Umeå immer noch das Maß aller Dinge

Von am 12. November 2007 – 18.31 Uhr

schweden_fazit_1.jpgVor der Saison 2007 in der schwedischen Damallsvenskan prognostizierten die Experten ein enges Rennen um die Meisterschaft. Meister Umeå hatte Rücktritte von Mittelfeld-Ikone Malin Moström und Anna Sjöström, Abgänge von Torfrau Sofia Lundgren und den finnischen Stars Sanna Valkonen und Anne Mäkinen zu verkraften.

Zwar hatte man mit der Chinesin Ma Xiaoxu und der 16-jährigen Schweizerin Ramona Bachmann zwei spektakuläre Neuverpflichtungen gemacht, aber im Allgemeinen erwartete oder erhoffte man sich einen Dreikampf mit den Teams aus Djurgården (Stockholm) und Malmö.

Sich selbst ins Gespräch brachte Linköping, dass immerhin mit einem halben Dutzend schwedischer Nationalspielerinnen, darunter Frida Östberg, Josefine Öqvist und Caroline Seger aufwarten konnte. Aber die Rechnung wurde wie so oft wieder einmal ohne den Wirt gemacht.

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Am Ende der Spielzeit hatte Umeå von 22 Begegnungen 20 gewonnen und lediglich gegen Djurgården zu Hause (1:2) und beim Lokalrivalen Sunnanå (2:3) auswärts verloren. Der Unterschied zwischen den besseren Clubs der Liga und dem Meister heißt Marta. Das hörte man oft in dieser Saison, die durch die Vorbereitung auf die Weltmeisterschaft in China in mehrere Spielabschnitte zerrissen war, die den Spielerinnen manchmal bis zu drei englische Wochen und dann wieder zwei Wochen Pause auferlegte.

Professionelles Umfeld

Marta schoss in der gerade abgelaufenen Saison 25 Tore und landete damit wie schon 2006 mit nur einem Tor Rückstand auf die Göteborgerin Lotta Schelin auf Rang zwei. Zwar gibt es über die Vorlagen keine gesicherte Statistik, aber es dürfte außer Zweifel stehen, dass die Brasilianerin hier ganz klar die Nase vorn haben dürfte. Dennoch ist Umeå IK nicht nur dank Marta der mit Abstand beste Frauenfußball-Club in Schweden und vermutlich – sieht man von der unglücklichen Finalniederlage im UEFA Women’s Cup gegen Arsenal London ab, der beste Club in Europa und damit wohl auch weltweit.

Das Umfeld ist höchst professionell organisiert, das Marketing zeichnet sich durch Ideenreichtum aus, nicht erst die goldenen Trikots am letzten Spieltag und die originelle Bekanntgabe der Vertragsverlängerung Martas auf ihrem Shirt untermauerten dies. Lediglich drei Spielerinnen aus dem Kader müssen neben dem Fußball noch arbeiten, eine davon, Nationalverteidigerin Anna Paulson macht das freiwillig, „weil es einfach besser ist, dass man noch was anderes macht, als nur Fußball spielen, Fußball denken und Fußball reden.“

Djurgården mangelt es an Konstanz

Vizemeister Djurgården gewann zwar ein hochklassiges Match mit 2:1 beim Meister und hat mehrere Nationalspielerinnen in seinen Reihen, kann aber letztlich nicht die Kontinuität aufweisen, die für eine ernst zu nehmende Konkurrenz vonnöten ist. Zu schmal ist denn auch der Kader der Stockholmerinnen, die auf der Reservebank nicht viele Alternativen hatten, um ein Spiel herumreißen zu können.

Hier wird sich 2008 viel tun. Der Vertrag mit Nadine Angerer ist in trockenen Tüchern, mit Jennifer Meier kommt eine weitere Deutsche aus Karlstad nach Stockholm, die vielleicht in Deutschland etwas aus dem Blick gerückt ist, die aber immerhin schon deutsche und amerikanische Meistertitel (in Washington u. a. mit Abby Wambach) gewonnen hat.

Statistik spricht gegen Ausgeglichenheit

schweden_fazit_2.jpgDie Abschlusstabelle 2007 spricht für eine Liga der großen Unterschiede auch hierzulande. Der Abstand von Umeå zu Djurgården betrug neun Punkte, zum Tabellenvierten beeindruckende (oder erschreckende?) 22 Punkte. Dennoch habe ich viele Spiele in dieser Saison gesehen, in denen dir vermeintlich starken Teams letztlich mit einem großen Quäntchen Glück und dem Selbstbewusstsein der Spitzenmannschaft sehr knapp gewonnen haben.

Tabellenachter Hammarby etwa verlor innerhalb einer Woche mit jeweils 0:1 gegen Umeå und Djurgården und zeigte, dass der Abstand durchaus geringer geworden und dass Statistik nicht alles ist. Hammarby etwa setzt im Gegensatz zu den Topclubs vorwiegend auf schwedische Spielerinnen und kann gerade jetzt stolz auf die 22-jährige Jessica Landström sein, die bei ihrem Debüt im Nationalkader beim 4:2-Sieg in Dänemark spielen durfte und sich dafür mit dem 1:0 und einer tadellosen Leistung bedankte.

Mit Louise „Lollo“ Fors, gerade 18 geworden, hat Hammarby überdies ein Juwel im Team, das in den kommenden Jahren ebenso von sich reden machen dürfte wie die Jugendnationalspielerinnen Daniela Chamoun, Anna Lindblom und Elin Sölveskog.

Rege Investitionstätigkeit

Das Spieler- und Trainerkarussell dreht sich mit hoher Geschwindigkeit und allenthalben investieren die schwedischen Clubs für die Saison 2008, die im April beginnen wird. Viele Spielerinnen sind der Ansicht, dass dies die beste Liga der Welt ist, in ihrer Breite und auch in ihrem organisatorischen Umfeld. Auch wenn die schwedischen Zeitungen nach Ansicht vieler noch mehr berichten könnten und sollten, so sind die fast schon regelmäßigen Live-Übertragungen von Ligaspielen im Fernsehen schon ein Indiz dafür, dass Frauenfußball in Schweden allmählich ein etablierter Sport geworden ist.

Die Mitgliederzahlen junger Mädchen in den Vereinen sprechen ohnehin eine deutliche Sprache. Das Idol fast aller trägt die Nummer 60 des schwedischen Meisters, Marta Vieira da Silva ist DER Publikumsmagnet auch bei Auswärtsspielen, ihren Treffern jubelt das jugendliche Publikum zu, auch wenn sie gegen die eigenen Mannschaft fallen.

Weitere deutsche Spielerinnen nach Schweden?

Und wenn nun auch die Nationalmannschaft nach dem 4:2 in Dänemark mit eineinhalb Beinen bei den Olympischen Spielen 2008 in Peking ist, dann scheint auch das angekratzte Selbstbewusstsein der Nationalelf wieder deutlich nach oben zu zeigen, zumal Trainer Thomas Dennerby Stürmerstar Lotta Schelin seit dem Nordkorea-Match bei der WM endlich da spielen lässt, wo sie hingehört. Sie hat es ihm mit vier Toren in zwei Begegnungen gedankt.

Mich würde derzeit nicht wundern, wenn nach Jennifer Meier, Ariane Hingst und nun Nadine Angerer noch die einer oder andere deutsche Spielerin nach Schweden kommen würde. Prognosen über die Saison 2008 lassen sich jedoch erst im März abgeben, wenn die Kader der Teams bekannt sind. Hope Solo und Cristiane sind zwei weitere Stars, die zumindest Gespräche mit schwedischen Clubs führen.

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