Frauenfußball-WM China 2007: Es geht los!

Von am 10. September 2007 – 2.55 Uhr

Generalprobe der EröffnungsfeierDas Warten hat ein Ende: 16 Teams kämpfen ab heute um die höchste Krone im Frauenfußball und noch nie zuvor haben sich derart viele Länder Hoffnungen auf den Titel gemacht, wie in diesem Jahr. Und so erwarten viele ein Turnier mit knappen Ergebnissen und spannenden Spielen, aber auch möglicherweise weniger Toren als in der Vergangenheit.

Die Topfavoriten auf den Titel sind die üblichen Verdächtigen, doch in der zweiten Reihe schicken sich einige Teams an, die bestehende Hierarchie im internationalen Frauenfußball ins Wanken zu bringen.

Seit 47 Spielen ist die U.S.-Nationalmannschaft ungeschlagen und gilt somit als Favorit Nummer Eins auf den Weltmeistertitel. Doch wenn am heutigen Montag mit dem Eröffnungsspiel Deutschland gegen Argentinien die WM eröffnet wird, werden die Uhren auf Null zurückgestellt, von den Siegen der Vergangenheit kann sich kein Team mehr etwas kaufen.

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U.S.-Abwehr verwundbar

Und eines scheint gewiss: Die Spitze des internationalen Frauenfußballs ist zusammengerückt, so dass auch die Amerikanerinnen im Turnierverlauf auf Teams treffen werden, die zum Stolperstein werden können. Das Selbstvertrauen des Ryan-Teams ist durch die Erfolgssträhne ins Unermessliche gestiegen, doch Hochmut kommt bekanntlich vor dem Fall. Denn wer die Partien der USA aufmerksam verfolgt hat, weiß, dass die U.S.-Abwehr nicht immer sattelfest ist.

Schnelle Sturmspitzen werden die amerikanischen Verteidigerinnen durchaus ins Schwitzen bringen können. Zudem muss eine derart lange Siegesserie nicht unbedingt ein Vorteil sein. Denn das Team und vor allem die jungen Spielerinnen werden in ungewohnten Extremsituationen ihre wahre Klasse unter Beweis stellen müssen, etwa wenn es gilt, einen Rückstand wettzumachen. Dennoch: ein heißer Titelanwärter ist das Team allemal.

Kann Deutschland die Zweifel zerstreuen?

DeutschlandDie deutsche Nationalmannschaft will in China den 2003 in den USA errungenen WM-Titel neu gewinnen, und nicht verteidigen, wie man nicht müde wird zu betonen. Doch unabhängig von der Sprachregelung: Zweifel sind angebracht, ob dies in diesem Jahr gelingen kann. Im Vergleich zu 2003 hat der Kader weniger Qualität. Einige erfahrene Spielerinnen haben nicht die Form von vor vier Jahren, die unerfahrenen Jungen allein werden es nicht richten können. Die Halbfinalteilnahme sollte drin sein, mehr dürfte aber diesmal schwierig werden.

Zwar hat sich das Team nach dem Durchhänger beim Algarve Cup wieder gefangen, doch bis auf das 2:2 gegen Norwegen, bei dem die Defizite im Team deutlich wurden, und das 4:0 gegen Dänemark, bekam es das Team von Trainerin Silvia Neid in den vergangenen Monaten nur mit zweit- bis drittklassigen Gegnern zu tun. Warum man etwa ein Testspiel gegen die Tschechische Republik anberaumte, ist bis heute nicht nachzuvollziehen.

Zwei Topteams am Scheideweg

Doch auch bei anderen Mannschaften lief die WM-Vorbereitung nicht immer reibungslos. So musste Kanada zwei empfindliche Niederlagen, ein 2:6 gegen die USA und ein 0:7 gegen Brasilien einstecken, zudem sitzt Kanadas Trainer Even Pellerud beim Auftaktspiel gegen Norwegen auf der Tribüne. Die Querelen um drei suspendierte Spielerinnen sind nicht spurlos am Team vorbeigegangen.

Vizeweltmeister Schweden wurde von einer Verletzungsserie sondergleichen heimgesucht. Trotz ihrer zwei Treffer beim 2:1-Testspielsieg gegen Dänemark stehen nach wie vor Fragezeichen hinter Hanna Ljungberg. Ist die Stürmerin fit genug, um ein Turnier auf höchstem Niveau durchstehen zu können? Lotta Schelin wird zudem zeigen müssen, ob sie den Vorschusslorbeeren bei einem Turnier dieser Größenordnung gerecht werden kann. In der schweren Gruppe mit den USA, Nordkorea und Nigeria droht ein frühes WM-Aus, spätestens im Viertelfinale ist diesmal Schluss.

Gastgeber will Kredit zurückgewinnen – Norwegen perfekt vorbereitet

NorwegenUnter der neuen Trainerin Marika Domanski-Lyfors soll Gastgeber China wieder auf die Erfolgsspur geführt werden. Die Testspielergebnisse waren teilweise überzeugend, zuletzt setzte es aber zwei ernüchternden Niederlagen gegen Australien. Doch mit dem Potenzial in den eigenen Reihen und dem Publikum im Rücken sollte für die Gastgeberinnen zumindest die Viertelfinalteilnahme drin sein, vorausgesetzt, man schafft es mit dem Druck der Öffentlichkeit klar zu kommen. Der Weltmeisterschaft würde ein langer Verbleib Chinas im Turnier gut tun.

Norwegen ist für mich der Topfavorit auf den Titel. Das Team von Trainer Bjarne Berntsen hat sich akribisch auf die Titelkämpfe vorbereitet, der norwegische Verband mit finanzieller Unterstützung den Weg für die Spielerinnen frei gemacht, beruflich kürzer zu treten und sich verstärkt auf das Training zu konzentrieren. Sukzessive hat man sich in den vergangenen Monaten eingespielt, das Team hinterlässt einen homogenen Eindruck. Ich sehe nicht viele Gegner, die die Norwegerinnen bei der WM in Gefahr bringen können. Ein Manko: Das Team braucht nach wie vor zu viele Chancen, um Tore zu schießen.

Brasilien und Nordkorea keine Titelkandidaten

Für viele gehört Brasilien nach dem Sieg bei den Panamerikanischen Spielen mit einem Torverhältnis von 33:0 zu den Topfavoriten, doch der sportliche Wert dieses Turniers war zweifelhaft. So bekam man es dort teilweise mit drittklassigen Teams zu tun, einige andere Mannschaften schickten gar nicht erst ihre A-Nationalmannschaft hin. Zudem fehlt in China der Heimvorteil, der die Brasilianerinnen in Rio de Janeiro, etwa vor 70.000 Zuschauern im Finale, sichtlich beflügelt hat. Zwar hat Brasilien eine ernsthaftere Vorbereitung absolviert als vor den Olympischen Spielen 2004, echte Härtetests gab es dennoch nur wenige. Und die gingen verloren. Versteht es ein Team die Spielfreude Brasiliens zu unterbinden, kommt der Motor schnell ins Stottern. Als Titelkandidat sehe ich die brasilianische Elf trotz der individuellen Klasse von Marta und ihren Mitspielerinnen nicht.

Ist Nordkorea wirklich ein Geheimfavorit auf den Titel? Ich glaube nicht. In meinen Augen besteht das große Manko der Nordkoreanerinnen in der mangelnden Erfahrung und der gelegentlichen Unbeherrschtheit in Extremsituationen, wie etwa bei der vergangenen Asien-Meisterschaft. Zu selten bestreitet man Testspiele gegen Teams außerhalb Asiens, wie etwa zuletzt beim 0:0 in den Niederlanden. Alleine Siege innerhalb der asiatischen Konföderation, wie überzeugend sie auch immer sein mögen, rechtfertigen die Vorschusslorbeeren nicht. Und dass die U20-Auswahl des Landes im vergangenen Jahr Weltmeister wurde, ist ein Indiz für talentierten Nachwuchs, aber kein Garant für eine Nationalmannschaft, die mit den Topteams der Welt mithalten kann. Ein unangenehmer Gegner allemal, aber kein Kandidat fürs Finale.

Asiatische Teams im Aufwind – Schwerer Stand für Afrika

Cynthia UwakDennoch glaube ich, die Ergebnisse des Turniers werden die Fortschritte des asiatischen Frauenfußballs in den vergangenen Jahren widerspiegeln. So sehe ich Vorteile der Japanerinnen gegen die zu hoch gehandelten Engländerinnen, dem australischen Team traue ich bei einem optimalen Turnierverlauf sogar zu, eine der ganz großen Überraschungen des Turniers zu werden. Das Team verfügt nicht nur über mehr individuelle Klasse und mannschaftliche Geschlossenheit als 2003, sondern dank des Anschlusses an Asiens Fußball-Konföderation spielt man regelmäßig gegen stärkere Gegner als zuvor. Die beiden Siege gegen China haben für zusätzliches Selbstvertrauen gesorgt.

Und die afrikanischen Teams? Nigerias Auftaktgegner Schweden, der noch nie sein erstes Spiel bei einer WM gewinnen konnte, wird von Beginn an hellwach sein müssen. Denn die robusten Afrikanerinnen verfügen in Cynthia Uwak und Perpetua Nkwocha über eines der besten Sturmduos des Turniers. 13 Tore schossen die beiden zusammen bei der vergangenen Afrika-Meisterschaft. Einige Spielerinnen haben Erfahrungen in der schwedischen Liga gesammelt, doch ohne die verletzte erfahrene Spielführerin Kikelomo Ajayi und nach einer erneut holprigen Vorbereitung dürfte das Erreichen des Viertelfinales wohl eine zu hohe Hürde darstellen.

Ghana hat den Abstand zu Nigeria in Afrika in jüngster Vergangenheit etwas verkleinern können und den afrikanischen Kontrahenten zuletzt sogar besiegt. Zwar hat das Team in Isaac Paha einen erfahrenen Trainer und in Spielführerin Adjoa Bayor eine frühere afrikanische Fußballerin des Jahres in den Reihen, doch Defizite in punkto Erfahrung sowie die in der Breite mangelnde individuelle Klasse dürften den Afrikanerinnen im Turnier zum Verhängnis werden.

Doch eines scheint sicher: es dürfte eine der spannendsten Weltmeisterschaften der bisherigen Geschichte werden!

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Markus Juchem (49) schreibt seit 2003 über Frauenfußball, für Medien wie Womensoccer.de, UEFA.com, FIFA.com, DFB.de, FAZ, NZZ und Kicker.