WM-Gruppenanalyse: Gruppe D

Von am 3. September 2007 – 15.10 Uhr 3 Kommentare

In genau einer Woche geht sie los, die fünfte Frauenfußball-Weltmeisterschaft. Ob das Turnier in Fernost ein Erfolg wird, sollte nicht zuletzt davon abhängen, wie gut sich Gastgeber China schlagen wird. Wohin der Weg für die Mannschaft der schwedischen Trainerin Marika Domanski-Lyfors geht, kann sich dabei schon in der Vorrunde weisen. Denn die Konnkurrenz aus Brasilien und Dänemark ist stark. Neuseeland werden hingegen lediglich minimale Außenseiterchancen eingeräumt. Letzter Teil unserer WM-Gruppenanalyse (Gruppe A; Gruppe B; Gruppe C)

Nach einem turbulenten Frühjahr, in dem es zur Trennung zwischen dem chinesischen Verband und Cheftrainer Ma Liangxing kam – offizielle Begründung: gesundheitliche Probleme bei Ma -, liegen im Gastgeberland vor der Heim-WM und den Olympischen Spielen im kommenden Jahr in Peking nun alle Hoffnungen auf dem schwedischen Trainerduo Domanski-Lyfors und Pia Sundhage.

Beim Gastgeber liegen alle Hoffnungen auf schwedischem Trainerduo

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Mitte März traten die beiden Skandinavierinnen ihren Job in China an, viel Zeit blieb ihnen also nicht mehr. Zumal die wertvollen Tests beim Algarve Cup bereits vollends in die Hose gegangen waren und auch sprachliche Barrieren nur nach und nach abgebaut werden konnten. Nur wenige Spielerinnen sprechen Englisch. Zeichensprache halt also Hochkonjunktur, denn bei rasch aufzunehmenden Anweisungen auf dem Platz hilft eine Übersetzerin nur bedingt.

Trotz allem – die noch vorhandene Zeit wurde so optimal wie möglich genutzt. Immerhin 16 Länderspiele bestritten die Chinesinnen nach dem Algarve Cup, fast täglich war man zusammen. Positive Momente und Negativerlebnisse hielten sich dabei die Waage. Zwei Siegen gegen Kanada, zwei Erfolgen gegen Mexiko, einem 3:1 gegen Italien und einem 1:0 gegen Argentinien stehen bittere Niederlagen gegenüber. So verliefen die Partien gegen Australien Mitte August (1:3 und 2:3) und das zweite Spiel gegen Argentinien im Juni (0:1) alles andere als nach Maß.

Mitte August, nur wenige Wochen vor WM-Start also, präsentierte sich der Gastgeber nicht in WM-Form. So kam es, dass Domanski-Lyfors das darauf folgende 6:0 gegen Vietnam ungewöhnlich heftig bejubelte: „Es war sehr wichtig, dieses Spiel zu gewinnen. Und ich bin froh über die sechs Tore.“ Froh war sie sieben Tage später auch über eine gelungene Generalprobe: das 1:0 gegen Deutschlands Vorrundengegner England macht Hoffnung. „Das Ziel ist eine Medaille“, sagt Assistenztrainerin Sundhage. Ein hoch gegriffenes Ziel. Die Gruppenphase zu überstehen, wird schwer genug.

Brasilien strotzt vor Selbstbewusstsein

Denn mit Dänemark und Brasilien warten der Weltranglistensechste und -achte auf die Chinesinnen (11.). Vor allem Brasilien geht die Titelkämpfe fast schon überschwänglich an. Sicher, mangelndes Selbstvertrauen konnte man der Seleçao noch nie nachsagen, doch die Galavorstellungen bei den Panamerikanischen Spielen im Juli waren der Stoff, aus dem Träume entstehen. Mit 33:0 Toren demonstrierten sie der Konkurrenz eindrucksvoll ihre Überlegenheit, Weltfußballerin Marta erzielte davon 13 Treffer.

Doch Obacht, eine Weltmeisterschaft und Panamerikanische Spiele sind zwei gänzlich verschiedene Paar Schuhe. Das 7:0 gegen Kanada hat nachhaltig Eindruck hinterlassen. Schon die USA beispielsweise entsendeten aber nur ihre U20-Nationalmannschaft. Während Brasilien die Gelegenheit nutzte, zum ersten Mal seit den Olympischen Spielen in Athen 2004 in Bestbesetzung antreten zu können. Auch die Schweden-Legionärinnen Marta und Elaine sowie Rosana vom SV Neulengbach waren an Bord.

Es bleibt abzuwarten, ob sich mit der Euphorie aus dem Juli der Mangel an Testspielen kompensieren lässt. Nach den Olympischen Spielen 2004 dauerte es nämlich mehr als zwei Jahre, bis die Auriverdes wieder ein Länderspiel bestritten. Trotz des Trainingslager in Granja Comary, das der Verband der Mannschaft erstmals ermöglichte, kann von einer optimalen WM-Vorbereitung keine Rede sein. „Es ist reicht nicht, nur darauf zu vertrauen, dass es Marta richten wird“, hatte Brasiliens Frauenfußball-Legende „Sissi“ schon im vergangenen Jahr gewarnt. Doch genau dieses Denken steckt wohl hinter der immer noch dürftigen Unterstützung durch den CBF.

Dabei kann nicht nur Marta brillant mit dem Ball umgehen. Ob Daniela Alves, Formiga, Pretinha, Maicon oder die in der Bundesliga bestens bekannte Cristiane in der Offensive, die schussgewaltige Renata Costa, die zweikampfstarke Elaine oder die groß gewachsene Spielführerin Aline in der Defensive – sie haben enormes Potenzial, das optimal rauszukitzeln es sich lohnen würde. So bleibt Trainer Jorge Barcellos nur das Vertrauen in seine international erfahrenen Kräfte Elaine, Marta oder Cristiane, den Drang zum Zaubern zumindest etwas zu zügeln.

Ist die Konstanz trotz dem gravierenden Mangel an Testspielen vorhanden, können die brasilianischen Spiele ein echter Leckerbissen werden und die Seleçao vielleicht sogar ihren Erfolg von vor drei Jahren, als sie Olympiazweiter wurden, wiederholen. Es kann aber auch ein böses Erwachen geben. Wie gerade erst vor drei Tagen, als sich die Samba-Fußballerinnen dem deutschen Vorrundengegner Japan mit 1:2 geschlagen geben mussten.

Verunsicherung in Dänemark

Die WM-Generalprobe verpatzt hat auch Dänemark. Am Donnerstag unterlag die Mannschaft von Trainer Kenneth Heiner-Møller dem skandinavischen Nachbarn Schweden mit 1:2. Noch schlechter in Erinnerung ist die herbe 0:4-Pleite gegen Deutschland Ende Juli in Magdeburg. Da glaubte man sich schon weiter, musste aber erkennen, dass die altbekannte Schwäche, die vielen Ballverluste, noch immer nicht abgestellt ist.

Auch zeigte sich, dass Frauenfußball-Späteinsteigerin Maiken With Pape, die Dänemark mit ihrem entscheidenen Tor gegen Finnland erst nach China geschossen hatte, als einzige Spitze auf verlorenem Posten stand. Die Hoffnung ist daher groß, dass Merete Pedersen nach ihrer Verletzungspause schnell zurück zu alter Form findet und die ehemalige Tennisspielerin entlasten kann.

Pedersen ist wie etwa Mittelfeldstrategin Anne Dot Eggers Nielsen eine der Erfahrenen im Aufgebot von Heiner-Møller, der auf eine gesunde Mischung aus Jung und Alt und – wie so viele seiner KollegInnen – auf vielseitige Spielertypen setzt, um auf Verletzungen angemessen reagieren zu können. „Wir haben eine starke Mannschaft, in der niemand für seiner Verdienste in der Vergangenheit nominiert wurde.“ Was bedeutet, dass auch die Frankfurterin Louise Hansen, seit Jahren fester Bestandteil des Nationalteams, nach ihrer Bandscheibenverletzung hart um den Anschluss wird kämpfen müssen.

Anders Cathrine Paaske-Sørensen, der im Mittelfeld eine Schlüsselrolle zukommt. Seit Jahren immer für die FIFA-Wahl zur Weltfußballerin nominiert, soll sie das dänische Spiel antreiben und auch selber Torgefahr entwickeln. Am besten gleich im ersten Spiel gegen Gastgeber China, dem die 29-Jährige schon richtig entgegenfiebert. „Das wird der Wahnsinn!“, freut sie sich, wenn sie an die erwarteten 60.000 Zuschauer in Wuhan denkt.

Für Neuseeland gilt es, Erfahrung zu sammeln

Ein wahnsinniger Erfolg ist für den großen Underdog in Gruppe D, für Neuseeland, schon die Qualifikation für die WM. 1991 war man zum letzten Mal dabei, die 36-jährige Wendi Henderson ist die einzige „Überlebende“ von damals. Danach schnappte sich immer Australien den Startplatz Ozeaniens, sodass die „Kiwis“ sechzehn Jahre warten mussten, ehe der Wechsel Australiens in die asiatische Konföderation ihren zweiten WM-Auftritt ermöglichte.

In Ozeaniens Olympia-Qualifikation gegen Tonga, die Salomon-Inseln und Papua-Neuguinea, die sie mit einem Torverhältnis von 21:1 abschlossen, wurden sie nicht ernsthaft gefordert. Die darauf folgenden fünf Testspiele sollten daher Aufschluss darüber geben, wie weit man noch von der Weltspitze entfernt ist. Das Ergebnis war nicht gerade ermutigend. Gegen Kanada gab es mit 0:3 und 0:5 recht hohe Niederlagen, gegen Australien (0:1 und 0:3) lief es etwas besser. Doch das 1:6 gegen die USA zeigte den „Kiwis“ die Grenzen auf. Probleme in der Ballbehauptung, eine dauerbeschäftige Defensive auf Grund vieler Fehlpässe und körperliche Unterlegenheit führten zu der klaren Niederlage.

„Wir konnten gegen Kanada und Australien noch einigermaßen mithalten, aber die USA spielen in einer anderen Liga. Wir dürfen nicht vergessen, dass sie auch Kanada sechs Tore eingeschenkt haben“, weiß Trainer John Herdman das Ergebnis einzuordnen. Er strich ebenso wie Spielführerin Rebecca Smith, die auch schon in der Bundesliga beim FSV und beim FFC Frankfurt aktiv war und gegen die USA den Ehrentreffer erzielte, die positiven Aspekte heraus. Noch nie habe sie eine neuseeländische Mannschaft gesehen, die mit so viel Herz gespielt habe, meinte Smith. Und Herdman freute sich über die starken Leistungen von Torfrau Jenny Bindon und der erst 17-jährigen Abbey Erceg, der es immerhin gelang, Abby Wambach das Leben schwer zu machen. „Sie hat gezeigt, dass sie mit mehr und mehr Erfahrung eine erstklassige Spielerin werden kann“, so Coach Herdman.

Doch Erceg ist nicht das einzige blutjunge Gesicht im Team Neuseelands. Gleich sieben Spielerinnen sind noch unter 25, das Durchschnittsalter beträgt 23 Jahre. Die Jüngste, Annalie Longo, bringt es erst auf 16 Jahre und ist damit Neuseelands jüngste Teilnehmerin bei Weltmeisterschaften. Am anderen Ende der Altersskala steht eben jene Wendi Henderson, die bereits WM-Erfahrung besitzt und diese an ihre Kolleginnen weitergeben soll.

Doch Herdman ist trotz des jungen Kaders optimistisch, hat er doch einige Spielerinnen mit in China dabei, die im vergangenen Herbst auch die U20-WM in Russland spielten. „Sie mögen jung sein. Aber sie haben die Klasse und Erfahrung, um ihr Alter wettzumachen.“

Klasse hat auch eine, die dafür sorgen wird, dass bei Spielen Neuseelands die Einschaltquoten vor allem in Crailsheim und Umgebung in die Höhe schnellen werden. Torfrau Rachel Howard nämlich steht schon seit 2005 bei den Fränkinnen im Kasten. Doch für sie wird es schwer, an Jenny Bindon vorbei zu kommen.

Mindestens so schwer dürfte es für die „Kiwis“ werden, mehr als ein Farbtupfer bei dieser WM zu sein. Doch wer weiß, wenn diese junge Truppe Erfahrungen sammelt, ist in vier Jahren – vielleicht in Deutschland – vielleicht schon mehr zu erwarten.

Mein Tipp:

1. Brasilien
2. China
3. Dänemark
4. Neuseeland

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3 Kommentare »

  • Susanne sagt:

    Dänemark wird nicht ausscheiden, sie hatten bloß die schwereren Gegner in der Vorbereitung. China wird nur Dritter!

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  • Detlef sagt:

    @Susanne,
    es könnte gut sein, dass die Gastgeberinnen dem großen Druck der Öffentlichkeit nicht standhalten können, und schon in der Vorrunde die Segel streichen müssen!!!
    Ich aber glaube, dass dieser Druck Berge versetzen kann, und es die Chinesinnen weit bringen werden!!!
    Die Däninnen waren gegen Deutschland grottenschlecht, und hatten nicht mal ansatzweise eine Chance!!! Vor allem die Torwartposition ist sehr schlecht besetzt!!! Ich glaube nicht, dass sie sich noch groß verbessern können!!!
    Brasilien kommt sicher ins Viertelfinale, wird aber in der Vorrunde noch etwas Eingewöhnung brauchen!!! Danach können sie jede Mannschaft schlagen!!!
    Neuseeland hat sicher nichts zu bestellen, für sie ist die Teilnahme an dieser WM schon ein RIESENERFOLG!!! Sie können sich mit zwei sehr guten Teams messen, und haben sogar eine Chance auf Platz DREI!!!
    Mein Tip:
    1. CHINA
    2. BRASILIEN
    3. DÄNEMARK
    4. NEUSEELAND

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  • Rainer sagt:

    @Susanne: Ich hoffe auch auf ein Weiterkommen von Dänemark. Über das Spiel gegen Deutschland habe ich nur gelesen, gegen Schweden waren sie richtig gut am letzten Donnerstag und hätten ein Unentschieden verdient gehabt, aber das gelungene Comeback von Hanna Ljungberg bescherte den Blaugelben den Sieg. Das Eröffnungsspiel dieser Gruppe zwischen China und Dänemark ist aber schon fast vorentscheidend.
    Brasilien habe ich hier in Schweden gesehen und diese Truppe kann Weltmeister werden. Da sind serienweise Spielerinnen, die Weltklasse sind: begeistert war ich von Daniela, aber auch Formiga, Cristiane und Katia sind sehr stark. Und Marta ist Extraklasse nicht nur in diesem Team. Brasilien kann allerdings auch in der Vorrunde ausscheiden – beim 6:0 gegen Eskilstuna war bisweilen eine Lässigkeit im Umgang mit den Torchancen zu sehen, die man hoffentlich auf den eindeutigen Spielverlauf zurückführen kann. Aber Marta wirds schon richten.
    Dagegen werden es die Chinesinnen sehr schwer haben. Das Auf und Ab in den Testspielen unterstreicht, dass man höchstens aufgrund des Heimpublikums ein Favorit in dieser Gruppe ist.
    Ich hoffe, dass Brasilien und Dänemark weiterkommen.

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