Home » Bundesliga Frauen

TuS Niederkirchen: Bitterer Abstieg eines Traditionsvereins

Von am 6. März 2008 – 19.33 Uhr 14 Kommentare

Insgesamt 49 Frauenfußball-Vereine haben beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) die Lizenz für die Zulassung zu den Frauenfußball-Bundesligen eins und zwei in der Saison 2008/2009 beantragt. Fristgerecht reichten sie die geforderten Unterlagen beim DFB ein. Doch einen aktuellen Zweitligisten vermisste man dabei: den Traditionsverein TuS Niederkirchen.

Anzeige

Somit wird der Deutsche Meister von 1993 in der kommenden Saison nicht mehr in der 2. Liga vertreten sein, sondern nur noch in der Regionalliga antreten können. Die Meinungen über die getroffene Entscheidung klaffen auseinander.

Wolfgang Orth, 1. Vorsitzender des TuS Niederkirchen, erklärt gegenüber Womensoccer.de: „Wir haben schon in den letzten zwei, drei Jahren im Grenzbereich gearbeitet. Wir sind ein kleiner Verein, wir haben keine Sponsoren wie Freiburg oder Frankfurt. Und die Zielvorgaben, die der DFB an Zweitligisten im Hinblick auf die WM 2011 in den kommenden Jahren stellt, sind enorm. Sie haben uns zu diesem Schritt bewogen.“

Zu hohe Anforderungen

In Zukunft soll es unter anderem auch bei Zweitligisten hauptamtliche Mitarbeiter geben, beim TuS Niederkirchen ist man davon weit entfernt, schon die Decke an ehrenamtlichen Helfern ist dünn. „Wir können dies einfach nicht leisten, auch wenn es Leute gibt, die anderer Meinung sind. Aber die Verantwortungsträger, darunter auch ich, sind zu dem Schluss gekommen. Für die Mädchen tut es mir Leid, es hat sehr emotionale Diskussionen gegeben.“

Somit streicht einer der großen Traditionsvereine des deutschen Frauenfußballs die Segel. Die Frauenfußball-Abteilung des TuS Niederkirchen existiert bereits seit fast 40 Jahren, größter Erfolg in der Vereinsgeschichte war der Gewinn der deutschen Meisterschaft im Jahr 1993. Im Jahr 2000 stieg der Verein dann aus der Frauenfußball-Bundesliga ab. Nach einem erneuten Wiederaufstieg ging es damals zurück in die Regionalliga Südwest, später wieder nach oben in die neu geschaffene 2. Bundesliga.

Zu wenig Zuschauer

„Wir haben im Südwesten eine schwache Struktur. Woanders kann man aus einem großen Fundus an Spielerinnen schöpfen, hier ist das nicht der Fall. Das war vor 10 bis 15 Jahren noch einfacher.“ Darüber hinaus ist die Konkurrenz groß. Im Umkreis von 50 Kilometern liegen Städte wie Kaiserslautern, Karlsruhe, Mannheim und Hoffenheim, so dass es schwer ist, zur Spielzeit am Sonntag um 14 Uhr Zuschauer zu den Spielen zu locken.

Wie es in Zukunft weiter geht, ist noch unklar. „Denkbar ist die Gründung eines reinen Frauenfußballvereins. Wir haben ja einen Tross von 100 Mädchen, die können wir ja nicht alle nach Hause schicken. Vielleicht gibt es eine Lösung im regionalen Bereich, die wirtschaftlich tragfähig ist. Mannheim und Ludwigshafen haben ein Einzugsgebiet von 400.000 Menschen, mit einer adäquaten Mannschaft könnte man sicherlich 800 Zuschauer pro Spiel anlocken. Das sind aber Gedankenspiele, die noch weit weg sind.“

Angeknackste Motivation

Trotz der prekären Situation hofft Orth, dass seine Elf bis zum Saisonende motiviert weiterspielt, auch wenn der Abstieg in die Regionalliga besiegelt ist. „Das wollen wir definitiv, auch wenn es rund um die Entwicklung eine Trainerdiskussion gegeben hat. Es gibt ja auch einige Spielerinnen, die den Verein wechseln wollen.“ Doch ist dies Motivation genug?

Schon jetzt steht der TuS Niederkirchen als erster Absteiger aus der 2. Liga Süd fest, er rückt gemäß DFB-Statuten am Ende der Saison an den Schluss der Tabelle. Vom Rückzug profitieren die Teams, die direkte Konkurrenten im Abstiegskampf gewesen wären, allen voran der SC Regensburg und der SV Dirmingen, die somit nun bereits ein Punktepolster von fünf bzw. sechs Punkten auf den einzigen verbleibenden Abstiegsplatz haben.

Was die Zukunft der 2. Frauenfußball-Bundesliga angeht, ist Orth skeptisch: „Ich habe noch meine Zweifel, ob sich die 2. Liga in dieser Form auf Dauer etablieren wird. Richtung WM 2011 steigen die Ansprüche an die Teams der 1. und 2. Liga, auch was die Trainingsarbeit angeht. Aber wir haben nicht 2.000 oder 3.000 Zuschauer, wir reden von einer Basis von 80 oder 200.“

Bewerber für die Frauen-Bundesliga bzw. die 2. Frauen-Bundesliga:

Aktuelle Bundesligisten: SC 07 Bad Neuenahr, TSV Crailsheim, FCR 2001 Duisburg, SG Essen-Schönebeck, 1. FFC Frankfurt, SC Freiburg, Hamburger SV, FC Bayern München, 1. FFC Turbine Potsdam, 1. FC Saarbrücken, SG Wattenscheid 09, VfL Wolfsburg.

Aktuelle Zweitligisten: Tennis Borussia Berlin, FC Gütersloh 2000, Herforder SV, FF USV Jena, TuS Köln rrh., 1. FC Lokomotive Leipzig, VfL Sindelfingen.

Bewerber ausschließlich für die 2. Frauen-Bundesliga:

Aktuelle Zweitligisten: 1. FC Union Berlin, FFC Brauweiler Pulheim, SV Dirmingen, FCR 2001 Duisburg II, 1. FFC Frankfurt II, SV Viktoria Gersten, ASV Hagsfeld, Hamburger SV II, KSV Holstein Kiel, FFC Wacker München, FFV Neubrandenburg, FFC Oldesloe, 1. FFC Turbine Potsdam II, SC Regensburg, FFC Heike Rheine, SC Sand.

Aktuelle Regionalligisten: TSV Schwaben Augsburg, FSV Jägersburg, TSV Jahn Calden, SV Blau-Weiss Hohen Neuendorf, Karlsruher SC, SC Fortuna Köln, FV Löchgau, 1. FC Lübars, SG Lütgendortmund, Magdeburger FFC, GSV Moers, FC Bayern München II, Mellendorfer TV, VfL Sindelfingen II.

Tags:

Markus Juchem (49) schreibt seit 2003 über Frauenfußball, für Medien wie Womensoccer.de, UEFA.com, FIFA.com, DFB.de, FAZ, NZZ und Kicker.

14 Kommentare »

  • Tina sagt:

    Sehr guter Bericht, der ehrlich die Situation beschreibt und informativ ist. Danke!

    Für die Mannschaft ist die Situation absolut „beschissen“ (Sorry, für das Wort). Es tut weh, wenn man so einem Untergang nur zusehen kann. Da die Absicht des Nichtmeldens für die 2.Liga bis ein Tag vor Meldeschluss verschwiegen wurde, haben jegliche Handlungsalternativen gefehlt.
    Vor einer Woche sah noch alles nach einem traumhaften Neubeginn aus als das Trainergespann um Stefan Malz verpflichtet wurde. Im gesamten Umfeld war eine beeindruckende Euphorie zu spüren und innerhalb der Mannschaft war die Stimmung äußerst positiv und voller Freude! ..und jetzt? Das totale Aus… 🙁

    (0)
  • Aysun sagt:

    Als langjährige Spielerin dieser Mannschaft kann ich diesen Bericht nicht so hinnehmen. Hier ist nur Herr Orth befragt worden und es ist nicht die ganze Wahrheit. Die Mannschaft wurde von Herrn Orth 1 Tag vor Meldeschluss informiert, daß der TUS Niederkirchen nicht für die 2 Liga melden wird. Bis zu diesem Zeitpunkt wurde seit dem Vorliegen des Antrages Anfang Dezember 2007 nichts unternommen!!

    (0)
  • Markus Juchem sagt:

    Hallo Aysun, Herr Orth hat eingeräumt, dass es ein Fehler war, die Mannschaft nicht schon früher selbst zu informieren. Die Entscheidung stand seit einigen Wochen fest, Stellvertreter und Abteilungsleiter wussten Bescheid. Er sei davon ausgegangen, dass diese die Mannschaft informieren würden. Er übernimmt die Verantwortung für dieses Versäumnis und versteht, dass sich das Team überfahren vorkommen muss.

    (0)
  • Aysun sagt:

    Auch das ist nicht die Wahrheit!!! Das neue Trainergespann wurde vor ca. 2 Wochen vorgestellt und es sollte ein Neuanfang sein, um den Nichtabstieg zu schaffen und auch da wußte niemand was davon!! Herr Orth war positiv gestimmt und meinte: Jetzt können wir es noch schaffen! Herr Orth meint, dass er es versäumt hat die Mannschaft rechtzeitig zu informieren. Wäre er am Sonntag nicht aufgefordert worden nach unserem Spiel etwas dazu zu sagen, wüßten wir es heute noch nicht oder wir hätten es in der Zeitung gelesen

    (0)
  • Tina sagt:

    Dem Kommentar von Aysun kann ich zustimmen!

    (0)
  • Tom Schlimme sagt:

    – Wieso hat man die Dramatik der Situation gegenüber Spielerinnen, ihren Eltern, die ja zum Gutteil die Betreuer stellen, und anderen Vereinsmitgliedern nicht rechtzeitig deutlich gemacht? Es wäre doch nicht unwahrscheinlich, dass sich angesichts solcher Alternativen doch noch zusätzliche Kräfte gefunden hätten?

    – Wieso hat man sich nicht rechtzeitig hilfesuchend an die Öffentlichkeit und potentielle Sponsoren gewandt, und zwar auch hier unter Darstellung der tatsächlichen Dramatik der Situation?

    – Wieso hat man sich nicht rechtzeitig an den DFB gewandt? Wenn die 2. Liga so schwer zu stimmen ist, müßte es ja anderen Vereinen auch so gehen, und es liegt im Interesse des DFB, ein Ausbluten der 2. Ligen zu verhindern. Egal ob durch mehr Zuschüsse oder durch Strukturänderungen.

    Wer ein Schiff heimlich, still und leise gegen eine Wand fährt und erst eine Sekunde vor dem Zusammenstoß Alarm gibt, macht sich des Vorsatzes verdächtig, sorry gegenüber dem Vorstand von Niederkirchen, aber als Umbeteiligter kann man es nicht anders sehen!

    Mich erinnert vieles an die Situation beim FSV Frankfurt, wo man im Gesamtverein die Frauenfußballabteilung einfach nicht mehr haben wollte und schließlich mit fadenscheinigen Gründen abservierte.

    (0)
  • Tina sagt:

    @Tom. was du beschrieben hast ist absolut richtig und entspricht der Situation in Niederkirchen.
    Es ist einfach so schwer zu verstehen, wie eine einzelne Person das so verhauen kann. (Und da braucht man echt nicht „sorry“ sagen, denn es ist so!)
    Es wäre sehr viel möglich gewesen in den nächsten Wochen, vor allem durch das neue Trainerteam um Stefan Malz, was Sponsoren-Suche und Öffentlichkeitsinteresse betrifft, aber dafür hätte der Verein den Schritt zur Meldung machen müssen.

    Fazit: momentan werden die richtigen Fragen gestellt, die Überraschung ist groß, das Verständnis gering…letztendlich ist aber alles zu spät!

    (0)
  • Annabell sagt:

    @ all

    Es ist richtig traurig was da abläuft.
    Ist nicht schön, wenn so ein Traditionsverein aus der (2.) BuLi verschwindet. Da hätte man viel früher nach einer Lösung suchen bzw. um Hilfe bitten müssen.

    @ Aysun
    Hey du „lebst“ noch? Hab gar keine aktuelle eMail-Addy mehr von dir. Hoff, du weißt noch, wer ich bin… !? 😉 Hast mal was von M. Schied gehört? Liebe Grüße

    (0)
  • Keßler Hermann sagt:

    Zu Herrn Orth

    Für so eine Entscheidung zu treffen , muss man eine Mitgliederversammlung einberufen . Das darf und kann der Vorstand
    alleine nicht entscheiden es sei der Vorstand möchte mit Gewalt den
    Frauenfußball aus Niederkirchen entfernen dann war das genau das
    richtige was Herr Ort getan hat .
    So ein Mann hat in keiner Vorstandsschaft was zu suchen der alleine
    so etwas macht .
    Was wäre der Tus Niederkirchen ohne die Damen , Nichts , Herr Orth.

    Mir tun nur die Mädels leid die zum zweiten mal von Herrn Orth
    verascht werden.
    So führt man keinen Verein.

    Mfg
    Keßler Hermann
    Sozialberater

    (0)
  • Jens sagt:

    An die hier vertretenen Spielerinnen der TuS. Mich würden zu dieser merh als unschönen Geschichte noch ein paar Hintergründe interessieren. Meldet euch einfach mal: JensLBerlin@aol.com oder 0173-7213635.

    (0)
  • ein Mitglied sagt:

    Der Verein Tus Niederkirchen (Orth) wird noch merken was damit in Gang gesetzt wurde . Das Ende des Frauenfussballs un Niederkirchen .

    (0)
  • DetlefRichter sagt:

    Hallo,
    seit vielen Jahren schon bin ich ein Fan des TuS Niederkirchen und bin
    über die Situation des Vereins sehr überrascht und auch sehr enttäuscht
    da man doch immer sagte, welch gute Beziehungen man nach Ludwigshafen hat. Wie sieht es denn eigentlich aus mit dem Förderverein oder der Gründung eines Sponsorenpools ???
    Dies müsste doch eigentlich mit den Unternehmen im Raum Ludwigshafen ( BASF ,ALCOA usw.) möglich sein.
    Ich selbst bin zwar im Moment kein Vereinsmitglied bin aber seit Heidi Mohrs Zeiten nach wie vor sehr am Vereinsgeschehen interessiert.
    Im übrigen gibt es auch noch die Firma Continental die erst kürzlich den
    Automobilzulieferer VDO aufgekauft hat.
    Da wir übrigens in einer Demokratie leben,wäre es sehr vernünftig alle entscheiden zu lassen und keine Alleingänge zu unternehmen,die
    man vielleicht bald bitter bereuen wird.
    Mit sportlichen Grüssen
    Detlef Richter
    Detlef.richter61@web.de
    0173-1047724

    (0)
  • Alfred Ruhfaß sagt:

    Ich bin froh dass es mit der Neugründung des 1. FFC 08 nun so einen positiven Neustart gegeben hat.

    Gruß Aus Neustadt.

    (0)
  • Hubert Rehberger sagt:

    Die tatsächlichen Beweggründe der gesamten Vorstandschaft des TUS Niederkirchen, insbesondere die des Herrn Orth, werden wohl auf immer und ewig ein Rätsel und ein Geheimnis bleiben.

    Die Tus war im Bereich des Damenfussballs in Deutschland, wenn auch nicht im wirtschaftlichen Sinne, einer der großen Traditionsvereine, der auch viel Pionierarbeit geleistet hat. Ich kann mich noch gut an die Duelle anfang der 90er Jahre erinnern, als ich selbst Trainer der Damenfussballmannschaft des FSV Oggersheim war. Damals war Verbandsliga noch die höchste Spielklasse im Damenfussballbereich. Tus Wörrstadt (der erste deutsche Meister im Damenfussball) und die Tus Niederkirchen gehörten immer zu unseren Vorbildern.

    Hier wurde auf ganz dilletantische Art und Weise die Aufbauarbeit von mehr als zwei Jahrzenten mutwillig zerstört. Ein Schaden, der nie wieder gut zu machen ist. Gerade auch im Hinblick auf die in Deutschland stattfindende Fauenfussball WM in drei Jahren, hätte es mit ein wenig guten Willen sicherlich noch andere Optionen gegeben.

    Jedenfalls wünsche ich den betroffenen Spielerinnen für die Zukunft Alles Gute, sowohl im privaten alsauch im sportlichen Bereich.

    (0)