American Psycho – Hope Solo am Pranger

Von am 18. Oktober 2007 – 16.39 Uhr 2 Kommentare

Angeregt durch eine E-Mail von Jürgen Kalwa und einen Beitrag in seinem lesenswerten Blog American Arena, wollen auch wir noch einmal beleuchten, was aus der U.S.-Torhüterin Hope Solo geworden ist. Und mit Erstaunen müssen wir feststellen: Auch Wochen nach dem peinlichen WM-Scheitern der U.S.-Frauen-Nationalmannschaft hat sich der Disput zwischen Trainer Greg Ryan und der ausgebooteten Torhüterin zu einer Posse erster Güte ausgeweitet.

Während die 25-Jährige sich inzwischen häufiger entschuldigt als es angebracht ist, haben sich die Teamkolleginnen unter dem Druck von Ryan auf Solo eingeschossen. Teamgeist auf amerikanische Art. So schlecht wie heute war das Image des U.S.-Frauenfußballs nie zuvor.

Die Mannschaft, das in der Vergangenheit keine Gelegenheit ausließ, sich für ihren tollen Teamgeist selbst zu loben, hat eine der ihren in den vergangenen Wochen systematisch fertig gemacht. Ob Kristine Lilly, Abby Wambach, Lori Chalupny oder Stephanie Lopez – sie alle haben sich öffentlich gegen Solo gestellt, weil diese nach ihrer Ausbootung für das WM-Halbfinale gegen Brasilien gesagt hatte: „Jeder der sich ein bisschen im Fußball auskennt, weiß, dass es eine falsche Entscheidung war. Ich hätte diese Bälle gehalten.“

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So meinte etwa Chalupny: „Genau in solchen misslichen Zeiten zeigt sich der wahre Charakter einer Person. Ich denke, sie hat an diesem Tag nicht ihre beste Seite gezeigt.“ Mag sein, dass es nicht besonders geschickt war, in welcher Form Solo in dieser emotionalen Ausnahmesituation ihre berechtigte Kritik geäußert hat. Doch ist das ein Grund, sie bis heute systematisch fertig zu machen?

Solo in Quarantäne

Solo durfte in China nach ihren Aussagen nicht mehr an den Mannschaftsessen geschweige denn Teamsitzungen teilnehmen und beim Spiel um Platz 3 nicht mal auf der Bank sitzen und auch nicht nach dem Spiel ihre Bronzemedaille entgegen nehmen. Auch den Rückflug durfte sie nicht zusammen mit dem Team antreten.

Dabei würde wohl auch noch heute eine Mehrheit Solos Aussagen blind unterschreiben, denn das U.S.-Team agierte gegen Brasilien unharmonisch und verunsichert, Solo-Ersatz Briana Scurry erwischte einen rabenschwarzen Tag. Auch die mehrfachen Entschuldigungen, zu denen sich Solo mittlerweile erniedrigt hat, scheinen ihren Teamkolleginnen und auch Trainer Greg Ryan nicht zu reichen. Dass er Solo für die Spielserie gegen Mexiko wieder in den Kader aufgenommen hat, ist rein der vertraglichen Verpflichtung zwischen Verband und den Nationalspielerinnen geschuldet. Warum ist Solo nicht aus der Nationalmannschaft zurückgetreten? Unter Ryan wird sie sowieso keine Spiele mehr bestreiten.

Bis heute wartet man vergeblich auf eine Entschuldigung Ryans und ein Eingeständnis seines Fehlers, sein Team durch die Auswechslung der Torhüterin vor dem Halbfinale geschwächt zu haben. Solo ist der Sündenbock, der dafür herhalten soll, dass Ryan mit einer der gröbsten Fehlentscheidungen der U.S.-Fußballgeschichte der peinlichsten Niederlage des U.S.-Frauenfußballs den Weg geebnet hat.

Bekannte Defizite

Doch wer gibt schon gerne freiwillig einen mit 175.000 Dollar pro Jahr dotierten Vertrag auf, wenn er weiß, dass er wohl danach kein vergleichbares Jobangebot mehr erhalten wird? Denn dass Ryan nicht zu den Trainern erster Güteklasse gehört, war bereits bei seiner Verpflichtung unstrittig. Kein Wunder also, dass die Medien auch den Verband in die Pflicht nehmen. Wie etwa Mark Zeigler von der San Diego Union-Tribune in einem bemerkenswerten Beitrag.

Der athletische Stil, den Ryan dem Team in den vergangenen Jahren eintrichterte, mit langen Bällen auf Abby Wambach, erwies sich bei der WM als unzureichendes Mittel. „Wir wurden einfach ausgespielt“, sagt die erfahrene Stürmerin Shannon MacMillan.

Die frühere Trainerin der U.S.-Nationalmannschaft April Heinrichs wies bereits im März 2005 in einem Interview fast schon prophetisch auf die Defizite der Mannschaft hin: „Wir müssen mehr Zeit am Ball verbringen und die technischen Fertigkeiten weiter verbessern. Der Fußball wir in immer stärkerem Maße körperbetont, was Kraft und Beweglichkeit angeht. Aber wir müssen uns mehr auf die technischen Seiten konzentrieren.“

Seltsam teilnahmslos hat sich bisher der U.S.-Verband und sein etwas farbloser Präsident Sunil Gulati verhalten. Man kann nur hoffen, dass man dort die Situation in aller Ruhe analysiert und dann den zum 31. Dezember 2007 auslaufenden Vertrag mit Greg Ryan nicht mehr verlängert. Zum Wohle des U.S.-Frauenfußballs.

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Markus Juchem (49) schreibt seit 2003 über Frauenfußball, für Medien wie Womensoccer.de, UEFA.com, FIFA.com, DFB.de, FAZ, NZZ und Kicker.

2 Kommentare »

  • KaDe sagt:

    Das ist ja wohl ein dickes Ding!!!
    Man kann über Art, Wortlaut und Inhalt einer Kritik streiten. Sicher, nicht alles gehört in die Öffentlichkeit. Aber der Kommentar von Solo entsprang nunmal der persönlichen Enttäuschung über die Ausbootung. Und – objektiv betrachtet – hatte sie durchaus Recht.
    Die „Strafmaßnahmen“: Verbannung von der Tribüne, Verweigerung der Medaille und Auschluss von gemeinsamen Mannschaftsessen und dem Rückflug empfinde ich als weitaus überzogen.
    Selbst wenn da intern noch mehr vorgefallen sein sollte (…?), sind die Vorgänge der Öffentlichkeit m.E. nicht zu vermitteln, zumindest nicht in der erfolgten Form.
    Ich wünsche Hope Solo, dass sie nicht klein bei gibt und bei dem nächsten Trainer der US-Frauen (der wird wohl bald kommen) wieder Kredit hat.

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  • Max Diderot sagt:

    In einem Beitrag über Hope Solo auf der englischsprachigen Wikipedia-Seite, http://en.wikipedia.org/wiki/Hope_Solo, und in einer kurzen Mitteilung der San Diego Union-Tribune vom 13. Oktober, wird darüber berichtet, dass zwischen dem Coach und seiner Torhüterin ein „… Prozess der Aussöhnung …“ begonnen hätte, der aber nicht im Stile einer „… Hollywood love story …“ sondern als reale Geschichte bewältigt werden soll. Desweiteren wird Greg Ryan dahingehend zitiert, dass alle, also nicht nur Hope Solo und er, an dieser Aufgabe arbeiten würden.
    Zugegeben, eine bizarre Geschichte. Mir will immer noch nicht eingehen, weshalb mit einer solchen Verve das Ansehen eines Individuums in der Öffentlichkeit ramponiert wird. Zumal doch der American Way of Life die individuelle Stärke bevorzugt gegenüber kollektiven Bestrebungen. Aber ich denke nicht, dass eine ideologische Gratwanderung als Ursache für diesen Dissens herhalten kann. Mir ist augenblicklich auch nicht klar, inwieweit die von Frau Solo tränenreich geschilderte Beziehung zu ihrem verstorbenen Vater, geschildert im entsprechenden you-tube-Video, ein auslösendes Momentum für den aktuellen Zwist gewesen sein könnte.

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1 Pingbacks »

  • […] Im September war Solo von Trainer Ryan vor dem WM-Halbfinale gegen Brasilien trotz einer bis dahin guten Turnierleistung zugunsten von Briana Scurry auf die Ersatzbank verbannt worden. Nach der klaren 0:4-Niederlage platzte Solo im Interview der Kragen. Sie warf dem Trainer öffentlich vor, mit dem Torhüterinnenwechsel einen Fehler gemacht zu haben, sie selbst hätte die Gegentreffer verhindern können. […]