Schafft Schweden noch das Wunder?

Von am 18. September 2007 – 10.06 Uhr

Victoria SvenssonDie Erwartungen vor dieser Fußball-Weltmeisterschaft waren in der schwedischen Presse nicht sonderlich hoch. Der Rücktritt von Malin Moström und die Verletzungen von Caroline Jönsson, Josefine Öqvist, Frida Nordin und dazu eine schwierige Gruppe mit den USA und Nordkorea als Gegner, ließen viele an nicht mehr als das Viertelfinale glauben.

Die Auswahl von 21 Spielerinnen, die Thomas Dennerby mit nach China nahm, wurde schon Mitte August von einigen Kommentatoren als „dünn“ bezeichnet und der 48-jährige Kriminalinspektor und Sportlehrer Dennerby hatte darauf geantwortet, er könne halt nur aus denjenigen wählen, die zur Verfügung stünden.

Vor dem ersten Spiel gegen Nigeria, das Spielführerin Victoria Svensson als „måste-match“, als Schlüsselspiel, bezeichnet hatte, schrieb Johan Esk, Sportchef der größten Tageszeitung Dagens Nyheter: „Wenn ich mich dennoch ins Reich der Spekulationen begebe, glaube ich trotz allem, dass Schweden sechs Punke holt. Dann wartet Deutschland im Viertelfinale und dann ist Schluss.“

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Thomas Dennerby hatte sich entschieden, das jahrelang von den Schwedinnen praktizierte 4-4-2 zugunsten eines 4-3-3-Systems aufzugeben. Das hatte in den EM-Qualifikationsspielen gegen Rumänien und Ungarn noch bestens funktioniert und zu zwei klaren 7:0-Siegen geführt. Aber weder die Rumäninnen noch die Ungarinnen spielen eine Rolle im Oberhaus des Frauenfußballs. Nach dem 1:1 gegen Nigeria wurden die Skeptiker skeptischer.

Nordic Walking

Verglichen mit der rasanten Geschwindigkeit der Begegnung Nordkorea – USA sei das Spiel der Schwedinnen gegen Nigeria „Nordic Walking“ gewesen, schrieb Esk in Dagens Nyheter und Simon Bank titelte in Aftonbladet: „Zu schwach, Schweden“.

Das Zuspiel funktionierte nicht gegen Afrikas bestes Team und als Thomas Dennerby aus unverständlichen Gründen Hanna Ljungberg in der 69. Minute auswechselte, ließ sich das Team zurückfallen und den eigentlich geschlagenen Gegner ins Spiel kommen. „Schweden wird – das ist sonnenklar – ganz schnell aus diesem Turnier verschwinden, wenn man kein konstruktives Zupassen zustande bringt“, prognostizierte Bank.

Lotta Schelin, die Torschützenkönigin 2006 und 2007 in der „besten Liga der Welt“, der Damallsvenskan, geriet ebenfalls in die Kritik. Ihr Vereinstrainer Martin Pringle, Experte für den Fernsehsender TV4, verteidigte seine Spielerin jedoch und fragte sich, warum Lotta nicht auf der angestammten Position in der Mitte spielen dürfe. Wenn man ihre Fähigkeiten ausnützen wolle, dann müsse sie zentral spielen, so Pringle.

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Den entscheidenden Abspielfehler im Nigeria-Spiel leistete sich die 23-jährige Anna Paulsson. Als im schwedischen Strafraum sieben Schwedinnen und eine Nigerianerin waren, spielte sie den Ball ausgerechnet direkt auf Cynthia Uwak, die ihr Brot beim schwedischen Abstiegskandidaten Falköping verdient. Die nicht wenigen Torchancen wurden vergeben und wenn Victoria Svenssons Schuss in der 34. Minute nicht die Querlatte getroffen hätte. Wenn…

Geschockt von Nordkorea

Mehr noch als die eigene Unfähigkeit, das Spiel zu entscheiden, hatte die Schweden aber die Leistung der Nordkoreanerinnen gegen die USA geschockt. Nun wusste man endlich, wie gut die Astiatinnen waren. Sie waren noch viel besser als befürchtet. Nun war klar, dass man gegen die USA punkten musste und Dennerby änderte das System. Nicht mehr 4-3-3, sondern wieder 4-4-2. Sara Thunebro, die auf der ungewohnten linken Seite in der Abwehr viele Fehlpässe produziert hatte, wurde ausgetauscht gegen Linda Forsberg. Für Forsberg rückte Frida Östberg zurück in die Abwehr.

Die Äußerung Dennerbys, dass die Taktik gegen die USA voll aufgegangen sei und dass seine Mannschaft ein herausragendes Spiel gemacht habe, rief bei einigen Unverständnis hervor. Das Spiel hatte recht vielversprechend begonnen, mit fünf schwedischen Eckbällen in den ersten fünf Minuten. Aber dann kam der Fehlgriff von Hedvig Lindahl, der Elfmeter nach dem klaren Foul von Stina Segerström, das weder Segerström noch Lindahl noch Dennerby gesehen hatten. Die Luft war aus dem schwedischen Spiel, die Amerikanerinnen wurden stärker und dominierten.

Lindahl-Einsatz ein Fehler?

Hedvig Lindahl hat in dieser Saison nach ihrem Kreuzbandriss erst fünf Ligaspiele für Linköping absolviert. Ihren Spiel entscheidenden Fehler führte man auf mangelnde Spielpraxis zurück. Das schrieb auch Caroline Jönsson, die verletzte Stammtorhüterin in einer schwedischen Zeitung. Warum hat Thomas Dennerby statt Lindahl nicht AIK-Torfrau Sofia Lundgren den Vorzug gegeben, die alle achtzehn Begegnungen der Damallsvenskan absolviert hat und dazu bis ins Pokalfinale kam?

Warum spielt eine angeschlagene Hanna Ljungberg von Anfang an und warum muss Lotta Schelin auf die Seite ausweichen, die ihr offenkundig nicht liegt? Als Sara Johansson eingewechselt wurde, spielte sie nicht Rechtsaußen wie bei Hammarby sondern auf der linken Seite.
 
Bei aller Kritik halten sich die schwedischen Medien jedoch noch zurück. Man wartet offenkundig noch auf das Spiel gegen Nordkorea, in dem „nur ein Wunder biblischen Ausmaßes“ noch helfen kann, wie Jennifer Wegerup in Aftonbladet schrieb. Ein Sieg gegen Nordkorea könnte das ramponierte Ansehen noch retten. Mit einem 3:0 scheint jedoch niemand zu rechnen, außer Dennerby, der verkündete, das es doch möglich sein müsse, alle 30 Minuten ein Tor zu schießen. Die Stimmung und Motivation der Truppe muss halt aufrecht erhalten werden.

Kritik vom Verbandspräsidenten

Schwedens Fussballpräsident Lars-Åke Lagrell sagte nach dem USA-Spiel, er habe Lücken im Team gesehen. „Natürlich müssen wir die Lage analysieren und sehen, was wir tun können, um besser vorbereitet zu sein“, sagte Lagrell zum bisherigen Abschneiden. Nicht nur Dennerby („Man hat diejenigen, die auf dem Platz stehen, mit anderen Sachen kann man nicht spekulieren“), sondern auch Hanna Marklund zeigten sich erstaunt über Lagrells Kritik.

Dennerbys Vertrag endet nach der Europameisterschaft 2009 in Finnland. Es ist weitgehend auszuschließen, dass man sich früher von seinem Trainer trennen wird. Viel hängt vom Spiel gegen Nordkorea ab. Mit einem Sieg könnte man erhobenen Hauptes zurück nach Hause fliegen. Und die Olympia-Qualifikation wäre noch möglich, wenn auch Dänemark in der Vorrunde ausscheidet. Dann gäbe es ein Entscheidungsspiel um den dritten europäischen Startplatz für Peking 2008.

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