Brasilien demütigt desolates U.S.-Team

Von am 27. September 2007 – 19.36 Uhr 5 Kommentare

BrasilienMan ist immer nur so gut, wie es der Gegner zulässt, heißt eine der beliebtesten Fußball-Floskeln. Und steckt auch nur ein Körnchen Wahrheit dahinter, dann müsste die deutsche Frauenfußball-Nationalmannschaft vor dem Endspiel am Sonntag in Ehrfurcht vor Finalgegner Brasilien erstarren, so schwach war der Weltranglistenerste USA bei der 0:4-Halbfinalniederlage gegen das Team aus Südamerika.

Die Südamerikanerinnen trieben den dezimierten Gegner in der zweiten Halbzeit wie ein angeschossenes Tier durch die Arena in Hangzhou. An eine derart schwache Vorstellung einer U.S.-Frauenfußball-Nationalmannschaft können sich wohl nur wenige erinnern, sollte es je eine gegeben haben. Das 0:4 war die höchste Niederlage, die eine amerikanische Frauenfußball-Nationalmannschaft je einstecken musste.

Ohne Biss, Leidenschaft und Gegenwehr überließen die Amerikanerinnen das Spiel nahezu kampflos den Brasilianerinnen. Und wenn man das Kombinationsspiel der Kanariengelben nicht einmal mehr im Ansatz zu unterbinden versucht, darf man am Ende noch froh sein, nur mit vier Gegentreffern aus dem Stadion geschossen worden zu sein.

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Doch vielleicht war es ja auch die nicht nachvollziehbare Entscheidung von U.S.-Trainer Greg Ryan, für das Halbfinale gegen Brasilien seine Torhüterin zu wechseln und Briana Scurry anstatt Hope Solo aufzubieten, die das Team im Mark erschütterte und das letzte Quäntchen Sicherheit und Selbstbewusstsein abhanden kommen ließ.

Ryans Wechselfehler

Denn es gab keinen Grund, das siegreiche Team auseinander zu reißen, das im Viertelfinale mit 3:0 gegen England gewonnen hatte. Ohne Not wechselte Ryan auf einer der empfindlichsten Positionen im Fußball, die gerade für die Viererkette in der Abwehr in punkto Eingespieltheit von entscheidender Bedeutung ist. Mit bittersaurer Miene verfolgte Solo fassungslos von der Ersatzbank aus das Geschehen. „Es war die falsche Entscheidung, und jeder, der auch nur ein bisschen was von Fußball versteht, weiß das“, so Solos deutliche Worte nach dem Spiel.

Eigenartig leblos ergaben sich die Amerikanerinnen in ihr Schicksal. Das seltsam anmutende Eigentor von Leslie Osborne, die in der 20. Minute vollkommen unbedrängt nach einer Ecke von Formiga den Ball ins eigene Tor köpfte, war der Auftakt zu einer indiskutablen Vorstellung.

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Marta erzielte nur sieben Minuten später, halbherzig von der U.S.-Abwehr bedrängt, das 2:0, als sie mit einem strammen 15-Meter-Schuss Scurry überraschte. Als dann die Schweizer Schiedsrichterin Nicole Petignat auch noch unverständlicherweise Shannon Boxx mit einer Gelb-Roten Karte vom Feld schickte, obwohl Cristiane der Amerikanerin in die Hacken gelaufen war, war es um die Gegenwehr der USA vollends bestellt.

Kein Protest gegen Fehlentscheidung

Jeder Fan vorm TV-Bildschirm schien sich allerdings mehr über die eklatante Fehlentscheidung aufzuregen, als das gesamte U.S.-Team. Weder Boxx selbst, die kommentarlos vom Platz schritt, noch Trainer Ryan oder anderen Spielerinnen protestierten gegen die Entscheidung.

Die restliche Geschichte des Spiels ist schnell erzählt. Das erhoffte Aufbäumen der Amerikanerinnen blieb aus, Cristiane erhöhte nach 56 Minuten auf 3:0, Marta gelang nach einer feinen Einzelleistung das 4:0 (79.), mit dem sie ihr Trefferkonto bei der WM auf sieben schraubte.

Die zweifache Torschützin und FIFA-Weltfußballerin, die auch zur Spielerin des Spiels gewählt wurde, erklärte nach dem Spiel bescheiden: „Wir haben mit unserem Finaleinzug Fußballgeschichte geschrieben, doch das ist nicht mein Verdienst, sondern der Verdienst einer Mannschaft, die eine Spitzenleistung gezeigt hat.“

U.S.-Trainer Ryan machte den Platzverweis gegen Boxx für das schwache Abschneiden seines Teams verantwortlich: „Wir mussten den Brasilianerinnen in der gesamten zweiten Halbzeit mit zehn Spielerinnen hinterherlaufen.“

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Markus Juchem (49) schreibt seit 2003 über Frauenfußball, für Medien wie Womensoccer.de, UEFA.com, FIFA.com, DFB.de, FAZ, NZZ und Kicker.

5 Kommentare »

  • flaneur sagt:

    „Man ist immer nur so gut, wie es der Gegner zulässt, heißt eine der beliebtesten Fußball-Floskeln“ – das ist richtig; da sich die amerikaner kaum gewehrt hatten, ist die leistung der brasilianer in der 2. hälfte ohne wert: siehe DEU-ARG und das spätere DEU-ENG.

    ich verstehe nicht wie der lob für BRA zustande kommt (ESPN, diverse internet-nachrichten). der zauber war nur deshalb möglich, weil die räume, die die USA stellte, mit der weite der prärie konkurrieren konnten.

    BRA hat, so scheint es mir, kein system; eher ein chaos mit marta und christine im mittelpunkt. sollten sie am sonntag auf eine disziplinierte deutsche mannschaft treffen, so werden sie verlieren (im idealfall; wenn nicht gerade der zufall/fehlentscheidungen das spiel entscheiden).

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  • Shortbottom sagt:

    War schon enttäuschend, was die US-Girls da abgeliefert haben. Und obwohl Brasilien natürlich sehr beeindruckend ausgesehen hat, und obwohl der Vergleich mit Deutschland – Argentinien von flaneur natürlich auch (ich nehme an bewusst) übertrieben ist, kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass die DFB Damen den Brasilianerinnen im Finale solche Räume lassen, wie heute die Amis. Wird auf jeden fall eine sehr offene Geschichte.

    Schon lustig, wie der US-Trainer seine eigenen Fehler überspielen will. Der Platzverweis war zweifellos eine fehlentscheidung, aber es haben auch schon Teams mit 10 Mann (oder Frau) besser ausgesehen und mitunter ein Spiel auch gewonnen. Außerdem lag man zum Zeitpunkt der Fehlentscheidung ja schon 2:0 hinten. Das Eigentor hatte etwas unfreiwillig Komisches an sich, wie Osborne da zum Ball gegangen ist. Wirklich wie eine Stürmerin aufs gegnerische Tor.

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  • Max Diderot sagt:

    Hinsichtlich des mangelnden oder nicht vorhandenen Spielsystems der Brasilianerinnen will ich widersprechen. Sie sind recht ballsicher und bringen das Spielgerät recht zügig in die Spitze. Außerdem haben die Südamerikanerinnen neben einer hohen Laufbereitschaft, zumindest in der ersten Hälfte des Spiels unternehmen sie ein offensives Pressing, um so die Dominanz an sich reißen zu können. Was mir aber an ihnen am besten gefällt, ist der Blick und das Timing für den freien Raum. In diesem Punkt, vielleicht kann es auch als Spielintelligenz bezeichnet werden, waren sie ihren Widersacherinnen weit voraus.

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  • René sagt:

    Schöner Artikel! Ich kann mich Dir und meinem Vorredner nur anschließen.

    Von dem Spiel sind eigentlich nur die ersten 30 Minuten zu bewerten. Da gehen die Brasilianerinnen durch einen dilettantischen Fehler der Amerikanerinnen in Führung. Sorry, aber ein solches Eigentor darf in einem WM-HF nicht passieren. Tja, das zweite Tor sah schon etwas besser aus, hätte aber auch leicht von mehreren Spielerinnen (einschließlich Torwart) verhindert werden können. Bis dahin war es ein recht ausgeglichenes Spiel mit leichten Vorteilen für BRA.

    Genauso emotionslos wie bei der gelb-roten Karte und beim nicht gegebenen Elfmeter verlief dann Halbzeit zwei von den Amis… kann ich echt nicht verstehen, wie man bei solchen Fehlentscheidungen so ruhig bleiben kann.

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  • helena sagt:

    Vielleicht fehlt bei den US-Girls einfach das Feuer, da viele von ihnen ja nur Länderspiele bestreiten (wenn man mal die Uniklubs außen vor läßt)? Es ist dann eben doch keine Besonderheit mehr, in der Natio zu spielen. Natürlich mag der Wechsel der Torfrau Unsicherheit in die Abwehr gebracht haben – aber manche Fehler waren schlicht dilettantisch (nicht nur das Eigentor. Ich habe den Eindruck, daß in diesem Turnier sehr viel mehr Eigentore fabriziert werden als in anderen – oder täuscht das?) und dürfte einer Mannschaft in einem Halbfinale egal mit welcher Torfrau und welcher Viererkette so nicht passieren (ich bin mir sicher, daß etwa ein Wechsel von Angerer auf Rottenberg keine größeren Abstimmungsprobleme bringen würde).

    Sei es wie es sei, der größte Aufreger für mich allerdings war die sehr hämische und unfaire Geste von Christiane nach dem Foul an und dem Platzverweis von Boxx… Nicht das einzige Foul der Brasilianerinnen im Laufe dieses Turniers, das eigentlich nicht hätte durchgehen dürfen. Ich kann nur hoffen, daß die deutsche Mannschaft gewarnt sein wird.

    Ich bin kein großer Fan des brasilianischen Fußballs, der meiner Meinung nach nicht nur bei den Männern als zu hoch eingeschätzt wird und ich glaube, daß die brasilianische Mannschaft mit einer kämpferisch stärkeren und laufbereiteren Mannschaft als die US-Girls, die die deutsche Mannschaft hoffentlich sein wird, deutliche Probleme bekommen wird. Denn die anderen Spiele waren alles andere als „Zauberfußball“ und der Spielwitz fällt ganz schnell einem harmlosem Gekicke zum Opfer, wenn die Räume eng sind und die ballführende Spielerin schnell attackiert wird.
    Aber dennoch: unterschätzen sollte man Marta & Co auf keinen Fall – aber das wird wohl auch niemand.

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