal kein Kommentator fürchten sich an Zungenbrecher-Namen ala Celinja Okojinjo dampapi oder Bairami oder wie sie auch immer heissen mögen zu verschlucken. 😉

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  • Markus Juchem sagt:

    Ein Update zum Thema: Frauen protestieren nach Cupfinal-Absage

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  • Markus Juchem sagt:

    Der Frauen-Cupfinal zwischen dem FFC Bern und dem FFC United Schwerzenbach, der verschoben werden musste, findet neu am Freitag, 2. Mai 2008, um 17.00 Uhr als Prolog zum Spiel der Axpo-Super-League BSC Young Boys – Neuenburg Xamax im Stade de Suisse Wankdorf in Bern statt.

    Siehe: http://www.football.ch/de/start.aspx?vNews=1&newsID=12

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