Rainers WM-Ecke: Abschied aus Hangzhou

Von am 18. September 2007 – 12.39 Uhr

Fanfest in Hangzhou„Oben der Himmel, unten Hangzhou.“, lautet ein chinesisches Sprichwort, das dieser Stadt südlich von Shanghai geradezu diejenige Paradieshaftigkeit attestiert, für die sie in China bekannt sind. Im Falle Hangzhous ist damit vor allem die Landschaft um den Westsee gemeint, der ein Synonym für Schönheit und Romantik ist und Gegenstand vieler Dichtungen, nicht nur von Su Dongpo.

Ähnlich treffend beschreibt es aber auch den Charakter der Stadt und den typischen Lebensstil in Hangzhou. Der gilt als der lebensfrohste und genusssüchtigste aller chinesischer Städte. Dass dieses Image nicht ganz ungerechtfertigt ist, zeigt eine neuere Umfrage einer Tageszeitung im Lande, laut der Hangzhou bei größeren Städten diejenige mit den meisten zufriedenen Menschen ist.

Vielleicht hat sich deshalb die südliche Song Dynastie (1132-1276) gerade Hangzhou, damals unter dem Namen Lin’an, als Hauptstadt ausgesucht. „Wann wird das Gesinge und Getanze um den Westsee endlich enden?“, beklagte sich ein Dichter der damaligen Zeit, der sich gewünscht hätte, dass sich die Beamten mehr um die Staatsgeschäfte als um Kunst, Poesie und Philosophie kümmern würden.

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Heute sind es kleine Gesten, an denen man die Einstellung der Menschen sieht. Während Taxifahrer in Shanghai oftmals verkrampft und eng hinterm Lenkrad sitzen, als würden sie mit diesem und dem Motor ihres Gefährts heftige Kämpfe bestreiten, chauffiert der Kollege aus Hangzhou leicht zurückgelehnt und relaxed durch den Verkehr.

Hangzhou – dass ist das Gegenstück aus dem Reich der Mitte zum Hang Loose der Hawaiianer. Überhaupt ist in Hangzhou alles relaxed, exquisit und charming. „City of leisure“ und „city of quality life“ sind die großen Stichworte für die Stadt im südlichen Yangtse Delta, am Fluss Quiangtangjiang.

Foto Polizistin„Wenn du große Pläne hast und damit nach Hangzhou kommst, dann kannst du noch so einen starken Willen haben, nach kurzer Zeit wirst du deine Geschäfte vergessen und wie wir den ganzen Tag um den Westsee spazieren und Tee trinken.“, gab ein Hangzhounese als Grund an, warum die neue Firma seines Freundes in Hangzhou schon nach kurzer Zeit Bankrott machte, und stellte damit ein Zeugnis aus, dass sich bis heute zwar Name und Bild der Stadt, nicht aber ihre Seele geändert hatte.

Ganz ehrlich geschrieben: Mir selbst ist es heute auch so gegangen. Ich habe mich lieber mit Muße und Zeit den Muscheln, Krabben und Krebsen beim LOC-Lunch hingegeben, als hastig zu schlingen, um dann zu einem Pressegespräch zu eilen. Um so passender erscheint es, dass Hangzhou der Veranstaltungsort der „World Leisure Exhibition 2006“ war. Sogar die WM wirbt mit dem Motto leisuring games. Mein Connosseur-Faible sei also verziehen.

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Neben dem Westsee ist Hangzhou bekannt für seine Seide und grünen Tee. Der auf den Hügeln südwestlich des Westsees angebaute Drachenbrunnentee (Longjingcha) erlangte dank Qing-Kaiser Qian Long, der ihn als besten Grüntee Chinas bezeichnete, große Berühmtheit. Den habe ich auf dem Zimmer. Beim Empfang habe ich mit frischem Kiwisaft Vorlieb genommen.

Ein gewisser Marco Polo aus Venedig, der Hangzhou damals im 13. Jahrhundert als die „schönste und großartigste Stadt der Welt“ bezeichnete, mochte beides: den Tee und die Seide. Und natürlich das Dolce Vita dieser Stadt, die mit ihrer Ausstrahlung und Schönheit und warmherzigen Offenheit der Menschen auch als Stadt der Liebe gilt.

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