Argentinien: Deutschland ärgern auch ohne Coronel

Von am 8. September 2007 – 8.11 Uhr

Carlos Borrello„Wir wollen die Revanche“, sagt Celeste Barbitta, argentinische Innenverteidigerin, vor dem Eröffnungsspiel der fünften Frauenfußball-Weltmeisterschaft am Montag (14 Uhr, live auf ZDF und Eurosport), und spielt dabei auf die deftige 1:6-Niederlage Argentiniens bei der WM in den USA 2003 an. Ein Spiel, an das sich die Deutschen trotz des Ergebnisses wegen des Kreuzbandrisses von Steffi Jones nicht besonders gerne erinnern.

Seitdem hat das argentinische Team von Trainer Carlos Borrello deutliche Fortschritte gemacht und sich weiterentwickelt, doch dennoch sind die Argentinierinnen im Spiel gegen den Welt- und Europameister krasser Außenseiter. Umso mehr, als sich Mariela Coronel, das Hirn der Mannschaft, im Training eine Meniskusquetschung zuzog, und für das Spiel gegen Deutschland und aller Voraussicht nach den Rest der WM ausfällt.

Doch lamentieren hilft nichts, und so ging man im argentinischen Lager so schnell wie möglich wieder zur Tagesordnung über. Denn man will sich trotz der Verletzung darauf konzentrieren, bei der WM das umzusetzen, was man sich in den vergangenen Jahren hart erarbeitet hat. Am Freitagmorgen standen für Borrello und sein Team in einem der großzügig bemessenen Konferenzräume im zweiten Stock des Mannschaftshotels Hua Ting Videoanalysen der deutschen Mannschaft auf dem Programm.

Anzeige

Jetlag überwunden

Am Nachmittag absolvierte das Team dann im Sportkomplex der Universität Tongji hinter verschlossenen Türen ein Training, dem ein 45-minütiges Trainingsspiel folgte, bei dem vor allem Positionswechsel eingeübt wurden. Den Jetlag hat das Team trotz der elf Stunden Zeitunterschied zu China inzwischen gut im Griff.

„Niemand spielt gerne gegen Deutschland, sie sind ein starker Gegner“, sagt Borrello über den WM-Auftakt. „Sie sind vielleicht der große Titelfavorit und sie haben eine großartige Mannschaft.“ Doch er ergänzt: „Wir werden den Kopf hoch nehmen, und versuchen, ohne Eile unser eigenes Spiel zu entwickeln und es dem Gegner aufzuzwingen.“

„Hoffentlich gelingt uns das, denn damit würden wir die Früchte unseres langen und intensiven Aufbauprozesses ernten“, ergänzt Torhüterin Romina Ferro, die sich nur ungern an die Partie vor vier Jahren erinnert: „Das war schon hart. Sie sind physisch sehr stark und verfügen über eine enorme Schusskraft, und im Kopfballduell sind sie kaum zu schlagen.“

Klischees im eigenen Land abbauen

Training der argentinischen MannschaftIm Turnier will man der Weltöffentlichkeit vor Augen führen, welche Fortschritte der Frauenfußball in Argentinien gemacht hat, und anders als vor vier Jahren will man dieses Mal nicht wieder mit drei Niederlagen und einem Torverhältnis von 1:15 im Gepäck die Heimreise antreten.

„Ausgehend von den vorhandenen Grundlagen haben wir an der Beseitigung unserer Schwachpunkte gearbeitet. Mit dem 2:0-Sieg über Brasilien im Finale der Südamerika-Meisterschaft haben wir unsere erste große Bewährungsprobe mit Bravour bestanden“, so Ferro. Doch der Sieg gegen Brasilien hat nur bedingt Aussagekraft, denn die Brasilianerinnen waren damals nicht eingespielt, zudem fehlte etwa FIFA-Weltfußballerin Marta.

Mit einer starken Turnierleistung will man Klischees im eigenen Land weiter abbauen. „Vor zwei Jahren wurde die Lage insgesamt etwas besser, wobei wir nach wie vor gegen Vorurteile und Hindernisse ankämpfen müssen. Wir haben keine Fußballschulen für Mädchen, weil die Vereine dafür noch nicht offen sind. Aber auch die Mentalität der Eltern muss sich ändern“, so Ferro weiter. Dennoch ist sie sich sicher: „Meine Generation wird einen Meilenstein für die erfolgreiche Entwicklung des Frauenfußballs in Argentinien setzen.“

Barbitta will Prinz stoppen

Und auch Barbitta gibt sich kämpferisch: „Ich bin sicherlich viel besser vorbereitet als vor vier Jahren. Alles ist möglich. Ich bin auf jeden Fall sehr glücklich darüber, mich wieder mit Birgit Prinz messen zu können“, sagt sie über das Duell mit Deutschlands Ausnahmefußballerin.

Und glaubt an den eigenen Erfolg. „In der Verteidigung stehen wir jetzt sehr gut, daher lässt sich diese Partie nicht mit der von 2003 vergleichen. Wenn wir über die Außenbahnen kommen, könnten wir durchaus einen Punkt holen.“

Tags: , , , ,

Markus Juchem (49) schreibt seit 2003 über Frauenfußball, für Medien wie Womensoccer.de, UEFA.com, FIFA.com, DFB.de, FAZ, NZZ und Kicker.