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Bianca Rech: Kämpfen statt schmollen

Von am 10. März 2008 – 8.20 Uhr 5 Kommentare

„So langsam frage ich mich aber wirklich, was eine Bianca Rech verbrochen hat!“, schrieb kürzlich ein User mit dem Kürzel „A40“ in einem großen Frauenfußball-Forum über die Nichtberücksichtigung der 20-fachen Nationalspielerin für den Algarve Cup.

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War schon der Verzicht auf die Bayern-Spielerin für die Frauenfußball-WM in China nur schwerlich nachzuvollziehen, wurde sie nun auch bei der Benennung des Kaders für das Turnier in Portugal einmal mehr „vergessen“. Abgeschoben auf die Abrufliste, die seit der Berufung von Rechs dort nicht gelisteter Teamkollegin Nicole Banecki zur Bedeutungslosigkeit degradiert wurde.

„Das Thema Nichtnominierung ist für mich abgehakt“, erklärt die 27-Jährige mit dem großen Kämpferherz mit Nachdruck gegenüber Womensoccer.de, bevor sie in einem Münchner Cafe behutsam einen Schluck heiße Schokolade zu sich nimmt.

Rechs Nichtnominierung ist umso verwunderlicher, als die linke Abwehrseite im Spiel der deutschen Frauenfußball-Nationalmannschaft noch immer eine Schwachstelle darstellt, und Rech bei ihren letzten Auftritten im Nationaltrikot konstant überzeugte und auch im Verein stabile Leistungen zeigt.

Die Teilnahme an den Olympischen Spielen in Peking im August hat sie aber noch lange nicht abgeschrieben. „Mein Ziel ist Olympia“. Doch sie räumt ein: „Aber es wird sicherlich kein einfacher Weg.“

Verletzungspech
Seit elf Jahren spielt „Jay“ in der Bundesliga, immer wieder wurde sie von schweren Verletzungen, wie etwa zwei Kreuzbandrissen, zurückgeworfen, immer wieder kam sie zurück. Doch jedes Jahr wird es schwieriger, sich zu motivieren. „Ich merke es jetzt schon, ich muss kämpfen“, gewährt sie Einblick. Sollte es mit der Olympia-Teilnahme nicht klappen, wird ihre Karriere in der Nationalmannschaft wohl beendet sein.

Dabei steht Rechs Tagesablauf immer noch ganz im Zeichen des Fußballs. Viermal pro Woche trainiert sie bei den Bayern jeweils fast zwei Stunden, hinzu kommen die Spiele am Wochenende und vier- bis fünfmal pro Woche eigene Trainingseinheiten, keine kürzer als 90 Minuten. Viel Aufwand. Und die Leidenschaft ist ungebremst. „Es macht immer noch Riesenspaß und der Fußball eröffnet Möglichkeiten, die Dinge anders kennen zu lernen.“

Bianca Rech beim StadtbummelNordic Cup statt Party
Da bleibt nur wenig Zeit für Privatleben. „Da muss man zurückstecken. Ich gehe ganz gerne ins Kino, sitze in Bars und Bistros oder gehe mit Freunden zum Essen. Ich bin kein Partygänger, der ständig Halligalli braucht.“ Das war schon zu Schulzeiten nicht anders. Während die Klassenkameradinnen mit 15 auf Partys gingen, nahm Rech bereits erstmals am Nordic Cup teil. „Da geht man einen ganz anderen Weg als viele andere und das über Jahre. Ich habe deswegen aber nicht schlechter gelebt.“

Auch mit ihren WG-Mitbewohnerinnen Vanessa Bürki und Bianca Eder ist sie gelegentlich unterwegs. „Ich genieße die Gesellschaft, aber ich ziehe mich auch gerne mal zurück.“ Und es muss nicht immer Fußball sein. „Ich besuche im Moment eine KungFu-Schule und begleitend einen Meditationskurs, da ich mich zum Buddhismus hingezogen fühle. So kann ich sehr gut abschalten und lerne gleichzeitig Leute außerhalb des Fußballs kennen.“

Hoher Wohlfühlfaktor
Die Stadt München hat sie lieb gewonnen, bis 2010 hat sie kürzlich ihren Vertrag bei den Bayern verlängert. „Es gibt keinen Verein in der Bundesliga, bei dem ich unbedingt noch mal spielen müsste. Mir gefallen die Stadt und die Möglichkeiten des Vereins. Die Mannschaft wächst und wächst, da steckt so viel Qualität drin.“

Das bevorstehende DFB-Pokalhalbfinale gegen den 1. FFC Frankfurt am Ostermontag wirft seine Schatten bereits voraus. „Es spricht sich mehr und mehr herum.“ Wenn wir das Spiel gewinnen, ist nichts mehr aufzuhalten.“ Und die Live-Übertragungen im Fernsehen auf BR und HR werden ein Übriges tun, die Popularität der Bayern-Damen weiter zu erhöhen.

Bianca Rech, Frauenfußballerin bei Bayern München, will es noch einmal wissenGestiegenes Bundesliganiveau
Der Bundesliga bescheinigt Rech einen gewaltigen Qualitätssprung. „In den letzten ein, zwei Jahren hat sich das Niveau extrem verändert. Das Spiel ist schneller, die Ausgeglichenheit größer geworden.“ Doch auch das Ausland reizt sie noch einmal. „Das Thema Schweden ist immer noch eines.“ Das Land, in dem sie 2005 bereits für ein halbes Jahr für Sunnanå SK unweit des Nordpolarkreises gespielt hat. „Das war für mich die schönste und größte persönliche Erfahrung, die ich gemacht habe.“

Die weitere Entwicklung des Frauenfußballs in Deutschland soll nach Rechs Meinung mit Augenmaß betrieben werden. „Man kann auch mit Geld nicht von heute auf morgen alles ändern. Mit kleinen Schritten macht man den Frauenfußball populärer als mit Hauruckaktionen. Für die jetzige Generation, die zum Teil noch aus älteren Spielerinnen besteht, ist der Umwandlungsprozess schwierig. Mann kann ja nicht für den Fußball alles stehen und liegen lassen, es gibt ja auch ein Leben danach. Bei den Profis im Männerfußball ist das anders.“

Schlummernde Talente
Vor allem die gute Nachwuchsförderung des DFB gelte es weiter zu verbessern. „Ich glaube, dass noch viele Talente in irgendwelchen Vereinen schlummern. Bei der Arbeit in den Landesverbänden kann man sicherlich noch einiges optimieren. Das Thema Nationalmannschaft fängt ja mit U14 oder U15 an, es gibt aber sicherlich Talente, bei denen schon früher absehbar ist, dass aus ihnen etwas werden könnte. Doch viele werden übersehen. Ein Talent mit acht oder neun Jahren mag in seiner Entwicklung stagnieren, weil der Trainer nicht qualifiziert genug ist, hier gibt es ebenfalls Optimierungspotenzial.“

Nach Beendigung der aktiven Karriere will Rech selbst Hand anlegen in Sachen Professionalisierung. „Ich könnte mir schon vorstellen, etwas im Frauenfußball zu machen, im Marketing oder im Management eines Vereins. Aber auch in den Trainerbereich würde ich gerne tätig sein, ich habe ja schon seit drei Jahren die A-Lizenz. Es gibt viele Optionen und es wäre eine schöne Herausforderung, bei so einer Entwicklung dabei zu sein.“

Mehr Zeit für Reisen
Zwei großen Leidenschaften soll in Zukunft mehr Zeit eingeräumt werden. „Mein Traum wäre es, einmal mit dem Rucksack durch das Himalaya-Gebirge zu reisen. Oder drei, vier Monate in einem buddhistischen Kloster zu leben.“

Und auch die Begeisterung für das Kartfahren, die vor acht Jahren fast ihre Fußball-Karriere beendet hätte, ist ungebrochen. „Das Kribbeln ist immer noch da. Den Adrenalinstoß kann man gar nicht nachempfinden. Ich werde es mir sicherlich noch einmal gönnen, im Renn-Kart ein paar Runden zu drehen.“

Biancah Rech im RennanzugSchneller als die Polizei erlaubt
Im Jahr 2000, als sie kurz vor dem Wechsel nach Frankfurt stand, war sie bei einer Kart-Aktion einer großen deutschen Tageszeitung in Oschersleben eine der zehn schnellsten Fahrerinnen unter mehr als 1000 Teilnehmern. Im bis zu 140 Stundenkilometer schnellen Renn-Kart fühlte sie sich pudelwohl. „Ich habe mich permanent gesteigert.“

Dann ging es plötzlich ganz schnell: „Ich bin ausgerüstet worden, habe mein eigenes Kart bekommen und wochenlang Testtrainings mit dem Team gemacht.“ Sechs Rennen in der Kartserie standen an. Ein schwerer Unfall mit gebrochenen Rippen und zunehmende Zeitprobleme machten eine Entscheidung unumgänglich.

Fußball statt Kartfahren
„Das letzte Rennen wäre mit dem Wechsel nach Frankfurt kollidiert, also habe ich mich für den Fußball entschieden. Manchmal trauere ich dem nach, dass ich es nicht weiter gemacht habe. Ich wüsste manchmal zu gerne, wie es ausgegangen wäre.“

Den richtigen Weg wird Rech weder im Kart, auf dem Fußballplatz noch im Leben aus den Augen verlieren. „Ich habe das Glück, als Frau einen sehr guten Orientierungssinn zu haben“, sagt sie mit einem Augenzwinkern und nippt noch einmal an der heißen Schokolade.

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Markus Juchem (49) schreibt seit 2003 über Frauenfußball, für Medien wie Womensoccer.de, UEFA.com, FIFA.com, DFB.de, FAZ, NZZ und Kicker.

5 Kommentare »

  • Ruhrschnellweg sagt:

    Genau, Jay, bloss nicht aufgeben – Qualität setzt sich (meistens) durch! Und das Zitat lass ich auch gerne stehen! (A40/Ruhrschnellweg)

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  • Crackfly sagt:

    Laut Aussage auf fcbayern-frauenfussball.de wurde Jay für das Spiel gegen Wales nominiert! Die Neid wird doch wohl nicht… 😉

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  • kolibri sagt:

    doch Frau Neid wird …………………………. eine Umstellung vornehmen
    Bresonik ins Mittelfeld, und Jay nach hinten.
    Ja da freuen wir uns doch alle für Jay, sie hat es sich letztendlich verdient. vieeeeel Glück!

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  • Flo sagt:

    die loefert ein gutes spiel nach dem anderen ab wer die nicht mitnimmt hat von fußball keine ahnung

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  • Ruhrschnellweg sagt:

    Ich wünsche ihr einfach mal, dass sie ihre Chance nun bekommt und sie auch nutzt: auf ihrer Seite alles dicht und einige schöne Vorstösse.

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