Pressestimmen zur Vergabe der WM 2011 an Deutschland

Von am 31. Oktober 2007 – 15.49 Uhr

Einen Tag nach der Vergabe der WM 2011 an Deutschland nimmt das in vier Jahren zu erwartende Frauenfußball-Highlight im deutschen Blätterwald einen großen Platz ein. Wir haben uns mal umgeschaut, wo die Ursachen für den deutschen Erfolg gesehen werden und was in den kommenden Jahren für den Frauenfußball erwartet wird.

Warum hat Deutschland gewonnen und nicht Kanada? Die Entscheidung war „logisch“, schreibt Thomas Kilchenstein in der Frankfurter Rundschau. „Europa war erst einmal der Ausrichter, Nordamerika schon zweimal.“ Zudem sei die Präsentation in Zürich „bewegend“ gewesen.

Den gelungenen Auftritt vor den FIFA-Vertretern hebt auch die Deutsche Presse Agentur hervor und spricht von einer „stimmungsvollen und bewegenden Präsentation“ im Gegensatz zu einem „recht bieder aufgetretenen Mitbewerber Kanada“. „Ungeachtet einer technischen Panne führte ARD-Moderatorin Monica Lierhaus im langen schwarzen Abendkleid charmant durch den 15-minütigen Auftritt, mit dem der DFB wohl die letzten Unentschlossenen unter den 21 stimmberechtigten Mitgliedern der «FIFA-Regierung» überzeugte.“

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Patrick Krull lobt in der WELT den „weitsichtigen Beschluss“ der FIFA: „Die Bewerbung von Kanada war zwar gut, aber mit Blick auf die Zukunft des Frauenfußballs ist Deutschland der bessere Gastgeber. [..] Der DFB als einer der wichtigsten und leistungsstärksten Wachstumsmotoren auf diesem Gebiet ist für die Fifa ein unverzichtbarer Antreiber im zuweilen zähen Ringen um die weltweite Förderung des Frauenfußballs. Deutschland sei ein „Musterschüler der Fifa“.

Nach Christiane Mitsaselis vom Kölner Stadt-Anzeiger schienen nach der Bekanntgabe des Ergebnisses alle „durchzudrehen“. „Reporter wie Nachrichtenagenturen fragten so gut wie jeden halbwegs bekannten Menschen, ob er denn auch so richtig glücklich sei über das Fifa-Votum. [..] Das Projekt WM 2011 hat jedoch wenig mit märchenhaften Träumereien zu tun, es geht vielmehr auf rationale und gut durchdachte Pläne des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) zurück.“

Michael Horeni hebt in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung die Verantwortung hervor, die mit dem Zuschlag verbunden ist: „In den kommenden Jahren wird in Deutschland nun ein erstaunliches Experiment zu beobachten sein: ob es dem DFB, unterstützt von der Politik, gelingen wird, den Frauenfußball als weiblichen Sport Nummer eins in diesem Land zu verankern. Der Wille und die Mittel jedenfalls sind vorhanden, und das Zugpferd Weltmeisterschaft schafft dafür auch den nötigen Resonanzboden bei den Medien.“
Er schließt optimistisch: „Es ist jedoch erstaunlich, dass die Vergabe der Frauen-WM in Deutschland ein größeres Echo gefunden hat als die Wahl Brasiliens für die Titelkämpfe der Männer im Jahr 2014. Man kann das ruhig als Anfangszeichen eines möglichen Booms werten.“

„Die Zeiten haben sich geändert“, merkt auch Helen Ruwald im Tagesspiegel an. Doch: „Allerdings klafft eine riesige Lücke zwischen Nationalmannschaft und Bundesliga. Dort gibt es eklatante Unterschiede zwischen provinziell und professionell geführten Klubs, die Fußballerinnen gehen mit Ausnahme einiger Nationalspielerinnen Vollzeitsjobs nach, viele Spiele finden vor wenigen hundert Zuschauern statt und animieren nicht zum Wiederkommen.“

Hier schließt Christof Kneer von der Süddeutschen Zeitung an: „Im Grunde startet das Projekt 2011 sogar mit umgekehrten Voraussetzungen: Als die Männer-WM nach Deutschland vergeben wurde, musste sich um die etablierte Männer-Bundesliga niemand Sorgen machen – umso mehr aber um die Männer-Nationalelf, deren Spiel damals so viel Charme hatte wie ein Löwe ohne Hose. Die Frauen-Nationalelf dagegen ist schon jetzt bestens aufgestellt – nur in der Liga ist es heute immer noch so, dass zwei Wochen nach dem WM-Sieg gerade mal 1000 Zuschauer zum Heimspiel von Turbine Potsdam kommen.“

Dass das nicht nur an den sportlichen Leistungen liegt, befindet Katrin Weber-Klüver in der taz. Die WM werde „am Alltag der Sportart nichts ändern: Sie bleibt rückständig.“ Und fährt mit einer soziologischen Analyse fort, warum Frauenfußball nie an die gesellschaftliche Bedeutung des Männerfußballs heranreichen werden: „Männerfußball ist Theater, es geht sehr viel um Tradition und Träume. [..] Männer, die Fußball spielen, tun das stellvertretend für die, die ihnen zuschauen, und die, die ihnen zuschauen, fühlen sich als Teil von etwas Größerem. [..] An dessen Ausnahmestellung als Illusions- und Beschäftigungsmaschine wird sich auch nichts ändern, wenn mehr Mädchen Fußball spielen und Frauenfußball professioneller wird. Frauenfußball ist kein Spielplatz für kollektive Selbstvergewisserung, es ist einfach eine Sportart wie viele andere.“

Auch Oliver Fritsch von indirekter-freistoss.de dämpft die Erwartungen: „Was einige Zeitungen, Radiostationen und Fernsehsender heute meinen, uns wissen lassen zu müssen: dass die Frauen-WM kein „Sommermärchen 2“ werde. Als würde irgendjemand 2011 mit Fan-Meilen, Public Viewing und Autokorsos rechnen. Für wie doof halten die uns?“ Und: „An dem Maßstab Männerfußball kann der Frauenfußball nur scheitern.“ (siehe dazu auch mein Beitrag „Bitte keine Vergleiche mehr!“)

Eine ähnliche Prognose gibt auch Thomas Kilchenstein ab: „Selbst wenn Franz Beckenbauer, der Alles-möglich-Macher, in vier Jahren seine Hände im Spiel mit dem Ball haben sollte: So wie in 2006 wird es nie wieder werden. Die Frauen-WM 2011 in Deutschland wird ein paar Nummern kleiner, familiärer, vielleicht liebenswerter.“

Im Deutschlandradio äußert Thomas Kistner von der Süddeutschen Zeitung die Erwartung, dass eine Frauenfußball-WM ein Zuschussgeschäft werde. „Ein wirtschaftlicher Erfolg kann und soll so eine Frauen-WM nicht werden.“

Dem hält DFB-Vorstandsmitglied Hannelore Ratzeburg im Tagesspiegel-Interview entgegen: „Wir werden alles dafür tun, die Bilanz mit einer schwarzen Null abzuschließen. Das ist ehrgeizig, aber nicht unrealistisch. Als wir 1989 die erste EM in Deutschland organisiert haben, blieb sogar ein kleines Plus übrig.“

Jan Christian Müller von der Frankfurter Rundschau blickt über den Fußball-Tellerrand und wirft ein: „DFB-Präsident Theo Zwanziger wirbt dennoch aggressiv um den femininen Nachwuchs und weiß dabei eine viel stärkere finanzielle und mediale Kraft hinter sich, als klassische Frauenteamsportarten wie Volleyball und Hockey je erreichen können. Deren Dachverbände dürften sich über die Frauenfußball-WM in Deutschland eigentlich nicht freuen.“

Vorfreude kommt in Christiane Mitsaselis‚ Kommentar zum Ausdruck: „Das Sympathische an den Weltmeisterinnen ist ihre entspannte Haltung. Sie machen seit Jahren ihre Sache, lassen sich nicht ablenken und werden immer besser. Auch die vielen repräsentativen Aufgaben, die in der Vorbereitung auf das Turnier im eigenen Land auf sie zukommen, werden sie bewältigen. Sie sind durch ihre beiden WM-Titel an viel Geschrei um die Mannschaft gewöhnt. Und trotzdem immer cool und freundlich geblieben. Sicher ist schon jetzt: Die Fußballerinnen werden 2011 nicht das Sommermärchen der Männer fortschreiben. Sondern ihre eigene Geschichte.“

In Kanada spricht The Canadian Press von einem „erneuten Rückschlag“ für den Verband, dessen Führung turbulente Zeiten hinter sich hat. Die Anerkennung, die Kanada durch FIFA-Präsident Sepp Blatter zuteil geworden wäre, habe nicht gereicht. Obwohl sich auf FIFA-Ebene alle darüber einig gewesen wären, dass die kanadische Präsentation die bessere gewesen sei, wird Verbandspräsident Dominic Maestracci zitiert.
Doch die politische und prominente Unterstützung sei in Deutschland wesentlich besser gewesen. Nationaltrainer Even Pellerud beispielsweise war nicht in Zürich vor Ort, weil der fünfte Platz in der Delegation (erfolglos) für einen Politiker freigehalten wurde. Die deutsche Präsentation wird als „weniger geschliffen, aber lockerer“ beschrieben. Eine erneute Bewerbung für 2015 gilt als fast sicher.

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