Türkei will sich im Frauenfußball etablieren

Von am 20. November 2007 – 11.08 Uhr 5 Kommentare

Cansu Yag, hoffungsvolle Spielerin im türkischen FrauenfußballNoch vor wenigen Jahren sah es so aus, als wenn der Frauenfußball in der Türkei keine große Zukunft haben sollte. Denn in dem im Spannungsfeld zwischen Okzident und Orient gelegenen Land war der Frauenfußball ähnlich wie früher in Deutschland lange verpönt, dann eher geduldet denn geliebt.

Erst Mitte der 90er-Jahre bestritt die türkische Frauenfußball-Nationalmannschaft erstmals ein Länderspiel, obwohl der Verband bereits 1923 gegründet wurde. Mit zweistelligen Niederlagen und dem negativen Höhepunkt einer 1:12-Klatsche gegen Deutschland im Februar 1999 in Istanbul sollten die Vorzeichen für die kommenden Jahre nicht gut aussehen.

Doch nach Jahren des Stillstands ist seit 2006 ein deutlicher Aufschwung erkennbar. Und der türkische Fußballverband treibt die Entwicklung des Frauenfußballs nun mit Hochdruck voran. Eine weiteres Puzzlestück auf dem Weg der zunehmenden Orientierung Richtung Westen.

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Schlechtes Ligasystem verantwortlich für Misserfolg

1993 war die erste türkische Frauenfußball-Liga mit 30 Teams und viel Optimismus an den Start gegangen. Doch zehn Jahre später waren nur noch zehn Teams übrig, der Ligabetrieb wurde eingestellt. „Die Liga basierte auf einem schlechten System“, erinnert sich Adnan Ersan, stellvertretender Generalsekretär des türkischen Fußballverbands.

Der Nachwuchsarbeit wurde in den Vereinen kaum Beachtung geschenkt, man dachte nicht an die Zukunft und setzte nur Spielerinnen ein, die älter als 20 Jahre alt waren. Zudem hatte auch die Nationalmannschaft seit Mai 2000 kein Länderspiel mehr bestritten. Eine ganze Reihe von Zutaten, die den Frauenfußball in der Türkei ins Abseits beförderten.

Wiederbelebung

Doch seit dem Jahr 2006 hat sich der Wind gedreht. Die Türkinnen bestritten erstmals wieder Länderspiele und nahmen an der Qualifikation für die EM 2009 in Finnland teil, scheiterten aber knapp in der Vorausscheidung, da sich nur eine Mannschaft jedes Miniturniers für die nächste Runde qualifizierte. Die Türkei gewann 1:0 gegen Nordirland und 9:0 gegen Georgien, doch das entscheidende Spiel ging trotz Führung mit 1:2 gegen Kroatien verloren.

Der türkische Nationaltrainer Fethi Demircan meint: „Wir haben gegen Mannschaften gewonnen, die uns in der Vergangenheit mit sechs oder sieben Toren geschlagen haben. Ich denke, wenn sie die Möglichkeiten bekommen, werden unsere jungen Frauen europäisches Niveau erreichen und sehr erfolgreiche Spiele bestreiten können. Wir sind da sehr zuversichtlich.“

Endlich wieder Ligabetrieb

Die 2006 wiederbelebte Frauenfußball-Liga soll in Zukunft für den nötigen Unterbau sorgen, damit sich auch die Nationalmannschaft weiter entwickeln kann. Als Demircan Anfang 2006 das Team übernahm, gab es in der Liga gerade einmal sieben Teams. Doch mittlerweile ist die Zahl auf 16 angewachsen, es gibt rund 600 lizenzierte Fußballerinnen.

Am vergangenen Wochenende startete die türkische Liga in ihre neue Saison. Aufsteiger Zeytinburnuspor hat sechs Nationalspielerinnen in seinen Reihen und macht sich Hoffnungen auf den Titel. So steht im Tor die 27-jährige Nurcan Çelik, die in ihrer Heimat mit Oliver Kahn verglichen wird. Oder Mihrican Ocaktan, eine Mittelfeldspielerin und Freistoßspezialistin, deren SPielweise der von Rui Costa ähneln soll. Und Stürmerin Bahar Özgüvenç soll gar etwas von Birgit Prinz haben.

Optimierung der Strukturen

Inzwischen unterstützt auch die Politik die Entwicklung. Das Ministerium für nationale Erziehung hat in Zusammenarbeit mit dem Fußballverband ein Konzept ins Leben gerufen, dass die Gründung von Mädchenfußballteams bereits in den Grund- und Realschulen vorsieht.

Bis zum Beginn der Qualifikation für die Frauenfußball-WM 2011 in Deutschland will sich das Nationalteam mit Freundschaftsspielen über Wasser halten. „Frauenfußball erlebt zurzeit eine Wiederauferstehung, unglücklicherweise besteht unsere Nationalelf aus jungen Spielerinnen, die auf Amateurniveau gespielt haben“, so Demircan.

„Sie haben keine richtige Fußballausbildung genossen. Außerdem nehmen nicht alle Familien den Frauenfußball ernst.“ Mit der Einführung des U17- und U19-Teams sollen potenzielle Nationalspielerinnen schon möglichst frühzeitig an das internationale Niveau herangeführt werden.

Talente aus Deutschland

Da kommen in Deutschland lebende Töchter ehemaliger türkischer Gastarbeiter gerade recht, um die Auswahlteams qualitativ zu verstärken. Eine von ihnen ist Fatma Kara. Die 16-jährige Schülerin spielt beim 1. FFC Recklinghausen bereits in der ersten Damenmannschaft (Verbandsliga) und ist seit einem halben Jahr bereits türkische Nationalspielerin. „In der U15 habe ich im Fußballverband Westfalen auch einige Sichtungsspiele für das deutsche Team gemacht. Da kam ich aber nicht so zum Zuge. Außerdem hätte ich meinen türkischen Pass abgeben müssen. Das wollte ich nicht“, so Kara. „Ich habe die Ehre beim Umbruch des Frauenfußballs in der Türkei dabei zu sein. Wir stehen erst am Anfang der Entwicklung“, erklärt Kara selbstbewusst.

Und auch Cansu Yag hat hoch fliegende Träume. Die 17-Jährige spielt für den FSC Mönchengladbach in der Regionalliga und für die Türkei in der U19-Auswahl. „Ich war immer besser als die Jungs“, freut sie sich darüber, dass man ihr von Kindesbeinen an großes Talent bescheinigte. Mit 13 Jahren spielte sie das erste Mal in einer Mädchenmannschaft. Zunächst kam sie in der U15 und U17 zum Einsatz, heute ist sie bereits Stammspielerin im Frauenteam. „Und ich habe die Ehre, Teil dieses Umbruchs zu sein und mitzuhelfen, Frauenfußball in der Türkei bekannt zu machen“, erklärt sie fast unisono wie Kara.

Schon jetzt ist das Medieninteresse groß und das in Deutschland aufgewachsene Fußballtalent Vorbild für viele in der Türkei lebende Mädchen. „Mein Traum ist es einmal so zaubern zu können wie Ronaldinho oder Zidane“, so Yag. Dank Spielerinnen wie Fatma Kara und Cansu Yag hofft die Türkei auf eine rosige Zukunft im Frauenfußball.

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Markus Juchem (49) schreibt seit 2003 über Frauenfußball, für Medien wie Womensoccer.de, UEFA.com, FIFA.com, DFB.de, FAZ, NZZ und Kicker.

5 Kommentare »

  • Detlef sagt:

    Ein sehr interessanter Bericht, über die Entwicklung des FF in der Türkei!!! Aber es wird sicher noch sehr viel Zeit benötigen, bis die Mädels vom Bosporus, ihren verdienten Respekt erhalten!!!

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  • Cetin Tülay sagt:

    hallo bin selber türkin 26 spiele seit 17 jahren bin türkin,und finde es super das man es fördert,vielleicht werde ich auhc mal angeschrieben spiele in münchen zur zeit in der bezirksoberliga!!beim fcstern—immer dran bleiben!

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  • Pelin Sentürk sagt:

    Hallo ich bin auch eine türkin, bin 16 jahre al 92 geboren und hoffe dass ich auch mal die chance bekomme mich zu beweisen und in der nationalmannschaft zu spielen. im moment bin ich in Sg Wattenscheid 09 zugange und versuche mich von der 2.Damenmannschaft ( Westfalenliga) in die 1. Damenmannschaft (bundesliga) hochzukämpfen. Ich hoffe dass ich auch mal angesprochen werde INSALLAH

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  • Andreas Ralf Faßbender sagt:

    Finde diesen Artikel sehr gut. Suche Kontakte Trainer einer türkischen Damenmannschaft im Ruhrgebiet.

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  • Gizem Kutlu sagt:

    Hallo..
    ich finde den Artik sehr gut damit auch andere Mädchen aus sich herauskommen und sehen das es sich sehr stark entwickelt.
    Ich bin 15 Jahre alt und spiele in der U16 vom VfB-Peine……
    Ich würde auch mal gern die chance haben mich bei der Nationalmannschaft zu representieren,und ich hoffe das dass jetzt auch bald kommt.
    Würde mich freuen wenn jemand das liest und mich drauf anspricht!:)

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1 Pingbacks »

  • […] “Noch vor wenigen Jahren sah es so aus, als wenn der Frauenfußball in der Türkei keine große Zukunft haben sollte. Denn in dem im Spannungsfeld zwischen Okzident und Orient gelegenen Land war der Frauenfußball ähnlich wie früher in Deutschland lange verpönt, dann eher geduldet denn geliebt.” Quelle […]