AFC-Teams wollen Hierarchie auf den Kopf stellen

Von am 7. September 2007 – 13.25 Uhr

Cheryl SalisburyÜber eines sind sich die Frauenfußball-Experten einig. Asien ist der Kontinent, der im internationalen Frauenfußball in den vergangenen Jahren die größten Fortschritte gemacht hat. Die Integration Australiens in die asiatische Fußball-Konföderation und die damit einhergehende verschärfte Konkurrenzsituation hat sowohl den „Quantas Matildas“ als auch den Teams in Asien neue Impulse gegeben.

Und so brennen gleich alle vier asiatischen WM-Teilnehmer – Gastgeber China, Australien, Japan und Nordkorea – darauf, bei der WM in China für Furore zu sorgen und den arrivierten Teams ein Bein zu stellen.

Japan

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Mit ihrem Beitrag „Vorsicht vor Japan!“ hat es Katja bereits angedeutet – mit der japanischen Nationalmannschaft wird bei diesen Titelkämpfen zu rechnen sein. Zugegeben: Athletisch hat das Team aufgrund der geringen Körpergröße sicherlich nach wie vor gewisse Defizite. Beim Testspiel gegen Kanada (0:0) vor rund einer Woche wurde schnell ersichtlich, wovon die Rede ist. Sechs Zentimeter größer und rund zehn Kilogramm schwerer waren die Spielerinnen der kanadischen Anfangsformation. Doch das Team um Trainer Hiroshi Ohashi hat über die Jahre gelernt, wie man mit physisch überlegenen Gegnern umzugehen hat. Zweikämpfe vermeiden und den Ball schnell weiterlaufen lassen, heißt die Devise, die immer häufiger zum Erfolg führt.

Das konnte man in diesem Jahr bereits mehrfach bewundern. Der 1:0-Sieg gegen Norwegen und das 2:2-Unentschieden gegen Schweden beim Turnier in Zypern im Februar und auch der kürzliche 2:1-Sieg gegen Brasilien waren keine Zufallsprodukte. Und auch bei der 3:6-Niederlage in Deutschland im vergangenen November ließ das Team bereits phasenweise seine Gefährlichkeit aufblitzen. Angetrieben von der Ausnahmekönnerin Homare Sawa verfügt das Team in Miho Fukumoto nicht nur über eine starke Torhüterin, sondern in Eriko Arakawa und Mio Otani über gefährliche Stürmerinnen und einen insgesamt ausgeglichenen 21er-Kader, dessen Stärke der Teamgeist ist. Mich würde es nicht wundern, wenn das Team das WM-Viertelfinale erreicht.

Nordkorea

Spätestens seit dem Gewinn der U-20-Weltmeisterschaft im vergangenen Jahr in Russland gilt Nordkorea in Fachkreisen auch als ein Geheimtipp auf ein gutes Abschneiden bei der Frauenfußball-Weltmeisterschaft in China. Das Team von Trainer Kim Kwang-Min umweht nach wie vor der Hauch des Unbekannten, sind doch nur wenige Details über Trainingsmethoden und Talentsichtung bekannt. In diesem Jahr ließ die Elf gleich mehrfach ihre Klasse aufblitzen, vor allem bei den beiden 2:0-Siegen gegen Australien in der Olympia-Qualifikation.

Das bemitleidenswerte Hongkong musste schmerzlich am eigenen Leib erfahren, was passiert, wenn man die Nordkoreanerinnen spielen lässt. In zwei Spielen kassierte man 33 Treffer, beim 14:0-Auswärtssieg und dem folgenden 19:0-Heimsieg wunderte sich so mancher Beobachter, in welch ausgezeichnetem Fitnesszustand das nordkoreanische Team bereits Monate vor der WM war.

Doch: Auf Ebene der A-Nationalmannschaft wird die Elf gegen Weltklassegegner wie etwa die USA oder Deutschland ihre Qualität erst noch unter Beweis stellen müssen. Ein unbequemer, und vor allem laufstarker Gegner wird das Team um Topstürmerin Ri Kum Suk dennoch allemal sein. Ein Erreichen des Viertelfinales scheint möglich. Doch dort sollte das Team seiner mangelnden Erfahrung mit internationaler Konkurrenz noch Tribut zollen müssen.

Australien

Bereits in den vergangenen Jahren gehörte Australien bei großen Frauenfußball-Turnieren traditionell zu den unbequemen Gegnern, die es aber letztendlich zu schlagen galt. Mit viel Einsatz und Leidenschaft gingen die Australierinnen zu Werke, am Ende gab es dennoch nicht allzu viel zu holen. Viele glauben, dass dies bei der diesjährigen WM wieder ähnlich sein wird. Doch manches spricht dafür, dass die „Quantas Matildas“ diesmal zu den großen Überraschungen gehören könnten.

„Wenn wir unser bestes Spiel zeigen, können wir die Welt schocken“, sagte Australiens Trainer Tom Sermanni nach der WM-Auslosung. Purer Größenwahn? Mitnichten. Wer den kantigen, grauhaarigen Schotten kennt, weiß, dass er nicht zu Wahnvorstellungen neigt. Der Frauenfußball in Australien hat sich enorm weiterentwickelt, die Nationalmannschaft profitiert sichtlich vom Anschluss an die asiatische Fußball-Konföderation mit regelmäßigen Spielen gegen starke Konkurrenz. Früher war Australien damit zufrieden, eine gute Leistung zu zeigen, heute betritt man den Rasen, um Spiele zu gewinnen.

„Wir haben eine Gruppe von Spielerinnen beisammen, die sich durch Teamgeist auszeichnen. Sie haben keine Angst, egal gegen welches Team wir spielen“, skizziert der Trainer die Vorzüge seiner Mannschaft. Mit der routinierten Verteidigung um Cheryl Salisbury und Dianne Alegich, dem starken Mittelfeld um Sally Shipard und Collette Mc Callum sowie der treffsicheren Kathryn Gill im Sturm ist die Elf allemal zu einzelnen Überraschungserfolgen fähig.

Zwei Drittel der Fans trauen ihrem Team in einer Umfrage sogar die WM-Halbfinalteilnahme zu. Ganz unberechtigt ist dieser Optimismus nicht. Die beiden Niederlagen gegen Nordkorea in der Olympia-Qualifikation sorgten für einen Dämpfer, die beiden Siege gegen WM-Gastgeber China ließen das Selbstvertrauen aber schnell wieder in die Höhe klettern. Für mich gehört Australien zu den heißen Außenseitern.

Li JieChina

Zwei Schwedinnen, Trainerin Marika Domanski-Lyfors und Assistenztrainerin Pia Sundhage, sollen das Unmögliche möglich machen und das zu Beginn des Jahres mit dem Tiefpunkt Algarve Cup außer Tritt geratene Team aus China wieder in der Weltspitze etablieren. Die WM-Vorbereitung mit zahlreichen WM-Testspielen war von Hochs und Tiefs geprägt, im Verband und bei den Fans betrachtet man die Verpflichtung und Arbeit der Schwedinnen nach wie vor mit Argwohn.

Doch eines steht fest: Potenzial ist im Team reichhaltig vorhanden. Das Sturmduo Han Duan und Ma Xiaoxu von Dalian Shide gehört sicherlich zu den besten in der Welt. Die starke Torhüterin Zhang Yanru gibt dem Team eine Menge Sicherheit, in der Verteidigung sorgte die junge Li Jie zuletzt für Aufsehen. Mit dem Heimvorteil im Rücken und bei einem guten Start ins Turnier ist dem Team einiges zuzutrauen. Domanski-Lyfors hat das Erreichen des Halbfinales als Zielsetzung ausgegeben, ein nicht unrealistisches Ziel.

Das chinesische Team wird jedoch vor allem mit dem großen Druck und der enormen Erwartungshaltung der Öffentlichkeit umgehen müssen. Beim 4:0-Sieg im letzten Testspiel gegen Ungarn spürte man davon noch recht wenig, und die Handschrift des schwedischen Trainergespanns war deutlich zu erkennen. Drei exzellent vorbereitete Tore in Halbzeit zwei deuteten daraufhin, dass die „Steel Roses“ in punkto Teamwork einen guten Schritt weitergekommen sind. Die Niederlage von Gruppengegner Brasilien im Testspiel gegen Japan hat den Chinesinnen zudem noch einmal eine Extraportion Motivation gegeben. Bei einem optimalen Turnierverlauf könnte die Halbfinalteilnahme drin sein.

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Markus Juchem (49) schreibt seit 2003 über Frauenfußball, für Medien wie Womensoccer.de, UEFA.com, FIFA.com, DFB.de, FAZ, NZZ und Kicker.