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Afghanistan: Mit der Fußball-Leidenschaft die Angst besiegen

Von am 22. Januar 2008 – 20.26 Uhr 2 Kommentare

Lebensfreude pur bei den afghanischen FrauenfußballerinnenWenn Klaus Stärk, Trainer und Koordinator der afghanischen Frauenfußball-Nationalmannschaft, seinen 18 Spielerinnen beim Training zuschaut, geht ihm das Herz auf. Vergessen sind dann alle Mühen, Entbehrungen und Gefahren, die das Aufbauprojekt in Afghanistan zu einem riskanten Unterfangen machen. „Sie geben einem damit alles zurück“, so Stärk über den Willen und die Begeisterung der Mädchen und Frauen im Alter von 15 bis 23 Jahren.

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Vom 20. Januar bis 1. Februar 2008 sind die afghanischen Fußballerinnen für 12 Tage in der Sportschule Ruit in Ostfildern unweit Stuttgart zu Gast – der vorläufige Höhepunkt des Projekts, das im Jahr 2002 unterstützt vom Auswärtigen Amt seinen Anfang nahm. Denn es ist ungewöhnlich, dass die Spielerinnen überhaupt nach Deutschland reisen durften, sind doch die meisten von ihnen bisher nicht über Pakistan hinausgekommen.

Die Mädchen und Frauen sprühen vor Lebensfreude, scherzen und lachen und machen mit ihren Digitalkameras eifrig Erinnerungsfotos. Berührungsängste? Keineswegs. Sie genießen sichtlich ihren Aufenthalt und bewegen sich erstaunlich unbefangen in der für sie ungewohnten Umgebung. Doch die Zukunft des ambitionierten Projekts ist in Gefahr.

„Es kann jeden Tag vorbei sein“, so Stärk, der das Team seit dreieinhalb Jahren betreut. Denn die Lage in der afghanischen Hauptstadt Kabul ist in den vergangenen Monaten wieder unsicherer geworden. „Im Moment ruht das Projekt. Nach dem letzten Anschlag werden wir über ein, zwei Monate beobachten, wie sich die Lage entwickelt. Aber ich werde erst einmal nicht mehr dort hingehen“, erklärt Stärk schweren Herzens.

Umso mehr genießt das Team und die afghanische Delegation den Aufenthalt in Deutschland. Drei Spiele an drei aufeinanderfolgenden Tagen wird die Mannschaft bestreiten. Am Mittwoch geht es zunächst gegen die Fußball-AG des Württemberg-Gymnasiums Untertürkheim, dann gegen die U16-Auswahlen aus Pfullingen und Löchgau. Darüber hinaus ist ein kleines Rahmenprogramm vorgesehen, wie etwa ein Besuch des Gottlieb-Daimler-Stadions, eine Stadtrundfahrt in Stuttgart und ein Nachmittag zum Shoppen.

Ungewisse Zukunft

In den vergangenen Jahren haben Stärk und sein Partner Ali Asker Lali, ein gebürtiger Afghane, der seit 1983 in Deutschland lebt, im Land am Hindukusch eine Begeisterung sondergleichen für den Frauenfußball entfacht. Der dreitätige Besuch von Birgit Prinz 2005 tat ein Übriges. Begeisterung, Wille und Talent sind im Land reichlich vorhanden, öffentlich spielen können die Frauen allerdings immer noch nicht. „Bei unserem Spiel gegen ISAF-Soldatinnen im Oktober 2006 haben unglaublich viele Soldaten zugeschaut, aber keine afghanischen Männer“, so Stärk.

Anzahl der Teams wächst

Klaus Stärk, Trainer der Frauenfußball-Nationalmannschaft Afghanistans22 Frauenfußball-Mannschaften gibt es inzwischen in Kabul. Doch: „Es gibt immer noch gesellschaftliche Probleme“, räumt Karim Keramuddin, der Präsident des afghanischen Fußballverbands ein. „Eltern müssen nach wie vor kämpfen, um ihre Mädchen Fußball spielen zu lassen.“

Im Alltag gilt es für Stärk und sein Team viele kleine Probleme zu meistern. Nach wie vor mangelt es an Fußballplätzen. Und die wenigen, die es gibt, sind in einem miserablen Zustand. Der Platz im Stadion, in dem noch vor sechs Jahren von den Taliban Menschen hingerichtet wurden, ist unbespielbar, und man muss auf das Militärgelände des Armeesportclubs ausweichen.

Vielfältige Aufgabengebiete

Auch abseits des Fußballplatzes wartet eine Menge Arbeit. „Wir helfen in der Verwaltung, veranstalten Trainerkurse, organisieren Jugendturniere, stellen Auswahlmannschaften zusammen. Das ist eine Sieben-Tage-Woche, wenn wir dort sind.“ Man muss wohl aus einem besonderen Holz geschnitzt sein, um für diese harte und schwierige Arbeit sein Leben aufs Spiel zu setzen. „Ich war vorher in Kasachstan und wollte ursprünglich nur drei Monate bleiben. Jetzt sind es bald vier Jahre und für mich persönlich hat es sich gelohnt“, sagt Stärk.

Dank der Aufbauhilfe aus Deutschland wächst die Akzeptanz für den Frauenfußball in Afghanistan. „Wir versuchen durch unser Auftreten zu zeigen: „Schaut her, auch Mädchen spielen Fußball. Warum nicht in Afghanistan?“ Am Anfang gab es große Probleme, weil auch die älteren Brüder der Mädchen eine Rolle spielten. Doch: „Inzwischen haben wir ein anderes Bewusstsein geweckt, weil wir immer Kontakt gehalten haben. Die Eltern fangen an, stolz auf ihre Töchter zu sein.“ Mittlerweile wird nicht nur in Kabul, sondern auch außerhalb in dem von Wüste und Gebirge geprägten Land Fußball gespielt. Etwa in Herat, Jalalabad, Kundus oder Kandahar.

Angst vor Anschlägen

Ali Asker Lali und Karim KeramuddinDoch in Kabul ist die Angst ein ständiger Begleiter, wenn die Mädchen oftmals quer durch die Stadt zum Training fahren müssen. Im Schnitt sind sie 19 Jahre alt, die meisten gehen zur Schule oder studieren, einige müssen auch arbeiten. Sie stammen in erster Linie aus Familien, die von einer modernen Lebensauffassung geprägt sind. „Die meisten von ihnen haben in Pakistan oder im Iran gelebt“, erklärt Lali.

Stärk und sein Team sind bemüht, sich zu schützen, so gut es geht. „Wir versuchen, uns so unauffällig wie möglich durch die Stadt zu bewegen. Untertauchen in der Menge ist der beste Schutz.“ Keramuddin weiß den engagierten Einsatz zu schätzen: „Ich möchte mich bedanken, dass sie trotz der Gefahr nach Afghanistan kommen. Ich hoffe, sie können ihre Arbeit fortsetzen. Nur durch diese Hilfe kann man den Terror bekämpfen.“

Bis Sommer 2008 ist das Projekt gegenwärtig befristet. Dabei sieht Stärk seine Mission noch lange nicht beendet: „Wir wollen die Frauenfußball-Nationalmannschaft zu einer konkurrenzfähigen Größe in Zentral-Asien aufbauen.“ Doch selbst wenn die Arbeit in Afghanistan nicht fortgesetzt werden kann, steht für Stärk fest, dass er der Entwicklungsarbeit verhaftet bleiben wird. Also 2009 zum Beispiel nach Ruanda? „Denkbar wäre das.“

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Markus Juchem (49) schreibt seit 2003 über Frauenfußball, für Medien wie Womensoccer.de, UEFA.com, FIFA.com, DFB.de, FAZ, NZZ und Kicker.

2 Kommentare »

  • Max Diderot sagt:

    Muss man ein Romantiker sein, um dem Projekt und seinen Beteiligten Glück zu wünschen oder ist man ein Realist, wenn mit Verweis auf das archaisch anmutende Verständnis der afghanischen Gesellschaft den jungen Damen eine Unmenge an Mut abverlangt wird. Erinnert sei auch daran, dass vor noch nicht allzu langer Zeit die iranischen Staatsbigotten ein Damenteam nicht nach Berlin reisen ließen.
    Wer aber mehr über die fußballerische Leidenschaft der Frauen in islamischen Staaten erleben möchte, sollte sich den iranischen Film „Offside“, Regie Jafar Panahi anschauen.
    Kompliment – ein toller Bericht.

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  • Markus Juchem sagt:

    Afghanistans Fußballerinnen spielen in Jordanien

    Die Frauenfußball-Nationalmannschaft Afghanistans nimmt erstmals am größten Frauenfußball-Turnier des Mittleren Ostens in Jordaniens Hauptstadt Amman (11. bis 18. April) teil. „Jetzt wird sich herausstellen, wie gut wir beim Trainingslager im Januar in Ruit gearbeitet haben“, so Stärk, der wegen eines Termins in Aserbaidschan allerdings nicht vor Ort sein kann. Betreut wird die Mannschaft deshalb von Saboor Walizada.

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1 Pingbacks »

  • […] Spielen bringt mehr als trainieren. Diese alte Sportweisheit gilt auch für die Fußballerinnen des Nationalteams aus Afghanistan während ihres zwölftägigen Trainingslagers in der Sportschule Ruit bei Stuttgart. Neben einem Schulturnier gab es zwei Wertkämpfe gegen württembergische Vereine. 0:7 hieß es gegen SC Pfullingens B-Mädchen und 1:4 gegen FV Löchgau. Razia Rasoul aus Kabul erzielte den Ehrentreffer. […]