Marta – die mit dem Ball tanzt

Von am 27. September 2007 – 12.01 Uhr 33 Kommentare

MartaMarta Vieira da Silva oder kurz Marta ist gerade einmal 21 Jahre alt. Die meisten Frauenfußball-Experten sind sich jedoch einig: Mit ihrer Technik, Athletik und Schnelligkeit ist die brasilianische FIFA-Weltfußballerin die derzeit stärkste Spielerin auf der Welt. Fünf Treffer hat sie bereits bei der Frauenfußball-Weltmeisterschaft erzielt.

Doch für Ruhm und Akzeptanz musste Marta einen hohen Preis zahlen und bereits in jungen Jahren ihre Heimat verlassen. Womensoccer.de hat die Ausnahmekönnerin vor kurzem porträtiert. Anlässlich des WM-Halbfinales haben wir das Porträt aktualisiert und wollen Marta auch unseren neuen Lesern noch einmal etwas näher bringen.

Als Marta kurz vor Weihnachten zum Heimaturlaub in Brasilien ankam, trieb es ihr die Tränen in die Augen. Vater Audálio, Mutter Tereza, vier Brüder, sechs Onkel sowie unzählige Cousins und Cousinen waren in einem gemieteten Bus zum Flughafen von Maceió gekommen, um die frisch gekürte FIFA-Weltfußballerin in Empfang zu nehmen.

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Eben noch hatte der Superstar Glanz in das Züricher Opernhaus, den Veranstaltungsort der pompösen FIFA-Weltfußballergala gebracht, jetzt war sie zurück im kargen, von Armut geprägten Heimatort Dois Riachos.

Botschafterin des besseren Lebens

In einem offenen Feuerwehrwagen präsentierte sie sich und die Trophäe stolz Hunderten von Schaulustigen. Hier ist Marta nicht der Weltstar, hier ist sie immer noch eine von ihnen, auch wenn sie inzwischen zu einer Art Botschafterin des besseren Lebens geworden ist.

Am liebsten würde sie in ihrer Heimat Fußball spielen, doch das hält sie „in frühestens zehn Jahren“ für realistisch. Denn noch gibt es weder eine Liga noch die nötige Anerkennung, auch wenn die Mauer gegen den Frauenfußball in Brasilien erste Risse bekommt.

Rio als Sprungbrett

Es ist gerade einmal sieben Jahre her, da kam Marta als 14-Jährige nach einer beschwerlichen dreitägigen Busfahrt über 1600 Kilometer in Rio de Janeiro an, mit nicht viel mehr, als den Kleidern am Leib, aber dem großen Traum Karriere als Fußballerin zu machen.

Marta erinnert sich: „Ich war sehr dünn, aber schnell. Ich glaube, sie waren schockiert, dass ein Mädchen wie ich auf dem Rasen für ein derartiges Aufsehen sorgen konnte.“ Helena Pacheco, damals Trainerin bei Vasco da Gama, erinnert sich: „Sie brachte eine enorme innere Willenskraft mit. Es gibt nur wenige, die derart lernwillig sind, wie sie.“

Durchbruch bei der U-19-WM

2002 fiel Marta bei der U-19-WM in Kanada erstmals einem breiteren Publikum auf, als sie einen Hattrick gegen Frankreich erzielte. Spätestens bei der WM 2003 in den USA, als sie mit ihrem Team das Halbfinale erreichte, war zu erkennen, dass hier ein neuer Superstar heranreifte. Umeås Manager Roland Arnquist ergriff die Gelegenheit beim Schopfe und verpflichtete das Supertalent, als Stürmerin Hanna Ljungberg wenige Monate vor den Olympischen Spielen in Athen einen Kreuzbandriss erlitt.

Marta hat früh gelernt, zu kämpfen. So ließ sie sich Anfang 2004 weder von der Kälte abschrecken, die im nordschwedischen Winter schon mal unter minus 30 Grad betragen kann, noch von der fremden Sprache. „In meinem Leben ging es schon immer darum, Barrieren zu durchbrechen. Ich habe alles als eine Herausforderung begriffen.“

Vorbildfunktion in Schweden

Sie biss sich durch und ist in ihrer Wahlheimat inzwischen ein gefeierter Star und das Vorbild vieler junger Spielerinnen. Drei Jahren später spricht sie heute fließend Schwedisch und sie hat sogar das Skifahren gelernt. Rund 150.000 Euro jährlich soll ihr Gehalt brasilianischen Medien zufolge inzwischen betragen, eine im heutigen Frauenfußball stattliche Summe.

Kein Wunder also, dass der schwedische Verein seinen Diamanten nur für Länderspiele abstellt, wenn es der internationale Frauenfußballkalender unumgänglich macht oder die eigene Mannschaft in der Ligapause ist. Für Marta sicherlich eine bittere Pille. Bei den derzeit laufenden Panamerikanischen Spielen in Rio spielt sie deswegen erstmals seit den Olympischen Spielen wieder für die Nationalmannschaft.

Die neue U.S.-Profiliga fest im Visier

Bis zum Saisonende läuft ihr Vertrag in Umeå, eine Verlängerung erscheint wahrscheinlich, denn der Start der neuen U.S.-Profiliga verzögert sich bis 2009. Marta soll dort das neue große Aushängeschild werden. Bereits jetzt soll ihr ein umfangreiches Vertragsangebot vorliegen, das sie zehn Jahre lang an die Liga binden will. So soll Marta in den USA nach Mia Hamm als neue Werbeikone aufgebaut werden und mit ihrer Persönlichkeit als Instrument der sozialen Integration dienen.

Dass Marta eine internationale Karriere gemacht hat, ist keine Selbstverständlichkeit. „Sie ist häufig der Schule ferngeblieben, um Fußball zu spielen. Ich wollte sie immer daran hindern, aber mir ist es nicht gelungen. Zum Glück muss ich aus heutiger Sicht sagen, denn sie hat sich ihren Traum erfüllt und hilft heute der ganzen Familie“, so Mutter Tereza. „Als ich klein war, hatten wir nicht genug Geld, um einen Fußball zu kaufen. Deswegen habe ich mir einen aus Plastiktüten gebastelt“, so Marta.

Schwierige Familienverhältnisse

Martas Vater Audálio Ferreira, der die Familie verließ, als Marta ein Baby war, sagt heute stolz: „Ich habe immer davon geträumt, ein berühmter Fußballer zu werden, es aber nicht geschafft. Meine Tochter verwirklicht nun meinen alten Traum.“ Dabei war er es, der den fußballerischen Ehrgeiz seiner Tochter in frühen Jahren bremste, dem es missfiel, wenn die Tochter mit den Jungen von Dois Riachos auf der Straße Fußball spielte.

Doch nachtragend ist Marta nicht. Ihrem Vater, der den Viehhirten und Bauern der Gegend die Haare schneidet, schenkte sie ebenso ein nagelneues Haus wie ihrer Mutter und ihren Brüdern. „Ich bin sehr bewegt. Ich habe dieses arme Gebiet verlassen und den Respekt der ganzen Welt gewonnen“, so Marta.

Bescheidenheit als Tugend

Bescheiden meint sie: „Klar macht es mich stolz, wenn ich höre, ich sei eine der besten Spielerinnen der Welt. Schließlich will jeder Sportler an die Spitze. Aber ich bin auch überzeugt, dass ich weiter an mir arbeiten muss und mich noch verbessern kann.“

Martas früherer Nationaltrainer René Simoes sagt: „Sie ist dem großartigen Romario sehr ähnlich. Egal, ob sie Domino, Karten oder Fußball spielen – keiner von beiden akzeptiert zu verlieren.“

Und fügt hinzu: „In der Geschichte des Frauenfußballs war nur Mia Hamm eine bessere Spielerin. Aber Marta ist viel kreativer und erst 21. Noch zwei Jahre, dann wird sie die Beste sein, die es je gegeben hat.”

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Markus Juchem (50) schreibt seit 2003 über Frauenfußball, für Medien wie Womensoccer.de, UEFA.com, FIFA.com, DFB.de, FAZ, NZZ und Kicker.

33 Kommentare »

  • Detlef sagt:

    Da bin ich ja gespannt, zu welchen (neuen) Erkenntnissen WIR gelangen werden!!!
    DANKE für Deine Ausführungen zu den Fernsehgeldern!!!

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  • meike Linnè sagt:

    ich möchte gerne wieder fußball spielen,
    und da ich jetzt nach Frankreich süd ziehe
    ist es die beste gelegenheit,
    kann mir jemand einen Verein in Frankreich empfehlen der noch Frauen aufnimmt.
    es ist für mich wichtig wenn möglich bitte mit
    kontakt angaben

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  • Max Diderot sagt:

    Hallo Meike, ich besitze keinen Kontakt zu einem Frauenfußballverein in (Süd-) Frankreich. Deine topografische Angabe ist auch etwas ungenau. Meinst Du die Atlantikseite (Aquitanien) oder mehr die Riviera (Provence-Alpes-Côtes d’Azur) oder Languedoc-Roussilion?

    Richte doch der Einfachheit halber eine Email an den FFF (Fédération Française de Football), die werden Dir vermutlich weiter helfen – hoffe ich doch. Hier ist der Link für deren Homepage: http://www.fff.fr/
    Und hier kannst Du konkret die Vereine nach den jeweiligen Départements suchen:

    Vielleicht helfen Dir diese marginalen Hinweise ja weiter. Schön wäre es, wenn Du zudem Lust hättest, uns hier zukünftig von Deinen konkreten Erfahrungen im französischen Frauenfußball zu erzählen respektive zu schreiben. Und solltest Du eine offensive Spielerin sein, die eventuell morgen um 15:00 Uhr MESZ (Ortszeit in China 21:00 Uhr) zur Verfügung stehen könnte, um ein Dilemma im Spiel der DFB-Damen zu beheben, wäre dies noch besser. Das Ganze findet in Shenyang statt, und wenn Du Dich sputest, erreichst Du noch den nächsten Flieger. ;o)

    Bonne chance!

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