Rainers WM-Ecke: Über Harmonie-Pausen und die Farbe blau

Von am 16. September 2007 – 13.50 Uhr

Shenhua-FansDer Chinese ist ein freundlicher Mensch mit blumenreicher Sprache, sofern er nicht als ein von rüden Sitten geplagtes Individuum durchs Leben geht. Auch diese Sorte Menschen findet man in China öfter als daheim. Oder pinkeln Sie etwa nachts auf die Straße oder laden ihren Flow Up hemmungslos am Kneipentisch ab? Neulich erlebte mein Zimmerkollege sogar wie drei völlig blaue Mädels aus einem Taxi torkelten, in die Hotellobby kamen, ihr Flow-Up-Geschäft mit allerhand Würgen verrichteten, um dann erleichtert mit dem wartenden Taxi wieder davon zu fahren.

In vier Wänden ist das nämlich nicht so unschicklich, wie in der öffentlichen Natur. Im benachbarten Luxun-Park (gesprochen: Luschun) unseres Shanghaier Hotels fanden wir nämlich Verhaltensregeln, die besagen, das man so etwas im Park nicht mache und ergänzend stand da geschrieben: Don’t shit.
 
Unser Tourist—Guide Peter ist von der vornehmen Sorte. Er sagte auf der Umzugsreise von Shanghai nach Hangzhou: „Unterwegs machen wir eine Harmonie-Pause.“ Auf der Raststätte empfing uns bereits ein Bus voll blau gekleideter Fußball-Fans lauthals mit Fangesängen und Tänzen. Der erste Eindruck: Das sind Japan-Fans. Doch das entpuppte sich als Irrtum. Sie bejubelten die Profis von Shenhua. Die spielen auch in blau.

Apropos Japan. Nippons Töchter sind in China nicht unbedingt wohl gelitten. Zwischen China und Japan herrscht im Verhältnis eher Rivalität als Freundschaft. Nicht erst seit dem japanischen Einmarsch in den 30er Jahren, wegen dem das Japanspiel gegen Deutschland um einen Tag vorverlegt wurde, um die Japaner an diesem ärgerlichen Tag nicht auch noch kicken sehen zu müssen. Unser Peter ist da ganz freimütig. Ohnehin nahezu allwissend spendete er uns am Tag nach dem 0:0 gegen England Trost.

„Das 0:0 gegen England ist’e kein Beinbruch. Engeland hat’e Schwein gehabt.“ Dann lacht Peter. Und sagt, dass die Mädels gegen Japan schon alles klar machen würden. „Zwölf’e null vielleicht“ hofft er – in Anlehnung an das Argentinien-Rekordresultat und als guter Nippon-Freund, bevor er uns „gute Verrichtung“ wünscht.

Markus Juchem (49) schreibt seit 2003 über Frauenfußball, für Medien wie Womensoccer.de, UEFA.com, FIFA.com, DFB.de, FAZ, NZZ und Kicker.