Einfallslosigkeit gegen taktische Brillanz

Von am 14. September 2007 – 18.25 Uhr 5 Kommentare

Simone LaudehrSo hatte sich die deutsche Nationalmannschaft den so genannten „WM-Start“ sicherlich nicht vorgestellt. Erst gegen England gehe die WM richtig los, das 11:0 gegen Argentinien sei kein Gradmesser gewesen, wurde immer wieder betont. War es auch nicht. Gegen eine Mannschaft wie England, die bei der WM zur Mittelklasse gehört, fand der amtierende Weltmeister kein Rezept, die von Hope Powell taktisch hervorragend eingestellte Abwehr der „Three Lions“ zu knacken.

Nach dem heutigen 0:0-Unentschieden muss die deutsche Mannschaft vor ihrem letzten Gruppenspiel am Montag noch um die Qualifikation für das Viertelfinale bangen. Dafür braucht sie gegen Japan mindestens einen Punkt, sollte England – und davon ist auszugehen – zeitgleich Argentinien bezwingen.

Da sich die Engländerinnen in ihrem Auftaktmatch gegen Japan im Offensivspiel über weite Strecken sehr schwer taten, war damit zu rechnen, dass sie sich gegen Deutschland voll und ganz dem Ziel verschreiben würden, mindestens einen Punkt zu holen und damit Mitkonkurrent Japan vor deren Kräftemessen mit Deutschland unter Druck zu setzen. Das taktische Konzept, um dieses Ziel zu erreichen, hätte nicht besser angelegt und umgesetzt werden können.

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Nervöser Beginn, viele Fehlpässe

Zu keinem Zeitpunkt kam die deutsche Mannschaft, bei der es gegenüber dem Argentinien-Spiel nur eine Veränderung in der Startelf gab – Annike Krahn für die verletzte Sandra Minnert in der Innenverteidigung -, zu einem flüssigen Spielaufbau. Der Titelverteidiger wirkte nervös und leistete sich viele Fehlpässe, sodass die Engländerinnen zunächst die besseren Chancen für sich verbuchen konnten.

Erst verschätzte sich Nadine Angerer bei einem weiten Ball von Katie Chapman und versuchte in höchster Not mit dem Kopf zu klären, weil sie sich außerhalb des Strafraums wähnte. Das Leder kullerte knapp am rechten Pfosten vorbei (7.). Wenig später verpasste Chapman eine Hereingabe von Karen Carney nur knapp (11.). Ein Kopfball von Annike Krahn (6.) und ein 20-Meter-Schuss über das Tor von Linda Bresonik waren die ersten Lebenszeichen der deutschen Elf (18.).

Rasenschach auf schwerem Geläuf

In der Folge neutralisierten sich beide Teams. Taktisches Abwarten, Rasenschach und viele Fehlpässe prägten weite Teile des ersten Abschnitts. Die deutsche Abwehr um den über weite Strecken sicher agierenden Neuling Annike Krahn wurde nur noch selten geprüft, offenbarte jedoch im Stellungsspiel hin und wieder Schwächen.

Das zentrale Mittelfeld, das gegen Argentinien viele Freiräume gestattet bekam, wusste sich gegen die körperlich starken Britinnen nur selten durchzusetzen. Defensiv fingen Renate Lingor und Simone Laudehr viele Bälle ab, nach vorne blieb Lingor bei ihren Vorstößen jedoch erschreckend harmlos und versuchte ihr Glück mit Torschüssen, die kaum noch als solche zu bezeichnen sind.

Laudehr war die wesentlich agilere von beiden und erwies sich als belebendes Element, fand aber nur selten passende Anspielstationen, weil sich die englische Abwehr früh auf das durchschaubare Offensivspiel der deutschen Elf eingestellt hatte. Umso bitterer, dass Laudehr nach ihrer zweiten gelben Karte gegen Japan fehlen wird.

Deutsche Schlüsselspielerinnen optimal gedeckt

Kerstin GarefrekesVor der Gefährlichkeit der Flügelspielerinnen Kerstin Garefrekes und Melanie Behringer schien Hope Powell eindringlich gewarnt zu haben. Sie wurden eng bewacht und kamen nicht so zur Entfaltung wie gewohnt. So glich schon bald eine Angriffsaktion der nächsten und blieb Sandra Smisek in der Sturmspitze abgemeldet. Birgit Prinz konnte ihre körperlichen Stärken gegen die kräftig gebauten Engländerinnen nicht wie gewünscht zum Tragen bringen.

Gefährlich wurde die deutsche Mannschaft nur noch durch Kopfbälle von Kerstin Garefrekes, bei denen die Frankfurterin allerdings so gut bedrängt wurde, dass sie nicht mehr präzise abschließen konnte. Rachel Brown im englischen Kasten konnte im Nachfassen klären.

Das schwere Geläuf im Shanghai Hongkou Football Stadium war sicherlich auch ein Grund, warum die Partie vom Kampf dominiert wurde und von einem fußballerischen Augenschmaus keine Rede sein konnte. Eines WM-Rasens war dieser Acker nicht würdig. Eine Situation, die Englands Defensivtaktik eher in die Karten spielte als dem deutschen Team.

Nur eine Auswechslung trotz durchschaubarer Angriffsaktionen

Umso schwerer nachvollziehbar jedoch, warum Bundestrainerin Silvia Neid nur eine Chance nutzte, durch eine Auswechslung frischen Wind ins Spiel zu bringen. Fatmire Bajramaj ersetzte Melanie Behringer, zeigte einige gute Ansätze, blieb aber in letzter Konsequenz ebenso ineffektiv wie ihre Kolleginnen.

Die Hereinnahme etwa einer Petra Wimbersky, die es blendend versteht, zwischen Flügelposition und Sturmspitze zu rochieren, oder einer wuseligen Martina Müller, hätte die englische Abwehr möglicherweise noch einmal in Schwierigkeiten stürzen können. Doch so hatte die englische Abwehr das Spiel bis auf einzelne Torchancen durch Kerstin Garefrekes (74./79.) gut im Griff. Die Engländerinnen warteten ihrerseits nur noch auf Konter, während Spielmacherin Kelly Smith über 90 Minuten unauffällig agierte.

Am letzten Spieltag den Rechenschieber bereit halten

Am Ende stand ein 0:0 in einem der schwächeren Spiele dieser Weltmeisterschaft. Ein Resultat, mit dem die „Three Lions“, die in ihrem abschließenden Gruppenspiel gegen Argentinien auf die zum zweiten Mal mit Gelb verwarnte Katie Chapman verzichten müssen, sehr gut leben können. Bei einem Sieg stünden die Chancen auf ein Erreichen des Viertelfinals sehr gut. England hätte dann fünf Punkte auf seinem Konto. Deutschland und Japan gehen mit jeweils vier Punkten in ihr letztes Spiel.

Findet diese Partie einen Sieger, würde dieser gemeinsam mit England – einen Sieg gegen Argentinien vorausgesetzt – das Viertelfinale erreichen. Bei einem Unentschieden zwischen Deutschland und Japan hätten alle drei Teams fünf Punkte. Wer dann weiterkäme, haben wir Euch in einem Extra-Beitrag zusammengetragen.
Silvia Neid zufrieden

Bundestrainerin Silvia Neid war dennoch zufrieden mit dem heutigen Auftritt ihrer Mannschaft: „Die Engländerinnen standen sehr kompakt in der Abwehr. Taktisch war das eine Superleistung von beiden Mannschaften. Bei uns fehlte beim letzten Pass die Präzision, aber in der zweiten Halbzeit war ich auch mit unserem Spiel nach vorne sehr zufrieden. Unsere Standards müssen noch gefährlicher werden, da in solche Spielen Standards oft entscheidend sein können. Vor dem Tor müssen wir entschlossener sein.“

Eine taktische Meisterleistung, so mein Eindruck, hatte die englische Mannschaft geboten. Um gegen die Top-Mannschaften dieser Weltmeisterschaft, die auch aus einer stabilen Defensive heraus noch Offensivakzente setzen können, bestehen zu können, müssen auf deutscher Seite allerdings noch Mittel und Wege gefunden werden, gefährlicher und entschlossener zum Torabschluss zu kommen.

Ein solches probates Mittel können dann, wenn Angriffsaktionen durchschaubar geworden sind und sich der Gegner darauf eingestellt hat, auch Einwechslungen sein. Und eine Abkehr von der Doppel-Sechs, die sich gegen Gegner, die nicht erst an der eigenen Strafraumlinie die deutschen Angreiferinnen empfangen, noch nicht bewährt hat. Die Spielerin, die ein Spiel ordnen und Bälle verteilen kann, fehlt. Auch dafür gilt: das Spiel gegen Argentinien war kein Gradmesser.

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5 Kommentare »

  • Florian Siedschlag sagt:

    *Rechenschieber gedanklich schon mal raushol*

    Das hieße also bei der Konstellation, in der GER, ENG und JAP am Ende alle 5 Punkte hätten:

    D-JAP 0:0 oder 1:1 => England und Japan weiter

    D-JAP 2:2 => D und Japan weiter (es sei denn, England schlägt Argentinien höher als 11:0)

    – alle höheren Unentschieden: D und Japan weiter

    Ja?

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  • @ Florian

    Hallo, grüß dich!

    Ja, korrekt. So habe ich es auch notiert. Japan reicht also ein Unentschieden für den Gruppensieg, sollte England gegen Argentinien gewinnen.

    Wir erläutern die Ausgangskonstellation vor dem dritten Spieltag natürlich auch nochmal in einem gesonderten Beitrag.

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  • Soccer_vom_Hocker sagt:

    Hervorragende Analyse dieses Spiels! Ehrlich, der Artikel hat mir besser gefallen als die 90 Minuten „Fußball“, die als Grundlage dienten.

    Irgendwie hätte man es nach den ersten Spielminuten bereits ahnen können, dass das schief geht. Die Engländerinnen erwiesen sich zuletzt immer als unangenehmer Gegner. Was diese heute aber über die gesamte Spielzeit geboten haben, nenne ich kurz und bündig „destruktiven Fußball“. Hinten dicht machen, Gegner keinen Zentimeter vorankommen lassen und nur selten mal den ein oder anderen Konter versuchen. Es war ein gewolltes 0:0 und es war ein häßliches 0:0.

    Leider haben die deutschen Damen sich von diesem Spielchen einschüchtern lassen. Nach dem euphorischen Auftaktsieg erschienen sie kraft- und nicht zuletzt ratlos gegen diese englische Mannschaft. Spielerisch war da gar nichts. Fehlpässe am laufenden Bande, kaum Einzelaktionen, quälend langsamer Spielaufbau. Völlig unverständlich für mich, warum die Bundestrainerin nicht für die letzten 20 Minuten noch Offensivkräfte einwechselte, die zumindest hätten versuchen können für etwas Wirbel zu sorgen.

    Eigentlich kann man gegen solche, taktisch destruktiv eingestellte Teams nur schlecht aussehen. Das Spiel wäre jedoch völlig anders verlaufen, wenn Deutschland schon früh ein Tor (wenn auch aus heiterem Himmel) gelungen wäre, denn dann hätten die Engländerinnen aufmachen müssen…

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  • schmidt sagt:

    Wo war denn die deutsche Torgefährlichkeit?

    England hat uns diesen Zahn gezogen und gezeigt wie die Unsrigen in Schach gehalten werden können. Das gezeigte reine Anrennen ohne sportliche Intelligenz und fehlende Kreativität bringt nicht den ersehnten und gewünschten Erfolg.

    War es jetzt der Dämpfer oder der richtige Wachrütteler für Neid und für unsere Mädels zur rechten Zeit?
    Jetzt erkennen hoffentlich alle, ein klares 11:0 bringt Deutschland alleine noch nicht auf die Siegerstraße.

    Wer fürs Weiterkommen keine Tore versteht zu schießen, muss endlich umdenken oder wieder nach Hause fahren. Da nützt es auch nichts, wenn Birgit Prinz als WM-Lektüre weiter ihr Buch „Pathologische Psychologie“ liest. Wenn die sportliche Leistung seit mehreren Länderspielen im Mittelfeld stagniert, nach Alternativen nicht gesucht / praktiziert werden und ebenso wie über die beiden Außenpositionen keine dauernde und gezielte Gefahr ausgeht, ist ein Hängenbleiben unausweichlich.

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  • Detlef sagt:

    Die Analyse des Spiels ist sicher gut getroffen!!!
    Die engagierten Angriffsbemühungen der englischen Mannschaft, gerade in Halbzeit EINS, zeugten sicher nicht davon, dass sich der WM-Neuling nur aufs „Zerstören“ konzentriert hatte!!!
    Vielmehr lag es wohl mehr an der Einfallslosigkeit des Weltmeisters, als an der reinen „Zerstörungswut“ der Powell-Truppe!!!
    Auch die sicher mehr als berechtigte KRITIK an der Bundestrainerin, kommt hier viel zu kurz!!!
    Vor allem ihre Einschätzung des Spiels, und die damit verbundene Leistung ihrer Schützlinge, zeugt doch von starkem Realitätsverlust!!!

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