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Renate Lingor: der bange Kampf um Stammplatz und Olympia

Von am 26. März 2008 – 13.04 Uhr 7 Kommentare

Frauenfußball-Star Renate Lingor kämpft um den AnschlussDie Stimmungslage bei Frauenfußball-Bundesligist 1. FFC Frankfurt war nach dem souveränen 4:0-Sieg im DFB-Pokalhalbfinale bei Bayern München am Ostermontag von zufriedener Gelassenheit geprägt. Ohne größere Probleme hatte man den Auftakt in die Woche der Wahrheit überstanden und konnte den Blick schnell auf das bevorstehende erste UEFA-Pokal-Halbfinalspiel gegen Bardolino Verona am kommenden Samstag richten.

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Doch ein Wermutstropfen trübte die österliche Atmosphäre. Wie ein Häuflein Elend saß Renate Lingor noch lange nach Spielende auf den Treppenstufen zur Umkleidekabine der Frankfurterinnen und musste gar von ihren Teamkolleginnen getröstet werden. Am liebsten wäre sie sogar ohne die Mannschaft zurück nach Frankfurt gefahren.

Obwohl sie sich fit fühlte, sich aufwärmte und auf einen Einsatz brannte, fand die zweifache Frauenfußball-Weltmeisterin an diesem Tag weder in der Startformation noch als Einwechselspielerin Berücksichtigung. Eine bemerkenswerte Maßnahme und eine ungewohnte Situation für die 141-fache Nationalspielerin, die mit einer Goldmedaille beim Olympischen Frauenfußballturnier in Peking ihre Karriere ausklingen lassen will.

„Wir haben einen ausgeglichenen Kader. Von der Warte aus habe ich keinen Grund gesehen, die erfolgreiche Mannschaft der vergangenen Wochen zu ändern“, erklärte FFC-Trainer Dr. Hans-Jürgen Tritschoks, dessen Team im Jahr 2008 bisher alle Spiele gewonnen hat.

Da Mbabi im Nacken
„Never change a winning team“ lautet eine altbekannte Fußballweisheit, doch Lingor befürchtet wohl, ohne regelmäßige Spielpraxis die Olympischen Spiele und somit ihr letztes großes Turnier zu verpassen, bahnt sich doch in der wieder genesenen und formstarken Célia Okoyino da Mbabi ernste Konkurrenz im Mittelfeld der Nationalmannschaft an.

„Sie ist nach wie vor eine wichtige und wertvolle Spielerin, wenn sie fit ist“, beschwichtigt FFC-Manager Siegfried Dietrich auf Anfrage von Womensoccer.de. „Wir führen Gespräche mit ihr“, räumt er jedoch ein, dass es einiger Überzeugungsarbeit bedarf, um Lingor wieder aufzubauen. „Ich habe auch Verständnis. Sie hat sich wieder herangearbeitet und es ist doch klar, dass eine Spielerin spielen will“, so Dietrich weiter.

Renate Lingor will ihrer Karriere mit Olympia-Gold krönenVolle Konzentration auf Bardolino
Schnell will man das Thema vom Tisch bekommen, um die Konzentration voll und ganz auf die schweren Spiele im UEFA-Pokalhalbfinale gegen Bardolino Verona zu richten. Denn nach 2005/2006 will man in Frankfurt wieder einmal zu europäischen Meisterehren kommen. Und die Chancen auf eine Finalteilnahme stehen nicht schlecht. „Bardolino ist sicherlich eine lösbare Aufgabe, betrachtet man die anderen beiden im Wettbewerb verbliebenen Teams“, so Tritschoks.

Ob Lingor im Hinspiel am Samstag zum Einsatz kommen wird, werden wohl erst die letzten Trainingseindrücke entscheiden. Einfach wird es für „Idgie“ zum Ausklang ihrer Karriere sicherlich nicht. „Ich kämpfe mich ja schon jetzt ein bisschen durch“, räumte sie zuletzt im FAZ-Interview selbst ein. „Und da muss ich mich fragen, wie lange ich dieses hohe Niveau noch halten kann.“

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Markus Juchem (49) schreibt seit 2003 über Frauenfußball, für Medien wie Womensoccer.de, UEFA.com, FIFA.com, DFB.de, FAZ, NZZ und Kicker.

7 Kommentare »

  • oliist sagt:

    Vielleicht sind solche Konflikte im einzigen Frauenfussballvereins in Deutschland,der zum Erfolg verdammt ist,ganz normal.Jetzt und in Zukunft.
    Wenn es wirklich um etwas im Leben geht,wie eben zum Beispiel Geld,Erfolg & Prestige,versucht jeder so gut er kann seine höchst eigenen Interessen durchzusetzen.Ein Trainer lässt die Elf auflaufen,die er für die beste hält.Eine Spielerin setzt alles daran eine dieser Elf zu sein bzw. zu werden.Da sind Interessenkonflikte über kurz oder lang unvermeidlich.Persöhnliche Kabeleien und Eitelkeiten lasse ich hier mal absichtlich außen vor.
    Ohne selber die genaueren Details dieser speziellen Situation vom Montag zu kennen und mir dementsprechend kein ultimatives Urteil erlauben kann,bleibt mir nur zu hoffen,daß die gemeinsame Geschichte des Vereins,mit dem ich symphatisiere,und der Sportlerin,die ich wirklich mag,für ihre Art als Spielerin UND als Mensch,ein gutes Ende findet.
    Amen. 😉

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  • Idgie-Jonsi-Fan sagt:

    Kann dir nur beipflichten OLIIST. Ich bewundere Idgie als Spielerin und mag sie als Mensch auch sehr und hoffe, dass ihr Wunsch mit der Goldmedaille um den Hals ihre Karriere zu beenden in Erfüllung geht. Denn keine andere hat es so verdient wie sie!!! Lass uns einfach alle sämtliche Daumen und Zehen drücken, dass alles gut wird!! 🙂

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  • Max Diderot sagt:

    Als das Wünschen noch half … Ich erinnere mich, dass es anlässlich der letzten Weltmeisterschaft schon einige Diskussionen über die Darbietungen von Renate Lingor gab. Und dabei handelte es sich auch um Meinungen, die der Spielweise der Frankfurterin nicht zugetan waren. Die WM in China hat eine Nachhaltigkeit in mir hinterlassen: der Frauenfußball wird athletischer und technischer. Die Brasilianerinnen und die Australierinnen (sic!) will ich dafür als Beispiel anführen. Beim deutschen Team erschien es mir manchmal so, als könnten einige Akteurinnen in vielerlei Hinsicht dieser Entwicklung nicht folgen. Das am Ende die „Teutonik“, Kampf und Wille, die Oberhand behielten, sollte nicht davon ablenken, dass sich auch der deutsche Frauenfußball fortentwickeln muss. Diese Schritte voran, scheinen mir aber aktuell zu behäbig vonstatten zu gehen. Ob eine so verdienstvolle Spielerin wie Renate Lingor maßgeblich noch darauf Einfluss nehmen wird, wage ich zu bezweifeln. Schön wäre es, würde ich mich irren.

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  • helena sagt:

    Also, mangelnde Athletik kann man doch den meisten deutschen Nationalspielerinnen nicht vorwerfen, fehlende Technik in aller Regel – von einigen Ausnahmen auch in der Natio einmal abgesehen – doch wohl auch nicht. Ausschließlich Kampf und Wille als die siegreichen/erfolgreichen Elemente zu benennen, grenzt doch fast schon an eine Beleidigung aller der Spieler, die neben dem Kampfes- und Siegeswillen (ohne den es im Sport ganz nebenbei dann eben doch auch nicht geht) auch große athletische und technische Fähigkeiten mitbringen. (Ich schrieb schon mal an anderer Stelle: Zauberei am Ball gehört in den Zirkus und hat nicht viel mit Fußball zu tun und wie limitiert dann letztendlich Technik und Athletik der Brasilianerinnen gewesen ist, als die deutsche Mannschaft ihre „Zauberkünste“ unterbunden hat, hat man nicht zuletzt im Finale der WM gesehen. Fußball ist eben nicht Zauberei.)

    Meiner Meinung nach haben die Spiele, die ohne Renate Lingor in der Natio absolviert wurden durchaus gezeigt, daß sie zumindest zur Zeit noch keine wirkliche Nachfolgerin gefunden hat. Ob daMbabi, die ich wirklich sehr schätze und auch gerne bei der WM gesehen hätte, bereits die gleiche Klasse hat, die Idgie auch aufgrund ihrer sehr großen Erfahrung hat, da bin ich noch sehr am Zweifeln. Daß sich auch Renate Lingor dem Konkurrenzkampf stellen muß, im Verein wie in der Natio, sollte unbestreitbar sein, vergangene Verdienste zählen dann eben doch nicht. Jedoch können sich sehr viele Spielerinnen eine „Scheibe abschneiden“, was das athletische und technische Vermögen Lingors betrifft. Daher würde ich Max widersprechen: Idgie ist, gerade aufgrund dessen, daß sie jetzt stärker als je zuvor um einen Stammplatz kämpfen muß, durchaus in der Lage, Maßstäbe in Athletik, Fitness und Technik zu setzen.

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  • Max Diderot sagt:

    Hmh…, die Betrachtungsweise des Verfassers reduziert den deutschen Frauenfußball nicht alleine auf Kampf und Wille, meint aber festgestellt zu haben, dass diese Eigenschaften zum Erfolg in China wesentlich beitrugen. Und Athletik reduziert sich nicht ausschließlich auf Kraft und Schnelligkeit sondern beinhaltet auch koordinative Tugenden wie Geschicklichkeit, Antizipationsfähigkeit oder auch Kombinationsfähigkeit. Und hier stagniert der deutsche Frauenfußball meines Erachtens. Jüngstes Beispiel waren einige unkoordinierte Aktionen im jüngsten Pokalhalbfinale zwischen den Bayern und dem FFC Frankfurt.
    Und da ich meine, dass der Frauenfußball in kommender Zeit von diesen Einflüssen noch stärker geprägt sein wird als bisher, habe ich meine Zweifel, ob Frau Lingor diese Anschluss gelingen wird.

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  • ViolA sagt:

    auf jeden fall führten der kampf und wille zum erfolg, dennoch würde ich auch dies allen teams zuschreiben. ich kann mir kaum vorstellen, dass irgendeine mannschaft die nach china gereist ist, ohne motivation und kampfgeist gespielt hat, viele haben gewonnen und viele haben verloren. und gerade diesen kampfgeist will ich auch dem brasilianischen team nicht absprechen. sie haben den sieg gewollt, alles dafür gegeben was sie geben konnten und doch gegen uns verloren weil sie zum einen ihre chancen nicht nutzen konnten, aber auch weil sie gegen eine geschlossen auftretende deutsche mannschaft zu wenig teamleistung gezeigt haben – sie haben stattdessen versucht sich durch die klasse ihrer einzelnen spielerinnen zu behaupten. die zeitungen schieben damals etwas von wegen zauberinnen versagten am deutschen bollwerk (sinngemäß). nur muss ich sagen, empfinde ich weder das eine noch das andere als die zukunft des fußballs. es ist definitiv so, dass die technik am ball wichtiger wird und die schnelligkeit der spielerinnen und des spiels (z.b. direktabnahmen, one-touch-pässe,…), deswegen wird aber nicht überall so gespielt wie in brasilien. ich denke es gibt verschiedene arten zu spielen, unterschiedliche spielkulturen und vorraussetzungen. damit meine ich, dass wir niemals werden spielen können wie die brasilianerinnen weil wir deutsche sind. das hat was mit der kultur zu tun, mit dem was uns ausmacht, was wir jeden tag erleben. das muss aber nicht heißen, dass wir schlechter sind oder besser als andere. wir sind einfach anders und so ist es auch unser system, dass sich ja durchaus auch verändert. auch unsere spielerinnen verändern sich, unsere liga und der frauenfußball in deutschland wie eben weltweit.
    nehmen wir das beispiel marta und birgit prinz. die presse schrieb von birgit sie wäre die vergangenheit und marta die zukunft. dem alter entsprechend natürlich. marta hat eine große zukunft vor sich, wenn sie sich weiterhin entwickeln kann und verletzungsfrei bleibt was ich ihr wirklich wünsche. und es stimmt auch in bezug darauf, dass birgit einen teil der vergangenheit mitnimmt einfach weil sie ihn noch erlebt hat. den fußball der 90er. nur sie spielt völlig anders als marta. dynamik ist doch deswegen nicht vergangenheit. und wie sagte silvia neid ganz treffend? „der ball ist wichtig, schaut auf den ball“. man kann auch keine birnen mit äpfeln vergleichen. man kann die leistung vergleichen, aber nicht die spielweise.
    was die geschicklichkeit und kombinationsfähigkeit angeht so muss ich doch klar wiedersprechen. ich sehe uns da nicht stagnieren sondern sehe vielmehr junge spielerinnen wie z.b. annike krahn die sich bereits jetzt in jungen jahren in den kader gespielt und einen stammplatz erkämpft haben. annike übernimmt bereits jetzt verantwortung und eine führungsrolle. für mich hat sie sich nahtlos in das team eingefügt. die erfahrung einer ari hat sie noch nicht, aber sie wird eines tages – wenn sie so weitermacht – besser spielen als eine ari es je konnte weil sie auf einem anderen niveau gestartet ist und in jüngeren jahren da ist wo ari später war. ich sehe also durchaus einen fortschritt in der entwicklung.

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  • Idgie Fan sagt:

    Das Spiel habe ich am Fernseher verfolgt und es war ein kurzer Kameraschwenk auf Frau Ballweg zu sehen, die auch im Publikum saß. Ich kann jetzt nur spekulieren, aber ich nehme an sie war dort um die Spielerinnen zu beobachten, die für Peking in Frage kommen.
    Deswegen glaube ich, war Lingor der Einsatz in dem Spiel auch so wichtig, da sie zeigen wollte, das sie es Wert ist in Peking zu spielen. Immerhin hat sie nach ihrer längeren Verletzungspause, doppelt so hart trainiert um wieder mit den jüngeren Spielerinnen mithalten zu können und voll einsatzbereit zu sein.
    Das sie nach dem Spiel enttäuscht ist, weil sie nicht spielen durfte, obwohl der Trainer sie noch zum Aufwärmen schickte und somit nicht unter Beweis stellen konnte, was sie in den letzten Wochen erarbeitet hat, ist verständlich.
    Peking ist das letzte große Ereignis bei dem sie dabei sein möchte und sie hat Angst, auf Grund der Nachwuchsspielerinnen und ihren durch Verletzungen bedingten Pausen nicht mit nach China zu dürfen, was sie durch ihr Verhalten nach dem letzten Spiel gezeigt hat.
    Es hat mich bewegt, das sie getröstet werden musste, weil es zeigt wie wichtig ihr der Fuball ist und sie hat es auf Grund ihrer Erfahrungen, ihrem außerordentlcihen Talent, ihrem Können und nicht letztendlich wegen ihrer Menschlichkeit verdient spielen zu dürfen.
    Ich hoffe, dass es in Zukunft wieder besser für sie läuft, dass sie wieder mehr eingesetzt wird, nicht nur in ihrem Verein sondern auch in der Nationalmannschaft, denn in meinen Augen hat sie sich ihrern Einsatz redlich verdient.
    Das kommende Spiel am Samstag werde ich auf jeden Fall daumendrückend verfolgen, in der Hoffnung, dass sie wieder Spielen darf, denn für mich ist Renate Lingor weiterhin eine der größten Spielerinnen überhaupt.

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