Das Torfestival geht weiter

Von am 13. September 2007 – 6.30 Uhr 4 Kommentare

Ane Stangeland HorpestadtDrei Unentschieden hielten die drei Partien des gestrigen Tages für die Zuschauer bereit, heute gab es in vier Spielen vier Sieger. Und 18 Tore. Dabei wurden Australien gegen Ghana und Brasilien gegen Neuseeland ihrer Favoritenrolle gerecht und fuhren ungefährdet die ersten drei Punkte ein. Überzeugen konnte dabei allerdings nur Australien.

In den Genuss zweier nicht unbedingt hochklassiger, doch bis zum Schluss fesselnder Begegnungen kamen am (chinesischen) Abend die Zuschauer in Wuhan und Hangzhou, wo Norwegen gegen Kanada seine liebe Mühe hatte und Gastgeber China nach einem Wechselbad der Gefühle gegen Dänemark die Oberhand behielt. Im Anschluss an die Partie sorgten Spitzelvorwürfe gegen das chinesische Team für Aufregung.

Brasilien lässt viele Wünsche offen

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Überragende Leistungen bei den Panamerikanischen Spielen und die technischen Fertigkeiten der Einzelspielerinnen hatten Brasilien in den letzten Wochen zunehmend in die Rolle eines WM-Favoriten gedrängt. Dass zwei Jahre ohne Testspiel (Ende 2004 bis Ende 2006) jedoch auch von einem Olympiazweiten nicht problemlos binnen kürzester Zeit kompensiert werden können und es bei einer WM nicht ausreicht, sich alleine auf das Können der der einzelnen Spielerinnen zu verlassen, wurde heute gegen Neuseeland deutlich.

Deren Trainer John Herdman hatte seine Elf optimal auf den Gegner vorbereitet. Mit einer taktischen Meisterleistung machten sie vor allem in der ersten Halbzeit die Räume geschickt zu, zwangen den Gegner zu Querpässen und ließen die Brasilianerinnen nicht zur Entfaltung kommen. Brasilien agierte über weite Strecken planlos, nicht zielstrebig genug und suchte sein Heil in hohen Bällen in die Spitze. Nicht gerade das, was man gemeinhin unter Sambafußball versteht. So fiel das 1:0 durch Daniela Alves in der 10. Minute fast schon symptomatisch durch einen 20-Meter-Schuss.

Zweimal noch im ersten Spielabschnitt verpasste die Mannschaft von Trainer Jorge Barcellos, bei der die an der Schulter verletzte Rosana, durch einen Verband geschützt, zu einem Kurzeinsatz kam, das zweite Tor nur knapp. In der 20. Minute versagte Schiedsrichterin Pannipar Kamnueng aus Thailand Weltfußballerin Marta einen fälligen Elfmeter nach Foul von Maia Jackman. Fünf Minuten vor dem Pausentee rettete Jenny Bindon im neuseeländischen Kasten gegen Cristiane, die eine Ecke von Formiga per Kopf gefährlich verlängert hatte.

Nach dem Seitenwechsel konnte die Herdman-Elf ihr erfolgreiches, aber kräfteraubendes offensives Abwehrverhalten nicht mehr durchhalten, wodurch die Brasilianerinnen immer leichteres Spiel hatten. Cristiane mit einem satten Linksschuss (54.), Marta mit dem linken Fuß (74.), Renata Costa aus 25 Metern (86.) und erneut Marta nach einer schönen Körpertäuschung gegen Rebecca Smith (93.) schraubten das Ergebnis noch auf ein standesgemäßes 5:0 hoch. Doch das klare Ergebnis kann nicht über die taktischen Defizite und mangelnde Abstimmung im brasilianischen Team hinwegtäuschen. Auch die Abwehr wirkte nicht sattelfest.

So konnte Trainer John Herdman mit Recht „zufrieden“ sein, „weil wir den Brasilianerinnen über weite Strecken Paroli bieten konnten.“ Das gilt allerdings nur für den ersten Spielabschnitt, weshalb Herdman mit dieser Aussage ebenso wenig auf ungeteilte Zustimmung stoßen wird wie Barcellos mit seinem Lob, Marta habe „insgesamt eine sehr starke Leistung“ geboten. Bis auf ihre zwei Tore hatte die Weltfußballerin nur wenige Akzente setzen können und es nicht vermocht, dem brasilianischen Spiel eine klare Linie zu verpassen. Gegen China wird am Samstag mehr Kreativität, Aggressivität und Durchsetzungsfähigkeit nötig sein.

Australien jetzt ein noch heißerer Außenseiter

Schon im Verlauf diesen Jahres deutete sich an, dass bei dieser WM mit Australien zu rechnen sein wird. Vermutungen, die heute bestätigt wurden. Mit herzerfrischendem Offensivfußball wussten die „Quantas Matildas“ gegen die zuletzt auf afrikanischer Ebene so stark auftrumpfende Elf aus Ghana die Zuschauer zu begeistern. „Unsere Mannschaft ist insgesamt viel stärker als 2003. Die Spielerinnen sind schon seit geraumer Zeit zusammen und sind als Gruppe sehr gereift“, stellte Trainer Tom Sermanni nach dem Spiel zufrieden fest.

Und das sah man. Ghana zeigte wahrlich kein schlechtes Spiel, kombinierte gefällig und gestaltete die erste Halbzeit weitgehend ausgeglichen. Doch die reifere Spielanlage, die bessere Abstimmung und die größere Variabilität im Offensivspiel hatte Australien auf seiner Seite. Collette McCallum, später zur „Spielerin des Spiels“ gewählt, und Sally Shipard bedienten die Sturmspitzen, unter denen die omnipräsente Sarah Walsh besonders herausragte, reihenweise mit präzisen Vorlagen. Demgegenüber konzentrierte sich das ghanaische Angriffsspiel fast ausschließlich auf die junge Anita Amankwa, der in der 70. Minute wenigstens noch der sehenswerte Ehrentreffer gelang.

Doch ernsthaft in Gefahr brachten sie Torfrau Melissa Barbieri nur selten. Ganz anders die Sermanni-Truppe, die schon zur Pause mehr als den einen Treffer von Walsh aus der 15. Minute auf seinem Konto hätte haben können. Doch Torfrau Memunatu Sulemana stand ihrer afrikanischen Kollegin Precious Dede aus Nigeria in nichts nach und vereitelte einige gute Gelegenheiten der Matildas.

Dem Druck, den die Australierinnen dann in der zweiten Halbzeit ausübten, konnten die tapfer kämpfenden Ghanaerinnen nicht mehr standhalten. Caitlin Munoz hatte im ersten Spielabschnitt blendend mit Walsh harmoniert und dieser das 1:0 vorbereitet. Zur Pause kam für sie Lisa de Vanna die Partie, um sogleich mit zwei Treffern (57. und 81.) ihre Klasse zu unterstreichen. Abwehrspielerin Heather Garriock komplettierte den Torreigen der zweiten Hälfte durch ein schönes Kopfballtor in Minute 69.

So darf es schon fast als Drohung verstanden werden, wenn Sermanni erklärt, man habe heute sehen können, dass „wir über eine Reihe sehr gefährlicher Stürmerinnen“ verfügen. In den kommenden Spielen wolle er, wie er es immer handhabe, seine Angreiferinnen abwechselnd einsetzen. Wer auch immer spielt – Norwegen darf am Samstag einen Gegner erwarten, der ohne Scheu und Zurückhaltung zu Werke geht. Ghanas Trainer Isaac Paha bedauerte vor allem die vergebenen Chancen in der ersten Halbzeit. Dennoch sei es „im Großen und Ganzen ein gutes Spiel“ gewesen.

Norwegen dreht erst nach Rückstand auf

Der erste Auftritt der mit vielen – auch unseren – Vorschusslorbeeren versehenen Norwegerinnen gegen Kanada geriet zu einem in dieser Form nicht erwarteten Krimi. Nicht Norwegen, sondern die Kanadierinnen, deren norwegischer Trainer Even Pellerud wegen einer Strafe von der Tribüne aus zuschauen musste, hatten in der ersten Halbzeit die spielerischen Vorteile auf ihrer Seite. Körperlich und athletisch auf einer Höhe, agierten sie zielstrebiger und entschlossener. Die 1:0-Pausenführung durch Candace Chapman (33.) war daher durchaus verdient. Ingvild Stensland hatte vier Minuten vor dem Pausentee mit einem 20-Meter-Schuss, den Erin McLeod glänzend parierte, die beste Chance auf den Ausgleich.

Kenneth Heiner-MøllerNach dem Seitenwechsel – Trainer Bjarne Berntsen hatte offensichtlich die richtigen Worte gefunden – ging alles mindestens einen Gang schneller beim Weltmeister von 1995. Die Außenpositionen wurden besser miteinbezogen, es war mehr Bewegung im Spiel nach vorne, ergo konnte die Fehlpassquote drastisch verringert werden. Kanada musste nun immer mehr Chancen zulassen, von denen die sehr agile, aber nicht immer glücklich agierende Ragnhild Gulbrandsen in der 52. Minute eine per Kopf zum Ausgleich nutzte.

Kanada konnte dem hohen Tempo der Norwegerinnen nur noch wenig entgegensetzen, sodass es für Norwegen ein Wettlauf mit der Zeit wurde, den sie in der 81. Minute gewannen. Kapitänin Ane Stangeland Horpestad reagierte nach einer Ecke von Stensland im allgemeinen Gestocher am schnellsten und markierte damit den 2:1-Endstand. Kanada gab sich zwar noch nicht auf, fand jedoch keine probaten Mittel mehr, um den wiedererstarkten Norwegerinnen noch einen Punkt abzutrotzen.

Mit der heutigen Leistung sollten sie allerdings in der Lage sein, gegen Ghana am Samstag die ersten Punkte einzufahren. Gut möglich, dass dann am kommenden Mittwoch gegen Australien die Entscheidung über den Einzug ins Viertelfinale fallen wird.

Dänemark fühlt sich bei Auftaktsieg der Gastgeber gleich doppelt verschaukelt

Vor der großen und lautstarken Kulisse von 50.800 Zuschauern in Wuhan gingen die beiden Mannschaften durch ein Wechselbad der Gefühle. Dabei gehörte die erste Halbzeit klar den Gastgeberinnen. Dänemarks Trainer Kenneth Heiner-Møller hatte mit Maiken With Pape nur eine Spitze aufgeboten und die wiedergenesene Merete Pedersen zunächst auf der Bank Platz nehmen lassen. Nach dem Spiel wird er sich die Frage stellen müssen, ob er den Chinesinnen damit nicht eine Vorlage geliefert hat, sich geradezu in einen Fernschussrausch zu spielen. Denn seine Mannschaft blieb erschreckend harmlos, ganze zwei wirkliche Torchancen konnten im ersten Durchgang vermerkt werden.

Die Chinesinnen waren die wesentlich aktivere Mannschaft und belohnten sich für ihr variables Offensivspiel in der 31. Minute durch ein Freistoßtor von Li Jie. Ein Freistoß allerdings, der keiner war. Katrine Pedersen hatte zuvor klar den Ball gespielt. Eine der vielen Entscheidungen, die die Däninnen erzürnte, während das Publikum mit bengalischem Feuer das erste Tor bei der Heim-WM zelebrierte. Sie hatten auch wenig Grund, sich zu beklagen. Zu ihren Ungunsten fiel fast keine Entscheidung der auf dieser Ebene wenig erfahrenen Dianne Ferreira-James aus Französisch-Guyana aus.

Doch man sollte sich auch im dänischen Lager davor hüten, alles auf die Schiedsrichterin zu schieben. Wer ein WM-Spiel so passiv bestreitet, wird zwangsläufig irgendwann bestraft. Dabei hätte es nicht unmenschlicher Anstrengungen bedurft, die unsichere Han Wenxia im chinesischen Tor, die den Vorzug vor der jungen Zhang Yanru bekam, mit mehr offensivem Druck zu überwinden.

Der kam jedoch erst zustande, als Heiner-Møller mit Merete Pedersen und Stine Kjær Dimun zwei weitere nominelle Spitzen brachte. Dass es für eine Aufholjagd nicht zu spät war, verdankten die Däninnen Torfrau Han, die nach einer Ecke von Johanna Rasmussen orientierungslos im Strafraum herumgeirrt war, und der chinesischen Abwehr, die Anne Dot Eggers Nielsen frei einköpfen ließ (51.).

Zuvor hatte die von Heiner-Møller als stärkste Chinesin eingestufte Bi Yan aus 18 Metern Distanz das 2:0 erzielt – wieder einer der berüchtigten Fernschüsse, doch so zentral, wie er auf das Tor geflogen kam, sicherlich nicht unhaltbar für Heidi Johansen. Als in der 87. Minute gar der Ausgleich durch Cathrine Paaske Sørensen fiel, brachen bei den Skandinavierinnen alle Dämme. Sie waren so lange am Feiern, dass sie vergaßen, in den noch verbleibenden Minuten die Deckung aufrechtzuerhalten. Eine Fahrlässigkeit, die gegen die Fernschussköniginnen aus China nicht unbestraft bleibt. Die eingewechselte Song Xiaoli sorgte für entsetzte Blicke im dänischen Lager und unbändigen Jubel im weiten Rund (88.).

Ein Jubel mit einem mehr als bitteren Beigeschmack, sollte sich bewahrheiten, was Dänemarks Trainer Heiner-Møller auf der offiziellen Pressekonferenz dem schwedischen Sender TV 4 berichtete. Man habe Beweise vorliegen, dass das chinesische Team die Mannschaftsbesprechungen im Hotel abgehört und das geheime Training mit einer versteckten Kamera gefilmt habe. Außerdem sei im dänischen Hotel bewusst laute Musik gespielt worden, sodass die Spielerinnen kein Auge zugetan hätten. Man behalte sich vor, bei der FIFA Protest einzulegen, berichten übereinstimmend dänische und schwedische Medien.

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4 Kommentare »

  • Rainer sagt:

    Die „Spionage-Story“ hatte ich gestern Abend gesehen und auch kurz in den Kommentaren zum Spiel hier geschildert. Im WM-Studio von TV4 sagte Heiner-Möller gestern, er sei für das Sportliche zuständig und wolle das nicht kommentieren.
    Die dänische Zeitung BT und damfotboll.com, die Katja hier verlinkt hat, berufen sich beide auf den schwedischen Fernsehsender TV4.
    Es gibt also nur eine Quelle.
    Fakt ist, dass die dänischen Assistenztrainer eine sehr lautstarke Auseinandersetzung mit dem chinesiscen Trainerteam Marika Domanski-Lyfors und Pia Sundhage hatten, wobei die Dänen wesentlich lauter waren. Das war auf den Fernsehbildern deutlich zu sehen.
    Heute Abend wissen wir, ob das eine grosse Story wird oder die Luft rausgeht.

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  • Rainer sagt:

    Nach Angaben der dänischen Internetseite http://www.3f.dk, die einen Korrespondenten (Lennart Weber) bei der WM hat, haben die Dänen inzwischen die FIFA sowie die Mannschaftsleitungen von Brasilien und Neuseeland informiert und nach dem Spiel gestern eben Domanski-Lyfors und Sundhage.

    Bei der letzten Taktikbesprechung im Hotel vor dem Spiel sassen in einem abgeschlossenen angrenzenden Raum zwei Chinesen mit Videoausrüstung, die wohl die Absicht hatten, die Besprechung der Däninnen durch den Spiegel zu filmen. Das letzte Training vor dem Spiel, bei dem die Öffentlichkeit ausgeschlossen war, wurde ebenfalls gefilmt.

    Ausserdem sei das Training immer wieder gestört worden, durch plötzlich angehende Bewässerungsanlagen, verkürzte Trainingszeiten, bei denen dann am Abend noch das Licht ausging, ein plötzlich auftauchendes Blasorchester usw.

    Spinnen die Dänen oder ist etwas faulim Staate China?

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  • schmidt sagt:

    Warum will das WM-Team China nichts dem Zufall überlassen?

    Wenn die bekannt gewordenen Fakten stimmen, ist der ausgeübte Druck der Staatsführung Chinas auf den geforderten Erfolg der chinesische Nationalmannschaft so groß, dass im Vorfeld Ehrlichkeit und Fairplay ausgehebelt wurde und jeder neue Sieg schon jetzt ihre Spuren hinterlassen wird. Ich hoffe, die bekannt gewordenen Beweise stimmen wirklich und die FIFA unternimmt das Richtige, dass neue Aktionen verhindert werden und Mißklänge verschwinden.

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  • Detlef sagt:

    Wenn die Vorwürfe der Dänen der Realität entsprechen, dann platzt wohl eine Riesenbombe!!!
    Es kann eigentlich nur eine Strafe geben!!!
    Die Disqualifizierung der chinesischen Mannschaft, und damit den Boykott aller chinesischen Zuschauer, die darin wohl eine Verschwörung gegen das „GUTE“ sehen werden!!!
    Aber erst mal abwarten, was nun rauskommt!!!

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