Die ARD auf der Suche nach der WM-Form

Von am 27. September 2007 – 2.42 Uhr 7 Kommentare

Die deutsche Frauenfußball-Nationalmannschaft darf stolz auf sich sein. Zum zweiten Mal in Folge steht sie im Finale einer Frauenfußball-Weltmeisterschaft, wo sie am Sonntag auf den Sieger der Partie USA gegen Brasilien treffen wird.

Weniger Grund stolz zu sein hat hingegen die ARD. Denn es ist schon bemerkenswert, wie lieblos die Übertragungen von der WM in China abgewickelt werden. So unterliefen dem Sender bereits bei der Vorrundenpartie gegen Japan zahlreiche Fauxpas.

Doch wer gedachte hatte, im WM-Halbfinale gegen Norwegen würde alles besser, sah sich getäuscht. Zwar wurden einige Kinderkrankheiten der ersten Übertragung ausgemerzt (so verpasste man diesmal nicht den Einlauf der Mannschaften und den Beginn der Nationalhymnen), doch erneut wurde einem eindrucksvoll vor Augen geführt, dass die Übertragungen aus China alles andere als WM-würdig auf Sparflamme gekocht werden.

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Gegen Japan noch passabel, schien sich Kommentator Carsten Flügel gegen Norwegen der allgemeinen Formschwäche der ARD anpassen zu wollen und leistete sich ebenfalls ärgerliche Ausrutscher.

So behauptete Flügel mehrfach hartnäckig, die Norwegerinnen seien gegen Deutschland erstmals im Turnier in Rückstand geraten. Das WM-Auftaktspiel Norwegens gegen Kanada hatte er wohl verpasst. Dort lag Norwegen nämlich mit 0:1 im Rückstand, ehe man das Spiel noch mit 2:1 gewann.

Norwegens Trainer Bjarne Berntsen bescheinigte er, mit seinem Team „das erste Endspiel“ erreichen zu können, obwohl man doch bereits zusammen im EM-Endspiel 2005 stand. Flügel dürfte wohl auch einer der wenigen gewesen sein, die in der ersten Halbzeit „ein richtig schönes Fußballspiel“ gesehen haben. Zugegeben: Es war spannend, taktisch nicht uninteressant. Aber schön? Gut, vielleicht Geschmackssache.

Nicht mehr mit persönlichem Geschmack war jedoch zu erklären, dass er offenbar partout nicht akzeptieren wollte, dass das 1:0 für Deutschland ein klares Eigentor war. „Das Tor wird vom Weltverband als Eigentor gewertet“, stellte er Minuten nach dem Treffer überrascht fest. Dabei war für jeden offensichtlich, dass der von Birgit Prinz geschossene Ball ohne die gütige Mithilfe von Trine Rønning nicht ins Tor gegangen wäre.

Dass er den Deutschen in der ersten Halbzeit zudem eine Überlegenheit attestierte und dies mit der Torschussstatistik untermauerte, die sowohl zur Halbzeit als auch am Ende aber die Norwegerinnen im Vorteil sah, sei nur am Rande erwähnt.

Der NDR-Kommentator schien im Stadion von Tianjin auch keine Aufstellung mehr abbekommen zu haben. Beharrlich taufte er den Vornamen von Norwegens Mittelfeldspielerin Ingvild Stensland in Ingrid um. Als ich mich zu Beginn der zweiten Halbzeit langsam an Ingrid Stensland gewöhnt hatte, überraschte mich Flügel mit einer neuen Namensschöpfung: aus den beiden Gulbrandsens wurden flugs die Gulbrandssons.

Norwegens Spielsystem früherer Jahre betitelte er als „lupenreines Kick-and-Rush“, eine echte Beleidigung etwa für die Weltmeistermannschaft von 1995, die durch spielerische Klasse bestach. Gegen Ende des Spiels wurde dem Gegner dann in fast schon impertinenter Überheblichkeit die Klasse abgesprochen.

„Wenn man sein Spiel nur auf Gulbrandsson zuschneidet und keine anderen Optionen hat, ist das in der Weltspitze zu wenig“, so Flügels erstaunliches Fazit über den 4. der FIFA-Weltrangliste.

Doch nicht der Kommentator alleine war ein Ärgernis. Auch im Studio war von WM-Form und WM-Atmosphäre wenig zu spüren. Vielleicht lag es ja daran, dass das ARD-Budget offenbar nicht dafür gereicht hatte, Moderatorin Ursula Hoffmann und Expertin Nia Künzer nach China zu schicken. Routiniert und langweilig spulten die beiden im Studio in Deutschland ihr Programm ab.

Bei der nicht viel länger als fünf Minuten dauernden Nachbetrachtung wartete man vergeblich auf eine echte Analyse. Schon gegen Japan vermisste man bei Künzer Klartext. Wer will es sich schon mit ehemaligen und aktuellen Teamkolleginnen verscherzen?

Aber ein Lob wollen wir dann doch auch noch los werden: Die ARD überträgt, anders als ursprünglich geplant, am Donnerstag ab 13.50 Uhr live das zweite Halbfinalspiel zwischen den USA und Brasilien, in dem Deutschlands Finalgegner ermittelt wird.

Vielleicht schafft es die ARD dann ja bei einem der Höhepunkte der Titelkämpfe auch noch, in WM-Form zu kommen.

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Markus Juchem (49) schreibt seit 2003 über Frauenfußball, für Medien wie Womensoccer.de, UEFA.com, FIFA.com, DFB.de, FAZ, NZZ und Kicker.

7 Kommentare »

  • nolookpass sagt:

    Ich finde, ihre Kritik ist falsch gewichtet. Sehr viel weiter oben, wenn nicht sogar an erster Stelle muss das Lob stehen. Dass ein öffentlich-rechtlicher Fernsehsender (!) von einem Tag auf den anderen (!) sein Programm ändert (!), um ein WM-Halbfinale (!) ohne deutsche Beteiligung (!) live (!) zu zeigen, ist meiner Ansicht nach das größte Kompliment, welches man der erfolgreichen deutschen Nationalelf machen kann.

    Und außerdem hatte ich irgendwie das Gefühl, dass sich Hoffmann und Künzer nicht recht riechen können.

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  • Ricarda sagt:

    Ich habe mir bisher die Spiele, die auch bei ARD übertragen wurden, immer bei Eurosport angeschaut, weil die Kommentare bei der ARD nicht sonderlich gut waren.
    Was die Namen angeht tat sich der Kommentator von Eurosport aber auch etwas schwer, wobei er die Namen halt in deutsch ausgesprochen hat, was nur einen Moment fürs Ohr schlimm ist 😉
    Der einzigste Grund, warum ich dann noch auf ARD geschaltet habe, war, um am Ende des Spiels vielleicht noch ein Interview zu sehen, was es auch ganz ganz kurz mal gab.
    Es ist aber wirklich gut, dass sie das zweite Halbfinalspiel auch übertragen. Vielleicht haben sie ja gemerkt, dass da doch etwas mehr Interesse gibt und bei der nächsten WM werden dann hoffentlich auch dort mehr Spiele übertragen.

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  • Max Diderot sagt:

    Die ARD auf der Suche nach der WM-Form – Frauenfußball-Blog auf Ballhöhe

    Möglicherweise hat mich ja der Erfolg der deutschen Damen nachsichtiger gemacht und doch teile ich die in diesem Beitrag geäußerte Kritik an der Medienpräsenz sowie der inhaltlichen Darstellung des Frauenfußballs. Gleichzeitig kann ich aber auch nicht umhin, für Nachsicht zu plädieren. Zwar verführen mich einige der Kommentierungen dazu, phasenweise während eines Spiels den Ton abzuschalten, aber im Vergleich zu früheren medialen Exkursen stellt sich in meiner Rezeption ein besseres Bild dar als in den vergangenen Jahren.
    Die geäußerte Kritik betrifft ja nicht nur den Frauenfußball sondern ist Teil des Ganzen. Dabei ist das Ganze in meiner subjektiven Interpretation die Unzulänglichkeit der televisionären Sportberichterstattung, die immer noch in jenen Zeiten zu verharren scheint, als es einst ein Kaffeegeschirr für die DFB-Damen gab. Mangelnde fachliche Kompetenz wird durch Emotionalisierung ersetzt und Phrasen ersetzen die präzise Analyse. Aber seien wir froh, und wenn ich mich nicht ganz irre, war es noch bei der letzten WM der Fall, dass die ARD nun auf einen gewissen Waldemar H. verzichtet, möglicherweise sich selbst als optimalen Frauen- und Weißbier-Versteher bezeichnend.
    Ich kann nur raten, weshalb die deutschen TV-Medien, wobei ich keinen Unterschied zwischen öffentlich-rechtlichen und privaten Instanzen machen will, nicht oder nur unzulänglich in der Lage sind, sich des Booms Frauenfußball anzunehmen. Ich vermute, dass das mit dem Schielen auf die großen Konkurrenzmärkte zu tun haben könnte, und der Imitation der dortigen Gepflogenheiten. Also in Großbritannien, in Frankreich, in den USA. Auch dort findet die Sportberichterstattung eher unter marktschreierischen als zurückhaltenden Attitüden ihren Weg zu den Zuschauern. Angenehm überrascht bin ich aber immer wieder von den skandinavische Sendeanstalten. Nicht immer aber immer öfter, so die Möglichkeit via Internet dazu besteht, schaue ich mir die Übertragungen aus Dänemark, Norwegen oder Schweden an. Und obwohl ich deren Sprache weder spreche noch verstehe, bin ich nicht erstaunt, dass es abseits dieser linguistischen Differenzen auch so etwas wie ein nonverbales Verständnis gibt.

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  • Idgie-Jonsi-Fan sagt:

    Über die Unprofessionalität der Kommentatoren bei Frauenfussballspielen ärgere ich mich gar nicht mehr. Mir scheint sowieso dass bei Frauenspielen nur die Praktikanten der Fernsehanstalten abkommantiert werden. Ich finde sowas nur peinlich!! Hoffentlich ändert sich das wenn die WM2011 in Deutschland stattfinden soll, sonst blamieren wir uns bis auf die Knochen. Ich sage nur, MONIKA MÜLLER!!!! :-/ Also wenn die schon die Namen der deutschen Spielerinnen nicht kennen, warum soll man dann erwarten, dass sie sich die Namen der anderen Nationen merken. Da kann man ja nur hoffen, dass Brasilien ins Finale kommt. Da müssen sich die Herren Reporter dann nur einen Namen merken!! 😉

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  • Marcel sagt:

    Das kapier ich auch nicht das man Ursula Hoffmann und Nia Künzer nicht nach China geschickt hat den ich mein mich zu erinnern bei den Qualispielen auswärts waren sie immer vor Ort aber fürne WM scheint das wohl nicht zu reichen.Beim Zdf sieht es in der Hinsicht aber auch nicht besser aus ,nur trockene Studioatmosphäre.
    Trotzdem scheinen die Quoten zustimmen wenn nicht sensationell wenn man bedenkt das die Spiele um die Mittagszeit laufen; siehe Quotenmeter.de

    Namensfauxpasse machen mir jetzt nicht so viel aus schlimmer find ich so Fehlinformationen das Christiane immer noch beim Vfl Wolfsburg spielt.Die kleinen Einspieler dagegen find ich Klasse da lernt man die Spielerinnen endlich ein bisschen kennen auch wenn die Beiträge recht kurz sind.

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  • Wills sagt:

    Ich bin mir nicht so sicher, ob Hoffmann & Kuenzer vielleicht doch in China sind. So eine Studioeinrichtung lässt sich ja auch transportieren. In einem Interview von sport.ard.de mit Nia Künzer vom 24. 9. ) heißt es:

    „sport.ARD.de erreichte die ARD-Expertin vor Ort in China und sprach mit ihre über die Chancen des deutschen Teams im Halbfinale, über die Nachwuchsarbeit und ihre ganz eigene Nervosität.“

    Dass sie sich nicht wie bei bisherigen Länderspielen direkt am Spielfeldrand aufbauen können, dürfte bei einer WM nicht überraschen.

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  • werkselfe sagt:

    die leistung der ard ist sicherlich ausbaufähig, aber nia künzer zu unterstellen, sie würde keinen klartext sprechen, halte ich dann doch für zu gewagt. denn im gegensatz zu steffi jones hat künzer wenigstens einige punkte kritisiert.

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