“Natürlich erhoffen wir uns mehr Unterstützung”

Von am 14. November 2007 – 18.44 Uhr

Rolf LischerSeit dem 7. November findet in Bulgarien die 1. Futsal-Weltmeisterschaft für Gehörlose statt. Gute Chancen rechnet sich im Frauenwettbewerb auch die deutsche Nationalmannschaft aus, die mit Siegen gegen Schweden (8:0), Dänemark (1:0), Italien (6:2/Video) und einem hart umkämpften 3:3 gegen den Erzrivalen Russland (Video) erfolgreich ins Turnier startete.

Nach zwei Europameisterschaften, die die deutsche Mannschaft 2002 als Sieger und 2006 als Bronzemedaillengewinner beendete, peilt das Team um Trainer Rolf Lischer nun in Sofia den Gewinn der Weltkrone an. Womensoccer.de sprach mit Marina Kleefuß, der Beauftragten für Frauenfußball beim Deutschen Gehörlosen Sportverband (DGS), und Trainer Rolf Lischer über die Situation im deutschen Gehörlosen-Frauenfußball und die Ambitionen der deutschen Mannschaft in Sofia.

Womensoccer: Seit wann wird Gehörlosen-Frauenfußball in Deutschland gespielt?

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Marina Kleefuß: Auf nationaler Ebene gibt es Frauenfußball auf Kleinfeld seit 1988 und Hallenfußball auch seit 1988. 2008 wird zum ersten Mal nach Futsalregeln gespielt. Auf Großfeld fand im Oktober 2007 die erste Frauenfußball-Meisterschaft statt.

Womensoccer: Seit wann gibt es eine Nationalmannschaft?

Kleefuß: Die Futsalnationalmannschaft gibt es seit 2002. Ab 2008 wird auch eine Fußballnationalmannschaft aufgebaut, die 2008 an den Weltmeisterschaften in Griechenland teilnehmen wird.

Wie ist der Gehörlosen-Frauenfußball auf Vereinsebene organisiert?

Kleefuß: Es gibt 14 Vereine, die auf Kleinfeld und in der Halle spielen sowie sechs Vereine, die auf Großfeld spielen.

Gibt es eine Liga oder regionale Wettbewerbe?

Kleefuß: Es werden Meisterschaften ausgetragen.

Marina Kleefuß

Die Nationalmannschaft nahm bisher an zwei Europameisterschaften teil, jetzt gibt es die erste WM. Mit Japan ist aber nur ein nicht-europäisches Land dabei (Japan hat kurz vor dem ersten Spiel seine Teilnahme abgesagt, Anm.). Hat der Gehörlosen-(Frauen)fußball außerhalb Europas noch keine Basis?

Kleefuß: Doch, bei den Deaflympics, den olympischen Spielen der Gehörlosen, haben Mannschaften aus Brasilien, Amerika und Asien teilgenommen. Aber es ist ein finanzielles Problem in den Ländern. Viele haben sich entschieden, nicht an der Futsal-WM teilzunehmen, sondern an der Fußball-WM 2008.

Gab es eine Qualifikation für die WM? Wie war die Vorbereitung auf die WM organisiert?

Kleefuß: Es gab keine Qualifikation. Die Vorbereitung lief über Lehgänge. Ein Lehrgang wurde direkt vor der WM über vier Tage in Hennef durchgeführt und vorher gab es zwei Dreitageslehgänge.

Wie oft können die Spielerinnen in der Woche trainieren?

Kleefuß: Das ist sehr unterschiedlich. In den gehörlosen Vereinen wird einmal in der Woche trainiert. Dazu kommt das Training in den hörenden Vereinen abhängig von der Liga, zwei- bis dreimal die Woche.

Bestehen Kontakte zum DFB, wie z.B. ein Erfahrungsaustausch vor einer WM, oder läuft alles völlig eigenständig ab?

Kleefuß: Nein, der Deutsche Gehörlosen-Sportverband organisiert sich selbst in 22 Sportarten und ist Mitglied im europäischen und im Weltverband der Gehörlosen.

Wie zufrieden sind Sie mit der derzeitigen Situation im Gehörlosen-Frauenfußball? Erhoffen Sie sich mehr Unterstützung und von wem?

Kleefuß: Mit dem Aufbau des Frauenfußballs ist der DGS zufrieden. Natürlich erhoffen wir uns mehr Unterstützung. Finanziell wird der DGS mit all seinen Sparten lediglich vom Bundesministerium des Innern unterstützt. Wir wünschen uns mehr Öffentlichkeit, mehr Presseberichte und mehr Sponsoren.

Gehörlosen-Futsal: Mannschaften von Deutschland und Russland

Das Gehör spielt eine wichtige Rolle bei der Orientierung und ist wichtig für Gleichgewichtssinn. Wie macht sich dies beim Gehörlosen-Fußball bemerkbar?

Die Spielerinnen können sich während des Spiels nicht über Zurufe verständigen (z.B. „Hintermann, aufpassen“, „Spiel ab!“ usw.) Die Torfrau kann nicht rufen: „Mein Ball“, denn es hört niemand. Dies führt oft zu Missverstädnissen. Oft pfeift der Schiedsrichter auch ab, aber das Spiel läuft einige Sekunden weiter, bis es alle mitbekommen haben. Der Blickkontakt ist ein MUSS. Der Orientierungssinn ist nicht beeinträchtigt, sondern nur der Gleichgewichtssinn. Das spielt beim Fußball jedoch nicht so eine große Rolle, eher bei technischen Disziplinen.

Trainer Rolf Lischer zur WM in Sofia:

Ich habe gelesen, dass viele neue Gesichter zu Ihrer Mannschaft gestoßen sind, aber auch wichtige Spielerinnen berufsbedingt fehlen. Wie stark sehen Sie ihre Mannschaft?

Rolf Lischer: Auch nach dem Ausfall einiger Spielerinnen ist die Mannschaft sehr stark, denn die ersten Vier bis Sechs sind dabei und hervorragende Spielerinnen. Natürlich müssen sie durch das Fehlern einiger anderer Spielerinnen mehr leisten und mehr spielen. Im letzten Jahr waren die Einzelspielerinnen besser, aber dafür stimmt jetzt die Technik und die Taktikumsetzung.

Wer sind Ihre stärksten Konkurrenten? Russland in der eigenen Gruppe?

Lischer: Auf jeden Fall Russland in unserer Gruppe und England in der Gruppe B.

Wie zufrieden waren Sie mit den letzten Lehrgängen/Testspielen?

Lischer: Mehr als zufrieden, die Frauen haben gut gearbeitet. Mehr bzw. längere Lehrgänge wären wünschenswert, aber finanziell nicht möglich.

Was ist Ihr Ziel bei der WM?

Lischer: Der Titel!

Eine klare Ansage also von Trainer Rolf Lischer. Nach den beiden spielfreien Tagen gestern und heute treffen die deutschen Frauen als Gruppensieger morgen auf den Vierten aus Gruppe B, Israel. Sollten Rolf Lischer und sein Team aus dieser Partie als Sieger hervorgehen, könnte schon im Halbfinale der Gegner England heißen, der in Gruppe B die Oberhand behielt. So will es der Spielplan. Also vielleicht wieder ein entscheidendes Spiel gegen Russland? Nach der Niederlage im letztjährigen EM-Halbfinale und dem 3:3 am Montag womöglich genau der passende Zeitpunkt für die Revanche.

Wir wünschen viel Erfolg!

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